Das kleine Italien

25. Februar 2009

Weil der Linienbus, den ich täglich nehme, auch am Steintor hält und ich dort in die Bahn umsteige, konnte ich wochenlang die schwierige Geburt eines neuen Ristorantes verfolgen. Irgendwann war es aber fertig, nun kann man erst im Little Italy Nudeln verspeisen und anschließend ins Bumskino nebenan gehen, hinein in den «Zauberwald», oder sich irgendwas Wunderliches im Sex-Shop kaufen. Das gibt es nämlich alles am Steintor, falls Sie das nicht wussten.

Samstag

Erst vergangenen Samstag ergab sich auch mir die Möglichkeit, das Little Italy zu besuchen, und ich hockte auf der Bank, studierte das Menü und bestellte Spaghetti Bolognese. An den Wänden hingen Bilder von eigentlichen Mafiosi und gespielten Mafiosi: Al Capone, Al Pacino, Robert De Niro. Plötzlich durchzuckte es mich und ich änderte meine Bestellung um: Keine Nudeln bitte, sondern doch die Pizza Margherita (für fünf Euro), die einzig Wahre unter den Pizzen. Die wurde wenig später gebracht, und sie schmeckte relativ gut.

An der Bar stand ein glatzköpfiger Security-Mann und machte vielleicht Pause, ehe er wieder rüber in den Puff musste, um aufzupassen, dass keiner der Ficker ausrastet und sein Geld nicht zahlt oder was. Als wir gingen, hielt uns ein netter Mensch die Tür auf und wies sogar auf die Stufe hin: «Vorsicht!» Als wären wir alte Senioren oder schwachsinnig.

Auf der nassen Straße kamen uns vier angetrunkene Party-Frauen entgegen, so ist das hier, die gingen sicherlich in ihre Stammkneipe; sie hatten sich schließlich schick gemacht. Sie trugen enge Leggings, das ist schon was, dicke Schminke im Gesicht, die Lippen rot angemalt. Sie hofften womöglich, dass ein Mann schwach werden würde. An dem Abend waren wir allerdings stark und gingen noch in den Pub.

Dieser Text erschien 2009 in einem anderen Blog von mir. Damals studierte ich in Hannover und fuhr mit dem erwähnten Bus zum erwähnten Steintor, um dort in die erwähnte Stadtbahn umzusteigen. Das Little Italy gibt es längst nicht mehr.

Das höllische Wartezimmer

2. Juni 2008

Wartend im Wartezimmer gesessen. Eine Frau mit Kopftuch schläft, ihre Augen sind geschlossen, möglicherweise ist sie verstorben. Ich möchte sie ignorieren und trinke etwas. Ein Pärchen, wohl verheiratet, betritt den Raum. Ein Wortwechsel in fremder Zunge lehnt sich gegen die quälende Stille auf; dann herrscht wieder allgemeine Ruhe. Es ist voll im Zimmer, alle Sitzplätze sind belegt.

Das Mädchen neben mir spielt mit einem Nintendo DS. Später geht sie Eis-Tee kaufen, das nötige Geld erhält sie von ihrer Mutter, die ebenfalls einen Schluck Eis-Tee trinkt. Sie warnt das Kind:

«Trink nicht so viel Eis-Tee, wegen dem Koffein.»
«Ich habe seit 2002 keinen Eis-Tee getrunken», erzählt das Mädchen. «Oder war es 2003?»
«Ich weiß es nicht», gesteht die Mutter.
«Mir ist so langweilig, Mama.»
«Ja, dafür kann ich aber nichts.»

Ich sehe Politessen im geistigen Auge meines Selbst. Sie durchsuchen die Fahrzeuge nach Drogen und abgelaufenen Parkscheinen. Die Überwachungskamera, sie redet. Eine Frau, füllig und mit weißem Hut auf dem Kopf, betritt das Wartezimmer. Sie redet laut und mit niemandem Bestimmtes, vielleicht aber mit sich selbst: «Ich ziehe meine Jacke aus. Ach, nein, das lohnt sich nicht. Hier kommt man ja immer schnell dran. Aber heute ist es voll. So viele Leute.»

So muss die Hölle aussehen

Sie steht vor zwei runden Tischen inmitten des Wartezimmers. Auf ihnen liegen diverse Zeitschriften vom Lesezirkel. «Ich werde durch die Tische gehen», droht die Frau mit weißem Hut. So muss die Hölle aussehen: sonderbare Frauen, die vor Tischen stehen. «Ich gehe durch die Tische», wiederholt sie. Die Hölle. «Oder ich gehe an den Tischen vorbei!» Es riecht nach Schwefel und Eis-Tee. «An den Tischen vorbei!»

Die Frau geht an den Tischen vorbei und setzt sich endlich auf den Stuhl. Sie redet noch ein wenig mit allen und keinem und schweigt dann, bis sie nach einer Weile anmerkt, dass die Luft in dem Raum schlimm sei. Abgestanden. Stickig. Muffig. Ein Team von zwei Müttern macht sich am Fenster zu schaffen. Der Arzt betritt den Raum, den Warteraum, durch eine Tür in der Wand. Die dicke Frau mit weißem Hut wird vom Arzt aufgerufen, sie steht umständlich auf, klaubt ihre Einkaufstüten zusammen und quält sich an einer großen Pflanze vorbei.

«Haben Sie sich wohl den Bauch eingeklemmt», ruft der Arzt aus. – «Ich habe keinen Bauch!» – «Stimmt, geht alles ins eins über.» Ein anderer Mann mit Brille schmunzelt und widmet sich leidenschaftlich seiner Lektüre, eine Zeitschrift von den beiden Tischen. («Durch die Tische!») Ich möchte einen Stock entleihen und mich selbst mit einem harten Schlag betäuben. Passiert das alles wirklich? Sind das echte Menschen?

Zehn Minuten später endlich die Heimfahrt angetreten. Es ist schön, frei zu sein, obwohl alle Ampeln rot sind.

Der Text stammt aus der Zeit, in der ich im Rahmen meines Zivildienstes ältere Herrschaften zum Arzt fahren musste.

Live aus Rom

19. Juni 2007 · Rom

Live aus Rom: Es ist bewölkt. Pantheon undicht, weil großes Loch in der Decke. Nun Kaffeepause. – Dienstag, 19. Juni 2007, 12:43 Uhr

Als ich im Sommer 2007 in Rom war, schrieb ich einige SMS an Twitter, die dann als Tweets erschienen sind. Das war wahrscheinlich relativ teuer – ich erinnere mich nicht mehr genau. Aber ich weiß noch, wie toll ich das fand: Ich konnte meine Gedanken einfach ins Handy tippen und wenige Sekunden später standen sie im Internet.

Vom Beckenrand pinkeln verboten

20. Mai 2006

Das städtische Hallenbad an einem Donnerstag: kein Warmbadetag. Einen Euro lasse ich in das braune Gerät fallen, er wird sofort angenommen. Sinnloses Reiben am Automaten entfällt also, ohnehin nur eine moderne Legende, ein Placebo. Noch mal fünfzig Cent hinterher, dann ist der Obolus entrichtet, die Maschine druckt die Eintrittskarte aus. Ein Schild weist darauf hin, dass man unbedingt ein Eurostück bereithalten solle, um die Schränke für Klamotten und Schuhe nutzen zu können. Mein letzter Euro steckt nun aber in dem Gerät.

Eine kleinere Maschine stellt Kaffee her, eine andere, mit Glasscheibe zum Durchgucken, hält diverse Leckereien bereit. Ein Süßigkeitenautomat. Ein weiteres Gerät schluckt meine Eintrittskarte, die eben bedruckt wurde. Ich darf durch das seitlich angebrachte Drehkreuz gehen, Kameras beobachten das Geschehen. Vorbei an der Gruppenumkleidekabine, in der ich mich früher, als ich noch jeden Montag zum Schwimmkurs der DLRG ging, umzog. Die Einzelkabinen sind das Ziel. Mittels eines einfallsreichen Klappmechanismus ließen sich die Türen verschließen.

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