Gestern hätte ich einen Umschlag erhalten sollen. Doch ich war nicht im Büro, sondern zu Hause. Am nächsten Tag bin ich im Büro und finde auf meinem Schreibtisch, den ich mir mit zwei Kolleginnen teile, den Umschlag. Da liegt er, weil der Teamleiter ihn dort abgelegt hat. Ein gewöhnlicher Umschlag auf der weißen Tischoberfläche. In diesem Umschlag befindet sich ein Gutschein für Rossmann sowie eine Karte: Meine Kollegen gratulieren mir zum Sohn. Sein Name steht nicht auf der Karte; vielleicht wissen sie ihn nicht. Ich stecke den Umschlag ein und arbeite.
Vor einem Monat bin ich aus der Elternzeit zurückgekehrt; der Sohn ist vor vier Monaten geboren. Andere kehren zu ihrer Arbeit zurück und werden mit Blumen begrüßt und ehrlicher Freude. Das stelle ich mir schön vor: dass man sich als Mitarbeiter wertgeschätzt fühlt. Ich kann nun immerhin bei Rossmann praktische Sachen kaufen. Windeln und Einmalwaschlappen und Klopapier. Ganz praktisch.
Unsere Fahrt mit der Westfalenbahn dauerte eine Stunde länger als geplant. Grund hierfür war eine Signalstörung. Stau auf der Schiene. Gestrandet in Stadthagen. Da standen wir auf dem Bahnsteig, glücklicherweise durften wir aussteigen und uns die Beine vertreten. Ein Kerl stellte sich direkt vor mich, um zu rauchen; ich hatte den lieben Sohn in der Trage vor meinem Bauch hängen und verließ rasch die Rauchwolke. Dem Raucher wünschte ich die Post an den Hals. Ein ICE überholte uns, fuhr auf dem anderen Gleis an uns vorbei, ballerte durch den Provinzbahnhof. Ich überlegte, welches Auto ich erwerben könnte, dann ging die Fahrt endlich weiter. Ein wenig zumindest: Dorf für Dorf ging es langsam voran in Richtung Bückeburg. Immerhin waren die Toiletten in Ordnung.
Auf der Rückfahrt war die Westfalenbahn wieder ziemlich voll. Ein Mann hatte es sich im 4er gemütlich gemacht, er saß am Fenster, sein Rucksack saß am Gang, seine Füße ruhten auf dem Polster, die Füße vom Mann, nicht vom Rucksack, der hatte keine Füße. Der Mann las, es war schön (für ihn). Wir – meine Frau und ich – zwängten uns mit unserem lieben Sohn in der Trage in einen engen 2er. «Geht schon, lesen Sie bitte in Ruhe weiter!» Der Mann schaute. Dann las er tatsächlich weiter – und stieg aus. Für zwei Stationen hatte er den 4er blockiert. Na und? Es setzte sich ein anderer Mann in den 4er. Er starrte uns an. Gaffte. Stierte. Warum sitzen stets Freaks in meiner Nähe, fragte ich mich innerlich. Immer nur Weirdos. Immer nur Spinner. Immer, immer. «Ich geh pinkeln!», rief ich und machte mich auf den Weg. Das erste WC war defekt und abgesperrt, das zweite WC ebenfalls und das dritte WC auch. Das vierte Klo war geöffnet – ich fühlte mich wie ein Glückspilz.
Als jemand, der keine Ahnung von Dachpfannen, Wärmedämmungen und anderen Dingen hat, die mit Häusern zu tun haben, war diese Hausbesichtigung abermaliger Beweis dieses Umstands. Da war Herr Hansen, der sich auskannte und detailliert zu berichten wusste, was sich in diesen Gemäuern alles verbarg, welche Rohre und Kabel, welche Luken und Höhlen. Er erzählte von diesem und jenem. Und als er so erzählt, wo man überall PV-Anlagen hinklatschen könnte, da merkte ich: Hab ich gar kein Bock drauf. Ist mir egal. Ich möchte das nicht.
Viel lieber möchte ich einfach im Garten herumliegen, auf dem Sofa sitzen, im Bett lümmeln und keine Sekunde darüber nachdenken, was ich mit diesem Haus alles anstellen könnte. Wie ich Strom in die Garage bekomme. Wo ich einen Wassertank verbuddeln könnte. Wie ich smarte Thermostate installiere – ach, ich muss mich setzen.
Ich muss ständig im Dachboden die Ratten jagen
Herr Hansen hingegen, der rennt stets mit einem Zollstock in der Gesäßtasche herum, immer bereit, Räume auszumessen. Zu testen, ob man da nicht doch eine neue Höllenmaschine einbauen könnte. In dieses Haus hier hat er viel Geld investiert, sagt er, und das möchte er mit dem Verkauf mindestens zurückhaben. Der Preis ist hoch: 440K für ein Reihenmittelhaus, Baujahr 1959, 120 Quadratmeter Wohnfläche. Mag sein, dass der Preis sogar angemessen ist, im Vergleich, in diesen Zeiten – aber wir müssen den Kredit abzahlen, Monat für Monat, über Jahrzehnte. Und dann muss ich ständig im Dachboden die Ratten jagen oder in Schächte kriechen, um neue Leitungen zu verlegen? Ich muss doch noch den Rasen vertikutieren, den Grünschnitt zur Müllkippe fahren, die Dachziegel lackieren und einen neuen Brunnen bohren. Und wann schaue ich Netflix?
Plötzlich habe ich Probleme wie ein 16-Jähriger: Meine Playstation 5 ist defekt. Die habe ich mir vergangenen Sommer gekauft, weil sich das zufällig ergeben hat – plötzlich lag sie in meinem Warenkorb und stand dann neben dem Fernseher. Jetzt ist sie schon kaputt und Sony möchte, dass ich 270 Euro für ein Ersatzgerät bezahle, denn die Garantie ist knapp abgelaufen. Offenbar ist die GPU defekt, denn in sämtlichen Spielen tauchten immer mehr Artefakte und Grafikblitzer auf.
Angefangen hat das seltsame Verhalten bereits vor ein paar Monaten – noch im Garantiezeitraum. Ich spiele allerdings nur selten und nie lange. Die anfänglichen Probleme habe ich zunächst nicht auf die Konsole geschoben, sondern auf GTA 5: Das Spiel schmierte nach einer halben Stunde regelmäßig ab, oder startete nicht auf Anhieb. Ich habe mir nichts dabei gedacht, und auf ein Update gewartet. Das eigentliche Problem habe ich unwissentlich ignoriert. Ein dummer Fehler.
WeiterlesenDear Diary: Nach drei Monaten endet meine Elternzeit, noch bleiben mir aber einige Tage, bis das Arbeitsleben wieder beginnt. Am Montag sind wir in der Stadt unterwegs, in der List, beziehungsweise in der Oststadt. Niemand weiß genau, wo welcher Stadtteil beginnt oder endet, nur unangenehme Streber wissen das. Der brandneue Sohn und wir stehen vor einem geschlossenen Geschäft, «Kind der Stadt» hat montags zu.
Statt Shopping also ein spätes Mittagessen im «Codo», zumindest wollen wir es noch einmal versuchen. Vorhin war kein einziger Tisch frei, dabei war es 14:30 Uhr. Doch offenbar muss niemand mehr arbeiten, alle sitzen entspannt herum, sie essen schmatzend und trinken durstig. Eine rauchende Frau ruft plötzlich: «Wie eine Puppe!» Sie meint unseren Sohn – schnell weiter, schnell weg hier. Inzwischen ist es 15 Uhr, endlich sind im «Codo» ein paar Tische frei; wir benötigen nur einen. Später gehen wir zu dm, denn dort steht ein Wickeltisch. In erstaunlich vielen Restaurants ist das Wickeln eine Herausforderung. Das sind so Dinge, die mir nun auffallen.
WeiterlesenDas seltsame Selbstverständnis von einigen Autofahrern wird an folgender Szene deutlich: Die Postbotin fährt mit dem Fahrrad die Straße entlang, hält an und stellt das Rad auf der Straße ab. Tempo 30, hier ist nicht viel los, altes Kopfsteinpflaster verlangsamt die Fahrt. Die Postbotin nimmt jetzt quasi Rache für jeden Pkw, der auf dem Radweg steht, um «nur mal schnell» Brötchen zu holen. Jedenfalls kommt prompt ein Golffahrer angefahren, bleibt stehen, das Fahrrad ist ein ärgerliches Hindernis. Er wartet nicht, er hupt sofort. Und hupt. Und hupt. Regt sich auf. So eine bodenlose Frechheit.
Die Postbotin kommt angelaufen, schüttelt den Kopf, fährt das Rad weiter und dann zur Seite, denn da ist etwas Platz. Der Golffahrer gibt Gas, fährt vorbei, muss dann aber scharf abbremsen – rechts vor links. Schnell kommt er nicht voran in dieser Straße, in diesem Stadtteil.
Das postgelbe Fahrrad hätte dem Fahrer signalisieren können: Dauert nicht lange, die Postbotin wird wahrscheinlich nur ein paar Briefe einwerfen, was keine Minute dauert. Dass der Fahrer aber prompt hupte, und noch mal und noch mal – das zeigt, wie der Kerl drauf ist. Das ist einer, der Zebrastreifen als nette Verzierung des Verkehrsraums wahrnimmt. Zumal auf der Straße eigentlich genug Platz war, um am Postfahrrad einfach vorbeizufahren. Aber das kann man natürlich nicht verlangen.
An diesem Markttag haben wir Glück: Die Holzbank ist frei, die Bank mit dem Holztisch – ein praktisches Ensemble, um den soeben erworbenen Falafel-Wrap zu verspeisen. Da sitzen wir also auf der Bank und der Sohn liegt im Kinderwagen und denkt nach. Über sich und das Leben. Ich habe den Mund voller Wrap, als eine Frau auftaucht und ohne Umschweife fragt: «Wie alt?» Ohne Einstieg, ohne Begrüßung, ohne Vorstellung. Dass sie den Sohn meint, ist klar. Alle paar Minuten fragt jemand diese Frage. Eine rasche Antwort können wir der Frau aber nicht geben – wie gesagt, wir zerkauen Wraps. Mampfen. Schmatzen. Vertilgen. Das sieht die Frau eigentlich auch und dennoch schaut sie ungeduldig aus der gestreiften Wäsche. Sie ist etwa 60 Jahre alt. Sie trägt eine sportliche Sonnenbrille. Ich mag sie nicht. Sie möge verschwinden, denke ich heimlich. In der Hand hält sie einen Pappteller voller Gulasch. Endlich erhält sie die erwünschte Auskunft: «Drei Monate.» Aha. TSCHÜSS!
Sitzen Sie da noch ganz lange?
Die Frau geht endlich weiter, kehrt dann aber zurück. Sie wirkt unschlüssig, fragt dann: «Sitzen Sie da noch ganz lange?» Sie möchte unseren Platz haben, will den Platz besetzen, die Bank und den Tisch. Damit sie ihr Gulasch essen kann.
Wir sitzen noch keine drei Minuten hier, haben also ein gewisses Anrecht, hier zu verweilen, zumal wir bei keinem Marktbesuch bisher das Glück hatten, diesen Tisch besetzen zu können – es ist ein wunderschöner Tisch, hinter uns befinden sich die Fischstände, es riecht wie an der Küste. Das Meer, die Brandung. Möwen keifen: Moin!
Ob Sie da noch lange sitzen?!
«Hallo? Ob Sie da noch lange sitzen?!», keift die Frau ungeduldig. «Ja, weil meine Frau noch stillen wird», behaupte ich. Die Frau wirkt enttäuscht, wütend, genervt. Sie treibt sich herum, schleicht von einem Tisch zum anderen, doch die sind alle besetzt – überall lungern Eltern mit ihren Babys herum.
Schließlich hat sie doch noch Glück, sie kann sich auf einer Bank zwischen zwei Leute quetschen. Da hockt sie und frisst ihr Gulasch Schiebt es sich in die Gusche. Sie schaut zu uns rüber. Beobachtet uns. Stechender Blick. Die ganze Zeit. Sie ist besessen.
Der Sohn betrachtet derweil interessiert den Markt. Findet er toll, vor allem die Blätter der Bäume, die über unseren Köpfen im Wind rascheln.
Eine Beerdigung führt uns gen Osten, wir reisen mit dem IC an. Diese Zugfahrt ist aufregender als unsere bisherigen: Das erste Mal reisen wir mit Kleinkind. Wie wird der brandneue Sohn seine erste Zugfahrt finden? Wird er die Bahn hassen oder lieben lernen? Pünktlich ist der Zug jedenfalls: Er steht schon da, als wir eintreffen. Die Fahrt beginnt in Hannover und endet in Leipzig.
Rasch noch einen Kaffee kaufen, dann einsteigen, unsere Plätze suchen, der Zug ist angenehm leer. Wir haben den 4er mit Tisch gebucht. Drei Sitze sind unsere, denn der Sohn bekommt einen eigenen Sitz, obwohl er noch gar nicht sitzen kann. (Sein Ticket und die Reservierung sind kostenlos.) Ein mittelalter Mann fragt, ob er sich zu uns setzen kann, in den 4er. «Nein», sagt meine Frau entschieden. Dieser Tisch gehört uns. Noch schläft der Sohn in seiner Trage, schlummert ganz friedlich. Er ist aber eine tickende Zeitbombe, denn jederzeit könnte er aufwachen und losweinen, losheulen, losjaulen.
WeiterlesenUm 19 Uhr einzukaufen: Das ist doch eine geniale Idee – es wird leer sein, der ganze Supermarkt wird nur mir gehören. Dachte ich. Aber das ist leider Quatsch, der Edeka ist voll. Als ich den Laden betrete, ermahnt die Verkäuferin gerade einen Mann, doch bitte die Zange zu benutzen. Zuvor hat er mit bloßen Händen die Brötchen aus der Vorrichtung gegrapscht. «Die Zange hab ich nicht gesehen», behauptet er. Der Mann trägt einen gezwirbelten Bart, zudem hat er sein langes Haupthaar quer über seine glänzende Glatze gekämmt. Er könnte Pornoproduzent sein, der mit einer Zeitmaschine aus den 80ern angereist ist. Klar, dann kennt er das Konzept mit der Brötchenzange natürlich nicht. Und über die hohen Preise wird er sich auch noch wundern!
Aber weiter, ich möchte Produkte kaufen, die Wirtschaft ankurbeln. Das BSP steigern. Dies und das landet in meinem Einkaufswagen. Ich muss scharf bremsen, der Pornoproduzent hat seinen Warenkorb mitten in den Gang gestellt. Wohl als Blockade. Ich grummle in mich hinein, ich hasse alle Menschen in diesem Supermarkt. Eine Frau telefoniert laut: «Ich habe dich nicht gesehen, also bin ich schon mal in den Edeka rein!» Sie steht nun an der Frischetheke an, um Mett zu kaufen. Das braucht sie für den Sex später.
WeiterlesenAm Nebentisch sitzen meine Frau und ich – in elf Jahren. Da sitzen Eltern mit ihrer Tochter, die Tochter ist also elf Jahre alt. Allesamt sitzen wir beim Vietnamesen in der Fußgängerzone. Das Mädchen ruft: «Leute, Umfrage! Was soll ich nehmen?» Sie zählt die Gerichte auf, die infrage kommen; Mutter und Vater stimmen ab, sie nimmt schließlich die «E3», Erdnusscurry mit knusprigem Hühnchen.
Leicht übergriffig, aber egal
Unser Sohn isst nichts, er schläft tief und fest in seiner Trage. Die Mutter am Nebentisch starrt, gafft, guckt. Endlich fragt sie: «Wie alt?» – «Zehn Wochen», erwidern wir. Die Mutter meint, unser Sohn sei zu klein. Aha, denke ich. «In der Trage sieht er kleiner aus», erklärt meine Frau. Die Mutter schaut skeptisch, ihr Blick sagt: Glaube ich nicht, der Junge ist zu schmal, zu klein – eindeutige Sache! Leicht übergriffig, aber egal.
Die Mutter am Nebentisch starrt noch ein bisschen, dann will ihre Tochter die Aufmerksamkeit zurück, außerdem erzählt der Vater jetzt einen Witz: «Deutsche mögen ja keine Holländer», beginnt er. Nach der Pointe lacht niemand und die Tochter ruft: «Schrottwitz!» Dann sagt sie: «Darf ich mir heute etwas gönnen?» Die Mutter sagt: «Du musst aber aufessen.» Die Tochter verspricht, die ganze Portion zu schaffen. Ob sie ihr Versprechen hält, wissen wir nicht – wir bezahlen und gehen.