In Hamburg ankommen

30. März 2014 · ICE / Hamburg

Im ICE sitzt neben mir ein Mann, der schweigt und starrt. Ich sitze am Fenster und betrachte die Landschaft, wie sie rückwärts an mir vorbeirauscht. Sehr viel Grün ist zu sehen, außerdem ein paar Pferde, Spaziergänger, Niedersachsen. Ich habe ganz vergessen, dass Deutschland eigentlich aus vielen Feldern besteht. Aus Bäumen, Feldwegen und Hügeln, aus sandigen Wegen und einsamen Häusern, die erstaunlich dicht an den Schienen stehen. Der Mann neben mir versucht sich nun an einer SMS, die er aufs Display schmiert. Das dauert lange und oft kommen Wörter heraus, die da bestimmt nicht stehen sollen. Pflichtbewusst lese ich mit, wie immer, wenn Fremde in meinem Blickfeld ihre Liebesbriefe schreiben.

Beinahe endet die kurze Zugfahrt ohne ein Gespräch. Als aber Leute über meinen ungünstig platzierten Koffer stolpern und ihn fast umreißen, sagt der Mann neben mir: «Bist du sicher, dass das deiner ist? Nicht, dass das ein Talibanbombenkoffer ist.» (Hahaha.) Wir reden ein wenig und ich verrate, dass ich die nächsten Wochen in Hamburg verbringen werde. Der Mann ist begeistert und empfiehlt mir den Ratskeller im Rathaus. Und die Mondrian-Ausstellung soll ich mir auch unbedingt ansehen. «Wenn’s Frühling wird, wollen die Hamburger wie Italiener sein. Und irgendwie klappt das auch», erklärt der Mann noch, dann verschwindet er nach dem Aussteigen in der Menschenmasse. «Lass es krachen!», ruft er zum Abschied.

Hamburg

An der Alster sehen die Leute schön und schick aus, einige allerdings wie Karikaturen. Manche Gesichter sind sonderbar orange-braun angemalt oder gebräunt. Dazu viel Schminke in mehreren Schichten auf der Haut. Um einen Porsche herum stehen ein paar Kerle und gieren unter die Motorhaube. Alles Plastik, nehme ich an. Vor und hinter dem Porsche stehen BMWs und ein schwarzer Mercedes, dessen Besitzer stolz an seinem Fahrzeug steht und die Blicke genießt.

Ein Mann mit zwei Nikon-SLRs hält mich an und wir reden übers Fotografieren; er zeigt mir auch ein paar seiner Bilder, die seine Vorliebe für unscharfe Gesichter verraten. Derweil steht seine Ehefrau daneben. Sie fotografiert lieber Vierbeiner, sagt sie. «Auch gefährliche Viecher?», frage ich. «Ja, auch die», sagt sie. Im Zoo dann aber. Weil in Hamburg selten Tiger herumlaufen, hat sie heute keine Kamera dabei.


Zum Abendbrot esse ich in einem Imbiss eine Currywurst mit Pommes und trinke ein Jever, das es auch hier im Hotel gibt. Im Flur steht eine Kühlschrank-Vitrine, aus der man sich einfach nehmen kann, was man will. Kostet aber natürlich und jede Getränkeentnahme ist auf einem Zettel öffentlich einzutragen. Herr L. hatte heute zwei Jever, Herr M. nur eins. Ich trage meinen O-Saft ein: 0,2 Liter für zwei Euro. Und dann nüchtern ins Bett.

Aufgezeichnet im Michaelis Hof in der Katholischen Akademie in Hamburg. Hier wohnte ich einen Monat lang, als ich einen Journalisten-Intensivkurs besuchte.

Wie gewonnen

23. März 2014 · Casino

Im Casino träumt hinter dem Panzerglas eine schöne Frau, die mein Bargeld in Jetons umtauscht. Die Schönheit der Frau beseitigt jeden Zweifel darüber, ob ich mehr oder weniger Geld aufs Spiel setzen sollte. Ein Blick in die Augen dieser Frau genügt – und ich räume träumend mein Konto leer. Alles auf Rot, alles auf Liebe. Ist bestimmt der erste Psychotrick, die wissen hier genau, was sie tun.

Nüchtern läuft es dann am Roulette-Tisch richtig gut, schnell habe ich mein Geld verdoppelt und dann sogar etwas mehr. Eine kleine Frau mit kurzen Haaren schmeißt Hunderter auf den Tisch, verzockt und gewinnt. Sie redet Code, gibt knappe Anweisungen. Der Croupier setzt. Nichts geht mehr. Das Spiel des Lebens.

Angetrunken läuft’s beim Roulette nicht mehr so gut

Später Pause an der Bar: White Russian trinken, weil – ich weiß auch nicht. Scheiß Big Lebowski. Exakt (sic) zehn % Trinkgeld gegeben. Angetrunken läuft’s beim Roulette nicht mehr so gut. Die Gier in den Augen, Alkohol auf der Zunge, ein Zittern in den Händen, Wagemut und Dummheit – bis schließlich alles weg ist und ich mit leeren Taschen zwischen denen stehe, die noch längst nicht pleite sind und vorhaben, noch zu bleiben. Ein blondes Mädchen setzt mit einem Schlag mehr Geld, als ich je besaß. Und gewinnt. An der Decke beobachten schwarze Augen unser Treiben; sie halten Ausschau nach Rain Man. Ich bin es nicht.

Ein Mann mit altmodischen Haaren, die sich in Wellen auf seinem Kopf bewegen, wenn er sich aufregt. Und das tut er: sich aufregen: «Ausgerechnet die Drei!», jault er. «Ausgerechnet!»

Er hat alles verloren, steht auf, zieht im Stehen die Kunstlederjacke an, will gehen. Er trinkt seinen Kaffee aus, der auf einem kleinen Wagen mit anderen Tassen steht. Der Mann schlüpft in seine Jacke, versucht es, und sucht schimpfend nach Mitleid oder Verständnis oder sogar nach der großen Liebe in den Augen der Fremden, die sich um den Poker-Tisch versammelt haben. Ich bin einer dieser Fremden und versuche das Spiel zu verstehen und lese in den P-P-P-Poker Faces der Männer am Tisch. Da sitzt nur eine einzige Frau, ich sehe nur ihren Rücken, ein Rücken kann entzückend – muss er aber nicht. Am Kopf der Tafel sitzt einer mit riesiger Sonnenbrille im Gesicht; vor ihm liegen die meisten Chips, richtig viele. Er muss stinkreich sein. Er bewahrt Ruhe und erklärt, was die anderen falsch machen. Er ist Profi und sicherlich jeden Abend hier. Der andere Mann ist in seiner Jacke angekommen, nun geht er. Ausgerechnet die Drei! Verlierer des Abends.

Taschenspielerin

25. Januar 2014

Diese Geschichte handelt vom Erwerb einer Umhängetasche. Ich erledigte das nicht online, sondern persönlich im Geschäft.

Ein eiskalter Wind wehte mich ins Geschäft. Es gab hier Taschen und Portemonnaies zu kaufen. Auf jeden Kunden kamen drei Verkäuferinnen: Sofort begrüßten sie mich, als freuten sie sich, mich zu sehen. Was sie nicht wussten: Ich wollte eine ganz bestimmte Umhängetasche erwerben – ich hatte mich gewissenhaft vorbereitet. Auf eigene Faust wollte ich die Regale durchstöbern und die Tasche entdecken. Die Köstlichkeit der Entdeckung würde mir den grauen Tag versüßen, dachte ich, und ließ die Damenhandtaschen links liegen und näherte mich dem Regal mit den Umhängetaschen.

Da stand auch ein Mädchen mit großer Brille, das mich siezend fragte, ob ich denn Hilfe bräuchte, was ich rasch verneinte. Ich wusste, was ich wollte. Das Mädchen stellte sich wieder zurück an die Steckdose und ließ mich gewähren. Und ich machte und suchte und schaute – fand aber die gesuchte Tasche nicht. Hilfesuchend wandte ich mich doch an die Verkäuferin mit der großen Brille und beschrieb ihr die Umhängetasche. Sie schaute mich an, als wollte ich Uran von ihr kaufen. Oder Urin.

«Einen Moment», sagte sie schließlich und schwebte zu einem anderen Mädchen, das im Laden eine leitende Position innehatte. Sie war ein Profi und kam zu mir und tat ganz interessiert. Geduldig hörte sie mich die gewünschte Tasche abermals beschreiben. Sie erwiderte, dass ich Montag zurückkommen solle, da würde sie die neue Kollektion aufbauen, vielleicht wäre die gesuchte Tasche dabei.

Ob das gewünschte Produkt denn auch wirklich von [Markenname] sei, fragte sie mich sicherheitshalber noch, denn viele Kunden seien sehr dumm, sagte sie nicht. «Natürlich», rief ich, «sonst wäre ich nicht hier, sondern Zuhause, im warmen Wohnzimmer, lesend, schlafend, was auch immer.» Ich nölte noch ein wenig, was die überfreundliche Verkäuferin endlich ins Warenlager verschwinden ließ. Also, in den Keller, der als Lagerraum fungierte. «Ich glaube, ich weiß jetzt, welche Tasche Sie meinen», hatte sie zuvor zugegeben.

Lila sollte sie sein, glatt und schlicht

Während sie im Keller nach der Tasche suchte, erfroren draußen Ohren. Neben mir redete eine Frau viel zu laut über ihre Traumtasche. Lila sollte sie sein, glatt und schlicht. Die Verkäuferin mit der großen Brille tat ihr Bestes. Dann kehrte die leitende Verkäuferin zurück, aktivierte ihr Verkaufslächeln und erzählte mir umschweifend, wie toll diese Umhängetasche sei. Das wusste ich alles längst, deswegen wollte ich sie ja erwerben, deswegen war ich hier. Der Verkauf war längst getätigt, selbst wenn die Verkäuferin über den Holocaust referiert hätte. (Was?!)

«Die nehme ich», sagte ich also. Die Verkäuferin konnte sich einbilden, eine hervorragende Verkäuferin zu sein. War sie vielleicht auch. Nur, dass sie ein bisschen viel Bullshit redete. (Und wenn schöne Menschen plötzlich allzu freundlich zu mir sind, weiß ich, dass sie mir etwas andrehen oder mich töten wollen.)

Abschluss

«Ziemlich kalt draußen», smalltalkte die Verkäuferin, während sie die Bürokratie erledigte. Ich bejahte. Sie sagte, sie sei sehr froh, jetzt zu arbeiten, weil es im Laden angenehm warm sei. Das stimmte, deshalb nickte ich. Dann erzählte ich ihr, dass ich schon laufen war. Das beeindruckte sie aber nicht, sie musste aber zugeben, dass ihr die Ohren abfrören, wenn sie heute liefe. Als visuelle Unterstützung deutete sie sogar auf ihr rechtes Ohr. Es war makellos und mit einer Perle geschmückt. Ja, sagte ich – oder so etwas in der Art.

Als die Verkäuferin mir schließlich die erworbene Tasche in der Papptüte überreichte, stand sie so vor mir, als erwarte sie eine Umarmung. Ich ließ es aber bleiben und ging. Die zehn anderen Verkäufer verabschiedeten sich lächelnd von mir. Sie sahen mir nach, wie ich von der eisigen Böe weitergetragen wurde. Mit meiner neuen Tasche.

Vier Wände

7. Juli 2013

Bei einer Wohnungsbesichtigung sind die unterschiedlichsten Gestalten zu treffen. Da ist zum Beispiel einer, der den potenziellen Vermieter angestrengt bezirzt und das Objekt der Begierde in höchsten Tönen lobt. Kaum auszuhalten.

Gleich die erste Wohnung, die ich besichtige, ist perfekt. «Kann ich vielleicht kurz pinkeln?», frage ich bei der Ankunft das junge Paar, das die perfekte Wohnung noch ihr Zuhause nennen darf. Die Frage ist schon ein gewaltiger Fauxpas, nehme ich an. Ich kann nur ahnen, wie die beiden das hassen müssen: Keine Minute steht der Fremde in unserer Wohnung – und will schon die Toilette entweihen. Ein Graus, der steckt doch unsere Bodylotion ein und gurgelt unser Mundwasser leer. Aber sie lassen mich, es sind höfliche Leute. Ich pisse dann aber die Wände voll, markiere mein Territorium. (Usw., usf.)


Außer mir sind da noch andere Interessenten: Eine Frau komplettiert ein Liebespaar; sie ist grotesk freundlich, er sehr schweigsam. Im Briefing vor der Besichtigung hat sie ihm wohl eingebläut, ja die Fresse zu halten. Lass mich reden. Er nickt deshalb nur und verbiegt den Mund, was wohl ein Lächeln darstellen soll. «Die Wohnung ist wirklich wunderschön», trällert die Frau und deutet mit dem Zeigefinger diffus ins Wohnzimmer.

Ihr Freund nickt und nickt und nickt. Der Mieter auch. Sie sind sich einig – wir alle sind uns einig: Es handelt sich um eine echt schöne Wohnung, sie ist sogar: wunderschön. Und günstig. Und gut geschnitten. Und zur Stadtbahn ist es auch nicht weit. Toll, wirklich toll.

«Vielen, vielen Dank und einen schönen Abend noch», sagt die Frau zur Verabschiedung, nachdem sie sich in die Liste eingetragen hat. Die Liste derjenigen, die hier einziehen wollen. Sie und ihr Freund sind #13 und #14. Ich werde mich später auf der Rückseite des Papiers eintragen müssen.


In der Küche zeigt der Bewohner der perfekten Wohnung einem Mann mit langen Haaren und langem Bart den Herd und all das, was er gern dalassen will, für 900 Euro Abschlag. Dem Mann gefällt die Küche überhaupt nicht: «Die würde ich wohl herausreißen», sagt er. «Neunhundert Euro sind auch zu viel.» – «Wieso? Wie viel findest du … passt?», fragt der Bewohner, der einen leichten französischen Akzent auf der Zunge hat und manchmal das korrekte Wort erst suchen muss.

Draußen scheint die Sonne und bietet die beste Kulisse für eine Wohnungsbesichtigung. Die Fassaden leuchten satt, ebenso die frisch geteerte Straße und die Augen der Menschen. Am Ende der Straße ist eine Kirche, umrahmt von Gebüschen und alten Bäumen. Überall stehen Autos, dicht an dicht. Mich erinnert die Szenerie an Paris. Vielleicht zu Unrecht.

«Maximal zwohundert würde ich zahlen», sagt der Mann, der bestimmt Metal hört, Anthrax und Slayer, weil Männer mit langen Bärten und Haaren das nun mal hören, offenbar ohne Ausnahme, und immer sehr laut. Weiß der Vermieter das? Ahnt er es wenigstens?


Im Wohnzimmer steht ein junger Mann mit Zweitagebart und kurzen Haaren. Alles, was er sagt, klingt kein bisschen aufrichtig. Angestrengt bezirzt er den Vermieter, der gar keine Haare hat, nirgends auf seinem Kopf. Sie stehen am großen Ess- und Arbeitstisch. Rustikal, sehr geschmackvoll wie alles hier, wie die Küche, das Bett, das Bad. Der junge Mann fantasiert sich gerade an diesen Tisch, malt sich aus, wie er dort sitzt und was er da macht: «Wenn ich da wissenschaftlich sitze und schreibe», faselt er und stoppt. Ich warte auf das, was nach dem «dann, …» noch kommt, doch der junge Mann hat sich in eine Sackgasse gequasselt. Das Satzende lässt er unter den Tisch fallen, auf den wunderschönen Dielenboden. Einen Augenblick stehen wir alle nur da. Es sollte gesetzlich vorgeschrieben sein, Sätze zu

«Ich habe auch mal eine Bewerbung mitgebracht», sagt er plötzlich und kramt eine Mappe hervor. «Ich will damit nicht meine Chancen erhöhen, aber—» Natürlich willst du genau das! «—aber ich—» Schweig! «—lass Ihnen das trotzdem mal hier.» Halt die Fresse.

Der Vermieter nimmt das Material an sich. Überzeugt ihn das schmierige Gesülze, überzeugt ihn dieser kleine Wichtigtuer, der verbalen Durchfall hat und groben Unfug redet? Meine Güte: was wenn? Dann darf er hier wirklich wissenschaftlich sitzen, solang er will. Ich gehe abermals pinkeln und dann nach Hause. (Nachtrag: Die Wohnung habe ich leider nicht bekommen.)

Nerds auf dem Flohmarkt

22. Juni 2013

Es ist Sonntag – und es scheint tatsächlich die Sonne. Der Tag ist noch jung, doch die besten Plätze sind schon weg, sind längst besetzt. Nur am Rand gibt es noch eine Stellfläche für unseren Tapeziertisch. Drei Meter Verkaufsfläche = 20 € Gebühr. Hinter meinem Stand stehe ich und warte darauf, dass mir Fremde meine Sachen abkaufen, Bücher und obsolete Ton- und Bildträger.

Der Mann vom Nebenstand verhandelt schon mit mir, während ich noch aufbaue. Er will die kleinen Plastikautos haben. Bücher aber will niemand. Da ist nur ein Mann, der mir noch ein paar Euro aus den Rippen leiert und mir mein Hassbuch #2 schließlich für einen Euro abkauft. Nur fair, ich hätte ihm etwas geben müssen – dafür, dass er mir dieses fürchterliche Buch abnimmt, das ich im Sondermüll hätte entsorgen müssen, weil dessen Inhalt toxisch ist, weil dessen Inhalt Gedanken sterben lässt und Gehirne austrocknet und die Verblödung des Landes vorantreibt. Bis wir alle wie Zombies gar nichts mehr wollen und nur noch ins ewige Licht unserer Mobiltelefone starren und warten, dass sich was bei Facebook tut. Doch nichts, weil alle nur schauen und warten, ganz passiv und leer. Und dafür einen Euro zu bekommen, ist eigentlich gar nicht übel. Davon kann ich mir ein Eis kaufen: Banane, eine Kugel bei Mövenpick. Ich aber begehe den Fehler und kaufe eine Currywurst bei einem knurrigen Mann, der gar keine Lust hat, mir diese Wurst zu geben, sie zu schneiden und so fort. Muss er aber, was soll er sonst tun? Die Wurst kostet 3 € und schmeckt wie 10 Cent. Aber der Hunger treibt es rein, wie man so sagt. Das Brötchen stammt aus dem Billigflieger. Kriegen die Tauben, die würgen.

Ein alter Mann steht vor meinem Stand, zögert, kramt dann in seiner Westentasche, die er wie seine Westentasche kennt. Er fördert einen Palm Pilot zutage, ein Fossil aus dem alten Jahrtausend. Grau und völlig veraltet, obsolet wie meine Ware. In seinem Gerät befindet sich eine Liste mit seinen Besitztümern. Akkurat verzeichnet, katalogisiert und immer dabei. Mit einem schwarzen Plastikstift sticht er auf die Oberfläche des Palm ein, scrollt durch scheinbar endlose Textzeilen. Deswegen möchte ich mein Zeug loswerden, weil es in seiner Masse erdrückt, weil weniger tatsächlich mehr ist. Im Gegensatz zu dem alten Mann, dem alten Mann und das Mehr: Er kauft mir einige Frank-Zappa-CDs ab. Die landen in seinem Regal, landen in seinem Palm. Und ich bin ein Stück freier und reicher.

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Der Tod kostet 19 Cent

2. Juni 2013 · Kröpcke

Das Brötchen fällt der Mutter aus der Hand und landet direkt auf dem Boden. Dort kullert es entlang, als sei es auf der Flucht, dann fällt es schließlich um und bleibt liegen. Das Brötchen liegt auf dem Boden der U-Bahn-Station – nicht von irgendeiner U-Bahn-Station, sondern dem Knotenpunkt Hannovers, dem Kröpcke. Die Mutter hebt das Brötchen auf, und ich erschrecke: Will sie das noch essen? Selbstmord wäre das, nicht einmal in die Hand genommen hätte ich das verseuchte Kleingebäck. Und sie will das essen? – Nein, das Kind soll, es ist sein Brötchen, das Kind schüttelt jedoch den Kopf.

Sie will das verseuchte Kleingebäck noch essen?!

«Du isst das jetzt!», fordert die Mutter. – «Nein», insistiert das Kind, dessen rechtes Brillenglas mit einem bunten Pflaster zugeklebt ist. Das Brötchen habe Geld gekostet, argumentiert die Mutter. – «Na und?», erwidert das Kind, dem der aktuelle Brötchenpreis natürlich völlig wumpe sein kann. Die Mutter gibt auf. Sie hat erkannt, dass der Junge lieber Weingummi essen will. Kann man dem Jungen nicht verübeln: Das Brötchen ist kontaminiert, ist eine Gefahr für Leib und Leben, ist das reinste Biogift.

Hier unten in der U-Bahn riecht’s nach Pisse. Und das liegt daran, dass Obdachlose in die Ecken und Kanten urinieren; Besoffene und Punks mit Bierblasen, die sich einen Dreck darum scheren, was andere über sie denken. Einerseits sollen Kinder ja im Dreck spielen, sagen die Leute, und den Dreck auch mal essen, damit das Immunsystem gestärkt wird. Andererseits isst die Mutter jetzt das Brötchen. Hat ja Geld gekostet.

Methadone Madness

23. Mai 2013

Wo eigentlich ein Mensch sitzen könnte, sitzt ein Hund, nämlich auf dem Fensterplatz in der Stadtbahn. Es ist richtig voll. Überall existieren müde Menschen, die Feierabend haben, die nach Hause wollen. So schnell wie möglich. Viele stehen, der Hund sitzt. Neben ihm sitzt eine Frau mit einem obszön großen Filzhut auf dem Kopf. Der ist schwarz. Die Lippen der Frau sind rot, ausgemalt mit Lippenstift. Auf den ersten Blick nehme ich an, dass der Hund zur Frau gehört. Das passt auch: Hund und Frau ergeben ein stimmiges Bild. Die Frau sieht so aus, als wäre das ihr Hund.

Doch dann füttert eine dritte Hand den Hund. Und die Hand kommt von gegenüber, wo eine andere Frau sitzt. Sie hat kurze Haare und nicht mehr alle Zähne im Kiefer. In der linken Hand hält sie eine Bierplastikflasche. Garantiert nicht alkoholfrei, man riecht das jetzt auch. Zu ihren Füßen liegt ein Rucksack, ein mitgenommenes Teil, verschlissen und ebenfalls übel riechend. Der Vollständigkeit halber sei abschließend noch eine dritte Frau erwähnt, die der Filzhut-Frau gegenübersitzt. Sie sitzt also neben der zahnlosen Frau. Das ergibt: drei Frauen und ein Hund auf vier Sitzplätzen in der Stadtbahn.

Der Hund hat bezahlt, der darf da sitzen

«Muss denn der Hund da sitzen?», fragt nun die dritte Frau die zweite, die auf diese Frage gewartet hat. Solche Leute wollen immer Ärger, wollen sich immer zanken und Argumente austauschen. Liegt vielleicht daran, dass solche Leute oft besoffen sind. Besoffene sind immer gefährlich, auch wenn sie keine Zähne mehr haben. «Der Hund hat bezahlt, der darf da sitzen», erklärt die Frau ohne Zähne (viel zu laut und etwas lallend).

Ich habe mich das schon öfter gefragt: Müssen Hunde auch eine Fahrkarte kaufen? Kostet die dann weniger? Und wie kann ein Hund ein Ticket lösen – so ohne Geld und ohne Sprachfähigkeit? Ohne Hände. Und hat diese Frau mit Plastikbierflasche und ohne Zähne wirklich für ihren Hund ein Ticket erworben? Sie hat doch sicherlich nicht mal selbst eines, will ich ihr prompt unterstellen. Ich würde gern meine nicht vorhandene Autorität missbrauchen und mich als Kontrolleur ausgeben – verbleibe aber observierend an Ort und Stelle. Was soll das auch? Was bilde ich mir ein?

Die dritte Frau, die offenbar lebensmüde ist und ebenfalls Streit sucht, redet nun auf die Frau ohne Zähne ein. Uns Zuhörern fällt es zunehmend schwer, die Worte zu verstehen. Da ist viel Wut im Spiel. Die erste Frau mit Filzhut bleibt derweil ruhig sitzen und tut so, als würde das Streitgespräch nicht passieren. Sie ist eins mit der Bahn, dem Sitz, dem Universum. Und ich muss hier stehen, denkt ein Mann, der den ganzen Tag in einem Bürokabuff sitzen und auf den Bildschirm starren muss. Der Hund gähnt. Ich auch. Alle gähnen.

Abgang

«Ich will hier nicht mehr sitzen!», schreit die Frau ohne Zähne plötzlich, steht auf und schultert ihren Rucksack. Passt sich gut, ist ohnehin ihre Station. Der Hund hopst vom Sitz und läuft seinem Frauchen hinterher. Er weiß es nicht besser. In der Bahn herrscht große Erleichterung. «Die geht jetzt erst mal ihr Methadon holen», vermutet ein Mann mit Vollbart. Seine Begleiterin nickt und lacht. Sie hat noch alle Zähne im Kiefer stecken. Wobei ich nicht ausschließen kann, dass ihr die Weisheitszähne entfernt worden sind. Aber das ist irrelevant. Auf dem Platz, auf dem der Hund saß, sitzt nun niemand. Auch der Platz der zahnlosen Frau bleibt leer.

Frau Uhle

18. Mai 2013 · Kasse #10

Die Frau hat rote Haare. Die sind sicherlich gefärbt, denke ich. Gefärbt, um ihr Alter zu verbergen, das Alter der Frau, deren Falten im Gesicht jedem Betrachter das wahre Alter verraten. Die Haare täuschen niemanden, am wenigsten mich, der hinter der Frau steht und vor Abscheu kaum noch atmen kann, denn die Frau mit den roten Haaren ist die langsamste Frau der Welt. Langsam wie ein Gletscher, langsam wie die Kontinente, die auf der Erdoberfläche gemächlich entlang schrammen. So langsam ist sie und packt in Zeitlupe – in Ultrazeitlupe – ihre Sachen in einen Jutebeutel. Die Packungen. Die Dosen. Das Obst. Das Gemüse. Die Tiefkühlpizza. Vom Förderband in die Stofftasche. Ohne Eile.

Die Kassiererin heißt Frau Uhle, jedenfalls steht das auf dem Namensschild an ihrer Brust. Wenn ich sie wäre, würde ich mir ein Pseudonym verpassen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, bei dem Gesocks, das in diesem Laden einkauft. Frau Uhle ist eingefroren. Sie hält aus und wartet ab. Sie hat nichts vor, hat keine Eile. Sie sitzt hier seit Stunden an Kasse #10 und kassiert. Nennt Preise und gibt Wechselgeld zurück. Jeder erwartet das von ihr, mehr macht sie nicht.

Frau Uhle ist hübsch, wenn auch ein wenig zu, ähm, braun. Also Sonnenstudiobraun! Das sieht einfach nicht gesund aus. Finde ich, kann ihr ja egal sein, was ich denke. Und Frau Uhle hat einen Diamanten an der Nase, der glitzert schön, vielleicht ist das nur Glas oder Plastik. Oder ein Popel. Frau Uhle, Frau Uhle. Sie wartet und wartet. Gezeiten. Monde. Die Decke ist weiß, das Förderband schwarz. Ich habe irgendwann alles angeschaut, alles gesehen. Die rothaarige Frau packt noch immer ein. Die Dosen. Das Obst. Die Leberwurst. Sie könnte der Kassiererin ja schon mal ein bisschen Geld geben – wie wäre das? Etwas mitdenken und mitmachen, mal an den jungen Mann denken, der sein Leben noch vor sich hat und mehr von der Welt als diesen Supermarkt sehen will. Das Meer, das andere Ende des Kontinents, der entlang schrammt. Die Fernsehzeitung. Die Butter. Die Bierdosen.

Frau Uhle zählt ihre Fingernägel durch. Alle noch da, alle elf Stück. «Entschuldigung, aber der elfte ist meiner.» – Also nur zehn. Zehn ist normal. Zehn Finger mit lackierten Fingernägeln. Frau Uhle, Frau Uhle. Sie geht oft ins Sonnenstudio, denke ich mir, will sie aber nicht fragen. Geht mich nichts an. Ich war noch nie im Sonnenstudio. Habe immer die echte Sonne zum Bräunen verwendet. Oder Frau Uhle war im Urlaub. Mit ihrem Freund am Pool liegen. Abends ficken.

Die rothaarige Frau guckt mich plötzlich an. «Was, was? Ficken? Was denken Sie denn da?» – «Ich muss mich entschuldigen, aber geben Sie der Frau Uhle doch schon mal ein bisschen Geld, damit sie das Wechselgeld aus der Kasse suchen kann.» – «Was fällt Ihnen ein, ich gebe mein Geld, wann ich will, und nicht, wann Sie das wollen! Sie Schwein. Ficken sagt man nicht.» – «Ich habe es doch nur gedacht.» – «Trotzdem.» – «Bitte geben Sie der Frau Uhle ein bisschen Geld.» Wie sehr ich ihr in die Fresse schlagen will, der rothaarigen Frau.

«Das macht 98,76 Euro», sagt Frau Uhle. Bei Gott, hoffentlich fängt die Alte jetzt nicht an und fummelt die 76 Cent in einzelnen Centstücken aus ihrer Scheißgeldbörse! Die rothaarige Frau zieht einen 100-Euro-Schein heraus, reicht ihn rüber zu Frau Uhle. Jubel bricht aus, es geht weiter, wir werden hier nicht sterben. Mein Grabstein an Kasse zehn. Frau Uhle hat das Wechselgeld schon parat, hier noch der Bon, auf Wiedersehen, danke für Ihren Einkauf, blablabla. Die rothaarige Frau, die so alt ist wie Gott und das Universum, stopft die Moneten in ihre Handtasche. Und dann packt sie weiter ein, Packungen und Dosen vom Förderband in ihre Tasche, ganz in Ruhe, nur keine Hektik. Ich sterbe.

Mit den Scherenhänden

1. Mai 2013

Zehn Euro für eine Schere ist ganz schön viel, finde ich, der sich aus Versehen mal eine Schere für Linksschneider gekauft hat. Mein Friseur sagt, seine Schere habe fast tausend Euro (sic) gekostet, genauer: neunhundertsiebzig Euro. Die zweitbeste Schere, die es zu kaufen gibt, die kommt aus Japan – das Samuraischwert der Barbiere.

Ich stelle mir vor, wie mein Friseur nach Japan reist, mit Rucksack und Sandalen. Den Berg rauf, durchs Gebüsch, um dann mit blutigen Füßen anzukommen. Ein Mann mit langem Bart erwartet den Friseur: «Nimm Platz, vielleicht Sake?» – «Arigato.» Sie sitzen beisammen, schauen auf die Landschaft. Japan ist schön, ja, und das Wetter spielt auch mit. «Also», sagt der Mann mit langem Bart irgendwann. «Eine Schere willst du.» – «Jawohl», bestätigt mein Friseur. – «Sollst du haben.» Tage vergehen, er schmiedet die Schere aus weichem Stahl, das dauert, ist das Warten aber wert.

Mein Friseur sagt, dass er nicht nach Japan gereist ist, die Schere gab’s bei Amazon im Fachgeschäft hier in Deutschland. Ich sage, dass ich mir Japan als schönes Land vorstelle. Wir wechseln das Thema, es geht anschließend um Kochsendungen im Fernsehen. Davon habe ich aber keine Ahnung. Wir schweigen.

Voll wie ein Etui

20. Juni 2012

In der Vorlesung sitze ich neben einer jungen Frau. Sie trägt mindestens einen Perlenohrring und ein dazu passendes Halstuch. Sie trägt außerdem eine Art größere Handtasche aus gefärbtem Leder bei sich, in der sie ihre Unterlagen durch die Gegend trägt. Anders als ihre Freundinnen, hat sie nur eine 0,5-Liter-Flasche dabei: Mineralwasser von Lidl. Die Frauen neben ihr führen teilweise 1,5-Liter-Kanister mit sich, als wollten sie nachher noch eine Wanderung durch die Berge machen. Aber es gibt hier gar keine Berge.

Das Mädchen mit dem Perlenohrring spielt Malen für Freunde (oder: Draw Something) auf dem Handy. Catchphrase: «Montagsmaler meets Android!» So ganz begriffen hat meine Sitznachbarin das Konzept des Spiels aber nicht: Sie malt eine Art krummes Baguette hin und schreibt (sic!) darunter: Grillen. Was mich ratlos macht. Was meint sie nur? Oder soll das eine Wurst sein, wie in: Grillwurst? Soweit ich informiert bin, geht es bei diesem Spiel doch darum, etwas zu malen und nicht darum, etwas zu (be)schreiben. Sonst schreib doch gleich hin: «Grillwurst» oder «Grillpimmel».

Meine Sitznachbarin, deren Namen ich vergessen habe, benutzt ein Handy von Samsung und führt nebenbei drei schriftliche Korrespondenzen parallel, eine davon via WhatsApp. Sie hat vor sich ein Etui auf der Ablage stehen – und ich brauche meine volle Konzentration, um sie dafür zu verachten. Das Etui platzt fast aus allen Nähten, auch wenn es eher geklebt zu sein scheint. Sie hat alles dabei: Bleistifte, Eddings, einen flachen Locher, Lineale, Kulis, Textmarker, Buntstifte, Radiergummis und bunte Filzstifte.

Ich selbst haben einen einzigen Stift bei mir: Einen kleinen Kugelschreiber aus Plastik, der für den Notfall vorgesehen ist, der hoffentlich niemals eintritt. Das Mädchen mit dem Perlenohrring hat mehr Stifte im Etui, als ich in meinem ganzen Leben je besessen habe. Und das alles trägt sie jeden Tag durch die Gegend, in ihrer großen Handtasche, die sie sich nicht mal ordentlich um die Schulter hängen kann, sondern in die Armbeuge hängen muss.

Erwachsene brauchen nicht mehr als einen verfickten Stift

Das Etui ist für mich der Inbegriff von Unterdrückung und Angepasstheit an ein System, das diejenige zerstört, die es infrage stellen. Ich rede natürlich von der Schule, zu der das Etui und der College-Block gehören, wie auch das Stillsitzen und Aufpassen, wie mündliche Noten und lächerliche Kreidestummel. Und Plastikmappen, Deckblätter, blaue Briefe (die nie blau waren) und die erstaunlich schlechte Akustik: «Das habe ich akustisch nicht verstanden.» ¶ Als ich mit der Schule fertig war, habe ich als Erstes mein Etui entsorgt und mir geschworen, nie wieder eines auch nur anzusehen. Erwachsene brauchen einfach nicht mehr als einen verfickten Stift. Finde ich. Schließlich ist das fiebrige Anmalen von Texten doch im Prinzip großer Unsinn, mal ehrlich, mal unter uns. Was soll das schon, wenn die Seite statt weiß nun gelb ist? Kunst ist das keine.