Vom schweren Sprechen

Dieses Mal hielt mich die Bedienung in einem Café für einen Niederländer. Sie selbst stamme ursprünglich aus Russland, berichtete sie unaufgefordert. Ich wurde ’85 in Hannover geboren und lebe seitdem dort. Dem Klischee nach müsste ich lupenreines Hochdeutsch sprechen, doch das ist offenbar nicht der Fall. Niemand lobte mich jemals wegen meines schönen Deutsches. Nein, immer wollen die Leute, denen ich begegne, irgendeinen (ausländischen) Akzent herausgehört haben. Und wie schön ich dennoch den Genitiv anwende, famos!

Es muss wohl das Alter sein, das meine Aussprache mehr und mehr verwässert. Bald wird man mich gar nicht mehr verstehen und ich werde nicht mehr kommunizieren können. Zumindest nicht in Deutschland. Werde also auswandern müssen, dorthin, wo man das, was aus meinem Mund kommt, verstehen kann. Und wenn es Holland ist.

Oder Italien: Als ich vor Jahren in Rom war, hielt mich eine Frau für einen Italiener. Sie redete fröhlich auf mich ein, ich nickte, gab dann aber zu, kein einziges Wort verstanden zu haben. Scusi. Enttäuscht wandte sich die Frau ab. In der Türkei stand ich mal in einem Teppichgeschäft, wollte nur schauen und keinen Teppich kaufen. Der Verkäufer eilte herbei und beriet mich auf Türkisch. Auch hier gab es nach meiner Beichte, nur Englisch und Deutsch zu können, ein enttäuschtes Gesicht.

Irgendwann weg

Mittwoch ist so ein Mittelding, auch dieser Mittwoch, an dem meine Laune fürchterlich war. Ich beschloss deshalb, mich zu betrinken und den Kummer zu ertränken. Ich war also bei Starbucks und sagte dem Mann am Tresen, was ich wollte: «Tall Latte, to go.»

Der Mann nickte und wiederholte: «Tall Latte, to go». Er schob die Designerbrille an seine Nasenwurzel und kritzelte anschließend etwas auf meinen Becher. Das war allerdings nicht meinen Namen, den er da schrieb, denn den kannte er noch nicht.

Ein zweiter Mann wollte abermals von mir wissen, was ich hatte, «Tall Latte, to go», und dann wollte er Geld sehen. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete drei Euro und war brühheiß; ich zahlte passend und ohne Trinkgeld.

«Brühheiß», wiederholte mein Anwalt, der illegal praktizierte und sich zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrennen würde, um anschließend Starbucks verklagen zu können – auf Millionen! Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und drehte ihm, dem Anwalt, den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Mall (vulgo Einkaufszentrum), weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das im Magen eines größeren Lebewesens lebt.

In der Mall waren die unendlichen Wände sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten darin nach ihren Frisuren, seltsame Typen sahen nach, ob auch ihre Schlüpfer aus der Hose lugten. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort ein bisschen und verschwand nach draußen. Hätte das Orakel vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es also regnen? Niemals würde es regnen, nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. O ne, muss? Muss, ja. Ich ging und ging und war irgendwann weg.

Dieser Text ging am 8. Juli 2010 in einem anderen Blog von mir online. Er basiert auf dieser Notiz, die sich fast identisch liest.

Wie bei Seinfeld

Also los1. Es war Mittwoch, manchmal nervt mich dieser Tag, auch dieser eine Mittwoch nervte mich, weil meine Laune fürchterlich war. Ich betrat Starbucks und sagte dem Mann hinter dem Tresen, was ich wollte: «Tall Latte to go.» Der Mann nickte eifrig und wiederholte: «Tall Latte to go.» Er schob die Designerbrille zurück an seine Nasenwurzel und kritzelte anschließend etwas auf meinen Becher – allerdings nicht meinen Namen, den kannte er nämlich nicht. (Ob es stimmt, dass sie einem in die Augen schauen müssen?)

  1. Auf meiner Festplatte ruhen viele Textdateien. Manchmal öffne ich eine davon und lese die Vergangenheit wie ein Geschichtsstudent auf verzweifelter Suche nach einem Thema für die nächste Hausarbeit. Dieser Text stammt aus dem Jahr 2010 und er handelt von einem Besuch bei Starbucks.

Ein zweiter Mann wollte abermals wissen, was ich hatte, und dann wollte er Geld von mir. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete satte drei Euro und war brühheiß; ich zahlte passend, also centgenau.

Hätte ich doch einen iPod bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche

«Brühheiß», wiederholte mein ausgedachter Anwalt, der illegal praktizierte und sich wie zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrennen würde, um anschließend Starbucks zu verklagen. Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und ich drehte ihm den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Shopping-Mall, weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das in einem großen Lebewesen lebt.

Die unendlichen Wände waren sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten nach ihren Frisuren, junge Typen sahen nach, ob ihre Schlüpfer aus der Hose lugten; das war so gewollt. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort und verschwand nach draußen. Hätte dieser Mann vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es regnen? Nein, es würde nicht regnen, vielleicht nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. Ich ging und ging, ich war irgendwann verschwunden.


In der Untergrundbahn gibt es Knöpfe an den Türen, wenn man die drückt, leuchtet der kleine Kasten, der den Knopf umgibt. Wir alle denken, dass dieser Plastikknopf dafür da ist, dass sich die Tür beim nächsten Halt auf jeden Fall öffnen wird. Irgendwie beschleicht mich aber das Gefühl, dass der Knopf direkt mit der kleinen Glühbirne verbunden ist und nicht mehr macht, als dieses Licht aktiviert und die Tür ohnehin aufgeht. Aber die Beweislage ist dünn.

Diese Notiz entstand am 6. Juli 2010 gegen Mitternacht. Die Datei trägt jedoch den Titel 30. Juni. Dieser Tag war denn auch ein Mittwoch, wie am Anfang des Textes beschrieben.

Männer sprechen Frauen an

Regelmäßig finde ich Aufzeichnungen aus meiner Vergangenheit. Diese hier stammt aus dem Jahr 2009, ich studierte und taumelte durchs Leben.

Ich befinde mich in einer Mall, in einem Einkaufszentrum, das sich selbst als Galerie bezeichnet. Es ist Anfang Dezember, deshalb ist viel los. Auch ich schleppe eine prall gefüllte Einkaufstüte mit mir herum. An einer Eis-Bar sehe ich ein Mädchen stehen. Sie kommt mir bekannt vor – und sie gefällt mir. Sie hat ein süßes Gesicht und ein Piercing in der Oberlippe. Sie bemerkt mich nicht, unterhält sich mit einem anderen Mädchen. Ich überlege, woher ich sie kenne, aber mir will es partout nicht einfallen. Ich würde sie gerne ansprechen, aber ich kann nicht. Dann verschwindet sie.

Später weiß ich, woher ich sie kenne: Sie arbeitet im C., einem Bar-Restaurant. Ich überlege mir, wie wenig originell es wäre, sie dort anzusprechen – ich wäre als Gast da – und ihr zu sagen, wie schön sie sei. Ich würde auf der Metaebene fragen, ob ich heute der erste Typ wäre, der ihr das sagt. Ich gehe davon aus, dass es dutzende Männer sind, die in einer normalen Schicht ihr Herz und ihren Mund öffnen, um dieser schönen Bedienung zu sagen, wie schön sie eigentlich ist … Wie fürchterlich.

Zusatzmaterial

Im Irish Pub kaufen die männlichen Gäste den weiblichen Bedienungen oftmals Rosen. Ein mutmaßlicher Inder, der genau genommen vielleicht einfach Deutscher ist, kommt alle halbe Stunde vorbei, geht von Tisch zu Tisch und verkauft die für einen Euro1 pro Blume. Diese wandern aus den Händen der Bedienungen in ein mit Wasser gefülltes Weizenglas; in diesem befinden sich ein halbes Dutzend Rosen. Ich habe gesehen, wie lieblos sie von den Beschenkten hineingestellt werden.

  1. Beispielzahl. Keine Ahnung, wie teuer so eine Rose ist. Meistens bin ich mit meinen männlichen Freunden im Pub, denen kaufe ich keine Blumen.