In der Vorlesung sitze ich neben einer jungen Frau. Sie trägt mindestens einen Perlenohrring und ein dazu passendes Halstuch. Sie trägt außerdem eine Art größere Handtasche aus gefärbtem Leder bei sich, in der sie ihre Unterlagen durch die Gegend trägt. Anders als ihre Freundinnen, hat sie nur eine 0,5-Liter-Flasche dabei: Mineralwasser von Lidl. Die Frauen neben ihr führen teilweise 1,5-Liter-Kanister mit sich, als wollten sie nachher noch eine Wanderung durch die Berge machen. Aber es gibt hier gar keine Berge.
Das Mädchen mit dem Perlenohrring spielt Malen für Freunde (oder: Draw Something) auf dem Handy. Catchphrase: «Montagsmaler meets Android!» So ganz begriffen hat meine Sitznachbarin das Konzept des Spiels aber nicht: Sie malt eine Art krummes Baguette hin und schreibt (sic!) darunter: Grillen. Was mich ratlos macht. Was meint sie nur? Oder soll das eine Wurst sein, wie in: Grillwurst? Soweit ich informiert bin, geht es bei diesem Spiel doch darum, etwas zu malen und nicht darum, etwas zu (be)schreiben. Sonst schreib doch gleich hin: «Grillwurst» oder «Grillpimmel».
Meine Sitznachbarin, deren Namen ich vergessen habe, benutzt ein Handy von Samsung und führt nebenbei drei schriftliche Korrespondenzen parallel, eine davon via WhatsApp. Sie hat vor sich ein Etui auf der Ablage stehen – und ich brauche meine volle Konzentration, um sie dafür zu verachten. Das Etui platzt fast aus allen Nähten, auch wenn es eher geklebt zu sein scheint. Sie hat alles dabei: Bleistifte, Eddings, einen flachen Locher, Lineale, Kulis, Textmarker, Buntstifte, Radiergummis und bunte Filzstifte.
Ich selbst haben einen einzigen Stift bei mir: Einen kleinen Kugelschreiber aus Plastik, der für den Notfall vorgesehen ist, der hoffentlich niemals eintritt. Das Mädchen mit dem Perlenohrring hat mehr Stifte im Etui, als ich in meinem ganzen Leben je besessen habe. Und das alles trägt sie jeden Tag durch die Gegend, in ihrer großen Handtasche, die sie sich nicht mal ordentlich um die Schulter hängen kann, sondern in die Armbeuge hängen muss.
Erwachsene brauchen nicht mehr als einen verfickten Stift
Das Etui ist für mich der Inbegriff von Unterdrückung und Angepasstheit an ein System, das diejenige zerstört, die es infrage stellen. Ich rede natürlich von der Schule, zu der das Etui und der College-Block gehören, wie auch das Stillsitzen und Aufpassen, wie mündliche Noten und lächerliche Kreidestummel. Und Plastikmappen, Deckblätter, blaue Briefe (die nie blau waren) und die erstaunlich schlechte Akustik: «Das habe ich akustisch nicht verstanden.» ¶ Als ich mit der Schule fertig war, habe ich als Erstes mein Etui entsorgt und mir geschworen, nie wieder eines auch nur anzusehen. Erwachsene brauchen einfach nicht mehr als einen verfickten Stift. Finde ich. Schließlich ist das fiebrige Anmalen von Texten doch im Prinzip großer Unsinn, mal ehrlich, mal unter uns. Was soll das schon, wenn die Seite statt weiß nun gelb ist? Kunst ist das keine.
Flug nach Miami, es ist das Jahr 2004. Mein persönliches Unglück entdeckte ich zu spät, dabei stand es schon auf dem Ticket: Seat 43C. Mir konnte jetzt nur noch eine göttliche Intervention helfen, eben ein schnelles Wunder. Doch nichts geschah, Gott war längst um die Ecke gebracht worden und das Universum machte einfach weiter wie bisher. Seat 43C war ein Mittelplatz. Schlimmer ist eigentlich nur ein Totalausfall der Triebwerke – also der endgültige Aufprall auf die Erdkruste.
Wir waren in Madrid gestartet. Ich spreche kein Spanisch und die Dame am Check-in hatte mein Englisch nicht verstanden – oder es nicht verstehen wollen. Sie sollte mir einen Fensterplatz geben, doch das war nicht drin, die Sache war aussichtslos. Ich schluckte meinen Frust mit einem überteuerten Sandwich runter. Es muss ein letzter Hauch von Verzweiflung gewesen sein, der mich später versuchen ließ, mit anderen Leidensgenossen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht könnten wir eine Selbsthilfegruppe gründen oder wir würden eine blutige Revolte anzetteln, bis sie uns endlich geben würden, was wir wollten: Fensterplätze für alle, zumindest aber für mich!
Heute würden keine Köpfe mehr rollen
Stattdessen befiel uns eine allgemeine Müdigkeit, als das Boarding begann. Heute würden keine Köpfe mehr rollen. Nun sitze ich also hier auf meinem Mittelplatz, auf dem ich die nächsten acht Stunden verbringen soll. Neben mir hört ein Spanier mit einem klobigen CD-Player Musik. Die Rhythmen hämmern auf seine Ohren ein, nervös zappelt er auf seinem herrlichen Fensterplatz herum, als würde er im Sitzen tanzen. Schließlich singt er sogar leise mit. Oder weint er? Sicherlich vor Freude. Ein Absturz scheint mir nicht mehr als die große Tragödie. Aber natürlich stürzen wir nicht ab, so was passiert immer nur den anderen.
Ich stehe eine Stunde früher auf als sonst: Es ist kurz nach zehn, draußen sind Wolken, viele Wolken, sie kleben zusammen und bilden eine Decke. Oben hellgrau, unten dunkelgrau. Der Asphalt ist feucht. ¶ Im Supermarkt kaufe ich nur Bananen, beim Hineingehen rennt mir ein Kassierer hinterher. Ein Agent, es ist so weit, er rammt mir die Spitze seines Regenschirms ins Bein. Gift. Tod in der Frischeabteilung. Ich überlege, ob ich Kekse kaufen soll. ¶ Der Mann vor mir kauft nur Mülltüten. Bestimmt für Leichenteile. Ganz vorn kippt eine alte Frau ihr ganzes Portemonnaie auf das Band. Hundert Millionen Reichsmark in Münzen, in kleinen Münzen, wir ertrinken fast in ihnen. Die Kassiererin stirbt, sie war so jung. Sie muss jetzt dreiundvierzig Cent zusammenkramen. Einen Cent hat sie schon. Wir warten. ¶ Draußen sind Autos. Am Wochenende müssen die Menschen einen Tag ohne Konsum aushalten. Viele ertragen das kaum. Ich kaufe lieber auch noch ein: Trinkwasser, Batterien, Taschenlampen, Munition und Zeitschriften. ¶ Gestern Abend, als ich nicht einschlafen konnte, habe ich darüber nachgedacht, wie viele Bücher ich mitnehmen würde, wenn ich zum Mars flöge. Und vor allem: welche. Die Hin- und Rückfahrt, ich meine -flug, dauert drei Jahre. Könnte ich endlich mal Herr der Ringe lesen, dachte ich.
Neulich war ich mit meiner Begleitung im Kino. Wir verzichteten auf modernen 3D-Schnickschnack und sahen ein altbewährtes Lichtspiel, das immerhin ein digitaler Projektor an die Leinwand warf. Meine Begleitung bemerkte den Bildunterschied jedoch nicht, während ich voller Begeisterung ob der herrlichen Farben und Kontraste die Leinwand ablecken wollte. Ich tat dies aber nicht, weil ich ganz nach vorn hätte gehen müssen und der Boden dermaßen klebte, dass nur ein zähes Schleichen möglich war. Der Abspann wäre längst gelaufen, ehe ich unten angekommen wäre. Also blieb ich sitzen und machte meine Sitznachbarin auf das hervorragende Bild aufmerksam: «Keine Fussel, keine Flusen und keine Flecken – siehst du das denn nicht?» – «Ne.»
Zuvor hatten wir in der langen Schlange gestanden, um reservierte Karten abzuholen. Während ich meine Begleitung mit meinen Überlegungen langweilte, stand plötzlich die Kinokartenverkäuferin auf, lugte über die Scheibe – sicherlich Panzerglas – und richtete das Wort an uns, die wartenden Kinogänger.
Ob denn jemand die Güte besäße, einem kleinen Mädchen hier vorn fünfzig Cent zu geben, sie würde sich sonst die Kinokarte nicht leisten können, erläuterte die Verkäuferin. Ihr selbst sei es in der Rolle als Kinokartenverkäuferin aus rechtlichen Gründen nicht gestattet, Bargeld während der Arbeitszeit mitzuführen, weswegen sie sich nun voller Hoffnung an uns, die guten Kinogänger in der Schlange, wendete.
WeiterlesenAlso los. Es war Mittwoch, manchmal nervt mich dieser Tag, auch dieser Mittwoch nervte mich, und meine Laune war furchtbar. Ich betrat Starbucks und sagte dem Mann hinter dem Tresen, was ich wollte: «Tall Latte to go.» Der Mann nickte eifrig und wiederholte: «Tall Latte to go.» Er schob die Designerbrille zurück an seine Nasenwurzel und kritzelte etwas auf meinen Becher – allerdings nicht meinen Namen, den kannte er nämlich nicht. Ob es stimmt, dass sie einem in die Augen schauen müssen?
Ein zweiter Mann wollte abermals wissen, was ich hatte, und dann wollte er Geld von mir. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete satte drei Euro und war brühheiß; ich zahlte passend, also centgenau.
Hätte ich doch einen iPod bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche
«Brühheiß», wiederholte mein ausgedachter Anwalt, der illegal praktizierte und sich wie zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrennen würde, um anschließend Starbucks zu verklagen. Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und ich drehte ihm den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Shopping-Mall, weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das in einem großen Lebewesen lebt.
Die unendlichen Wände waren sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten nach ihren Frisuren, junge Typen sahen nach, ob ihre Schlüpfer aus der Hose lugten; das war so gewollt. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort und verschwand nach draußen. Hätte dieser Mann vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es regnen? Nein, es würde nicht regnen, vielleicht nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. Ich ging und ging, ich war irgendwann verschwunden.
In der Untergrundbahn gibt es Knöpfe an den Türen, wenn man die drückt, leuchtet der kleine Kasten, der den Knopf umgibt. Wir alle denken, dass dieser Plastikknopf dafür da ist, dass sich die Tür beim nächsten Halt auf jeden Fall öffnen wird. Irgendwie beschleicht mich aber das Gefühl, dass der Knopf direkt mit der kleinen Glühbirne verbunden ist und nicht mehr macht, als dieses Licht aktiviert und die Tür ohnehin aufgeht. Aber die Beweislage ist dünn.
Auf meiner Festplatte ruhen viele Textdateien. Manchmal öffne ich eine davon und lese die Vergangenheit wie ein Geschichtsstudent auf verzweifelter Suche nach einem Thema für die nächste Hausarbeit. Diese Notiz entstand am 6. Juli 2010 gegen Mitternacht, doch die Datei trägt den Titel 30. Juni. Dieser Tag war denn auch ein Mittwoch, wie am Anfang des Textes beschrieben.
Es ist Mittwoch – den man, wie ich neulich von meiner unerwiderten [unleserlich] lernte, auch «Bergfest» nennt. In einer hiesigen Lokalität tritt eine norwegische Kapelle auf – Katzenjammer. Ein musikalischer Frontbericht.
«Ich zahle in bar», sage ich und gebe dem Mädchen 50 Cent und meine Jacke und gehe anschließend wieder weg, um mir bei einem anderen Mädchen ein Bier zu kaufen. Aus einer merkwürdigen Laune heraus verlange ich nach einem Beck’s Green Lemon. Das Mädchen stellt mir die Flasche hin und weist in langsamen, deutlichen Worten auf das Pfand hin, welches einen Euro beträgt. Ein Euro. Pfand.
«Ja, ja, steht doch da auch», sage ich und nippe an dem Bier. Ich bemerke, dass es ziemlich grässlich schmeckt. Warum habe ich kein normales Bier genommen? Keine Ahnung. Manchmal passieren mir so Ausfälle und ich handle völlig seltsam. Ich stehe dann beispielsweise in U-Bahnen und denke mir: Diese Frau dort ist sehr […]. Ich sollte ihr eine Frage stellen. Das tue ich dann nicht und fahre mit anderen Bahnen aufs Land stattdessen. Das kann nicht richtig sein. Nein, niemals. Ich habe mir angewöhnt, in mehreren U-Bahnen gleichzeitig zu fahren, das geht in der Regel schneller.
Ich stehe mit meinem Beck’s Green Lemon herum und schaue, wer da noch so alles ist. (Ich sollte wohl anmerken, dass wir uns hier bei einem Konzert befinden. Es ist noch eine Stunde oder so hin, vielleicht auch nur eine halbe, ich habe mir das Tragen einer Armbanduhr abgewöhnt, weil ich meine Uhr erstens nicht mochte und zweitens blablabla.) Ich stehe da und schaue, es sind viele linke Ökohippies da sowie angehende Lehrerinnen. Und Nora mit ihrem Freund.
«Seht mich doch aaa-han, ich bin mit meinem Freund da!», sagt sie. – Ich könnte ja mal «Hallo» sagen, denke ich, aber nee, wieso denn? Sie könnte ja auch mal angetorkelt kommen und sagen: «Das hier ist der Fridolin-Ewald-Blumenkot, ode mein Faaa-reund. Sein Geschlecht mag zwar winzig sein und im Bett ist er spaßig wie eine Flasche Altöl, aber […], lalala.» Das macht sie aber nicht, sie tut stattdessen so, als würde sie mich nicht sehen. «Sag mal, bis du besoffen?» – «Ich wünschte, aber das ist Becks Green Lemon, das hat nur 2,5 % Alkohol.» – «Wieso hast du denn kein normales Bier genommen?» – «Halt doch den Rand!»
So, aber weiter, wir wollen mal zum Konzert kommen: Die Musik ist also schön und ordentlich, also wirklich, und wir alle tanzen vor uns hin. Beachtenswert sind die Männer, die wie Felsen in den wabernden Menschenknödeln stehen und mit stoischer Miene das Konzert verfolgen. Bewegungslos, als wäre nichts. Und wer hungrig ist, kann mal abbeißen. Fleisch. Menschenfleisch. Soilent Grün. «Du hast da ein Stück Schulter zwischen den Zähnen.»
An dieser Stelle brach die Übertragung via Fax leider ab. Wir bitten zudem, die schlechte Bild- und Tonqualität zu entschuldigen. Küsschen aus der Redaktion!
Ein dumpfes Krachen. Ich habe es kommen sehen: Ein Golf rammt den Linienbus, in dem ich sitze. Die Fahrer steigen aus, der Busfahrer und der Golffahrer, und wir alle gaffen. Der Busfahrer haut dem jungen Mann jovial auf die Schulter und sagt so was wie: «Hast du Scheiße gebaut, weißt du selber?»
Die Fahrt geht weiter. Einige Fahrgäste sind in Panik voreilig ausgestiegen. Klar, das hätte Stunden dauern können. Jetzt sind’s nur fünf Minuten Verspätung.
Die Fremde neben mir isst Pommes aus der Papiertüte. «McDonald’s», kommentiere ich. – «Ja», bestätigt sie. Ich frage mich, was sie denkt. Ich frage mich, ob sie das hier lesen wird. Eher nicht, wäre schon ziemlich unwahrscheinlich, aber doch möglich. Dabei weiß ich nicht mal ihren Namen; sie meinen aber auch nicht. Wir führen eine Art Unterhaltung. Während sie spricht, schaut sie stur geradeaus. Als würde sie den Bus steuern, als müsste sie auf den Verkehr achten. Manchmal dreht sie sich auch nach hinten um und schaut nach, ob es dort einen freien Platz gibt. Beim Aussteigen sagt sie «Tschüss». Ich steige dann auch aus und stehe auf dem festgetretenen Schnee.
Ein anderer Tag, eine andere Busfahrt. Mich plagt ein Ohrwurm: I am Iron Man! / Has he lost his mind? / Can he see or is he blind? Neulich unterhielt ich mich mit einer Kommilitonin über Musik und sie verriet, dass sie Black Sabbath hören würde. Meistens verweisen die Leute aufs Radio, wenn ich nach dem Musikgeschmack frage. Sie hatte –
Ein alter Mann fällt aus dem Bus in den weichen Schnee, verbleibt am Boden, sich auf Händen und Knien abstützend. Seine Beine zittern. Er schafft es nicht, sich allein aufzurichten. Helfer eilen herbei, auch der Busfahrer steigt schließlich aus, und zu dritt richten sie den alten Mann wieder auf, der sofort zu motzen beginnt. Ziel seiner verbalen Attacke ist der Busfahrer, er habe das Fahrzeug beschissen geparkt, viel zu weit vom Bordstein entfernt. Es wird gelacht. Weißt du selber?
Ich befinde mich in einer Mall, in einem Einkaufszentrum, das sich selbst als […]-Galerie bezeichnet. Es ist Dezember, deshalb ist hier viel los. Auch ich schleppe eine prall gefüllte Einkaufstüte mit mir herum. An einer Eis-Bar sehe ich eine junge Frau stehen: Sie kommt mir bekannt vor – und ich finde sie attraktiv: Sie hat ein süßes Gesicht und ein Piercing in der Oberlippe. Sie bemerkt mich nicht, denn sie unterhält sich mit einer anderen Frau. Ich überlege, woher ich sie kenne; es will mir nicht einfallen. Ich würde sie gern ansprechen, aber ich kann nicht. Bin zu feige. Geh nach Hause.
Später weiß ich endlich, woher ich die Frau kenne! Sie arbeitet im Cooper’s, bedient dort die Leute, bringt ihnen Bier und Baguettes. Ich überlege mir, wie wenig originell es wäre, sie dort anzusprechen; ich wäre als Gast da und würde ihr sagen, was ich empfinde. (Bitte nicht.) Ich gehe davon aus, dass es dutzende Männer sind, die in einer regulären Schicht ihr Herz und ihr Maul öffnen, um der schönen Bedienung zu sagen, wie schön sie eigentlich ist etc. Fürchterlich.
Im hiesigen Irish Pub kaufen die männlichen Gäste den weiblichen Bedienungen oftmals Rosen. Ein kleiner Mann kommt alle halbe Stunde vorbei, geht von Tisch zu Tisch und verkauft die Pflanze für einen Euro. Diese wandern sodann aus den Händen der Bedienungen in ein mit Wasser gefülltes Weizenglas; in diesem befinden sich ein halbes Dutzend Rosen. Ich habe gesehen, wie lieblos sie von den Beschenkten hineingestellt werden.
Diese Zeilen notierte ich am 3. Dezember 2009 in einem anderen Blog und in leicht geänderter Form. Es steht noch aus, ob ich den Text peinlich finde oder in Ordnung. Solange soll er hier als mahnendes Beispiel ausliegen.
Im Hotel. Es ist kurz vor halb elf (morgens). Jemand hat hier sein Bezahlinternet «offen» gelassen, sieben Minuten noch, die Zeit rennt. Gerade herrlich gefrühstückt. Noch sechs Minuten. Unter Zeitdruck kann ich einfach nicht arbeiten. Gestern schien die Sonne. Der Himmel war blau. Ziemlich stark. Heute jedoch verspricht die Gratiszeitung «dull and cloudy weather». Schade. Werden (deshalb) Soho unsicher machen. Vier Minuten noch. Reicht jetzt auch – oder? Nein. Doch. Nein. Doch. Drei Minuten noch. Habe ich da wirklich übers Wetter geschrieben? Ich Versager. 2 Sek
Diese eher banalen Zeilen entstanden unter Zeitdruck in der «Travelodge» in der City Road, London. Es war das Jahr 2009, es war August, und ich war mit zwei Freunden in der britischen Hauptstadt. Wir teilten uns zu dritt ein winziges Zimmer. Die Nächte waren laut und kurz.
Bob Dylan: Spring 2009 Tour of Europe. Der Meister und seine Band machen Halt in Hannover, es ist der 31. März 2009. Neben mir in der Menschenschlange vor der AWD Hall brabbelt ein Wichtigtuer halb zu seiner jungen Begleitung und auch halb zu mir, dass er keine Kamera zu Konzerten mitnehmen würde. Sie sei ihm einmal abhandengekommen, als er sie abgeben musste. Meine Nikon D50 habe ich um die Schulter hängen. Ich gähne.
Der junge Security-Mann, der die Leute abtastet, sagt, er müsse in meine Tasche schauen. Ich belehre ihn und erkläre, dass es sich um eine Kamera handeln würde. Er schaut mich an und erklärt sofort und mit ernster Miene, dass «der Künstler nicht fotografiert werden will». Er schickt mich weiter zu einer blonden Frau, die sagt: «Komm mal mit.» Ich folge ihr und muss meine Nikon bei einer zweiten Frau abgeben. Die Kamera kommt in die Asservatenkammer. Werde ich sie jemals wiedersehen?
Befreit von jeglicher Last und nach ein bisschen Alkohol kann es losgehen. Innenraum. Kurz nach acht Uhr. Bob Dylan und Band kommen auf die Bühne. Fast alle mit Hut. Der Meister beginnt, spielt seine Songs – natürlich auch Like A Rolling Stone und All Along The Watchtower. Dylan wendet die linke Schulter zum Publikum, darunter überraschend viele junge Menschen, aber auch mein ehemaliger Mathe- und Sportlehrer. Dylan spielt, als wären die 4500 Leute gar nicht anwesend. Die oberflächliche Zuschauer-Interaktion ist ohnehin nur nervig. Die Leute im Innenraum tanzen ein wenig, bewegen sich, nur die Menschen auf den Sitzplätzen verharren in ehrfürchtiger Starre (oder ihnen ist langweilig). Nach knapp zwei Stunden geht er wieder, das war Bob Dylan, die Legende, der Mythos und was nicht alles. Es war großartig. Und meine Nikon war noch da.
Diesen Text schrieb ich für ein anderes Blog. Ich habe ihn leicht überarbeitet und abgestaubt. Bob Dylan ist weiterhin auf Tour, er ist wohl unsterblich.