Nerds auf dem Flohmarkt

22. Juni 2013

Es ist Sonntag – und es scheint tatsächlich die Sonne. Der Tag ist noch jung, doch die besten Plätze sind schon weg, sind längst besetzt. Nur am Rand gibt es noch eine Stellfläche für unseren Tapeziertisch. Drei Meter Verkaufsfläche = 20 € Gebühr. Hinter meinem Stand stehe ich und warte darauf, dass mir Fremde meine Sachen abkaufen, Bücher und obsolete Ton- und Bildträger.

Der Mann vom Nebenstand verhandelt schon mit mir, während ich noch aufbaue. Er will die kleinen Plastikautos haben. Bücher aber will niemand. Da ist nur ein Mann, der mir noch ein paar Euro aus den Rippen leiert und mir mein Hassbuch #2 schließlich für einen Euro abkauft. Nur fair, ich hätte ihm etwas geben müssen – dafür, dass er mir dieses fürchterliche Buch abnimmt, das ich im Sondermüll hätte entsorgen müssen, weil dessen Inhalt toxisch ist, weil dessen Inhalt Gedanken sterben lässt und Gehirne austrocknet und die Verblödung des Landes vorantreibt. Bis wir alle wie Zombies gar nichts mehr wollen und nur noch ins ewige Licht unserer Mobiltelefone starren und warten, dass sich was bei Facebook tut. Doch nichts, weil alle nur schauen und warten, ganz passiv und leer. Und dafür einen Euro zu bekommen, ist eigentlich gar nicht übel. Davon kann ich mir ein Eis kaufen: Banane, eine Kugel bei Mövenpick. Ich aber begehe den Fehler und kaufe eine Currywurst bei einem knurrigen Mann, der gar keine Lust hat, mir diese Wurst zu geben, sie zu schneiden und so fort. Muss er aber, was soll er sonst tun? Die Wurst kostet 3 € und schmeckt wie 10 Cent. Aber der Hunger treibt es rein, wie man so sagt. Das Brötchen stammt aus dem Billigflieger. Kriegen die Tauben, die würgen.

Ein alter Mann steht vor meinem Stand, zögert, kramt dann in seiner Westentasche, die er wie seine Westentasche kennt. Er fördert einen Palm Pilot zutage, ein Fossil aus dem alten Jahrtausend. Grau und völlig veraltet, obsolet wie meine Ware. In seinem Gerät befindet sich eine Liste mit seinen Besitztümern. Akkurat verzeichnet, katalogisiert und immer dabei. Mit einem schwarzen Plastikstift sticht er auf die Oberfläche des Palm ein, scrollt durch scheinbar endlose Textzeilen. Deswegen möchte ich mein Zeug loswerden, weil es in seiner Masse erdrückt, weil weniger tatsächlich mehr ist. Im Gegensatz zu dem alten Mann, dem alten Mann und das Mehr: Er kauft mir einige Frank-Zappa-CDs ab. Die landen in seinem Regal, landen in seinem Palm. Und ich bin ein Stück freier und reicher.

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Der Tod kostet 19 Cent

2. Juni 2013 · Kröpcke

Das Brötchen fällt der Mutter aus der Hand und landet direkt auf dem Boden. Dort kullert es entlang, als sei es auf der Flucht, dann fällt es schließlich um und bleibt liegen. Das Brötchen liegt auf dem Boden der U-Bahn-Station – nicht von irgendeiner U-Bahn-Station, sondern dem Knotenpunkt Hannovers, dem Kröpcke. Die Mutter hebt das Brötchen auf, und ich erschrecke: Will sie das noch essen? Selbstmord wäre das, nicht einmal in die Hand genommen hätte ich das verseuchte Kleingebäck. Und sie will das essen? – Nein, das Kind soll, es ist sein Brötchen, das Kind schüttelt jedoch den Kopf.

Sie will das verseuchte Kleingebäck noch essen?!

«Du isst das jetzt!», fordert die Mutter. – «Nein», insistiert das Kind, dessen rechtes Brillenglas mit einem bunten Pflaster zugeklebt ist. Das Brötchen habe Geld gekostet, argumentiert die Mutter. – «Na und?», erwidert das Kind, dem der aktuelle Brötchenpreis natürlich völlig wumpe sein kann. Die Mutter gibt auf. Sie hat erkannt, dass der Junge lieber Weingummi essen will. Kann man dem Jungen nicht verübeln: Das Brötchen ist kontaminiert, ist eine Gefahr für Leib und Leben, ist das reinste Biogift.

Hier unten in der U-Bahn riecht’s nach Pisse. Und das liegt daran, dass Obdachlose in die Ecken und Kanten urinieren; Besoffene und Punks mit Bierblasen, die sich einen Dreck darum scheren, was andere über sie denken. Einerseits sollen Kinder ja im Dreck spielen, sagen die Leute, und den Dreck auch mal essen, damit das Immunsystem gestärkt wird. Andererseits isst die Mutter jetzt das Brötchen. Hat ja Geld gekostet.

Methadone Madness

23. Mai 2013

Wo eigentlich ein Mensch sitzen könnte, sitzt ein Hund, nämlich auf dem Fensterplatz in der Stadtbahn. Es ist richtig voll. Überall existieren müde Menschen, die Feierabend haben, die nach Hause wollen. So schnell wie möglich. Viele stehen, der Hund sitzt. Neben ihm sitzt eine Frau mit einem obszön großen Filzhut auf dem Kopf. Der ist schwarz. Die Lippen der Frau sind rot, ausgemalt mit Lippenstift. Auf den ersten Blick nehme ich an, dass der Hund zur Frau gehört. Das passt auch: Hund und Frau ergeben ein stimmiges Bild. Die Frau sieht so aus, als wäre das ihr Hund.

Doch dann füttert eine dritte Hand den Hund. Und die Hand kommt von gegenüber, wo eine andere Frau sitzt. Sie hat kurze Haare und nicht mehr alle Zähne im Kiefer. In der linken Hand hält sie eine Bierplastikflasche. Garantiert nicht alkoholfrei, man riecht das jetzt auch. Zu ihren Füßen liegt ein Rucksack, ein mitgenommenes Teil, verschlissen und ebenfalls übel riechend. Der Vollständigkeit halber sei abschließend noch eine dritte Frau erwähnt, die der Filzhut-Frau gegenübersitzt. Sie sitzt also neben der zahnlosen Frau. Das ergibt: drei Frauen und ein Hund auf vier Sitzplätzen in der Stadtbahn.

Der Hund hat bezahlt, der darf da sitzen

«Muss denn der Hund da sitzen?», fragt nun die dritte Frau die zweite, die auf diese Frage gewartet hat. Solche Leute wollen immer Ärger, wollen sich immer zanken und Argumente austauschen. Liegt vielleicht daran, dass solche Leute oft besoffen sind. Besoffene sind immer gefährlich, auch wenn sie keine Zähne mehr haben. «Der Hund hat bezahlt, der darf da sitzen», erklärt die Frau ohne Zähne (viel zu laut und etwas lallend).

Ich habe mich das schon öfter gefragt: Müssen Hunde auch eine Fahrkarte kaufen? Kostet die dann weniger? Und wie kann ein Hund ein Ticket lösen – so ohne Geld und ohne Sprachfähigkeit? Ohne Hände. Und hat diese Frau mit Plastikbierflasche und ohne Zähne wirklich für ihren Hund ein Ticket erworben? Sie hat doch sicherlich nicht mal selbst eines, will ich ihr prompt unterstellen. Ich würde gern meine nicht vorhandene Autorität missbrauchen und mich als Kontrolleur ausgeben – verbleibe aber observierend an Ort und Stelle. Was soll das auch? Was bilde ich mir ein?

Die dritte Frau, die offenbar lebensmüde ist und ebenfalls Streit sucht, redet nun auf die Frau ohne Zähne ein. Uns Zuhörern fällt es zunehmend schwer, die Worte zu verstehen. Da ist viel Wut im Spiel. Die erste Frau mit Filzhut bleibt derweil ruhig sitzen und tut so, als würde das Streitgespräch nicht passieren. Sie ist eins mit der Bahn, dem Sitz, dem Universum. Und ich muss hier stehen, denkt ein Mann, der den ganzen Tag in einem Bürokabuff sitzen und auf den Bildschirm starren muss. Der Hund gähnt. Ich auch. Alle gähnen.

Abgang

«Ich will hier nicht mehr sitzen!», schreit die Frau ohne Zähne plötzlich, steht auf und schultert ihren Rucksack. Passt sich gut, ist ohnehin ihre Station. Der Hund hopst vom Sitz und läuft seinem Frauchen hinterher. Er weiß es nicht besser. In der Bahn herrscht große Erleichterung. «Die geht jetzt erst mal ihr Methadon holen», vermutet ein Mann mit Vollbart. Seine Begleiterin nickt und lacht. Sie hat noch alle Zähne im Kiefer stecken. Wobei ich nicht ausschließen kann, dass ihr die Weisheitszähne entfernt worden sind. Aber das ist irrelevant. Auf dem Platz, auf dem der Hund saß, sitzt nun niemand. Auch der Platz der zahnlosen Frau bleibt leer.

Frau Uhle

18. Mai 2013 · Kasse #10

Die Frau hat rote Haare. Die sind sicherlich gefärbt, denke ich. Gefärbt, um ihr Alter zu verbergen, das Alter der Frau, deren Falten im Gesicht jedem Betrachter das wahre Alter verraten. Die Haare täuschen niemanden, am wenigsten mich, der hinter der Frau steht und vor Abscheu kaum noch atmen kann, denn die Frau mit den roten Haaren ist die langsamste Frau der Welt. Langsam wie ein Gletscher, langsam wie die Kontinente, die auf der Erdoberfläche gemächlich entlang schrammen. So langsam ist sie und packt in Zeitlupe – in Ultrazeitlupe – ihre Sachen in einen Jutebeutel. Die Packungen. Die Dosen. Das Obst. Das Gemüse. Die Tiefkühlpizza. Vom Förderband in die Stofftasche. Ohne Eile.

Die Kassiererin heißt Frau Uhle, jedenfalls steht das auf dem Namensschild an ihrer Brust. Wenn ich sie wäre, würde ich mir ein Pseudonym verpassen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, bei dem Gesocks, das in diesem Laden einkauft. Frau Uhle ist eingefroren. Sie hält aus und wartet ab. Sie hat nichts vor, hat keine Eile. Sie sitzt hier seit Stunden an Kasse #10 und kassiert. Nennt Preise und gibt Wechselgeld zurück. Jeder erwartet das von ihr, mehr macht sie nicht.

Frau Uhle ist hübsch, wenn auch ein wenig zu, ähm, braun. Also Sonnenstudiobraun! Das sieht einfach nicht gesund aus. Finde ich, kann ihr ja egal sein, was ich denke. Und Frau Uhle hat einen Diamanten an der Nase, der glitzert schön, vielleicht ist das nur Glas oder Plastik. Oder ein Popel. Frau Uhle, Frau Uhle. Sie wartet und wartet. Gezeiten. Monde. Die Decke ist weiß, das Förderband schwarz. Ich habe irgendwann alles angeschaut, alles gesehen. Die rothaarige Frau packt noch immer ein. Die Dosen. Das Obst. Die Leberwurst. Sie könnte der Kassiererin ja schon mal ein bisschen Geld geben – wie wäre das? Etwas mitdenken und mitmachen, mal an den jungen Mann denken, der sein Leben noch vor sich hat und mehr von der Welt als diesen Supermarkt sehen will. Das Meer, das andere Ende des Kontinents, der entlang schrammt. Die Fernsehzeitung. Die Butter. Die Bierdosen.

Frau Uhle zählt ihre Fingernägel durch. Alle noch da, alle elf Stück. «Entschuldigung, aber der elfte ist meiner.» – Also nur zehn. Zehn ist normal. Zehn Finger mit lackierten Fingernägeln. Frau Uhle, Frau Uhle. Sie geht oft ins Sonnenstudio, denke ich mir, will sie aber nicht fragen. Geht mich nichts an. Ich war noch nie im Sonnenstudio. Habe immer die echte Sonne zum Bräunen verwendet. Oder Frau Uhle war im Urlaub. Mit ihrem Freund am Pool liegen. Abends ficken.

Die rothaarige Frau guckt mich plötzlich an. «Was, was? Ficken? Was denken Sie denn da?» – «Ich muss mich entschuldigen, aber geben Sie der Frau Uhle doch schon mal ein bisschen Geld, damit sie das Wechselgeld aus der Kasse suchen kann.» – «Was fällt Ihnen ein, ich gebe mein Geld, wann ich will, und nicht, wann Sie das wollen! Sie Schwein. Ficken sagt man nicht.» – «Ich habe es doch nur gedacht.» – «Trotzdem.» – «Bitte geben Sie der Frau Uhle ein bisschen Geld.» Wie sehr ich ihr in die Fresse schlagen will, der rothaarigen Frau.

«Das macht 98,76 Euro», sagt Frau Uhle. Bei Gott, hoffentlich fängt die Alte jetzt nicht an und fummelt die 76 Cent in einzelnen Centstücken aus ihrer Scheißgeldbörse! Die rothaarige Frau zieht einen 100-Euro-Schein heraus, reicht ihn rüber zu Frau Uhle. Jubel bricht aus, es geht weiter, wir werden hier nicht sterben. Mein Grabstein an Kasse zehn. Frau Uhle hat das Wechselgeld schon parat, hier noch der Bon, auf Wiedersehen, danke für Ihren Einkauf, blablabla. Die rothaarige Frau, die so alt ist wie Gott und das Universum, stopft die Moneten in ihre Handtasche. Und dann packt sie weiter ein, Packungen und Dosen vom Förderband in ihre Tasche, ganz in Ruhe, nur keine Hektik. Ich sterbe.

Mit den Scherenhänden

1. Mai 2013

Zehn Euro für eine Schere ist ganz schön viel, finde ich, der sich aus Versehen mal eine Schere für Linksschneider gekauft hat. Mein Friseur sagt, seine Schere habe fast tausend Euro (sic) gekostet, genauer: neunhundertsiebzig Euro. Die zweitbeste Schere, die es zu kaufen gibt, die kommt aus Japan – das Samuraischwert der Barbiere.

Ich stelle mir vor, wie mein Friseur nach Japan reist, mit Rucksack und Sandalen. Den Berg rauf, durchs Gebüsch, um dann mit blutigen Füßen anzukommen. Ein Mann mit langem Bart erwartet den Friseur: «Nimm Platz, vielleicht Sake?» – «Arigato.» Sie sitzen beisammen, schauen auf die Landschaft. Japan ist schön, ja, und das Wetter spielt auch mit. «Also», sagt der Mann mit langem Bart irgendwann. «Eine Schere willst du.» – «Jawohl», bestätigt mein Friseur. – «Sollst du haben.» Tage vergehen, er schmiedet die Schere aus weichem Stahl, das dauert, ist das Warten aber wert.

Mein Friseur sagt, dass er nicht nach Japan gereist ist, die Schere gab’s bei Amazon im Fachgeschäft hier in Deutschland. Ich sage, dass ich mir Japan als schönes Land vorstelle. Wir wechseln das Thema, es geht anschließend um Kochsendungen im Fernsehen. Davon habe ich aber keine Ahnung. Wir schweigen.

Voll wie ein Etui

20. Juni 2012

In der Vorlesung sitze ich neben einer jungen Frau. Sie trägt mindestens einen Perlenohrring und ein dazu passendes Halstuch. Sie trägt außerdem eine Art größere Handtasche aus gefärbtem Leder bei sich, in der sie ihre Unterlagen durch die Gegend trägt. Anders als ihre Freundinnen, hat sie nur eine 0,5-Liter-Flasche dabei: Mineralwasser von Lidl. Die Frauen neben ihr führen teilweise 1,5-Liter-Kanister mit sich, als wollten sie nachher noch eine Wanderung durch die Berge machen. Aber es gibt hier gar keine Berge.

Das Mädchen mit dem Perlenohrring spielt Malen für Freunde (oder: Draw Something) auf dem Handy. Catchphrase: «Montagsmaler meets Android!» So ganz begriffen hat meine Sitznachbarin das Konzept des Spiels aber nicht: Sie malt eine Art krummes Baguette hin und schreibt (sic!) darunter: Grillen. Was mich ratlos macht. Was meint sie nur? Oder soll das eine Wurst sein, wie in: Grillwurst? Soweit ich informiert bin, geht es bei diesem Spiel doch darum, etwas zu malen und nicht darum, etwas zu (be)schreiben. Sonst schreib doch gleich hin: «Grillwurst» oder «Grillpimmel».

Meine Sitznachbarin, deren Namen ich vergessen habe, benutzt ein Handy von Samsung und führt nebenbei drei schriftliche Korrespondenzen parallel, eine davon via WhatsApp. Sie hat vor sich ein Etui auf der Ablage stehen – und ich brauche meine volle Konzentration, um sie dafür zu verachten. Das Etui platzt fast aus allen Nähten, auch wenn es eher geklebt zu sein scheint. Sie hat alles dabei: Bleistifte, Eddings, einen flachen Locher, Lineale, Kulis, Textmarker, Buntstifte, Radiergummis und bunte Filzstifte.

Ich selbst haben einen einzigen Stift bei mir: Einen kleinen Kugelschreiber aus Plastik, der für den Notfall vorgesehen ist, der hoffentlich niemals eintritt. Das Mädchen mit dem Perlenohrring hat mehr Stifte im Etui, als ich in meinem ganzen Leben je besessen habe. Und das alles trägt sie jeden Tag durch die Gegend, in ihrer großen Handtasche, die sie sich nicht mal ordentlich um die Schulter hängen kann, sondern in die Armbeuge hängen muss.

Erwachsene brauchen nicht mehr als einen verfickten Stift

Das Etui ist für mich der Inbegriff von Unterdrückung und Angepasstheit an ein System, das diejenige zerstört, die es infrage stellen. Ich rede natürlich von der Schule, zu der das Etui und der College-Block gehören, wie auch das Stillsitzen und Aufpassen, wie mündliche Noten und lächerliche Kreidestummel. Und Plastikmappen, Deckblätter, blaue Briefe (die nie blau waren) und die erstaunlich schlechte Akustik: «Das habe ich akustisch nicht verstanden.» ¶ Als ich mit der Schule fertig war, habe ich als Erstes mein Etui entsorgt und mir geschworen, nie wieder eines auch nur anzusehen. Erwachsene brauchen einfach nicht mehr als einen verfickten Stift. Finde ich. Schließlich ist das fiebrige Anmalen von Texten doch im Prinzip großer Unsinn, mal ehrlich, mal unter uns. Was soll das schon, wenn die Seite statt weiß nun gelb ist? Kunst ist das keine.

Seat 43C

18. Februar 2012 · Sitz 43C

Flug nach Miami, es ist das Jahr 2004. Mein persönliches Unglück entdeckte ich zu spät, dabei stand es schon auf dem Ticket: Seat 43C. Mir konnte jetzt nur noch eine göttliche Intervention helfen, eben ein schnelles Wunder. Doch nichts geschah, Gott war längst um die Ecke gebracht worden und das Universum machte einfach weiter wie bisher. Seat 43C war ein Mittelplatz. Schlimmer ist eigentlich nur ein Totalausfall der Triebwerke – also der endgültige Aufprall auf die Erdkruste.

Wir waren in Madrid gestartet. Ich spreche kein Spanisch und die Dame am Check-in hatte mein Englisch nicht verstanden – oder es nicht verstehen wollen. Sie sollte mir einen Fensterplatz geben, doch das war nicht drin, die Sache war aussichtslos. Ich schluckte meinen Frust mit einem überteuerten Sandwich runter. Es muss ein letzter Hauch von Verzweiflung gewesen sein, der mich später versuchen ließ, mit anderen Leidensgenossen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht könnten wir eine Selbsthilfegruppe gründen oder wir würden eine blutige Revolte anzetteln, bis sie uns endlich geben würden, was wir wollten: Fensterplätze für alle, zumindest aber für mich!

Heute würden keine Köpfe mehr rollen

Stattdessen befiel uns eine allgemeine Müdigkeit, als das Boarding begann. Heute würden keine Köpfe mehr rollen. Nun sitze ich also hier auf meinem Mittelplatz, auf dem ich die nächsten acht Stunden verbringen soll. Neben mir hört ein Spanier mit einem klobigen CD-Player Musik. Die Rhythmen hämmern auf seine Ohren ein, nervös zappelt er auf seinem herrlichen Fensterplatz herum, als würde er im Sitzen tanzen. Schließlich singt er sogar leise mit. Oder weint er? Sicherlich vor Freude. Ein Absturz scheint mir nicht mehr als die große Tragödie. Aber natürlich stürzen wir nicht ab, so was passiert immer nur den anderen.

Tagebucheintrag

18. Februar 2012

Ich stehe eine Stunde früher auf als sonst: Es ist kurz nach zehn, draußen sind Wolken, viele Wolken, sie kleben zusammen und bilden eine Decke. Oben hellgrau, unten dunkelgrau. Der Asphalt ist feucht. ¶ Im Supermarkt kaufe ich nur Bananen, beim Hineingehen rennt mir ein Kassierer hinterher. Ein Agent, es ist so weit, er rammt mir die Spitze seines Regenschirms ins Bein. Gift. Tod in der Frischeabteilung. Ich überlege, ob ich Kekse kaufen soll. ¶ Der Mann vor mir kauft nur Mülltüten. Bestimmt für Leichenteile. Ganz vorn kippt eine alte Frau ihr ganzes Portemonnaie auf das Band. Hundert Millionen Reichsmark in Münzen, in kleinen Münzen, wir ertrinken fast in ihnen. Die Kassiererin stirbt, sie war so jung. Sie muss jetzt dreiundvierzig Cent zusammenkramen. Einen Cent hat sie schon. Wir warten. ¶ Draußen sind Autos. Am Wochenende müssen die Menschen einen Tag ohne Konsum aushalten. Viele ertragen das kaum. Ich kaufe lieber auch noch ein: Trinkwasser, Batterien, Taschenlampen, Munition und Zeitschriften. ¶ Gestern Abend, als ich nicht einschlafen konnte, habe ich darüber nachgedacht, wie viele Bücher ich mitnehmen würde, wenn ich zum Mars flöge. Und vor allem: welche. Die Hin- und Rückfahrt, ich meine -flug, dauert drei Jahre. Könnte ich endlich mal Herr der Ringe lesen, dachte ich.

Was Jesus täte

18. Juli 2011 · Kino

Neulich war ich mit meiner Begleitung im Kino. Wir verzichteten auf modernen 3D-Schnickschnack und sahen ein altbewährtes Lichtspiel, das immerhin ein digitaler Projektor an die Leinwand warf. Meine Begleitung bemerkte den Bildunterschied jedoch nicht, während ich voller Begeisterung ob der herrlichen Farben und Kontraste die Leinwand ablecken wollte. Ich tat dies aber nicht, weil ich ganz nach vorn hätte gehen müssen und der Boden dermaßen klebte, dass nur ein zähes Schleichen möglich war. Der Abspann wäre längst gelaufen, ehe ich unten angekommen wäre. Also blieb ich sitzen und machte meine Sitznachbarin auf das hervorragende Bild aufmerksam: «Keine Fussel, keine Flusen und keine Flecken – siehst du das denn nicht?» – «Ne.»

Zuvor hatten wir in der langen Schlange gestanden, um reservierte Karten abzuholen. Während ich meine Begleitung mit meinen Überlegungen langweilte, stand plötzlich die Kinokartenverkäuferin auf, lugte über die Scheibe – sicherlich Panzerglas – und richtete das Wort an uns, die wartenden Kinogänger.

Ob denn jemand die Güte besäße, einem kleinen Mädchen hier vorn fünfzig Cent zu geben, sie würde sich sonst die Kinokarte nicht leisten können, erläuterte die Verkäuferin. Ihr selbst sei es in der Rolle als Kinokartenverkäuferin aus rechtlichen Gründen nicht gestattet, Bargeld während der Arbeitszeit mitzuführen, weswegen sie sich nun voller Hoffnung an uns, die guten Kinogänger in der Schlange, wendete.

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Wie bei Seinfeld

6. Juli 2010

Also los. Es war Mittwoch, manchmal nervt mich dieser Tag, auch dieser Mittwoch nervte mich, und meine Laune war furchtbar. Ich betrat Starbucks und sagte dem Mann hinter dem Tresen, was ich wollte: «Tall Latte to go.» Der Mann nickte eifrig und wiederholte: «Tall Latte to go.» Er schob die Designerbrille zurück an seine Nasenwurzel und kritzelte etwas auf meinen Becher – allerdings nicht meinen Namen, den kannte er nämlich nicht. Ob es stimmt, dass sie einem in die Augen schauen müssen?

Ein zweiter Mann wollte abermals wissen, was ich hatte, und dann wollte er Geld von mir. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete satte drei Euro und war brühheiß; ich zahlte passend, also centgenau.

Hätte ich doch einen iPod bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche

«Brühheiß», wiederholte mein ausgedachter Anwalt, der illegal praktizierte und sich wie zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrennen würde, um anschließend Starbucks zu verklagen. Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und ich drehte ihm den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Shopping-Mall, weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das in einem großen Lebewesen lebt.

Die unendlichen Wände waren sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten nach ihren Frisuren, junge Typen sahen nach, ob ihre Schlüpfer aus der Hose lugten; das war so gewollt. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort und verschwand nach draußen. Hätte dieser Mann vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es regnen? Nein, es würde nicht regnen, vielleicht nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. Ich ging und ging, ich war irgendwann verschwunden.

In der Untergrundbahn gibt es Knöpfe an den Türen, wenn man die drückt, leuchtet der kleine Kasten, der den Knopf umgibt. Wir alle denken, dass dieser Plastikknopf dafür da ist, dass sich die Tür beim nächsten Halt auf jeden Fall öffnen wird. Irgendwie beschleicht mich aber das Gefühl, dass der Knopf direkt mit der kleinen Glühbirne verbunden ist und nicht mehr macht, als dieses Licht aktiviert und die Tür ohnehin aufgeht. Aber die Beweislage ist dünn.


Auf meiner Festplatte ruhen viele Textdateien. Manchmal öffne ich eine davon und lese die Vergangenheit wie ein Geschichtsstudent auf verzweifelter Suche nach einem Thema für die nächste Hausarbeit. Diese Notiz entstand am 6. Juli 2010 gegen Mitternacht, doch die Datei trägt den Titel 30. Juni. Dieser Tag war denn auch ein Mittwoch, wie am Anfang des Textes beschrieben.