Tolles Vorbild

Die Fußgängerampel ist zwar knallrot, aber die Straße komplett leer, bis an den Horizont. Also rüber da, warum auch nicht? Ein bisschen Anarchie im Alltag wagen! Ein Grund fürs Warten wäre allerdings das anwesende Kind: 8 Jahre alt, weiblich, klein. Es, das Kind, befindet sich hinter uns, quasi im toten Winkel. Da steht es, das Kind, und wartet brav. So hat es das gelernt: Bei Rot ist zu warten, zur Not für immer und ewig. Und jetzt das.

«Schönes Vorbild», kreischt die ebenfalls anwesende Mutter, die das Kind zügig an die Hand nimmt, um es an einer impulsiven Straßenüberquerung zu hindern.

«Ich muss kein Vorbild sein», erkläre ich unnötig aufgebracht. «Schönes Hobby auch, fremde Menschen zu maßregeln.»

Ihr Mann, der nicht zwangsläufig der Vater des Kindes sein muss, mischt sich in den Konflikt nicht ein, sondern schaut einigermaßen verstohlen auf den Belag der Fahrbahn. Ich gerate derweil mehr und mehr in Rage, da ich mich in meiner individuellen Freiheit eingeschränkt sehe (usw., usf.). Ich rufe doch auch nicht jedem Radfahrer hinterher, dass der Fußweg dem Fußvolk gehört. Ich denke es nur, jedes Mal.

Gegenbeispiel: Athen

Wahrscheinlich kommt es in keinem anderen Land der Welt zu einer solchen Situation. Beispiel Griechenland, Athen: Hier schauten die Menschen regelrecht irritiert, als ich – wie ein Hurensohn – an der Fußgängerampel stehen blieb. Ist doch rot, dachte ich, und alle, wirklich alle Passanten liefen an mir vorbei, rannten über die befahrene Straße, keinen einzigen Fick gebend. Würde Sandra auch dort jedem Menschen hinterherrufen? «Tolles Vorbild, Athen!»

Meine Forderung: Stadtkinder sollten es draufhaben, im richtigen Moment über die Straße zu huschen – auch wenn das rote Männchen dies nicht gestattet. Autoritäten muss man misstrauen! Tu, was du willst! Und wenn eine Sandra sich lautstark darüber beschwert, kann das Kind ruhig rufen: «Ach, fick dich.»

Kritiker dieser Einstellung würden anmerken, dass so etwas nur jemand schreiben kann, der selbst keine Kinder im lauffähigen Alter hat. Stimmt wahrscheinlich. Also gut.

Rita kauft Spargel

Heute reicht die Schlange bis zu den Tiefkühltruhen. Die Götter haben scheinbar ein Erbarmen, wollen uns nicht zu sehr quälen – eine zweite Kasse öffnet. Die ältere Dame vor mir schiebt ihren Einkaufswagen fix rüber. Sie schaut jedoch nicht, was vor und hinter ihr passiert, sieht deshalb nicht, wie sich die Frau vor ihr ebenfalls in Richtung zweite Kasse bewegt. Diese Frau – sie heißt Sabine von Klingenberg-Gummelsbach – genösse sicherlich ein Vorrecht, vielleicht aber auch nicht. In deutschen Supermärkten gilt das Recht des Schnelleren. Ähnlich verhält es sich bei Linienbussen.

Die ältere Frau – sie heißt Rita Müller – legt ihre Waren auf das Warentransportband, während es sich der Kassierer in seinem Warenzellenkassenstand gemütlich macht und die Kasse hochfährt, einen tausendstelligen Sicherheitscode eingibt und die Maschine zum Laufen bringt.

Sabine von K-G findet es derweil einigermaßen ungerecht, dass Rita Müller, die soeben noch hinter ihr stand, plötzlich vor ihr ist.

«Ich habe doch nur Quark und ich war ja eben vor Ihnen», erklärt Sabine etwas zu laut und etwas zu genervt. Geschwind baut sie sich vor dem Kassierer auf, der gesetzlich zu einer neutralen Haltung verpflichtet ist.

Das ist völlig egal, denn Rita merkt überhaupt nicht, wie sich Sabine quasi vordrängelt, wenn es denn überhaupt ein Vordrängeln ist, genau genommen ist es das ja nicht, aber es ist kein Gutachter hier, der das zügig klären könnte. Rita legt konzentriert und mit aller Kraft sehr viel Spargel auf das Warentransportband. Deutscher Spargel fürs Mittagessen, fürs Abendessen, fürs Frühstück. Helmut mag Spargel so gern, es handelt sich um seine Leibspeise. Er und Rita essen seit zwei Wochen jeden Tag nur Spargel, denn H. will es so und seine Frau will ihren Männe glücklich und satt machen, weil das seit einhundert Jahren ihre Hauptaufgabe ist. Eigentlich hängt ihr der Spargel längst zum Hals raus – das wird sie später dem Kassierer unaufgefordert erläutern. Immerhin sei der gesund, wird sie sagen. Der Kassierer wird das mit einem «Aha» knapp zur Kenntnis nehmen.

Sabine, die keinen Spargel mag, legt die beiden Quarkpackungen von «Ja!» vor den Spargel. Der Kassierer waltet seines Amtes und kassiert, zieht die Packungen über den Laserscanner.

Piep, «Payback?», nein!

«Mein Mann hatte vor zwei Jahren einen mittelschweren Verkehrsunfall», berichtet Rita nun. Er habe Gas- und Bremspedal verwechselt, es war sogar ein Artikel in der Lokalzeitung erschienen, behauptet Rita und entfaltet ein Papier, das sie nebenbei aus ihrem Portemonnaie zupfte. Es handelt sich tatsächlich um eine Farbkopie des besagten Zeitungsartikels. «Sehen Sie: sogar mit Foto!» Seit seinem Unfall könne Helmut keine Einkäufe mehr erledigen, erläutert R.

Der Kassierer bleibt bei seinem vagen «Aha» und kassiert wie in Trance. Rita hat keine Payback-Karte und auch keine andere Plastikkarte in ihrem Portemonnaie. Mit lauter Stimme beginnt sie, den Zeitungsartikel vorzulesen.

Warentrenner auf Warentransportband

Heute stehe ich in der Schlange an Kasse #1. Der Mann hinter mir (Handwerker im Blaumann) streckt seinen Arm aus, streckt seinen gesamten Körper, bis er endlich lang genug ist und seine Finger den Warentrenner erreichen, der in seiner Schiene ruht. Eigentlich hätte ich den Stab hinter meinen Waren platzieren müssen, doch ich unterließ dies, weil mir nach ein bisschen Anarchie war. Damit missachtete ich die ungeschriebene Regel, dass Waren auf dem Warentransportband dringend durch den Warentrenner abzutrennen sind. Die Frau vor mir (Businessfrau mit Markenbrille) tat dies gewissenhaft und positionierte den Trenner in perfekter Vollendung auf dem Transportband.

Der Mann hinter mir schnauft sauer und schmeißt den mühsam ergatterten Warentrenner aufs Band. Der Stab liegt nun jedoch ziemlich schräg da, was viel schlimmer ist, als würde er dort gar nicht liegen – finde ich. Traue mich aber nicht, die Lage des Trenners zu korrigieren. Das ist nicht meine Aufgabe.

Der Handwerker steht viel zu dicht hinter mir. Auch so eine Sache, die ich an Supermärkten hasse. Ich schaue angestrengt nach vorn: Dort legt die Frau ihre Karte elegant ans Terminal, es piept, der Bezahlvorgang ist abgeschlossen. Ich bewundere dies und frage mich, ob meine Sparkassen-Karte das auch kann. Während ich mir Fälle vorstelle, in denen diese Art des kontaktlosen Bezahlens mein Leben bereichern würde, hat der Kassierer mit den flinken Fingern meine Waren bereits gescannt.

«5 Euro 35», sagt er, absurd aufrecht in seinem Warenzellenkassenstand sitzend.

Ich gebe ihm einen Zehner, den ich aus meinem Portemonnaie klaube. Ich muss erst herausfinden, ob das kontaktlose Bezahlen sofort möglich ist, oder ob ich erst in eine Sparkassen-Filiale laufen muss, um irgendwelche Formulare einzureichen. Es jetzt an Ort und Stelle einfach zu testen, traue ich mich nicht: In diesem Supermarkt haben es alle Kunden immer sehr eilig und jeder hasst die ältere Dame, die die fällige Summe Cent-genau mit vielen braunen Münzen begleicht und dafür ihr gesamtes Kleingeldfach umpflügt. Undenkbar, dass ich den Bezahlprozess aufhalte, weil das Terminal laut piept und meine Karte abweist!

Der Kassierer fragt mich pflichtbewusst, ob ich eine Payback-Karte habe, was ich verneine, dann überreicht er mir ein paar Münzen, die ich in meinem Kleingeldfach verstaue. Dann will –

«Ein Kasten Oetinger!», ruft plötzlich der Mann hinter mir, etwas zu laut, etwas zu aggressiv. Als habe ihm jemand unterstellt, einen Kasten stilles Wasser im Wagen stehen zu haben. Als müsse er diese freche Unterstellung nun lautstark korrigieren: Hier wird Bier getrunken, wie es echte Männer zu tun pflegen. (Er würde dann noch rülpsen, um uns zu beeindrucken und einzuschüchtern.)

Der Biertrinker drängt mich zur Seite, ich suche das Weite. Das Bezahlen in deutschen Supermärkten gehört zu den schlimmsten Situationen, die der Alltag an Werktagen bereit hält. Allein die Vorstellung, ein echtes Gespräch mit dem Kassierer zu beginnen – völlig absurd.

Herrenloser Koffer

Der Weg zum Hauptbahnhof ist versperrt. Im lauen Wind flattert ein rot-weißes Absperrband, auf dem in schwarzen Lettern «Polizeiabsperrung» steht. Am Flatterband haben sich einige Dutzend Menschen versammelt, die gespannt auf den grauen Platz schauen. Dort sind sonst die Leute unterwegs, eilen von einem Geschäft zum nächsten, von Zara zu H&M, von C&A zum Apple Store. Es ist Samstagnachmittag, die Innenstadt ist voll. Nur für diesen Augenblick bleibt der zentrale Platz in der Stadt leer. Nur ein paar Polizisten schreiten über den Platz und passen auf, dass niemand die überwindbare Sperre überwindet. Erst auf den dritten Blick entdecke ich den Grund für die Absperrung – ein schwarzer Koffer steht da mitten auf dem Platz, an einem bunt beklebten Stromkasten.

Ein herrenloser Koffer.

Neben mir stehen ein paar herrenlose Mädchen. Sie sind übertrieben geschminkt, eine raucht. Der Polizist am Absperrband sagt, das sei nicht gut für ihre Haut. Die Freundin schreit auf: «Sag ich doch, und sie ist nicht mal achtzehn!»

«Lass das, sei ruhig!», zischt die junge Raucherin und wird ein bisschen rot.

Plötzlich rennt der gesundheitsbewusste Polizist los und stößt einen Mann zurück, der einfach über den Platz laufen wollte.

«Was ist denn los?», will der Geschubste wissen.

«Das darf ich Ihnen nicht sagen», behauptet der Polizist.

Vor zwanzig Minuten schrieb die Polizei auf Twitter, dass es um einen verdächtigen Koffer geht. Vorsichtshalber habe man den Platz gesperrt, sicher ist sicher.

«Ist bestimmt nur Unterwäsche drin», sagt ein junger Typ neben mir.

«Ja, Unterwäsche», wiederholt sein Kumpel.

Sie lachen. Unterwäsche. Verrückt. Und ich glaube, dass wir alle wissen, dass da wirklich keine Bombe in dem Koffer ist. Auch die Polizisten wirken nicht sehr angespannt. Sie lachen und scherzen.

Gegenüber sehe ich eine junge Frau mit pinken Haaren. Sie ist Verkäuferin bei H&M. Die Glastüren sind geschlossen. Sie schaut nach draußen, schaut nach den Kunden. Jede Minute kostet Geld.

Ein Polizist fotografiert den herrenlosen Koffer. Mit Blitz. Von allen Seiten. Der Polizist am Flatterband sagt, dass gleich die Spurensicherung kommt. Die Spusi. Die nimmt dann Fingerabdrücke.

«Is‘ doch lächerlich, seit wann ist es verboten, seinen Koffer zu vergessen?», fragt einer.

«Na, na, da hat schon jemand angerufen», sagt der Polizist. «Hat gesagt, da ist eine Bombe.»

«Ach, echt?», fragt der Junge neben mir. Er ist jetzt richtig aufgeregt. Eben noch wollte er gehen, ihm war langweilig, «ist ja eh keine Bombe da». Haha.

«Das ist mein Koffer!», sagt ein Mädchen laut.

Hahaha, macht der Polizist, sagt: «Das ist ja witzig! Nein, oberwitzig!»

Die Mädchen lachen viel und laut, «kann ich den dann wiederhaben?», fragt es.

Ein Polizist macht den Koffer schließlich einfach auf, zupft Wäsche heraus, bunte Wäsche, Unterwäsche.

«Och, keine Bombe?», sagt der junge Typ.

Er und die Leute sind enttäuscht. Wir dürfen endlich weiter gehen, «aber erst mal nur unten entlang, durch die U-Bahn-Station», sagt der Polizist.

Eigentlich sollte es regnen, aber nun scheint die Sonne.