Mit Kind übers Wochenende nach Goslar: Spät frühstücken, durch den Sprühregen stapfen und abends fernsehen.
Am Freitag fahren wir mit dem Regional-Express nach Goslar. Wir sind spät dran, der Zug steht schon im Gleis und der ganze Zug ist praktisch voll. Auf den Zweier-Sitzen sitzen einzelne Personen, neben denen Rucksäcke und Taschen auf den Sitzen ruhen. So ist der Zug quasi voll, obwohl er in Wahrheit nur halb voll ist – oder halb leer, je nachdem. Das ist wie bei einer Rolltreppe, auf der alle Leute auf der rechten Seite stehen, damit links Leute vorbeilaufen können. Aber niemand kommt angelaufen.
Wir stiefeln durch den ganzen verfickten Zug und sitzen dann weit vorn auf Klappsitzen, wo auch die Fahrräder stehen. Unserem Sohn gefällt das, er mustert interessiert die Passagiere. Abfahrt, die Fahrt dauert eigentlich nur eine Stunde und fünf Minuten, aber sie dauert natürlich länger. Es ist 16:04 Uhr, als wir schließlich den Bahnhof in Goslar hinter uns lassen. Dann weiter zu Fuß, die schmalen Fußwege entlang. Wir nächtigen im Hotel «Zur Börse», unser Zimmer #4 liegt im Erdgeschoss und geht nach hinten raus. Ausblick auf den Parkplatz. Der Rezeptionist zeigt uns alles und deutet zwischendurch aus dem Fenster: Da sei die Kaiserpfalz! Aha, denke ich, keine Ahnung, was die Kaiserpfalz ist – ich bin erstaunlich schlecht informiert. Goslar ist für mich einfach eine Stadt am Harz. (Am späten Abend lese ich Wikipedia-Einträge durch: Goslar; Kaiserpfalz; Profanbau.)
WeiterlesenReise an die Ostsee, nach Timmendorfer Strand. Hätten wir doch lieber ein anderes Urlaubsziel gewählt.
Der Kurpark im Regen. Ein Plakat mahnt zur Rücksichtnahme: Hunde müssen bitte an die Leine. Die mittelalte Frau, die uns entgegenkommt, führt einen dunklen Hund aus. Ein Biest, ein Tier, ein Monster. Schwarz und bullig, mit kräftigem Gebiss. Dieser Höllenhund ist natürlich nicht angeleint. Mir wäre das sogar egal – allerdings springt mich das Vieh an, ich habe unseren Sohn vor der Brust, seine Beinchen baumeln links und rechts aus der Babytrage. Möglicherweise hat der Hund sie gesehen und wollte ein köstliches Füßchen abbeißen. Als Snack. Als Wegzehrung.
Was ist denn hier los?
Ich spüre, wie der Hund mit seinen Pfoten gegen meine Hüfte drückt, drehe mich geschwind zur Seite, etwas perplex, ob des plötzlichen Angriffs. Kann mich aber auf den Beinen halten. Die mittelalte Frau packt derweil den Hund am Halsband, reißt ihn zur Seite, weg von den baumelnden Beinchen. «Ich habe hier ein Baby!», rufe ich noch. – Die Frau murmelt etwas wie: «Ja, ja.» Sie zuckt die Schultern, geht weiter. Ich bleibe stehen, ich habe große Lust, dieser Frau meine Meinung zu geigen. «Nimm jetzt deinen Scheißhund an die Leine!», rufe ich. Das tut erstaunlich gut, aber nur kurz, denn es bringt gar nichts, weil die Frau meinen Meltdown einfach ignoriert. Wie genial! Wir gehen rasch weiter, kommen wieder an einem Plakat vorbei: Bitte die Hunde an die Leine nehmen; Rücksicht nehmen. Dass ich die Contenance verloren habe, ist mir noch einige Stunden später peinlich.
WeiterlesenVietnamesische Imbisse sind normalerweise rasant: Kaum hingesetzt, schon steht das Essen dampfend auf dem Tisch. Nicht aber bei [unleserlich], der als verlockenden Zusatz «Express» auf dem Schild stehen hat. Hier saßen wir 40 Minuten dumm herum, weil der Koch nur langsam kochte. Unser brandneuer Sohn langweilte sich schnell, zappelte herum, quengelte und weinte. Innerlich formulierte er eine Zwei-Sterne-Rezension. Als das Essen dann endlich vor uns stand, war ich schnell enttäuscht: Die Erdnusssoße war wässrig und nicht cremig, sie war lasch im Geschmack und schmeckte fad. Sowieso fehlten die Gewürze, fehlte die Raffinesse. Erdnussstücke wären toll gewesen. Und Koriander.
Der Sohn kotzt zwischendurch auf den Boden
Der Mann am Nebentisch hingegen hasste Koriander, aufgeregt rief er: «Sie da? Können Sie die Suppe bitte, bitte ohne Koriander machen?» Die Bedienung – eine mittelalte, kleine Frau – sagte: «Ja, jaa.» Diese Frau flitzte durch den Gastraum, wirbelte herum, verstellte Tische und trug Gläser mit Getränken zu den Gästen. Unser Sohn kotzte zwischendurch auf den Boden, auf die Fliesen. (Ein Mann kam an unseren Tisch und sagte, das Kind habe sich übergeben. Oh, erwiderten wir und wischten den weißen Fleck weg.)
Irgendeine Frau betrat das Lokal, den Imbiss, sie fragte, ob sie sich «an diesen Tisch da» setzen könnte. Die Bedienung verneinte energisch, sie können sich doch in die Pflanzen hocken. Der Tisch sei nämlich reserviert, in 20 Minuten würden Gäste eintreffen. Die Frau sagte: «Zwanzig Minuten – das schaffe ich doch problemlos, schließlich steht draußen Express auf Ihrem Schild und beim Vietnamesen geht’s stets schnell.» Na gut, die Frau durfte sich setzen – und sie bekam ihr Essen tatsächlich zügig serviert. Ein genialer Trick, alle anderen – auch wir – mussten weiter warten. Die Frau schlang die Nudeln herunter und goss sich die Cola Light in den Schlund. Nach wenigen Minuten war sie fertig. Sie zahlte und ging. Im Lokal herrschte Stille.
Regen fällt auf die Stadt. Heute ist Freitag und eigentlich fährt niemand ins Büro. Ich hingegen muss hinfahren, um meine dieswöchige Quote zu erfüllen – so wollen es die Regeln: drei Tage Anwesenheitspflicht, zwei Tage Heimarbeit. Doch meine Anwesenheit an diesem Freitag ist sinnlos: Mein Büro ist leer, da bin nur ich, ganz allein. Also führe ich Selbstgespräche: «Und, was machst du am Wochenende?» – «Ach, vielleicht ein wenig schlafen.» – «Ist doch schön.» Meine Kollegen dürfen zu Hause bleiben, sie haben ihre Pflicht erfüllt. Und darum geht es.
Ich konnte die Quote nicht erfüllen, denn ich war zwei Tage krank, musste also die verbleibenden drei Arbeitstage ins Büro fahren. Da sitze ich also mit feuchter Hose, eingeweicht vom Sprühregen. Hinter mir die weiße Wand, unter mir der dunkelgraue Teppich. Vor mir eine Wand aus Bildschirmen, die ebenfalls schwarz sind, denn es sind nicht meine Bildschirme – es ist nicht einmal mein eigener Arbeitsplatz, ich muss ihn mir teilen. Früher waren wir sogar zu dritt auf diesem Platz, wie in einem U-Boot, in dem sich mehrere Kerle eine Koje teilen. Es schläft immer jemand, die Matratze ist immer warm, die anderen machen U-Boot-Sachen.
Es schläft immer jemand; die anderen machen U-Boot-Sachen
Auf diesem geteilten Arbeitsplatz, diesem Shared Desk steht und liegt nichts von mir. Kein angeknabberter Stift, keine braune Pflanze, kein Familienfoto. Wenn man mich spontan entlässt, kann ich einfach aufstehen und gehen. Ich wäre einfach weg. Meine Arbeit kann ich problemlos im Homeoffice erledigen, ich arbeite nämlich nicht in einem U-Boot. Doch selbst das könnte man bestimmt vom Sofa aus steuern. Aber ich weiß nichts von U-Booten.
Im Office zu erscheinen, in die Firma zu kommen, das soll den Teamgeist stärken. Ist ja auch nett: Ein wenig zu quatschen und zusammen zu essen, zu trinken, zu lästern. Abzusprechen, was man am Wochenende machen möchte. Doch wenn der Geist nicht im Gebäude weilt, klappt das natürlich nicht. Dann ist die Fahrt durch den Regen großer Quatsch, dann ist meine Präsenz absurd. Und trotzdem sitze ich an diesem Freitag im Büro. Hinter mir die weiße Wand, unter mir der graue Teppich. Am Ende geht es nur um die Erfüllung starrer Regeln. Ist das wohl dieses New Work?
Gestern hätte ich einen Umschlag erhalten sollen. Doch ich war nicht im Büro, sondern zu Hause. Am nächsten Tag bin ich im Büro und finde auf meinem Schreibtisch, den ich mir mit zwei Kolleginnen teile, den Umschlag. Da liegt er, weil der Teamleiter ihn dort abgelegt hat. Ein gewöhnlicher Umschlag auf der weißen Tischoberfläche. In diesem Umschlag befindet sich ein Gutschein für Rossmann sowie eine Karte: Meine Kollegen gratulieren mir zum Sohn. Sein Name steht nicht auf der Karte; vielleicht wissen sie ihn nicht. Ich stecke den Umschlag ein und arbeite.
Vor einem Monat bin ich aus der Elternzeit zurückgekehrt; der Sohn ist vor vier Monaten geboren. Andere kehren zu ihrer Arbeit zurück und werden mit Blumen begrüßt und ehrlicher Freude. Das stelle ich mir schön vor: dass man sich als Mitarbeiter wertgeschätzt fühlt. Ich kann nun immerhin bei Rossmann praktische Sachen kaufen. Windeln und Einmalwaschlappen und Klopapier. Ganz praktisch.
Unsere Fahrt mit der Westfalenbahn dauerte eine Stunde länger als geplant. Grund hierfür war eine Signalstörung. Stau auf der Schiene. Gestrandet in Stadthagen. Da standen wir auf dem Bahnsteig, glücklicherweise durften wir aussteigen und uns die Beine vertreten. Ein Kerl stellte sich direkt vor mich, um zu rauchen; ich hatte den lieben Sohn in der Trage vor meinem Bauch hängen und verließ rasch die Rauchwolke. Dem Raucher wünschte ich die Post an den Hals. Ein ICE überholte uns, fuhr auf dem anderen Gleis an uns vorbei, ballerte durch den Provinzbahnhof. Ich überlegte, welches Auto ich erwerben könnte, dann ging die Fahrt endlich weiter. Ein wenig zumindest: Dorf für Dorf ging es langsam voran in Richtung Bückeburg. Immerhin waren die Toiletten in Ordnung.
Auf der Rückfahrt war die Westfalenbahn wieder ziemlich voll. Ein Mann hatte es sich im 4er gemütlich gemacht, er saß am Fenster, sein Rucksack saß am Gang, seine Füße ruhten auf dem Polster, die Füße vom Mann, nicht vom Rucksack, der hatte keine Füße. Der Mann las, es war schön (für ihn). Wir – meine Frau und ich – zwängten uns mit unserem lieben Sohn in der Trage in einen engen 2er. «Geht schon, lesen Sie bitte in Ruhe weiter!» Der Mann schaute. Dann las er tatsächlich weiter – und stieg aus. Für zwei Stationen hatte er den 4er blockiert. Na und? Es setzte sich ein anderer Mann in den 4er. Er starrte uns an. Gaffte. Stierte. Warum sitzen stets Freaks in meiner Nähe, fragte ich mich innerlich. Immer nur Weirdos. Immer nur Spinner. Immer, immer. «Ich geh pinkeln!», rief ich und machte mich auf den Weg. Das erste WC war defekt und abgesperrt, das zweite WC ebenfalls und das dritte WC auch. Das vierte Klo war geöffnet – ich fühlte mich wie ein Glückspilz.
Als jemand, der keine Ahnung von Dachpfannen, Wärmedämmungen und anderen Dingen hat, die mit Häusern zu tun haben, war diese Hausbesichtigung abermaliger Beweis dieses Umstands. Da war Herr Hansen, der sich auskannte und detailliert zu berichten wusste, was sich in diesen Gemäuern alles verbarg, welche Rohre und Kabel, welche Luken und Höhlen. Er erzählte von diesem und jenem. Und als er so erzählt, wo man überall PV-Anlagen hinklatschen könnte, da merkte ich: Hab ich gar kein Bock drauf. Ist mir egal. Ich möchte das nicht.
Viel lieber möchte ich einfach im Garten herumliegen, auf dem Sofa sitzen, im Bett lümmeln und keine Sekunde darüber nachdenken, was ich mit diesem Haus alles anstellen könnte. Wie ich Strom in die Garage bekomme. Wo ich einen Wassertank verbuddeln könnte. Wie ich smarte Thermostate installiere – ach, ich muss mich setzen.
Ich muss ständig im Dachboden die Ratten jagen
Herr Hansen hingegen, der rennt stets mit einem Zollstock in der Gesäßtasche herum, immer bereit, Räume auszumessen. Zu testen, ob man da nicht doch eine neue Höllenmaschine einbauen könnte. In dieses Haus hier hat er viel Geld investiert, sagt er, und das möchte er mit dem Verkauf mindestens zurückhaben. Der Preis ist hoch: 440K für ein Reihenmittelhaus, Baujahr 1959, 120 Quadratmeter Wohnfläche. Mag sein, dass der Preis sogar angemessen ist, im Vergleich, in diesen Zeiten – aber wir müssen den Kredit abzahlen, Monat für Monat, über Jahrzehnte. Und dann muss ich ständig im Dachboden die Ratten jagen oder in Schächte kriechen, um neue Leitungen zu verlegen? Ich muss doch noch den Rasen vertikutieren, den Grünschnitt zur Müllkippe fahren, die Dachziegel lackieren und einen neuen Brunnen bohren. Und wann schaue ich Netflix?
Plötzlich habe ich Probleme wie ein 16-Jähriger: Meine Playstation 5 ist defekt. Die habe ich mir vergangenen Sommer gekauft, weil sich das zufällig ergeben hat – plötzlich lag sie in meinem Warenkorb und stand dann neben dem Fernseher. Jetzt ist sie schon kaputt und Sony möchte, dass ich 270 Euro für ein Ersatzgerät bezahle, denn die Garantie ist knapp abgelaufen. Offenbar ist die GPU defekt, denn in sämtlichen Spielen tauchten immer mehr Artefakte und Grafikblitzer auf.
Angefangen hat das seltsame Verhalten bereits vor ein paar Monaten – noch im Garantiezeitraum. Ich spiele allerdings nur selten und nie lange. Die anfänglichen Probleme habe ich zunächst nicht auf die Konsole geschoben, sondern auf GTA 5: Das Spiel schmierte nach einer halben Stunde regelmäßig ab, oder startete nicht auf Anhieb. Ich habe mir nichts dabei gedacht, und auf ein Update gewartet. Das eigentliche Problem habe ich unwissentlich ignoriert. Ein dummer Fehler.
WeiterlesenDear Diary: Nach drei Monaten endet meine Elternzeit, noch bleiben mir aber einige Tage, bis das Arbeitsleben wieder beginnt. Am Montag sind wir in der Stadt unterwegs, in der List, beziehungsweise in der Oststadt. Niemand weiß genau, wo welcher Stadtteil beginnt oder endet, nur unangenehme Streber wissen das. Der brandneue Sohn und wir stehen vor einem geschlossenen Geschäft, «Kind der Stadt» hat montags zu.
Statt Shopping also ein spätes Mittagessen im «Codo», zumindest wollen wir es noch einmal versuchen. Vorhin war kein einziger Tisch frei, dabei war es 14:30 Uhr. Doch offenbar muss niemand mehr arbeiten, alle sitzen entspannt herum, sie essen schmatzend und trinken durstig. Eine rauchende Frau ruft plötzlich: «Wie eine Puppe!» Sie meint unseren Sohn – schnell weiter, schnell weg hier. Inzwischen ist es 15 Uhr, endlich sind im «Codo» ein paar Tische frei; wir benötigen nur einen. Später gehen wir zu dm, denn dort steht ein Wickeltisch. In erstaunlich vielen Restaurants ist das Wickeln eine Herausforderung. Das sind so Dinge, die mir nun auffallen.
WeiterlesenDas seltsame Selbstverständnis von einigen Autofahrern wird an folgender Szene deutlich: Die Postbotin fährt mit dem Fahrrad die Straße entlang, hält an und stellt das Rad auf der Straße ab. Tempo 30, hier ist nicht viel los, altes Kopfsteinpflaster verlangsamt die Fahrt. Die Postbotin nimmt jetzt quasi Rache für jeden Pkw, der auf dem Radweg steht, um «nur mal schnell» Brötchen zu holen. Jedenfalls kommt prompt ein Golffahrer angefahren, bleibt stehen, das Fahrrad ist ein ärgerliches Hindernis. Er wartet nicht, er hupt sofort. Und hupt. Und hupt. Regt sich auf. So eine bodenlose Frechheit.
Die Postbotin kommt angelaufen, schüttelt den Kopf, fährt das Rad weiter und dann zur Seite, denn da ist etwas Platz. Der Golffahrer gibt Gas, fährt vorbei, muss dann aber scharf abbremsen – rechts vor links. Schnell kommt er nicht voran in dieser Straße, in diesem Stadtteil.
Das postgelbe Fahrrad hätte dem Fahrer signalisieren können: Dauert nicht lange, die Postbotin wird wahrscheinlich nur ein paar Briefe einwerfen, was keine Minute dauert. Dass der Fahrer aber prompt hupte, und noch mal und noch mal – das zeigt, wie der Kerl drauf ist. Das ist einer, der Zebrastreifen als nette Verzierung des Verkehrsraums wahrnimmt. Zumal auf der Straße eigentlich genug Platz war, um am Postfahrrad einfach vorbeizufahren. Aber das kann man natürlich nicht verlangen.