Der ältere Hausbesitzer von gegenüber hat sein Auto in einer Halteverbotszone geparkt. Die war bereits seit einiger Zeit für einen Umzug als solche gekennzeichnet gewesen – und sein Kombi stand ziemlich im Weg. Die Nachbarin ist also herübergelaufen und hat ihm Bescheid gesagt. Ich stand derweil im 2. OG am Fenster und beobachtete das Geschehen wie James Stewart in «Rear Window» (nur ohne gebrochene Knochen). Meine Frau und ich sind derzeit viel zu Hause, deswegen sind die Alltagsszenen auf der Straße eine schöne Abwechslung; deswegen schaue ich viel aus dem Fenster. (Den brandneuen Sohn interessiert das alles noch nicht, aber eines Tages wird er sich bestimmt für die Müllabfuhr begeistern.)
Jedenfalls fuhr der Hausbesitzer seinen Kombi schließlich weg. Was nichts Besonderes gewesen wäre, wenn er nicht neulich erst einen jungen Mann beschimpft hätte, weil dieser vor seiner Garageneinfahrt gehalten hatte, um sein Auto zu beladen. (Da kam der Hausbesitzer extra raus aus seinem Haus, mutmaßlich im Schlafanzug, um den jungen Mann zur Schnecke zu machen. Ein Drama, eine Wut. Dabei ist es sogar erlaubt, vor Garageneinfahrten zu halten, um geschwind einen Pkw zu beladen.)
Während er seinen Kombi einigermaßen umständlich zur Seite fuhr, legte er sich nebenbei noch mit einer anderen Autofahrerin an, die ihm auf der Straße entgegenkam. Es herrscht eben akute Platznot auf den Straßen, seit jeder Pkw so breit ist wie ein Lkw. Dann war das Schauspiel vorbei und ich ging abwaschen.
Und wieder von vorn: ein neuer Tag, Freitag womöglich. Markttag, fast Wochenende. Um kurz nach 6 Uhr hat der brandneue Sohn wieder Hunger. In der Küche stehen, Pre-Milch anrühren, dann füttern. Der Sohn schläft sozusagen. Ich auch, ein wenig noch, jede Minute Schlaf ist kostbar.
Draußen säbelt ein schwitzender Mann mit einem Rasentrimmer die Blümchen auf dem Rasen ab. Völlig sinnlos, denn auf der trockenen Wiese wächst kein Gras, nur die zierlichen Blümchen mit ihren gelben Köpfen, die jetzt auf dem Schlachtfeld verteilt liegen. Enthauptet, ein Massaker, Krieg gegen die Natur. Nun herrscht aber wieder Ordnung auf diesem peinlichen Rasen, auf dem noch nie jemand gelegen oder auch nur gestanden hat. (Denn die Bewohner des Nachbarhauses liegen lieber auf dem Sofa und glotzen TV.)
Der schwitzende Mann ist zufrieden, sein Shirt fleckig. Vor ein paar Tagen haben sie im Hinterhof einen Baum komplett zersägt. Er sah zwar kahl aus, aber doch irgendwie schön. Jetzt können wir von unserem Balkon ein paar mehr Balkone sehen – und die Nachbarn sehen uns. Wie wir müde auf dem Balkon stehen und in den Himmel schauen: Er ist komplett grau. Es ist nicht mehr so heiß und schwül. Immerhin.
Es klingelt an der Tür. Die Zeugen stehen im Treppenhaus, die Zeugen Jehovas. Eine jüngere Frau, die im Vertrieb arbeiten könnte, und eine mittelalte Frau, die aussieht, als würde sie seltsame Bastelarbeiten auf dem Markt verkaufen. Ob sie einen Flyer in unseren Briefkasten schmeißen dürften? Komische Frage, die Antwort lautet nein. Die Knallchargen planen eine Großveranstaltung, sicherlich eine Massentaufe im Stadion1, aber da möchte ich nicht mitmachen.
«Ich bin radikaler Atheist», erkläre ich den beiden Frauen unumwunden, um jede Diskussion im Keim zu ersticken. – Oh, macht die jüngere Frau. «Trotzdem einen schönen Tag!», wünscht sie. – «Ebenso», erwidere ich, obwohl es mir echt egal ist. Die Frauen gehen und tuscheln. Wieso haben sie ausgerechnet bei uns geklingelt? Ich gehe wieder nach oben, leicht verärgert, weil ich mit dem Gemüsekistenlieferanten gerechnet habe. Er bringt auch Kuchen mit.
Unser Alltag ist momentan auch ein wenig langweilig, obwohl es ständig etwas zu tun gibt: Geschirrspüler einräumen, Baby füttern, Geschirrspüler ausräumen, Baby füttern, rasch duschen, Baby füttern, etwas essen, Baby füttern, Müll herunterbringen, Baby wickeln, Waschmaschine einräumen und einschalten, Baby füttern. Wir sind Automaten.
Alles passiert in unseren vier Wänden. Das Leben findet ausschließlich drinnen statt. Draußen ist derweil Sommer: Jeden Tag herrscht fantastisches Wetter, herrschen fast 30 Grad Celsius – es ist immer sonnig. Das täglich angekündigte Gewitter, das Abkühlung bringen möge, bleibt stets aus. Oder es zieht großzügig an der Stadt vorbei und verwüstet irgendeinen anderen Ort.
Der Ofen wärmt eine alte Pizza auf
Und wir sitzen im Schlafzimmer und füttern das wimmernde Baby, stehen am Wickeltisch und wickeln das weinende Baby. Der Thermomix sterilisiert nebenbei die Fläschchen, der Ofen wärmt eine alte Pizza auf, in der Mikrowelle rotiert ein Curry. Die Waschmaschine piept, sie ist fertig; der Thermomix singt sein Lied, er ist fertig. Die Mikrowelle piept auch und das Baby, es kreischt und weint und flennt und fiept, weil es hungrig ist. Und müde. Und aufgeregt, so aufgeregt. Das ist unser Alltag.
Die Leute sagen, wir sollen die Zeit als frisch gebackene Eltern genießen. Doch so einfach ist das nicht.
Die Zeit, sie sprintet: Die erste Woche mit brandneuem Baby ist schon vorbei, geschafft, verstrichen. Es ist 3:30 Uhr, wir liegen wie Blei auf dem Teppich. Der Sohn ist hellwach, er greift in der Luft herum, ballt die winzigen Fäuste. Später zwitschern draußen die Vögel – lang nicht mehr gehört, dieses latent aggressive Trällerkonzert, das den neuen Tag einläutet. Am Vormittag kreischen dann die Kreissägen. ¶ Das brandneue Baby möchte essen, trinken; es muss essen, trinken. Es muss an Gewicht zulegen, muss stets noch mehr essen, noch mehr trinken. Und noch mehr. Und das dauert. Langsame Fortschritte, frustrierende Momente. Der Sohn kreischt wie die Kreissäge. Schreit, weint, brüllt. Er strampelt auf dem Wickeltisch, zappelt dort herum, schlägt um sich. Kann er gar nicht leiden! Kacke am Fuß, Kacke am Bein, Kacke unterm Hoden – überall Kacke. Es ist 4 Uhr. Oder 16 Uhr. Dann muss er wieder essen, trinken. Kacken. Essen. Trinken. Weinen. Kreischen. Neue Windel anlegen. ¶ Zwischendurch ist er selig, liegt nur da und staunt. Ein friedlicher Moment, er leckt seinen Milchmund ab. Lustige Gesichter macht er auch, probiert aus, lächelt scheinbar, verzieht das Gesicht. Dunkle Augen, die interessiert die Umgebung betrachten. ¶ Aus dem Schlaf gerissen: Was ist zu tun, was muss ich machen? Träume wirres Zeug, es ist 2 Uhr oder 14 Uhr. Die Windel wieder voll geballert, der Magen leer, der Sohn ist hellwach. Weint und weint und weint. Dann geht die Sonne auf und ein neuer Tag rast an uns vorbei: Freitag. Schnell etwas essen, zwischendurch ein Brot schmieren. Der Flink-Rider klingelt, er kann kein Deutsch, nicht schlimm: «Your name is Burger?!», fragt er erheitert. Fast. Die Limos zischen, die Flaschen sind offen, überall Limo im Treppenhaus. Der Boden klebt und der Rider ruft seinen Supervisor an. Überall Kacke: in den Kniekehlen, an den Füßen, neben dem Hoden, links und rechts. Der Flink-Rider düst los, holt Ersatz-Limos. See you! Tagsüber kommt ein anderer Radfahrer zu uns und bringt das Mittagessen. Es ist 16 Uhr. Keine Zeit fürs Kochen, keine Zeit fürs Saugen, keine Zeit für den Abwasch. ¶ Draußen ist Sommer. Es vergehen perfekte Tage unter einem blauen Himmel. Die Menschen essen Eis, fahren Fahrrad – meine Frau und ich stehen am Wickeltisch und wischen den Sohn sauber. Kacke überall. Und wieder von vorn. Es ist 19 Uhr, wie kann das eigentlich sein? Eben trällerten noch die Vögel um kurz nach vier.
Schon wieder eine Frau mit Fahrradhelm im Supermarkt. Steht da zwischen den Regalen herum und weiß nicht, was sie da will. Zur Beruhigung wirft sie sich eine Globuli rein. «Sie auch?», fragt sie, aber ich lehne ab. Vor der Tiefkühltruhe steht eine andere Frau, eine dicke Dame im Nachthemd, floraler Aufdruck, da steht sie, und versperrt zusätzlich mit ihrem Einkaufswagen den Zugang zu den tiefgefrorenen Waren. Der Körper der Frau und der Wagen als Bollwerk gegen kulinarische Gelüste – die ungesunde Pizza bekommst du hier nicht! Ich bekomme sie aber doch.
Widerlich, verfickt noch mal – der Tag ist gelaufen
Erst zu Hause bemerke ich, dass ich nicht aufgepasst und daneben gegriffen habe: Ich habe versehentlich eine Spinat-Pizza mit Ziegenkäse erworben. Widerlich, verfickt noch mal – der Tag ist gelaufen. Natürlich ist das nicht die Schuld der Frau im floralen Nachthemd. Aber dann irgendwie doch: Hätte sie nicht so dämlich vor der Tiefkühltruhe gestanden, hätte ich den Blick besser schweifen lassen können, mir wäre dann sicherlich aufgefallen, dass es mehr Pizzen gegeben hätte.
Zudem liegt es an der fehlenden Pappverpackung: Die Pizzen in diesem anstrengenden Bio-Supermarkt sind lediglich in Plastik verschweißt, nicht aber in einem zusätzlichen Karton verpackt, der einen Aufdruck gehabt hätte – schön mit dämlichen Ziegen oder so. Nun ja, jedenfalls bin ich nun Besitzer dieser beiden Ziegenkäse-Pizzen und das ist eine ziemliche Belastung, denn ich mag keinen Ziegenkäse und Spinat eigentlich auch nicht. (Meine Frau muss die nun essen, aber sie ist darüber auch nicht gerade begeistert.)
Die Frau mit Fahrradhelm steht an der Nebenkasse, die sich genau dann öffnete, als ich die letzten Waren auf dem Warenband abgelegt hatte. «Gehen Sie schon mal an Kasse 4!» Wenn ihr ein Stück Dach auf den Kopf kracht, ist sie trotzdem tot, trotz des albernen Helms.
Um 17:05 Uhr kommt unser Sohn zur Welt. Er schreit erst nicht. Sie nehmen ihn mit ins Nebenzimmer und kümmern sich. Manche Kinder bräuchten ein bisschen Hilfe, erklärt der Arzt. Am Ende ist alles gut. ¶ Abends muss ich aber allein nach Hause fahren, denn es gibt kein freies Familienzimmer mehr, in dem auch ich hätte übernachten dürfen. Erst am nächsten Tag wird ein Zimmer frei, also übernachte ich das erste Mal in einem Krankenhaus. Fünf Nächte zusammen mit meiner Frau und dem brandneuen Baby; ich als Gast, ohne Armband. Das bekommen nur Patienten. Ich hätte jederzeit einfach gehen können, nach Hause – zurück ins alte Leben. ¶ Das neue Leben beginnt in Station 6, in Zimmer 359: Morgens um 7 Uhr kommt die Ärztin rein; eben noch geträumt, nun steht eine Fremde in unserem «Schlafzimmer» und fragt meine Frau aus. Ich liege schlaftrunken daneben, mache mich unsichtbar wie ein Kobold. ¶ Die vergangene Nacht war heiß und kurz und ungewöhnlich, sie war anstrengend und seltsam. Um 3 Uhr morgens öffnete ich unsere Zimmertür und lief den langen Flur entlang. Dort war es windig, wie auf einem Gipfel. Ein angenehm kühler Durchzug. Auf dem Flur herrschte ein reges Treiben, Schwestern liefen herum, brachten Brotscheiben. Da sind andere frische Eltern, deren Babys kreischen. Irgendwie beruhigend: Wir sind hier niemals allein. ¶ Im sogenannten «Kinderzimmer» stand alles parat: Pre-Milch für den Notfall, perfekt auf Temperatur gebracht und gehalten – ich musste das Fläschchen lediglich aus dem Gerät nehmen, sodann war die Milch verzehrfertig. Daneben war der Wickelbereich mit großem Waschbecken und vielen Schubladen mit Dingen, die nötig sind, um ein Baby zu säubern und zu wickeln. Da lag das kleine Wesen und weinte und pinkelte und kackte. Zwischendurch schliefen wir sozusagen. Und das ist jetzt so, das ist unser neues Leben. ¶ Zu früh bringen sie das Abendbrot, manchmal ist das Mittagessen nicht einmal verdaut, da kommt schon ein neues Tablett mit Brot und Wurst und Käse. Draußen ist schönes Wetter, perfektes Wetter. Die Sonne brennt, es ist heiß, 30 Grad C. Ich schaue aus dem Fenster: ein prächtiger Sonnenuntergang, der Himmel glüht. Die Menschen kehren vom Baden zurück. Sonnenbrände, glückliche Gemüter. Es ist ein verlorener Sommer, denke ich. Ein besonderer Sommer, der anders sein wird als die Sommer davor.
Raucher im Restaurant nerven – und anderswo auch. Eine wütende Abrechnung mit dem Laster der anderen.
Sommer, die Sonne ballert. Im Restaurant draußen zu sitzen, ist herrlich! Aber dann raucht leider einer, ein pummeliger Mann steckt sich eine an. Saugt gierig an der Fluppe. Pustet den Qualm in die Luft. Und er raucht noch eine und noch eine – Kettenraucher am Nebentisch. Der Burger schmeckt nach Asche, die Pommes auch, alles schmeckt nach Asche. Zigarettenqualm in der Nase und in den Augen. Aber der eine, der ist glücklich, weil er raucht, raucht, raucht. Sein Feuerzeug klickt wie leer geschossen.
Fick den Kettenraucher am Nebentisch
Als ich klein war, fuhr ich bei Opa im Benz mit. Er am Steuer, über rote Ampeln rauschend und viel fluchend. Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß seine Lebensgefährtin, eine Art Ersatz-Oma oder Zusatz-Oma. Sie also im Benz auf dem Beifahrer, sie also Fluppe an, Fluppe in der Hand, Fluppe im Maul. Rauchen im Auto, während der ganzen Fahrt, eine nach der anderen. Diese braunen Stinker; diese schlanken Glimmstängel.
Da saß sie vorn und rauchte, obwohl ich hinten saß. Ich war zehn und atmete durch den Mund. Sie öffnete dann immerhin das Fenster, aber nur einen Spalt. Es regnete rein, die dicken Tropfen zerplatzten auf dem Armaturenbrett. Das Rauchen hat ihr Spaß gemacht – und ihr den Tod gebracht. Löchrige Lunge, ein schwarzer Klumpen, und dann war endgültig Schluss. C’est la fucking vie.
Ich hasse euer Laster, das euch den Tod bringen wird
Mutti raucht auch. «Der Rauch zieht immer zu dir», sagte sie früher immer und wedelte mit der Hand den Qualm durch die Luft. Brachte nur nichts, es stank trotzdem. Immer dieser grässliche Geruch in der Nase. Kann ich nicht ausstehen. Dieser beschissene Gestank.
Jeder Raucher, jede Raucherin, die mich mit ihrem Rauch belästigen: Fuck you very much, ich hasse euer Laster abgrundtief. Und wie ihr eure Zigarettenstummel einfach auf den Boden fallen lasst. In den Sand, in den Sandkasten (sic). Als gehöre euch die Welt. Glimmende Stummel, die Waldbrände auslösen und das Grundwasser vergiften. Euch völlig egal, mir schon klar. Sollense sich doch woanders hinsetzen, wenn’s stört!
Einmal, das war beim Dorfgriechen, habe ich eine Raucherin höflich gebeten, doch bitte einige Minuten zu warten, denn das Essen stand dampfend vor uns. Was hat diese Frau sich aufgeregt! Rücksicht ist ein heikles Thema für die Süchtigen. Nichtraucher dürfen nicht viel erwarten in diesem Land, das seine Raucher und Autofahrer schützt wie eine aufgebrachte Entenmutter.
Der Kettenraucher am Nebentisch (der Teufel soll ihn holen), er könnte ja sehen, dass wir unser Essen bekommen und er könnte beschließen, zehn Minuten lang zu warten. Das macht er aber nicht. Er zündet sich sofort wieder eine an. Inhaliert. Pustet den Rauch in die Luft. Erzählt, dass er gerade Krankengeld bekommt, dieser pummelige Mann am Nebentisch. Der Tod wird ihn holen.
Der ET kann werdende Eltern verrückt machen. Dabei ist der «errechnete Termin» längst kein Garant für die Geburt: Nur 4 Prozent aller Babys kommen exakt am errechneten Geburtstermin zur Welt. Die restlichen 96 Prozent entweder davor oder eben danach. Wer den ET reißt, muss mit Nachfragen rechnen: Die Verwandten melden sich plötzlich viel öfter; Eltern, Großeltern, Tanten – und auch die ehemalige Vermieterin. Letztere rief uns sogar an, zweimal, und fragte nach: «Darf ich endlich gratulieren?»
Nein, weiterhin ist Geduld gefragt. Unser Sohn möchte noch nicht raus, obwohl der ET nun schon einige Tage zurückliegt. Im Mai noch. Jetzt wird’s definitiv der Juni werden; auch toll, das ist ein schöner Geburtstagsmonat. Offen ist nur der Tag, den 6.6. könnte ich mir gut merken.
Da ist ein Druck, wo keiner sein sollte
Einerseits ist es natürlich schön, dass viele Leute an uns denken und mit uns aufgeregt sind und mitfiebern. Andererseits macht es die Situation nicht unbedingt besser, sondern eher stressiger. Da ist ein Druck, wo keiner sein sollte. Wir müssen doch eigentlich nur auf «die Natur» vertrauen, irgendwie so, einfach entspannen und abwarten, einfach gelassen bleiben und die restlichen Tage genießen, die uns jetzt noch bleiben, bevor unser Leben sich komplett verändern wird. Immerhin spielt das Wetter mit, es ist sonnig, es sind knapp 20 Grad Celsius. Die kleinen Birkenblätter rascheln (applaudieren). Zart streicht der Wind durch die Gräser. Und ich bin hungrig.
Während wir geduldig auf die Geburt unseres lieben Sohnes warten, schauen wir uns spaßeshalber zwei Reihenhäuser an – sogenannte «Stadthäuser». Sie sind Teil eines Neubauprojektes im Norden der Stadt: Gut angebunden, die Stadtbahn ist nicht weit entfernt, und auch der Mittellandkanal mit seiner «erholsamen Ruhe am Wasser» ist gleich um die Ecke. Wir sind also neugierig und gehen zum Open-House-Termin. An der Straße steht vor dem Haus ein alter Bulli, der als mobiles Café dient. Den Kaffee zahlen die Immo-Verkäufer, wir trinken Flat White und Cappuccino, dann schauen wir uns die Stadthäuser an (und gehen dort heimlich pinkeln).
Den Kaffee zahlen die Immo-Verkäufer
Die Eckdaten: Rund 140 Quadratmeter Wohnfläche auf drei Ebenen verteilt; der «Garten» ist winzig, die Häuser sind recht schmal. Die Nachbarn sind einem immer nahe, wenn man sich in den Garten legt. Links und rechts wird heftig gegrillt, geraucht und gestritten, gekifft und gebrüllt. Man sollte sich mögen, denke ich, als ich in diesem winzigen Garten stehe und mich hineinversetze. Es möchte mir nicht so recht gelingen. Und was kostet der Spaß eigentlich?
Variante A kostet 797.000 Euro, Variante B etwas über 800.000 Euro. Hinzu kommen insgesamt 7 Prozent für die Grunderwerbssteuer, den Grundbucheintrag und den Notar. Plus Küche, plus Kleinkram, plus Wallbox fürs Fahrrad. Die Zahlen gebe ich später spaßeshalber in einen Immo-Kredit-Rechner ein, der dann circa 3900 Euro als monatliche Rate ausspuckt. Dreitausendneunhundert Euro. Im Monat.
Exakt ist das nicht – aber die Hausnummer stimmt wohl. Es ist eine Menge Kohle für ein schmales Haus, das von außen nicht einmal sonderlich hübsch aussieht. Banal wirkt das alles, architektonisch leider kein Hingucker, finde ich. Modernes Allerlei, aber vor allem: unfassbar viel Geld für diese schmale Freiheit und die gute Lage. Und nebenan grillen sie wieder Nackensteaks, das Weber-Ungetüm ragt auf unser Grundstück, anders geht es nicht. «Ist doch kein Problem, oder?» – Ne, Andy, überhaupt kein Problem, du.