Am Timmendorfer Strand

22. September 2016 · Timmendorfer Strand

Die nachfolgenden Aufzeichnungen habe ich 2016 notiert und erst ein paar Jahre später abgetippt. Einiges verstehe ich selbst nicht mehr: Wer ist der eingeklammerte Johann?

Timmendorfer Strand, heute ist Donnerstag, der 22. September 2016, es ist 17:37 Uhr. Ankunft nach einer Anreise über Bundesstraßen und Autobahnen. Über uns erstreckt sich der graue Himmel; nun unternehmen wir unseren ersten Spaziergang. Am Meer fehlt der salzige Geruch, in der Luft ist nur der Geruch vom Abendessen. ¶ 19:49 Uhr: Abendessen gleich um die Ecke, gut-bürgerlich und recht günstig im Haithabu. Ich bestelle, nun ja, ein «Zigeuner-Schnitzel» (sic!). ¶ An der Promenade paradieren abends nur Schönlinge in roten Hosen und Westen.

Freitag

Poststraße 21, 10:45 Uhr. Lange geschlafen. Lkw vor dem Fenster und Laubbläser, die Laub umher blasen. Die katholische Kirche auch gleich gegenüber: Omas und Opas sind dort schon unterwegs, eilen zum Gebet. ¶ Hier lässt es sich schön wohnen, das Meer ist nicht weit entfernt. Die Frau von gestern (aus dem Restaurant) fährt mit dem Fahrrad die Straße entlang. Sie lebt hier. ¶ «Es ist grün», singt das kleine Mädchen, so stolz – sie hat an der Ampel gedrückt, ganz allein. Leere Poststraße, sie hätte auch einfach gehen können.

Lies auch

Männer in Steppjacken und -westen bevölkern die Fußgängerzone. «Noch schnell einen Vorleger erworben», plappert jemand. Thilo braucht eine neue Hose. Wir passieren große Häuser, richtige Villen. Ruhe hinter dem Vorhang! Gebeugter Mann, weißes Haar weht im Wind. Den Sweater lässig über den Schultern geworfen, das Leben ist so leicht. Leute mit absurd kleinen Hunden. Frauen mit bunten Turnschuhen.

16:05 Uhr: Wir sind inzwischen in Niendorf, trinken Kaffee und essen Kuchen in der Stadtvilla. Es gibt hier Kuchen im «doppelten Bäckermaß». Mit Mohn. ¶ Ein weißer Porsche mit HH im Kennzeichen. Ich denke unweigerlich: Heil Hitler. Oje. ¶ Steppjacken im Partnerlook: sie in rot, er in blau. Erwürgt von einem feinen Halstuch. Röchel, röchel. ¶ Ein alter Mann, der Geld von uns möchte. Er hat braune Hände. Er möchte Vanillepudding kaufen. «Ein Euro reicht aber nicht», sagt er. Er möchte eine Million. ¶ Weiße Segel der Segelboote am Horizont, so viele.

Samstag

Am Strand, 14:33 Uhr. «Die sind so geizig!» – «Ich finde das ganz schlimm!» Alte Menschen, die zehn Euro für den «Strandkörper» (Johann) sparen. Die kommen kaum runter und lümmeln da auf dem Boden herum. ¶ Rauch, Pommes, nackte Kinder und panierte Körper. Apfel essen, Selfies machen. Männer ohne Interessen, aber mit Tattoos und Zigarette. Die stehen im Sand, mit der Porzellantasse in der Hand. ¶ Ein- oder zweimal im Monat essen gehen. Warum der Thermomix so toll ist – besonders Spargel. ¶ «Eigentlich müsste Bayern ja gewinnen», sagte einer mit sanfter und runder Stimme. Das ist so schön schlicht, sich das Spiel anzusehen – und mehr nicht. ¶ Ich will der Typ mit dunkelblauer Steppweste sein. Der Typ, der Geld hat und eine richtige Frisur, der gern mal was trinkt, Musik hört, ein schnelles Auto fährt – der gern mit diesem Auto über die Autobahn heizt und andere überholt. ¶ Bei dem sitzt der Kopf irgendwie falsch, zu weit vorn auf dem Körper. ¶ Den BMW-SUV einfach abstellen, egal, was da ist oder was da nicht ist – ein Parkplatz zum Beispiel (der ist da nicht). ¶ Die Nonne auf dem Rad, an einem sonnigen Sonntag. Sie fährt heim.

Starke Schlepper

6. Juni 2016

Ein Umzug, ich soll helfen. Wäre ja lieber im Bett geblieben, aber das tyrannische Gesellschaftsetwas erzwingt meine Anwesenheit. Anfangs stehe ich im Weg und betrachte das Chaos: Mein Blick fällt auf den zerlegten Kleiderschrank. Selbst in Einzelteile zerlegt bleibt der Schrank ein unhandliches Ärgernis. Die hohen Seitenwände, mit denen man versehentlich die Tapete aufschlitzt; die vielen Schrauben und Scharniere, die verloren gehen; die spitzen Schienen, die in die Haut ritzen. Und der viele Staub, der in der Nase kitzelt und auf der Haut juckt.

Eine Wohnung ist eine Ansammlung von Staubmäusen, die über den zerkratzten Holzboden rollen wie Sträucher in einem Western. Eine Wohnung ist ein Raum voller Kram, Gedöns und Zeugs. Unterm Sofa tauchen plötzlich Dinge auf, die in ferne Vergessenheit geraten waren. Die Besitzer dieser verlorenen Gegenstände erschrecken beim Anblick und schämen sich, wenn sie das hässliche Ding in die Hand nehmen. Beobachter sehen die Entfremdung und den Ekel, der die Besitzer des verloren geglaubten Gegenstands befällt.

Ein Umzug offenbart gnadenlos die Menge an überflüssigem Zeug, das sich in Jahren angesammelt hat und nur Platz verbrauchte und keine Freude (mehr) spendete. Zum Aussortieren ist es jetzt jedoch zu spät. Also kommt das alles erst mal mit ins neue Zuhause. Und so füllen sich die Umzugskartons, so füllt sich der gemietete Transporter.

Ich trage fremde Kartons und spiele mit ihnen Tetris. Mit dabei sind auch echte Männer, die richtig anpacken. Mir rutscht das Sofateil fast aus der Hand, es ist zu schwer, ich trage lieber eine hohe Schrankwand (und schlitze Tapeten auf). Die anderen Helfer balancieren Waschmaschinen auf der Schulter. Lenin ist besonders kräftig: Mit stoischem Gesicht schleppt er riesige Schränke erst drei Stockwerke runter und später wieder ein Stockwerk hoch. Er trägt auch das Sofateil, das mir zu schwer war. Allein. Lenin verzieht dabei keine Miene, schwitzt aber gewaltig. Deo kennt Lenin nicht.

Lenin trägt die ganze verfickte Kommode

Als ich ein paar Schubladen nach unten trage, sagt der Vater der Wohnungsbesitzerin: «Nur nicht zu viel nehmen.» Ich weiß nicht, ob er das ironisch meint. Lenin hätte gleich die ganze verfickte Kommode mitgenommen. Und noch das Bett samt Matratze.

Die Kartons und zerlegten Möbel liegen und stehen in der neuen Wohnung. Zur Stärkung gibt es Würstchen, Frikadellen und Bier. Männer lieben Bier und trinken schnell und mindestens zwei Flaschen, gern drei und mehr. Einer gibt zu, dass er gern auch Korn trinkt, Korn und Bier. Wer viel verträgt, kann sich der Anerkennung sicher sein. Der Vater der Wohnungsbesitzerin findet, dass die jungen Leute heute weniger Bier trinken als die jungen Leute früher. Dann erzählt er von seinem Moped. Wie er damals die Mädchen damit beeindruckt und abgeschleppt hat. Mit dem Moped nach Hause, ins Bett mit Ingrid. Später das erste eigene Auto. Tolles Statussymbol. Ich habe kein Auto und mir reicht heute ein Alster.

Soltau schläft

10. Mai 2016 · Soltau

Die Innenstadt von Soltau schläft, die Geschäfte sind geschlossen – dabei ist Samstag und die Sonne scheint. Über unseren Köpfen erstreckt sich der blaue Himmel. Vorhin war Markt, jetzt fährt eine Kehrmaschine herum und reinigt die Fußgängerzone und leckt die Zigarettenstummel vom Asphalt. Vor dem Brillenladen steht ein altes Fahrrad mit Korb auf dem Gepäckträger. Im Korb liegt eine nackte Puppe, der ein Auge fehlt. Harte Zeiten.

Eine Imbissbude hat noch auf, dort sitzen alte Menschen, die rauchen und Fanta aus der Flasche trinken. Ohne Strohhalm. Im Springbrunnen springt ein Mädchen herum. Sie trägt ein rotes Kleid, der Stoff ist klitschnass. Schuhe hat sie keine an, auch keine Socken. Sie hat eine Plastikwanne in der Hand und füllt sie mit Wasser. Dann schleudert das Mädchen das kalte Nass in eine Gruppe Jugendliche, die aufschreien, kreischen, lachen. «Spinnst du?!»

Leopold, ein Golden Retriever, hat sein eigenes Eis

Das kleine Mädchen lacht diabolisch. Auch eine ältere Frau hat ein paar Wassertropfen abbekommen – und sie rastet völlig aus, steht kurz auf, setzt sich wieder hin. Mehr vermag sie nicht zu unternehmen. Auf der Bank neben dem Brunnen sitzt ein dünner Mann. Er isst ein Eis: zwei Kugeln Vanille in der Waffel. Er leckt und schleckt. Sein Hund, ein Golden Retriever namens Leopold, hat ein eigenes Eis in der Schnauze. Auch in der Waffel, auch zwei Kugeln Vanille. Die verspeist Leopold schmatzend und zerbeißt die Waffel. Leopold ist glücklich.

«Wo sind denn deine Eltern?», fragt das pummelige Mädchen, das am meisten Wasser abbekommen hat. Das kleine Mädchen im Brunnen grinst ihr teuflisches Grinsen. Ihre Eltern seien tot, sagt sie. Dann füllt sie die Wanne wieder auf.

Mangozella und Pommes

5. August 2015

Döner, Garnelen und Mangozella: An den Ufern des Maschsees bieten zahllose Buden eine kulinarische Vielfalt, die Münder befeuchtet und Mägen aufheulen lässt. Eindrücke vom Maschseefest.

Es ist Samstag und die Sonne schleudert ihr warmes Licht durch das raschelnde Blattwerk der Bäume. Am Himmel verdirbt keine einzige Wolke den Anblick. So offenbaren sich dem aufmerksamen Betrachter viele Postkartenmotive – denn auf dem Maschsee schwimmen auch noch Schwäne. Wir starten am «Pier 51» und machen uns auf den Weg zum Nordufer, wo sich das Epizentrum des Maschseefests befindet. Es duftet nach Pommes, Currywurst und dann auch nach Fisch, weil wir «Gosch» erreicht haben. Hier machen wir unseren ersten Halt.

An einem der Hochtische sitzen Eheleute, die schon seit Ewigkeiten ein Paar sind. Sie sitzen schweigend gegenüber, aber ihre Blicke gehen ins Leere. Manchmal nippt der Ehemann an seinem Bier, das in der Sonne goldig funkelt. Dann nimmt er seine Arbeit wieder auf und schaut weiter in die Luft. Die Ehefrau mustert kurz ihren Ehemann und vergewissert sich, dass er noch existiert.

Für ein Pappschälchen Scampi verlangt «Gosch» acht Euro. Das ist ganz schön viel, erfahre ich, fast 16 Mark. Dann gehen wir weiter und ich hoffe auf einen Stand, der Gyros verkauft. Hätte ich jetzt total Lust drauf!

Ein verliebtes Paar kommt uns entgegen, sie schlendern Arm in Arm. Der Mann in der Beziehung trägt ein Lebkuchen-Herz um den Hals. In weißem Zucker geschwungene Buchstaben formen das Wort Macho. Um den Hals seiner Liebsten baumelt Pussy. Sie sind ein echtes Traumpaar. Ich würde gern gemeinsam mit ihnen nach Mallorca reisen und dort am Hotelpool liegen.

An der Bowle-Bude hat sich das allgemeine Bedürfnis nach Alkohol eingestellt. Nur ich warte lieber ab – eine Bowle ist mir zu süß und zu bunt. Auf den Glasbehältern steht: «mit Farbstoff». Einer der Behälter ist schon ziemlich leer, also kippt jemand Billig-Sprite hinein, gefolgt von Billig-Rum aus dem Discounter. Umrühren, fertig. Ein Plastikbecher Bowle kostet 5,50 Euro. Das ist auch ganz schön viel.

Mangozella vs. Pommes-Becher

Schließlich kommen wir am Nordufer an. Ein Stand verspricht eine Speise namens Mangozella und ich würde wirklich gern wissen, was das ist, entscheide mich aber doch für eine Vollkorn-Piadina mit Schafskäse, Oliven und Gurken und Tomaten an der Bude von «Aresto». Einen Gyros-Stand habe ich leider nicht gefunden; nur Döner, Döner, Döner.

Das Schlemmen auf dem Maschseefest wird ein wenig getrübt von den begrenzt vorhandenen Sitzmöglichkeiten. Im Gehen zu essen, ist nicht gemütlich und geradezu unmöglich, wenn man mit einer Hand eine tropfende Piadina mampfen will. Wir haben etwas Glück und finden Asyl an einem großen Tisch, an dem vier Raucher sitzen, die leicht lallend von Dingen reden, die Außenstehende kaum nachvollziehen können. Außerdem qualmen sie ihre Billigzigaretten und der einen Frau tränen die Augen, weil der andere Mann ihr seinen Rauch voll gegen die Augäpfel geblasen hat. Der vierte Mann gähnt auffällig laut, er hat schon viele Haare verloren. Wir wenden uns ab, damit uns der Rauch nicht den Appetit verdirbt. Die Piadine sind sehr lecker – und leider viel zu schnell alle. Nächstes Mal nehme ich den Burger, beschließe ich; den gibts für sieben Euro.

Für den Nachtisch gehe ich zu einer anderen Bude und brülle der Frau am Grill entgegen, dass ich einen Becher Pommes haben will. Ne, keine Wurst, Pommes! Den Becher gibts für 3,50 Euro. Die dünnen Pommes sind kross und ziemlich lecker, außerdem lassen sich die Kartoffelstangen problemlos im Gehen essen.

Wie geil ist das denn?

Ein Mann mit akkurat gestutztem Schnauzer fährt seine Frau mit akkurat gefärbten Haaren umher, schlängelt ihren Rollstuhl zwischen Jungs, Tussis, Frauen, Opas und Kindern hindurch. Auf ihrem Schoß sitzt ein weißer Westie im Ausstellungsdress. Laut Wikipedia handelt es sich um einen Modehund, den auch die Frau eher als Accessoire bei sich hat. Sie ist auch ansonsten sehr modisch gekleidet und aufgebrezelt. Ihre kurzen Haare sind dunkelrot mit einem Lilastich gefärbt, ihre Lippen sind voll und rot und nach unten gebogen. Sie trägt ein blaues Kostüm, sehr sommerlich und luftig. Ihr Mann sieht aus wie immer. Jetzt geht er los, Pommes holen – und für ihn noch eine Currywurst. Der Hund geht leer aus, er isst auf Diät.

Neben uns interviewt ein Engländer mit einem aufblasbaren Mikrofon erst sich selbst und dann seine Begleiter. Auf dem Wasser kommt ein Mann in einem Kajak angepaddelt. Der Engländer beugt sich über das Geländer, übers Maschseewasser, und streckt dem Mann im Boot das Mikrofon entgegen. Die Frage lautete, ob er das öfter macht. «First time in my life», sagt er grinsend und paddelt davon. So ein Glück.

Die ganz Verrückten feiern auf dem Maschseefest ihren Junggesellenabschied. Heute sind vor allem junge Frauen unterwegs, die bald Ehefrauen und Mütter sein werden. Eine von ihnen verkauft Schnaps aus einem plüschigen Bauchladen. Sie trägt ein pinkfarbenes Glitzer-Krönchen auf dem Kopf. Zwei Männer zücken ihr Portemonnaie, zupfen Scheine heraus und erkaufen sich das Recht, mit der schönen Verlobten zu tanzen. Der zweite darf sie sogar auf die Wange küssen. Die beiden Männer tragen Fußballtrikots, ihre roten Gesichter glänzen, sie kommen direkt aus dem Stadion. Während nun der eine seine Lippen spitzt und sie auf die weiche Wange der Prinzessin drückt, drückt der andere auf das Smartphone-Display und hält diesen besonderen Moment für die Ewigkeit und für Facebook fest.

Als die Frauen kichernd weiterziehen, schauen die beiden Fußballfreunde auf das Display und begutachten den Schnappschuss: «Wie geil ist das?», ruft einer und der andere schaut ihn strahlend an. So ein Glück.

Zweite Kasse, bitte!

4. März 2015

31. Januar 2015. Ich glaube, der Supermarkt um die Ecke ist eine perfide Kunstinstallation. Irgendein Künstler, der mal nebenbei Soziologie studiert hat, errichtete diesen Laden, in dem alles viermal länger als nötig dauert. Versteckte Kameras filmen, wie die Kunden allmählich verzweifeln und mit sich ringen und hadern: Warum bin ich hier, warum gehe ich nicht einfach, lasse alles stehen und liegen und bin frei?

Die Kassiererinnen sind engagierte Aktionskünstlerinnen oder günstige Schauspielerinnen, die möglichst lange zum Kassieren brauchen sollen. Das ist ihre Aufgabe. Zwischendurch führen sie nette Privatgespräche, während immer mehr Menschen sich an der Kasse anstellen und erst allmählich verstehen, dass sie hier sterben werden – in der längsten Schlange an Kasse 2. Genau so fühlt sich die Unendlichkeit an.

Weiterlesen

S7 Wannsee

8. Mai 2014 · Berlin

In der S7 sitzen zwei Frauen, die eine ist [unleserlich], die andere hat bunte Haare. Ihnen gegenüber sitzt ein junger Mann mit Kinnbart und schwarzen Klamotten. Sie überlegen gemeinsam, wohin sie heute Abend noch gehen könnten. Die Frauen feiern gern, während der Mann lieber allein Bier trinkt.

«In Berlin beginnt das Wochenende bereits am Donnerstag», erklärt Kinnbart. Heute ist Mittwoch, deswegen sei vielleicht nicht so viel los. «Es könnte auch Probleme bei den Türstehern geben, wegen meiner Weste.» Tatsächlich sieht er mit der Weste aus wie ein Söldner, der gerade aus dem Dschungel kommt. Die schwarze Kapuze macht’s nicht besser. Krieger sind auf den Tanzflächen Berlins nicht gern gesehen.

Eine Weile schweigen sie. «Gut, ich könnte mich natürlich auch umziehen», sagt der Söldner schließlich, «daran soll’s nicht scheitern.» Die Frauen wissen auch nicht so richtig, was sie wollen. Tanzen? Sitzen? Trinken? Der Mann will sicherlich nur ins Bett, zusammen mit den beiden, wenigstens aber mit der einen. Das wird aber nichts, ahnen die anwesenden S-Bahn-Passagiere. Sie einigen sich, dass sie einfach in eine Bar gehen werden. Er sei aber pleite, gesteht der junge Mann. «Kriegen wir hin», verspricht die Frau mit den bunten Haaren. Könnte ein guter Abend werden.

In Hamburg ankommen

30. März 2014 · ICE / Hamburg

Im ICE sitzt neben mir ein Mann, der schweigt und starrt. Ich sitze am Fenster und betrachte die Landschaft, wie sie rückwärts an mir vorbeirauscht. Sehr viel Grün ist zu sehen, außerdem ein paar Pferde, Spaziergänger, Niedersachsen. Ich habe ganz vergessen, dass Deutschland eigentlich aus vielen Feldern besteht. Aus Bäumen, Feldwegen und Hügeln, aus sandigen Wegen und einsamen Häusern, die erstaunlich dicht an den Schienen stehen. Der Mann neben mir versucht sich nun an einer SMS, die er aufs Display schmiert. Das dauert lange und oft kommen Wörter heraus, die da bestimmt nicht stehen sollen. Pflichtbewusst lese ich mit, wie immer, wenn Fremde in meinem Blickfeld ihre Liebesbriefe schreiben.

Beinahe endet die kurze Zugfahrt ohne ein Gespräch. Als aber Leute über meinen ungünstig platzierten Koffer stolpern und ihn fast umreißen, sagt der Mann neben mir: «Bist du sicher, dass das deiner ist? Nicht, dass das ein Talibanbombenkoffer ist.» (Hahaha.) Wir reden ein wenig und ich verrate, dass ich die nächsten Wochen in Hamburg verbringen werde. Der Mann ist begeistert und empfiehlt mir den Ratskeller im Rathaus. Und die Mondrian-Ausstellung soll ich mir auch unbedingt ansehen. «Wenn’s Frühling wird, wollen die Hamburger wie Italiener sein. Und irgendwie klappt das auch», erklärt der Mann noch, dann verschwindet er nach dem Aussteigen in der Menschenmasse. «Lass es krachen!», ruft er zum Abschied.

Hamburg

An der Alster sehen die Leute schön und schick aus, einige allerdings wie Karikaturen. Manche Gesichter sind sonderbar orange-braun angemalt oder gebräunt. Dazu viel Schminke in mehreren Schichten auf der Haut. Um einen Porsche herum stehen ein paar Kerle und gieren unter die Motorhaube. Alles Plastik, nehme ich an. Vor und hinter dem Porsche stehen BMWs und ein schwarzer Mercedes, dessen Besitzer stolz an seinem Fahrzeug steht und die Blicke genießt.

Ein Mann mit zwei Nikon-SLRs hält mich an und wir reden übers Fotografieren; er zeigt mir auch ein paar seiner Bilder, die seine Vorliebe für unscharfe Gesichter verraten. Derweil steht seine Ehefrau daneben. Sie fotografiert lieber Vierbeiner, sagt sie. «Auch gefährliche Viecher?», frage ich. «Ja, auch die», sagt sie. Im Zoo dann aber. Weil in Hamburg selten Tiger herumlaufen, hat sie heute keine Kamera dabei.


Zum Abendbrot esse ich in einem Imbiss eine Currywurst mit Pommes und trinke ein Jever, das es auch hier im Hotel gibt. Im Flur steht eine Kühlschrank-Vitrine, aus der man sich einfach nehmen kann, was man will. Kostet aber natürlich und jede Getränkeentnahme ist auf einem Zettel öffentlich einzutragen. Herr L. hatte heute zwei Jever, Herr M. nur eins. Ich trage meinen O-Saft ein: 0,2 Liter für zwei Euro. Und dann nüchtern ins Bett.

Aufgezeichnet im Michaelis Hof in der Katholischen Akademie in Hamburg. Hier wohnte ich einen Monat lang, als ich einen Journalisten-Intensivkurs besuchte.

Wie gewonnen

23. März 2014 · Casino

Im Casino träumt hinter dem Panzerglas eine schöne Frau, die mein Bargeld in Jetons umtauscht. Die Schönheit der Frau beseitigt jeden Zweifel darüber, ob ich mehr oder weniger Geld aufs Spiel setzen sollte. Ein Blick in die Augen dieser Frau genügt – und ich räume träumend mein Konto leer. Alles auf Rot, alles auf Liebe. Ist bestimmt der erste Psychotrick, die wissen hier genau, was sie tun.

Nüchtern läuft es dann am Roulette-Tisch richtig gut, schnell habe ich mein Geld verdoppelt und dann sogar etwas mehr. Eine kleine Frau mit kurzen Haaren schmeißt Hunderter auf den Tisch, verzockt und gewinnt. Sie redet Code, gibt knappe Anweisungen. Der Croupier setzt. Nichts geht mehr. Das Spiel des Lebens.

Angetrunken läuft’s beim Roulette nicht mehr so gut

Später Pause an der Bar: White Russian trinken, weil – ich weiß auch nicht. Scheiß Big Lebowski. Exakt (sic) zehn % Trinkgeld gegeben. Angetrunken läuft’s beim Roulette nicht mehr so gut. Die Gier in den Augen, Alkohol auf der Zunge, ein Zittern in den Händen, Wagemut und Dummheit – bis schließlich alles weg ist und ich mit leeren Taschen zwischen denen stehe, die noch längst nicht pleite sind und vorhaben, noch zu bleiben. Ein blondes Mädchen setzt mit einem Schlag mehr Geld, als ich je besaß. Und gewinnt. An der Decke beobachten schwarze Augen unser Treiben; sie halten Ausschau nach Rain Man. Ich bin es nicht.

Ein Mann mit altmodischen Haaren, die sich in Wellen auf seinem Kopf bewegen, wenn er sich aufregt. Und das tut er: sich aufregen: «Ausgerechnet die Drei!», jault er. «Ausgerechnet!»

Er hat alles verloren, steht auf, zieht im Stehen die Kunstlederjacke an, will gehen. Er trinkt seinen Kaffee aus, der auf einem kleinen Wagen mit anderen Tassen steht. Der Mann schlüpft in seine Jacke, versucht es, und sucht schimpfend nach Mitleid oder Verständnis oder sogar nach der großen Liebe in den Augen der Fremden, die sich um den Poker-Tisch versammelt haben. Ich bin einer dieser Fremden und versuche das Spiel zu verstehen und lese in den P-P-P-Poker Faces der Männer am Tisch. Da sitzt nur eine einzige Frau, ich sehe nur ihren Rücken, ein Rücken kann entzückend – muss er aber nicht. Am Kopf der Tafel sitzt einer mit riesiger Sonnenbrille im Gesicht; vor ihm liegen die meisten Chips, richtig viele. Er muss stinkreich sein. Er bewahrt Ruhe und erklärt, was die anderen falsch machen. Er ist Profi und sicherlich jeden Abend hier. Der andere Mann ist in seiner Jacke angekommen, nun geht er. Ausgerechnet die Drei! Verlierer des Abends.

Taschenspielerin

25. Januar 2014

Diese Geschichte handelt vom Erwerb einer Umhängetasche. Ich erledigte das nicht online, sondern persönlich im Geschäft.

Ein eiskalter Wind wehte mich ins Geschäft. Es gab hier Taschen und Portemonnaies zu kaufen. Auf jeden Kunden kamen drei Verkäuferinnen: Sofort begrüßten sie mich, als freuten sie sich, mich zu sehen. Was sie nicht wussten: Ich wollte eine ganz bestimmte Umhängetasche erwerben – ich hatte mich gewissenhaft vorbereitet. Auf eigene Faust wollte ich die Regale durchstöbern und die Tasche entdecken. Die Köstlichkeit der Entdeckung würde mir den grauen Tag versüßen, dachte ich, und ließ die Damenhandtaschen links liegen und näherte mich dem Regal mit den Umhängetaschen.

Da stand auch ein Mädchen mit großer Brille, das mich siezend fragte, ob ich denn Hilfe bräuchte, was ich rasch verneinte. Ich wusste, was ich wollte. Das Mädchen stellte sich wieder zurück an die Steckdose und ließ mich gewähren. Und ich machte und suchte und schaute – fand aber die gesuchte Tasche nicht. Hilfesuchend wandte ich mich doch an die Verkäuferin mit der großen Brille und beschrieb ihr die Umhängetasche. Sie schaute mich an, als wollte ich Uran von ihr kaufen. Oder Urin.

«Einen Moment», sagte sie schließlich und schwebte zu einem anderen Mädchen, das im Laden eine leitende Position innehatte. Sie war ein Profi und kam zu mir und tat ganz interessiert. Geduldig hörte sie mich die gewünschte Tasche abermals beschreiben. Sie erwiderte, dass ich Montag zurückkommen solle, da würde sie die neue Kollektion aufbauen, vielleicht wäre die gesuchte Tasche dabei.

Ob das gewünschte Produkt denn auch wirklich von [Markenname] sei, fragte sie mich sicherheitshalber noch, denn viele Kunden seien sehr dumm, sagte sie nicht. «Natürlich», rief ich, «sonst wäre ich nicht hier, sondern Zuhause, im warmen Wohnzimmer, lesend, schlafend, was auch immer.» Ich nölte noch ein wenig, was die überfreundliche Verkäuferin endlich ins Warenlager verschwinden ließ. Also, in den Keller, der als Lagerraum fungierte. «Ich glaube, ich weiß jetzt, welche Tasche Sie meinen», hatte sie zuvor zugegeben.

Lila sollte sie sein, glatt und schlicht

Während sie im Keller nach der Tasche suchte, erfroren draußen Ohren. Neben mir redete eine Frau viel zu laut über ihre Traumtasche. Lila sollte sie sein, glatt und schlicht. Die Verkäuferin mit der großen Brille tat ihr Bestes. Dann kehrte die leitende Verkäuferin zurück, aktivierte ihr Verkaufslächeln und erzählte mir umschweifend, wie toll diese Umhängetasche sei. Das wusste ich alles längst, deswegen wollte ich sie ja erwerben, deswegen war ich hier. Der Verkauf war längst getätigt, selbst wenn die Verkäuferin über den Holocaust referiert hätte. (Was?!)

«Die nehme ich», sagte ich also. Die Verkäuferin konnte sich einbilden, eine hervorragende Verkäuferin zu sein. War sie vielleicht auch. Nur, dass sie ein bisschen viel Bullshit redete. (Und wenn schöne Menschen plötzlich allzu freundlich zu mir sind, weiß ich, dass sie mir etwas andrehen oder mich töten wollen.)

Abschluss

«Ziemlich kalt draußen», smalltalkte die Verkäuferin, während sie die Bürokratie erledigte. Ich bejahte. Sie sagte, sie sei sehr froh, jetzt zu arbeiten, weil es im Laden angenehm warm sei. Das stimmte, deshalb nickte ich. Dann erzählte ich ihr, dass ich schon laufen war. Das beeindruckte sie aber nicht, sie musste aber zugeben, dass ihr die Ohren abfrören, wenn sie heute liefe. Als visuelle Unterstützung deutete sie sogar auf ihr rechtes Ohr. Es war makellos und mit einer Perle geschmückt. Ja, sagte ich – oder so etwas in der Art.

Als die Verkäuferin mir schließlich die erworbene Tasche in der Papptüte überreichte, stand sie so vor mir, als erwarte sie eine Umarmung. Ich ließ es aber bleiben und ging. Die zehn anderen Verkäufer verabschiedeten sich lächelnd von mir. Sie sahen mir nach, wie ich von der eisigen Böe weitergetragen wurde. Mit meiner neuen Tasche.

Vier Wände

7. Juli 2013

Bei einer Wohnungsbesichtigung sind die unterschiedlichsten Gestalten zu treffen. Da ist zum Beispiel einer, der den potenziellen Vermieter angestrengt bezirzt und das Objekt der Begierde in höchsten Tönen lobt. Kaum auszuhalten.

Gleich die erste Wohnung, die ich besichtige, ist perfekt. «Kann ich vielleicht kurz pinkeln?», frage ich bei der Ankunft das junge Paar, das die perfekte Wohnung noch ihr Zuhause nennen darf. Die Frage ist schon ein gewaltiger Fauxpas, nehme ich an. Ich kann nur ahnen, wie die beiden das hassen müssen: Keine Minute steht der Fremde in unserer Wohnung – und will schon die Toilette entweihen. Ein Graus, der steckt doch unsere Bodylotion ein und gurgelt unser Mundwasser leer. Aber sie lassen mich, es sind höfliche Leute. Ich pisse dann aber die Wände voll, markiere mein Territorium. (Usw., usf.)


Außer mir sind da noch andere Interessenten: Eine Frau komplettiert ein Liebespaar; sie ist grotesk freundlich, er sehr schweigsam. Im Briefing vor der Besichtigung hat sie ihm wohl eingebläut, ja die Fresse zu halten. Lass mich reden. Er nickt deshalb nur und verbiegt den Mund, was wohl ein Lächeln darstellen soll. «Die Wohnung ist wirklich wunderschön», trällert die Frau und deutet mit dem Zeigefinger diffus ins Wohnzimmer.

Ihr Freund nickt und nickt und nickt. Der Mieter auch. Sie sind sich einig – wir alle sind uns einig: Es handelt sich um eine echt schöne Wohnung, sie ist sogar: wunderschön. Und günstig. Und gut geschnitten. Und zur Stadtbahn ist es auch nicht weit. Toll, wirklich toll.

«Vielen, vielen Dank und einen schönen Abend noch», sagt die Frau zur Verabschiedung, nachdem sie sich in die Liste eingetragen hat. Die Liste derjenigen, die hier einziehen wollen. Sie und ihr Freund sind #13 und #14. Ich werde mich später auf der Rückseite des Papiers eintragen müssen.


In der Küche zeigt der Bewohner der perfekten Wohnung einem Mann mit langen Haaren und langem Bart den Herd und all das, was er gern dalassen will, für 900 Euro Abschlag. Dem Mann gefällt die Küche überhaupt nicht: «Die würde ich wohl herausreißen», sagt er. «Neunhundert Euro sind auch zu viel.» – «Wieso? Wie viel findest du … passt?», fragt der Bewohner, der einen leichten französischen Akzent auf der Zunge hat und manchmal das korrekte Wort erst suchen muss.

Draußen scheint die Sonne und bietet die beste Kulisse für eine Wohnungsbesichtigung. Die Fassaden leuchten satt, ebenso die frisch geteerte Straße und die Augen der Menschen. Am Ende der Straße ist eine Kirche, umrahmt von Gebüschen und alten Bäumen. Überall stehen Autos, dicht an dicht. Mich erinnert die Szenerie an Paris. Vielleicht zu Unrecht.

«Maximal zwohundert würde ich zahlen», sagt der Mann, der bestimmt Metal hört, Anthrax und Slayer, weil Männer mit langen Bärten und Haaren das nun mal hören, offenbar ohne Ausnahme, und immer sehr laut. Weiß der Vermieter das? Ahnt er es wenigstens?


Im Wohnzimmer steht ein junger Mann mit Zweitagebart und kurzen Haaren. Alles, was er sagt, klingt kein bisschen aufrichtig. Angestrengt bezirzt er den Vermieter, der gar keine Haare hat, nirgends auf seinem Kopf. Sie stehen am großen Ess- und Arbeitstisch. Rustikal, sehr geschmackvoll wie alles hier, wie die Küche, das Bett, das Bad. Der junge Mann fantasiert sich gerade an diesen Tisch, malt sich aus, wie er dort sitzt und was er da macht: «Wenn ich da wissenschaftlich sitze und schreibe», faselt er und stoppt. Ich warte auf das, was nach dem «dann, …» noch kommt, doch der junge Mann hat sich in eine Sackgasse gequasselt. Das Satzende lässt er unter den Tisch fallen, auf den wunderschönen Dielenboden. Einen Augenblick stehen wir alle nur da. Es sollte gesetzlich vorgeschrieben sein, Sätze zu

«Ich habe auch mal eine Bewerbung mitgebracht», sagt er plötzlich und kramt eine Mappe hervor. «Ich will damit nicht meine Chancen erhöhen, aber—» Natürlich willst du genau das! «—aber ich—» Schweig! «—lass Ihnen das trotzdem mal hier.» Halt die Fresse.

Der Vermieter nimmt das Material an sich. Überzeugt ihn das schmierige Gesülze, überzeugt ihn dieser kleine Wichtigtuer, der verbalen Durchfall hat und groben Unfug redet? Meine Güte: was wenn? Dann darf er hier wirklich wissenschaftlich sitzen, solang er will. Ich gehe abermals pinkeln und dann nach Hause. (Nachtrag: Die Wohnung habe ich leider nicht bekommen.)