Antirauschen.
Ein persönliches Blog

Wie bei Seinfeld

Auf meiner Festplatte ruhen viele Textdateien. Manchmal öffne ich eine davon und lese in die Vergangenheit. Der nachfolgende Text stammt aus dem Jahr 2010. Es geht darin um einen Besuch bei Starbucks.

Also los: Es war Mittwoch. Manchmal hasse ich diesen Tag – so diesen einen Mittwoch wieder, als meine Laune fürchterlich war, und all das. Ich war bei Starbucks und sagte dem Mann hinterm Tresen, was ich wollte: «Tall Latte, to go.» Der Mann nickte eifrig und wiederholte: «Tall Latte, to go». Er schob die Designerbrille zurück an seine Nasenwurzel und kritzelte anschließend was auf meinen Becher – allerdings nicht meinen Namen, den kannte er nämlich nicht. Ob es stimmt, dass sie einem in die Augen schauen müssen?

Ein zweiter Mann wollte nun noch einmal wissen, was ich hatte, und dann wollte er Geld sehen. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete satte drei Euro und war brühheiß, ich zahlte passend.

«Brühheiß», wiederholte mein Anwalt, der illegal praktizierte und sich zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrannte, um anschließend Starbucks zu verklagen. Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und ich drehte ihm, dem Anwalt, den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Einkaufsmall, weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das in einem großen Lebewesen lebt. Die unendlichen Wände waren sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten nach ihren Frisuren, junge Typen sahen nach, ob auch ihre Schlüpfer aus der Hose lugten. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort ein bisschen und verschwand nach draußen. Hätte dieser Mann vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es regnen? Niemals, es würde nicht regnen, vielleicht nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. O ne, muss? Muss, ja. Ich ging und ging und war irgendwann weg.


In der Untergrundbahn gibt es an den Türen Knöpfe; wenn man die drückt, leuchtet der kleine Kasten, der den Knopf umgibt, weiß auf. Wir alle denken, dass diese Plastiktaste dafür da ist, dass sich die Tür beim nächsten Halt auf jeden Fall öffnen wird. Irgendwie beschleicht mich aber das Gefühl, dass der Knopf direkt mit der kleinen Glühbirne verbunden ist und nicht mehr macht, als dieses Licht aktiviert und die Tür so oder so aufgeht. Die Beweislage ist aber dünn.

Diese Notiz entstand am 6. Juli 2010 gegen Mitternacht. Die Datei trägt jedoch den Titel 30. Juni. Dieser Tag war denn auch ein Mittwoch, wie am Anfang des Textes beschrieben. Ich fühle mich gerade wie ein Archäologe, der in alten Skripten stöbert.