Im Hintergrund brummt und klappert das Müllauto. Ein Autoalarm alarmiert die Gegend und ein paar Vögel zwitschern aufgeregt. Dienstag, weiß-grauer Himmel; später soll es regnen. Auf dem Gehweg lungern Leute und starren wie Zombies in ihre Handys. Speichel läuft aus ihren Mündern. Sie fühlen nichts mehr. Vorbei am Café an der Ecke, das von Straßen umzingelt ist. Überall Autos, die hupen. Hier sitzen und die Kakofonie der Stadt genießen. Es gibt hier auch eine Eisdiele, einen Rewe, einen Bäcker. Die Ecke ist trotzdem nicht schön. Kein Klein-Paris. Woanders gibt es einen Platz, auf dem es sich aushalten lässt: Seltsame Leute spielen hier Boule; aber schweigend. Die großen Bäume rascheln im Wind. Da ist auch eine spanische Bar, die tagsüber geschlossen ist. Abends öffnet sie, und der Platz wirkt etwas lebendiger, aber nie so richtig. Nicht so wie in Spanien, wo sie nach Feierabend die Plätze bevölkern, laut quatschen und sich noch einen Espresso reinkippen. Ich überlege, dass das Café, die Eisdiele und der Bäcker diesen Platz bevölkern müssten. Das würde viel besser passen. ¶ Und auch: Arbeit. Schreiben. Recherchieren, lesen und verstehen. Zwischendurch fragt der Leader: «Wieso, wieso, wieso?» Ich formuliere tausend Antworten, lösche aber alles und denke mir den Rest. Es ist besser so, es ist sinnlos wie so vieles. Kommunikation ist so eine Sache, ich denke an die vier Ohren, an: Man kann ja nicht nicht kommunizieren. Ich habe aber keine Lust, zu kommunizieren. ¶ Nachdem Regen übernimmt die Sonne wieder die Herrschaft über den nun blauen Himmel. Die Kirche bimmelt, ding, dong. Der Abend bricht an, der Dienstag neigt sich ganz allmählich seinem Ende entgegen.
Die Woche begann schon völlig falsch. Der liebe Sohn blieb daheim, weil eine Erzieherin in der Kita erkrankt war. Normalerweise fahre ich montags ins Büro, aber dieses Mal blieb ich im Homeoffice. Der Sohn spielte mit Oma, es war ein sonniger Tag. Zwischendurch ein … herausfordernder Anruf, eine Eskalation in einer anderen Welt. Durchatmen. ¶ Mittagessen bei Edeka kaufen und dann in der Küche kochen. Essen. Weiterarbeiten. Den Arbeitstag schaffen. Irgendwie gelingt das. Durchatmen. ¶ Wir fahren rüber zur Bibliothek und geben Bücher ab. Ich muss außerdem noch eine Strafgebühr bezahlen, weil wir überzogen haben: 30 Cent. Doch das vergesse ich und wir dängeln weiter; der liebe Sohn fährt, ich jogge ihm hinterher. Sein Laufrad ist erstaunlich schnell. Kurzer Halt am Hubschrauber vor dem Edeka. Dann wieder nach Hause, ganz viel Autos spielen. Der Tag war komisch. ¶ Am Dienstag fiel meine Sonnenbrille auf den Boden, fetter Kratzer im Glas. Steinschlag! Die Brille ist keinen Monat alt, schade. Saß später in der prallen Sonne, es herrschte aber ein Wendehalswetter, weil es dann plötzlich regnete. Es drohte zudem ein Gewitter, aber es passierte nichts. Später regnete es doch noch und Iron Maiden spielte im Stadion. Run to the Hills. Auch Mustaine war da. ¶ Mittwoch. Es sind … seltsame Tage in der Kita. Als ich den lieben Sohn morgens abgebe und im Hinterhof den Kinderwagen verstaue, höre ich ihn weinen. Oje. Ich stehe draußen und warte noch kurz ab. Er beruhigt sich rasch. In wenigen Wochen ist auch das zweite Kita-Jahr geschafft. Und dann geht’s weiter. Eben war noch Eingewöhnung!
Mein erstes richtiges Blog ging im Spätsommer 2004 online, zuerst bei Blogger.com, ehe ich wenige Wochen später WordPress auf meinem Webspace installierte. Ich bloggte auch über einen Besuch in der Stadtbibliothek, den ich mit dem Englisch-LK unternahm. Wir sollten lernen, für unsere anstehende Facharbeit zu recherchieren – meine Arbeit sollte Clockwork Orange behandeln. Ich fuhr also mit dem Auto dorthin, parkte am Landesmuseum und lief im Regen rüber zur Bibliothek.
Zu Hause schrieb ich dann in mein Blog, was ich erlebt hatte; das war nicht sonderlich spektakulär, zugegeben. Aber ich hatte das erste Mal WordPress installiert und es lief einfach. Seitdem habe ich Blogs gestartet und wieder gestoppt. Da war nie eine Konsistenz, weil mir nach einer Weile die Namen meiner Blogs nicht mehr gefielen. Schade eigentlich, dass es nicht das eine Blog von mir gibt, das bis ins Jahr 2004 zurückreicht. Aber so ist es nun mal. Es folgt der leicht korrigierte Originalbeitrag von damals. Ich habe Sie gewarnt: Der Besuch war nicht sonderlich spektakulär!
31. August 2004: Heute hatte ich das Vergnügen, die hannoversche Stadtbibliothek besuchen zu dürfen. Von innen ganz schön und modern, außen muss man wohl noch etwas nachbessern, was die Baugerüste erklärt. Auf circa fünf (+/- eine) Etagen gibt es tausende Bücher und auch ältere Herren, die sich erst mal die Schuhe ausziehen und in Socken durch die Regale streifen. Eine Frau, die eine Brille und Schuhe trug, hat sich einen erotischen Bildband angeschaut, der unter anderem eine Tequila-Flasche im String-Tanga zeigte. Sicherlich hohe Kunst, wenn man sich erst einmal auf sie einlässt. Ich habe mir dann mit einigen Mitschülern einen unspannenden Vortrag zum Thema Wie recherchiere ich für Facharbeiten? angehört. Wie gesagt, war das eher langweilig und eigentlich wenig hilfreich. Dazu kam, dass der Geruch von nassen Personen in der Luft lag, da es den ganzen Tag zu überraschenden Regengüssen gekommen war.
Ein Wochenende wie ein kleiner Urlaub, eine Auszeit, ein wenig mehr Leben. Samstag erwache ich jedoch mit Kopfschmerzen; ungünstig gelegen, verspannter Körper. Halbe Ibu rein, dann geht es weiter. Ich recherchierte zuvor: «Aspirin oder Ibu bei Hitze?» Herz- oder Nierenprobleme riskieren? ¶ Bestes Wetter: Hitze, Sonne, flirrende Luft. Wir essen Eis, wir essen draußen im Restaurant; die Busse zischen und die Lüfter brummen und geben alles. Menschen stehen in Flammen. Spaghetti-Eis gegen die Hitze! ¶ Radfahren, den kühlenden Fahrtwind spüren. Fehlt nur das Meer, das funkelnde Wasser, der Salzgeruch, den es womöglich gar nicht gibt. Immerhin duftet es nach Sonnencreme. ¶ Bisschen lesen, eine Nosferatu-Spinne klebt an der Fassade; zum Glück nur ein Jungtier. Manchmal weht der Wind und die Sonnenschirme wackeln und klackern. Im Garten sein, auf dem Balkon liegen. Sitzen. Trinken, viel trinken. ¶ Montag frei: so wunderbar fühlt sich also ein Drei-Tage-Wochenende an! Es wäre so schön, das jede Woche zu haben. Was machen wir nur, dass wir so viel arbeiten und diese Arbeit auch noch sinnlos ist? Das Leben wäre entspannter. ¶ Dienstag: Fahrt zur Arbeit, Präsenztag bei 30 Grad C. Ich fahre durch den Stadtwald, dort ist es wunderbar kühl. Bin neidisch auf die Frau, die alles dabeihat: Strohmatte, große Tasche (mit Köstlichkeiten), ein luftiges Outfit. Sie wird den Tag auf der Liegewiese im Wald verbringen. ¶ Ich bin dann im Büro. Es ist meine Pflicht.
Mit dem Fahrrad los. Die hintere Bremse jault beim Anfahren, sie stößt ein hohes Fiepen aus; sie singt. Grauer Himmel über mir – könnte noch regnen; es soll später regnen. Jetzt ist Regenpause, also fahre ich los. Der Wald ist nass und satt, es ist herrlich hier. Es riecht gut, glaube ich. Ich gleite durch den Stadtwald, durch die Eilenriede. Ein Privileg ist dieser Arbeitsweg. Im Büro bin ich dann erst mal allein. Stille. Ich kann Musik hören und schreibe meinen Artikel. Es wird später Nudeln geben (in der Kantine).
Freitag. In der Fußgängerzone ist nicht viel los, nur ein paar ältere Damen laufen dort entlang, schieben ihre Rollatoren vor sich her. Sie tragen alle diese hellen Steppjacken, die im Sale etwa 129 Euro kosten. Beige und hellbraun, manche sind immerhin blau oder rot. Ich frage mich, wie ich herumlaufen werde, wenn ich alt bin. Einfach so wie jetzt? Mit New-Balance-Schuhen, über die sich die jungen Leute (dann) lustig machen?
weiterlesenDer Bäcker um die Ecke verkauft auch Kaffee – also Cappuccino und Late Macchiato. Die sind ein wenig teurer, wenn man sie vor Ort verbraucht, was irgendwas mit der Umsatzsteuer zu tun hat und wieder so typisch deutsch ist. (Alles muss unnötig kompliziert sein.) Wir sitzen beim Bäcker, weil der Spielplatz in der Nähe ist und wir noch Lust auf Koffein und Waffeln haben. Die gibt es hier auch, aber nicht immer: Wenn der Teig leer ist oder das Waffeleisen kaputt, gibt es eben keine Waffeln.
Die Frauen, die beim Bäcker arbeiten, sind latent unfreundlich, aber nicht ganz, wahrscheinlich so typisch norddeutsch. (Das ist aber eine Ausrede, um frech zu Leuten zu sein: Das sei eben typisch norddeutsch, wenn sie dich beleidigen.) Jedenfalls nervt mich an diesem Bäcker-Café, dass sie die Hocker draußen immer an die Tische ketten und diese Verkettung (morgens) nicht auflösen. Man kann deshalb nur schlecht auf den Hockern sitzen, denn sie sind zu eng verkettet. Es muss pure Faulheit sein, dass sie morgens die Ketten nicht lösen, damit sich die Kunden vernünftig hinsetzen könnten.
Hinzu kommt, dass der Kaffee – der Cappuccino – nie gut ist. Regelmäßig ist er leider auch schlecht und einmal sogar ungenießbar (weil die Milch verbrannt war). Das Personal ist also latent unfreundlich, die Hocker draußen unbenutzbar und der Kaffee ist mittelmäßig (oder schlecht). Warum sitzen wir hier dennoch? Weil es keine Alternative gibt, weil wir auf dem Weg zum Spielplatz Lust auf Kaffee und Waffeln hatten. So ist das.
Sie sehen: einen blauen Himmel. Es ziehen ein paar Wolken vorbei, die sind harmlos und tragen keinen Regen in sich. Ungefährlich. Friedlich. Sie bilden Formen und fordern zum Rorschachtest heraus. Sie sehen: Fledermäuse, eine Axt, verwesende Kälber. Ich befinde mich auf dem Balkon, der stets die Hitze speichert, sodass hier immer Sommer herrscht; selbst im Winter. Die Sonne bringt Wärme, und der Balkon sammelt sie fleißig ein und hält sie fest. Das hier ist die «Wetterseite». Wenn es mal regnet, dann wird alles richtig nass, auch die Sitzpolster, die immer draußen liegen. Ein kleiner Fleck ist zu inspizieren, es wird sich um Vogelkot handeln. Musik ertönt, Vol. 1 von dieser gehypten Band: Angine irgendwas. Auf dem Nebenbalkon befindet sich die Nachbarin, die gut zu hören ist, die nie leise spricht, das gar nicht kann. In der Ferne ertönen die Automobile, die Kraftfahrzeuge, da ist auch immer ein Rascheln der Bäume zu hören; ein leichter Wind geht. Eine Bohrmaschine bohrt. Der Krach der Stadt. Lärm der Stadt. Die Kokofonie, die Laubbläser, die Autos, die Motorräder. Alles jault und brummt. Die Nachbarin ist so laut, dass ich ungern hier sitze, wenn sie auf dem Balkon verweilt und redet. Immerhin raucht derzeit niemand. Das wäre doch noch schlimmer: der Gestank des Lasters. Und alle machen mit. Die Bohrmaschine bohrt und der Bass ertönt. Die Blätter des Ahorns zittern. Eine Biene fliegt herum. Die Wolken ziehen nur langsam vorbei, ganz langsam, heute haben sie es nicht eilig. Ende der Übertragung.
Als Arbeitnehmer bin ich weder vertraglich noch gesetzlich dazu verpflichtet, das Mittagessen in der Betriebskantine aufzuessen. Auch eine moralische Pflicht besteht nicht. Dass ich regelmäßig irgendeinen Bestandteil der Mahlzeit übrig lasse, veranlasst so manchen Kollegen zur Kommentierung dieses gewöhnlichen Umstands: «Wieder nicht aufgegessen, dann regnet es morgen! Iss mal dein Gemüse», schallt es. Und ich denke: [redacted].
Ich selbst kommentiere niemals das Essverhalten meiner Kollegen. Es ist mir schlicht egal, ob A. sich noch einen dritten Burger in die Gusche schiebt, oder ob F. sein unberührtes Essen gegen die Wand schleudert oder in den Mülleimer wuchtet. Macht, was ihr wollt, baut den Devil’s Tower aus Kartoffelbrei nach, oder esst alles auf – mir vollkommen egal.
Baut den Devil’s Tower aus Kartoffelbrei nach – mir egal
Aber andere Leute sind anders: Sie spüren das dringende Bedürfnis, einen Kommentar zu äußern, als seien sie vom Sportfernsehen und müssten ein ödes Spiel mit seichten Worten etwas spannender gestalten. Ich möchte einfach nur in Ruhe essen und die Ananas übrig lassen, weil ich dieses sogenannte Bromeliengewächs einfach eklig finde. Wieder nicht aufgegesssen. So fucking what?
Ich habe gar nichts gemacht! Trotzdem habe ich Ärger bekommen von einer Mutter in der Krippe, denn wir sind eine Eltern-Ini, das heißt, die Eltern müssen sich selbst organisieren und sich einmischen. In unserer Signal-Gruppe wird weiterhin viel besprochen, aber deutlich weniger, seit es einen neuen Vorstand gibt. Wer im Chat etwas Falsches schreibt, bekommt sogleich Ärger: «Bitte dieses Thema auf keinen Fall in der Gruppe ansprechen! Halt einfach den Rand, du Lümmel.» Ich paraphrasiere.
Ich bin eher der Typ «stiller Mitleser»
Doch dieses Mal habe ich gar nichts geschrieben, ohnehin bin ich eher der Typ «stiller Mitleser». Ich nehme Informationen zur Kenntnis und zumeist vertritt bereits jemand anders meinen Standpunkt, sodass ich schweigen kann. Das bewahrt mich eigentlich vor verschriftlichen Angriffen. Normalerweise, nicht aber heute, als auch ich die schriftliche Rüge erhielt: Es sei einfach unmöglich.
Es ist einigermaßen seltsam, als Erwachsener Ärger zu bekommen. Einen Anschiss zu kriegen, einen Einlauf verpasst zu bekommen. Das passiert etwa, wenn man zu viel Homeoffice macht, dann moniert der Chef dieses Fehlverhalten und bittet, künftig in die Firma zu gleiten. Ebenso droht Ärger, weil man etwa eine Meinung zum Thema Zuckerkonsum kundtut. Selbst ich weiß, dass Kleinkinder keinen einzigen Gramm dieses weißen Giftes vertilgen sollten. «Führe sie nicht in Versuchung», würde Gott murmeln, wenn er sich für unsere Kita interessieren würde. Aber er hat unsere Signal-Gruppe stummgeschaltet, das weiß ich genau – weil ich Gott bin. Quatsch, das stimmt gar nicht: In Wahrheit bin ich lediglich ein regulärer Mitleser, der gar nichts gemacht hat.