Momentaufnahme

15. September 2011, 13:38 Uhr.

Barcelona, Parc Güell. Menschen. Die Sonne brennt und strahlt. Händler verkaufen Hüte und Plunder. Touristen kaufen all das, sie handeln und überreichen Scheine. Kinder brüllen und lachen und wollen Eis. Ein älterer Herr beißt in einen Apfel, ich in eine Banane. Eine Frau macht von ihrer Tochter ein Foto, ein Mann filmt die Palmen. Es geht kein Wind. Keine Wolken am Himmel. Eine Treppe als Nadelöhr. Schweißfüße in Sandalen. Kurze Hosen. Und sie sitzt da in aller Ruhe und ganz alleine und liest.

Das Sitzen vor der Oper ist verboten

Der letzte Tag des Sommers endet. Die Stadt ist in goldenes Licht getaucht, Hannover sieht jetzt richtig schön aus, und es duftet und niemand schreit. Auf dem Opernplatz patrouillieren vier Männer auf und ab, hin und her, sie sind in komplett in Schwarz gekleidet, Men in Black, und nur ein kleiner Hinweis auf ihren Shirts verrät, dass sie dem «Sicherheitsdienst» angehören. Ich kann nicht anders und muss sofort an die Waffen-SS denken, an die Schutzstaffel von Hitler, aber die sahen in ihren Boss-Uniformen viel besser aus als die vier Männer vor der Oper. Sie schwitzen und ihre Gesichter glänzen – und sie entdecken uns. Wir sind geliefert, sie kommen näher, an eine Flucht ist nur noch zu denken, in die Tat lässt sie sich nicht mehr umsetzen. (Schussbefehl, fies in den Rücken ballern.)

Wir sitzen auf den Treppen der Staatsoper und ließen es uns bis eben gut gehen. Ein junger Mann löst sich aus der Vierergruppe und trägt seine Forderung vor. Seine Körperhaltung ist angespannt, seine Miene streng.

«Sie können hier leider nicht sitzen, das ist verboten», behauptet er. «Bitte gehen Sie fort.»

«Warum, wenn ich mal fragen darf, hier ist es doch so schön», sagte ich. «Der viele Beton, die Kabel und die zwei betrunkenen Frauen, die versuchen, Deutsch zur reden – das ist durchaus unterhaltsam.»

«Das mag sein, aber ich muss Sie einfach bitten, zu gehen.»

«Warum noch mal?»

«Einige der Opernbesucher fühlen sich gestört, wenn hier einfache Leute auf den Treppen herumlungern.»

«Proletarier oder Nichtsnutze der Bohème.»

«In etwa so. Bitte stehen Sie doch mal auf und gehen.»

«Aber die Opernbesucher sitzen doch drinnen und können uns gar nicht sehen, auch wegen des erwähnten Betons – und so.»

«Trotzdem.»

«Was soll denn das für ein Argument sein, das ergibt doch keinen Sinn.»

«Bitte.»

«Diese Snobs sind aber auch sensibel, unglaublich. Dabei trage ich immerhin ein Hemd!»

Wir stehen auf und gehen einige Meter weiter, wo sich die Punks, Skater und Emos treffen und gemeinsam Bier trinken, skaten und rauchen. Wenn die sensiblen Snobs wüssten, welch Barbarei sich neben dem Operngebäude abspielt – viele von ihnen würden vor Ekel und Abscheu schmelzen wie die Nazis in Indiana Jones. Dann könnten wir endlich wieder vor der Oper sitzen und Eis essen.

Verdacht auf akutes Fernweh

Auf dem Doppelbett liegt eine blonde Schönheit, die grenzdebil lächelt. Sie schaut mich an, nur mich, ihre Zähne strahlen in einem herrlichen Weiß. Neben ihr und dem Bett steht ein Mann, lächelnd und nackt, mit einem kaminroten Handtuch um die Lenden gewickelt. Auch er ist attraktiv, auch er schaut nur mich an. Werden die beiden jetzt vor meinen Augen miteinander schlafen oder haben sie es schon getan? War er tatsächlich alleine duschen und wieso steht er da nackt im Zimmer? Und wo ist eigentlich deren Gepäck?

Ein anderes Foto zeigt das Badezimmer und den an der Wand angebrachten Fön, der auch in der Beschreibung erwähnt wird: «Dusche, Bad, WC und Fön». Außerdem verspricht der Katalog «Minibar und Fernseher». Wie kann ich da noch länger widerstehen?

Ich löse meinen Blick von den Fotos und schaue nach draußen. Dort fallen aus grauen Wolken viele Regentropfen, die auf dem Asphalt zerplatzen. Im großen Schaufenster hängt ein Modellflugzeug aus Plastik. Ein großer Airbus.
Uns gegenüber hockt ein junger Mann und starrt fassungslos auf den grauen Drucker und den Flachbildschirm. Wir sitzen hier schon eine ganze Weile und ich bin froh, dass mich die visuelle Stimulans des Katalogs ablenkt.

Plötzlich überkommt es den jungen Mann und er schlägt in einem Wutanfall auf die Tastatur. Ausgerechnet die ESC-Taste fliegt eiernd durch die Luft und landet auf dem feuchten Teppich. Diese Leidenschaft hätte ich dem Reisebürokaufmann gar nicht zugetraut.
«Das Scheißding sollte jetzt eigentlich drucken», motzt er mit rotem Kopf, er spricht teils mit uns und teils mit sich selbst, verhandelt aber eigentlich mit der grauen Maschine, die still auf dem Schreibtisch steht und gar nichts macht. «Komm schon!», fleht er.
Die kleine rote LED am Drucker blinkt hektisch.

«Papierstau?», versuche ich.

«Das hat er manchmal», erklärt der Typ, der eine Designerbrille auf der Nase trägt, die er alle paar Momente mit dem rechten Zeigefinger zurück an die Nasenwurzel schiebt. An den Wänden hängen eine Weltkarte und einige Poster, die verlassene Strände zeigen. Strände, sie sich endlos hinziehen, gesäumt von gesunden Palmen. Weißer Sand und kristallklares Wasser, die für eine Reinheit und Perfektion stehen, die in dieser Form ganz sicher nicht der Realität entsprechen. Eine große Illusion, die akutes Fernweh verursacht.

«Ach, ein Auto wollten wir doch auch noch mieten», fällt meiner Begleitung plötzlich ein.

«Oja, ein Cabrio», bestätige ich und krame ein Taschentuch aus der Hosentasche hervor, um mir die Nase zu putzen.

«Dann muss ich aber alles noch mal neu machen und ausdrucken», mosert die Designerbrille, aber das rote Blinken verschwindet nicht und am Ende schickt er uns resigniert nach Hause.

Ich habe dann alles online gebucht.

Letzte Nach in Freiheit

Heute ist Samstag, für mich ein Tag wie jeder andere. Ich bin im Pub und sitze auf einer Bank, auf einem dünnen Sitzpolster. Der Tisch kippelt ausnahmsweise mal nicht, dafür aber die Stimmung: Wie bei einem kleinen Teich droht jederzeit das Umkippen; ein kleines Sterben, winzige Wortbrocken an der Oberfläche treibend1. Eine große Erleichterung flutet die leeren Gläser, als die erste Runde Bier an den Tisch getragen wird.

  1. Meine Zahnschmerzen entpuppen sich als Weltschmerz: auch das noch!

Aus einem knisternden Höllenstrudel in der Nähe der Toiletten tauchen plötzlich vier Frauen auf – vier Frauen mit roten Nasen und Mützen. Als wäre Winter. Eine von ihnen hat Schaumstoffwürmer im Haar, bunte, sie sieht ziemlich lächerlich aus – aber das soll so sein. Außerdem hat sie einen prall gefüllten Bauchladen um ihren Laib geschnallt. Sie tingeln von Tisch zu Tisch, verkaufen den Leuten Schnaps, Gummibären, Kondome und faule Aktien.

In bestimmten sozialen Milieus ist es offenbar üblich, dass Menschen, die heiraten, mit ihren Freunden losziehen und sich im Zentrum der nächstgelegenen Stadt zum Horst machen, viel trinken (saufen) und fremden Menschen damit tierisch auf die Nerven gehen2. Nur besoffene Fußballfans im Siegestaumel sind schlimmer.

  1. Gibt man bei Google «Junggesellenabschied» ein (oder auch die feminine Form) tauchen sofort einhundertsechsundachtzigtausend Treffer auf. Die ersten verweisen auf T-Shirts mit so Sprüchen wie: «Letzter Tag in Freiheit», «R.I.P. Freedom» oder «Dein Text», «Dein Motiv» (für Kreative). Aufgaben, Planung – und für den Notfall Stripper.

Das gesellschaftliche Subsystem steht schon am Nebentisch. Dort sitzen drei Frauen, die sich lachend ein Kilkenny nach dem anderen hinter die Binden kippen, sich nun aber belästigt fühlen. Der Blick der Anführerin lässt sich leicht entschlüsseln, übersetzt heißt der: «Verpiss dich, ja?»
Also stehen die vier lustigen Frauen mit roten Nasen an unserem Tisch und grölen mit einem krachenden Alkoholtimbre, dass wir jetzt unbedingt was kaufen sollen. Im Angebot haben sie auch einen Dildo aus Weingummi.

Welche Geschmacksrichtung hat der denn?, will ich dann doch wissen. – Hier steht: Strrraaaaabärriiii, lallt sie. Doch die Damen wollen den lieber behalten, und ich will ihn gar nicht haben, also erwerben wir am Tisch eine Handvoll Aktien zu fünfzig Cent. Die Karawane zieht weiter, der Weltschmerz bleibt etc.