Die erste Woche

16. Juni 2023

Die Leute sagen, wir sollen die Zeit als frisch gebackene Eltern genießen. Doch so einfach ist das nicht.

Die Zeit, sie sprintet: Die erste Woche mit brandneuem Baby ist schon vorbei, geschafft, verstrichen. Es ist 3:30 Uhr, wir liegen wie Blei auf dem Teppich. Der Sohn ist hellwach, er greift in der Luft herum, ballt die winzigen Fäuste. Später zwitschern draußen die Vögel – lang nicht mehr gehört, dieses latent aggressive Trällerkonzert, das den neuen Tag einläutet. Am Vormittag kreischen dann die Kreissägen. ¶ Das brandneue Baby möchte essen, trinken; es muss essen, trinken. Es muss an Gewicht zulegen, muss stets noch mehr essen, noch mehr trinken. Und noch mehr. Und das dauert. Langsame Fortschritte, frustrierende Momente. Der Sohn kreischt wie die Kreissäge. Schreit, weint, brüllt. Er strampelt auf dem Wickeltisch, zappelt dort herum, schlägt um sich. Kann er gar nicht leiden! Kacke am Fuß, Kacke am Bein, Kacke unterm Hoden – überall Kacke. Es ist 4 Uhr. Oder 16 Uhr. Dann muss er wieder essen, trinken. Kacken. Essen. Trinken. Weinen. Kreischen. Neue Windel anlegen. ¶ Zwischendurch ist er selig, liegt nur da und staunt. Ein friedlicher Moment, er leckt seinen Milchmund ab. Lustige Gesichter macht er auch, probiert aus, lächelt scheinbar, verzieht das Gesicht. Dunkle Augen, die interessiert die Umgebung betrachten. ¶ Aus dem Schlaf gerissen: Was ist zu tun, was muss ich machen? Träume wirres Zeug, es ist 2 Uhr oder 14 Uhr. Die Windel wieder voll geballert, der Magen leer, der Sohn ist hellwach. Weint und weint und weint. Dann geht die Sonne auf und ein neuer Tag rast an uns vorbei: Freitag. Schnell etwas essen, zwischendurch ein Brot schmieren. Der Flink-Rider klingelt, er kann kein Deutsch, nicht schlimm: «Your name is Burger?!», fragt er erheitert. Fast. Die Limos zischen, die Flaschen sind offen, überall Limo im Treppenhaus. Der Boden klebt und der Rider ruft seinen Supervisor an. Überall Kacke: in den Kniekehlen, an den Füßen, neben dem Hoden, links und rechts. Der Flink-Rider düst los, holt Ersatz-Limos. See you! Tagsüber kommt ein anderer Radfahrer zu uns und bringt das Mittagessen. Es ist 16 Uhr. Keine Zeit fürs Kochen, keine Zeit fürs Saugen, keine Zeit für den Abwasch. ¶ Draußen ist Sommer. Es vergehen perfekte Tage unter einem blauen Himmel. Die Menschen essen Eis, fahren Fahrrad – meine Frau und ich stehen am Wickeltisch und wischen den Sohn sauber. Kacke überall. Und wieder von vorn. Es ist 19 Uhr, wie kann das eigentlich sein? Eben trällerten noch die Vögel um kurz nach vier.

Falsche Pizza

14. Juni 2023

Schon wieder eine Frau mit Fahrradhelm im Supermarkt. Steht da zwischen den Regalen herum und weiß nicht, was sie da will. Zur Beruhigung wirft sie sich eine Globuli rein. «Sie auch?», fragt sie, aber ich lehne ab. Vor der Tiefkühltruhe steht eine andere Frau, eine dicke Dame im Nachthemd, floraler Aufdruck, da steht sie, und versperrt zusätzlich mit ihrem Einkaufswagen den Zugang zu den tiefgefrorenen Waren. Der Körper der Frau und der Wagen als Bollwerk gegen kulinarische Gelüste – die ungesunde Pizza bekommst du hier nicht! Ich bekomme sie aber doch.

Widerlich, verfickt noch mal – der Tag ist gelaufen

Erst zu Hause bemerke ich, dass ich nicht aufgepasst und daneben gegriffen habe: Ich habe versehentlich eine Spinat-Pizza mit Ziegenkäse erworben. Widerlich, verfickt noch mal – der Tag ist gelaufen. Natürlich ist das nicht die Schuld der Frau im floralen Nachthemd. Aber dann irgendwie doch: Hätte sie nicht so dämlich vor der Tiefkühltruhe gestanden, hätte ich den Blick besser schweifen lassen können, mir wäre dann sicherlich aufgefallen, dass es mehr Pizzen gegeben hätte.

Zudem liegt es an der fehlenden Pappverpackung: Die Pizzen in diesem anstrengenden Bio-Supermarkt sind lediglich in Plastik verschweißt, nicht aber in einem zusätzlichen Karton verpackt, der einen Aufdruck gehabt hätte – schön mit dämlichen Ziegen oder so. Nun ja, jedenfalls bin ich nun Besitzer dieser beiden Ziegenkäse-Pizzen und das ist eine ziemliche Belastung, denn ich mag keinen Ziegenkäse und Spinat eigentlich auch nicht. (Meine Frau muss die nun essen, aber sie ist darüber auch nicht gerade begeistert.)

Die Frau mit Fahrradhelm steht an der Nebenkasse, die sich genau dann öffnete, als ich die letzten Waren auf dem Warenband abgelegt hatte. «Gehen Sie schon mal an Kasse 4!» Wenn ihr ein Stück Dach auf den Kopf kracht, ist sie trotzdem tot, trotz des albernen Helms.

Der verlorene Sommer

7. Juni 2023 · Station 6

Um 17:05 Uhr kommt unser Sohn zur Welt. Er schreit erst nicht. Sie nehmen ihn mit ins Nebenzimmer und kümmern sich. Manche Kinder bräuchten ein bisschen Hilfe, erklärt der Arzt. Am Ende ist alles gut. ¶ Abends muss ich aber allein nach Hause fahren, denn es gibt kein freies Familienzimmer mehr, in dem auch ich hätte übernachten dürfen. Erst am nächsten Tag wird ein Zimmer frei, also übernachte ich das erste Mal in einem Krankenhaus. Fünf Nächte zusammen mit meiner Frau und dem brandneuen Baby; ich als Gast, ohne Armband. Das bekommen nur Patienten. Ich hätte jederzeit einfach gehen können, nach Hause – zurück ins alte Leben. ¶ Das neue Leben beginnt in Station 6, in Zimmer 359: Morgens um 7 Uhr kommt die Ärztin rein; eben noch geträumt, nun steht eine Fremde in unserem «Schlafzimmer» und fragt meine Frau aus. Ich liege schlaftrunken daneben, mache mich unsichtbar wie ein Kobold. ¶ Die vergangene Nacht war heiß und kurz und ungewöhnlich, sie war anstrengend und seltsam. Um 3 Uhr morgens öffnete ich unsere Zimmertür und lief den langen Flur entlang. Dort war es windig, wie auf einem Gipfel. Ein angenehm kühler Durchzug. Auf dem Flur herrschte ein reges Treiben, Schwestern liefen herum, brachten Brotscheiben. Da sind andere frische Eltern, deren Babys kreischen. Irgendwie beruhigend: Wir sind hier niemals allein. ¶ Im sogenannten «Kinderzimmer» stand alles parat: Pre-Milch für den Notfall, perfekt auf Temperatur gebracht und gehalten – ich musste das Fläschchen lediglich aus dem Gerät nehmen, sodann war die Milch verzehrfertig. Daneben war der Wickelbereich mit großem Waschbecken und vielen Schubladen mit Dingen, die nötig sind, um ein Baby zu säubern und zu wickeln. Da lag das kleine Wesen und weinte und pinkelte und kackte. Zwischendurch schliefen wir sozusagen. Und das ist jetzt so, das ist unser neues Leben. ¶ Zu früh bringen sie das Abendbrot, manchmal ist das Mittagessen nicht einmal verdaut, da kommt schon ein neues Tablett mit Brot und Wurst und Käse. Draußen ist schönes Wetter, perfektes Wetter. Die Sonne brennt, es ist heiß, 30 Grad C. Ich schaue aus dem Fenster: ein prächtiger Sonnenuntergang, der Himmel glüht. Die Menschen kehren vom Baden zurück. Sonnenbrände, glückliche Gemüter. Es ist ein verlorener Sommer, denke ich. Ein besonderer Sommer, der anders sein wird als die Sommer davor.

Rauchen – eine Wutrede

4. Juni 2023

Raucher im Restaurant nerven – und anderswo auch. Eine wütende Abrechnung mit dem Laster der anderen.

Sommer, die Sonne ballert. Im Restaurant draußen zu sitzen, ist herrlich! Aber dann raucht leider einer, ein pummeliger Mann steckt sich eine an. Saugt gierig an der Fluppe. Pustet den Qualm in die Luft. Und er raucht noch eine und noch eine – Kettenraucher am Nebentisch. Der Burger schmeckt nach Asche, die Pommes auch, alles schmeckt nach Asche. Zigarettenqualm in der Nase und in den Augen. Aber der eine, der ist glücklich, weil er raucht, raucht, raucht. Sein Feuerzeug klickt wie leer geschossen.

Fick den Kettenraucher am Nebentisch

Als ich klein war, fuhr ich bei Opa im Benz mit. Er am Steuer, über rote Ampeln rauschend und viel fluchend. Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß seine Lebensgefährtin, eine Art Ersatz-Oma oder Zusatz-Oma. Sie also im Benz auf dem Beifahrer, sie also Fluppe an, Fluppe in der Hand, Fluppe im Maul. Rauchen im Auto, während der ganzen Fahrt, eine nach der anderen. Diese braunen Stinker; diese schlanken Glimmstängel.

Da saß sie vorn und rauchte, obwohl ich hinten saß. Ich war zehn und atmete durch den Mund. Sie öffnete dann immerhin das Fenster, aber nur einen Spalt. Es regnete rein, die dicken Tropfen zerplatzten auf dem Armaturenbrett. Das Rauchen hat ihr Spaß gemacht – und ihr den Tod gebracht. Löchrige Lunge, ein schwarzer Klumpen, und dann war endgültig Schluss. C’est la fucking vie.

Ich hasse euer Laster, das euch den Tod bringen wird

Mutti raucht auch. «Der Rauch zieht immer zu dir», sagte sie früher immer und wedelte mit der Hand den Qualm durch die Luft. Brachte nur nichts, es stank trotzdem. Immer dieser grässliche Geruch in der Nase. Kann ich nicht ausstehen. Dieser beschissene Gestank.

Jeder Raucher, jede Raucherin, die mich mit ihrem Rauch belästigen: Fuck you very much, ich hasse euer Laster abgrundtief. Und wie ihr eure Zigarettenstummel einfach auf den Boden fallen lasst. In den Sand, in den Sandkasten (sic). Als gehöre euch die Welt. Glimmende Stummel, die Waldbrände auslösen und das Grundwasser vergiften. Euch völlig egal, mir schon klar. Sollense sich doch woanders hinsetzen, wenn’s stört!


Einmal, das war beim Dorfgriechen, habe ich eine Raucherin höflich gebeten, doch bitte einige Minuten zu warten, denn das Essen stand dampfend vor uns. Was hat diese Frau sich aufgeregt! Rücksicht ist ein heikles Thema für die Süchtigen. Nichtraucher dürfen nicht viel erwarten in diesem Land, das seine Raucher und Autofahrer schützt wie eine aufgebrachte Entenmutter.


Der Kettenraucher am Nebentisch (der Teufel soll ihn holen), er könnte ja sehen, dass wir unser Essen bekommen und er könnte beschließen, zehn Minuten lang zu warten. Das macht er aber nicht. Er zündet sich sofort wieder eine an. Inhaliert. Pustet den Rauch in die Luft. Erzählt, dass er gerade Krankengeld bekommt, dieser pummelige Mann am Nebentisch. Der Tod wird ihn holen.

Errechneter Termindruck

3. Juni 2023

Der ET kann werdende Eltern verrückt machen. Dabei ist der «errechnete Termin» längst kein Garant für die Geburt: Nur 4 Prozent aller Babys kommen exakt am errechneten Geburtstermin zur Welt. Die restlichen 96 Prozent entweder davor oder eben danach. Wer den ET reißt, muss mit Nachfragen rechnen: Die Verwandten melden sich plötzlich viel öfter; Eltern, Großeltern, Tanten – und auch die ehemalige Vermieterin. Letztere rief uns sogar an, zweimal, und fragte nach: «Darf ich endlich gratulieren?»

Nein, weiterhin ist Geduld gefragt. Unser Sohn möchte noch nicht raus, obwohl der ET nun schon einige Tage zurückliegt. Im Mai noch. Jetzt wird’s definitiv der Juni werden; auch toll, das ist ein schöner Geburtstagsmonat. Offen ist nur der Tag, den 6.6. könnte ich mir gut merken.

Da ist ein Druck, wo keiner sein sollte

Einerseits ist es natürlich schön, dass viele Leute an uns denken und mit uns aufgeregt sind und mitfiebern. Andererseits macht es die Situation nicht unbedingt besser, sondern eher stressiger. Da ist ein Druck, wo keiner sein sollte. Wir müssen doch eigentlich nur auf «die Natur» vertrauen, irgendwie so, einfach entspannen und abwarten, einfach gelassen bleiben und die restlichen Tage genießen, die uns jetzt noch bleiben, bevor unser Leben sich komplett verändern wird. Immerhin spielt das Wetter mit, es ist sonnig, es sind knapp 20 Grad Celsius. Die kleinen Birkenblätter rascheln (applaudieren). Zart streicht der Wind durch die Gräser. Und ich bin hungrig.

Wir wollen Immos

21. Mai 2023

Während wir geduldig auf die Geburt unseres lieben Sohnes warten, schauen wir uns spaßeshalber zwei Reihenhäuser an – sogenannte «Stadthäuser». Sie sind Teil eines Neubauprojektes im Norden der Stadt: Gut angebunden, die Stadtbahn ist nicht weit entfernt, und auch der Mittellandkanal mit seiner «erholsamen Ruhe am Wasser» ist gleich um die Ecke. Wir sind also neugierig und gehen zum Open-House-Termin. An der Straße steht vor dem Haus ein alter Bulli, der als mobiles Café dient. Den Kaffee zahlen die Immo-Verkäufer, wir trinken Flat White und Cappuccino, dann schauen wir uns die Stadthäuser an (und gehen dort heimlich pinkeln).

Den Kaffee zahlen die Immo-Verkäufer

Die Eckdaten: Rund 140 Quadratmeter Wohnfläche auf drei Ebenen verteilt; der «Garten» ist winzig, die Häuser sind recht schmal. Die Nachbarn sind einem immer nahe, wenn man sich in den Garten legt. Links und rechts wird heftig gegrillt, geraucht und gestritten, gekifft und gebrüllt. Man sollte sich mögen, denke ich, als ich in diesem winzigen Garten stehe und mich hineinversetze. Es möchte mir nicht so recht gelingen. Und was kostet der Spaß eigentlich?

Ich brauch Dollars!

Variante A kostet 797.000 Euro, Variante B etwas über 800.000 Euro. Hinzu kommen insgesamt 7 Prozent für die Grunderwerbssteuer, den Grundbucheintrag und den Notar. Plus Küche, plus Kleinkram, plus Wallbox fürs Fahrrad. Die Zahlen gebe ich später spaßeshalber in einen Immo-Kredit-Rechner ein, der dann circa 3900 Euro als monatliche Rate ausspuckt. Dreitausendneunhundert Euro. Im Monat.

Exakt ist das nicht – aber die Hausnummer stimmt wohl. Es ist eine Menge Kohle für ein schmales Haus, das von außen nicht einmal sonderlich hübsch aussieht. Banal wirkt das alles, architektonisch leider kein Hingucker, finde ich. Modernes Allerlei, aber vor allem: unfassbar viel Geld für diese schmale Freiheit und die gute Lage. Und nebenan grillen sie wieder Nackensteaks, das Weber-Ungetüm ragt auf unser Grundstück, anders geht es nicht. «Ist doch kein Problem, oder?» – Ne, Andy, überhaupt kein Problem, du.

Brückentag

19. Mai 2023

Freitag, Brückentag. Ich bin im Office, meine Frau ist auf dem Markt. Am Stand mit den köstlichen Dips sei eine Kartenzahlung nicht möglich, berichtet sie, es sei zu viel los, begründet der Verkäufer. Die bargeldlose Zahlung würde deshalb zu lange dauern.

In der Mittagspause bin ich bei Edeka. Dort gibt es neuerdings Selbstkassierkassen. Viel los ist an den DIY-Kassen nicht, ich kann sofort mein Zeug scannen und bargeldlos bezahlen – es ist eine Sache von Sekunden, es ist Traum. Derweil schlängelt sich die Menschenschlange an den herkömmlichen Kassen durch den gesamten Supermarkt. Absurd, wie neue Techniken die Menschen mutmaßlich verunsichern. Kann aber auch sein, dass alle in bar zahlen möchten oder müssen, das geht an den Terminals natürlich nicht.

Es gibt ja offenbar genug Menschen, die lieber Bargeld über den Tresen reichen. So wie die Dame vor mir beim Bäcker: Sie überreicht der Bäckerfachverkäuferin einen schlabberigen Zehner und erhält viele Münzen zurück. Seltsam, dass man zwar bezahlt, aber am Ende mehr Last mit sich herumschleppt, obwohl das Vermögen weniger geworden ist. Aber was weiß ich schon?

Ewige Ruhe

16. Mai 2023

Der Wind unterbricht die Ruhe des Waldes, er streicht durch das Blattwerk und die Blätter applaudieren. Wir haben uns hier versammelt, um gemeinsam Abschied zu nehmen: Da steht die Urne mit der Asche meiner Oma. Da steht auch ein großes Foto von ihr, auf dem sie lacht. Sie war ein lieber Mensch – sie war die liebste Oma.

Mein Opa sitzt auf einer Holzbank zwischen meinem Vater und meiner Tante. Wir befinden uns auf einem Waldfriedhof. Es ist ein friedlicher Ort, der nicht so bedrückend ist wie die üblichen Friedhöfe, auf denen düstere Grabsteine stehen (mit traurigen Engeln aus Stein). Mit Gruften und Gräbern. Im Waldfriedhof liegen die Verstorbenen neben den Bäumen in der Erde, und an den Bäumen sind die Namen angebracht auf kleinen Schildern.

Die Bäume rascheln, die Sonne scheint an den Wolken vorbei. Der Baum, neben dem Oma nun ihre ewige Ruhe finden wird, leuchtet saftig grün. Wir stehen an ihrem Grab mitten im Wald, nehmen Abschied, werfen Erde und Blüten in das Loch, in dem die Urne ruht. Mach’s gut!

Bargeld beim Bäcker

12. Mai 2023

Beim Biobäcker hängt an der Kasse ein Zettel, den ich monatelang übersehen habe – wahrscheinlich wegen einer milden Form von Bannerblindheit, die ich mir im Internet eingefangen habe. Nun hat mich aber meine Frau auf diesen Aushang aufmerksam gemacht, darauf steht geschrieben: «Wir lieben Bargeld.» Man freue sich, wenn die liebe Kundschaft nicht mit Karte zahlt, sondern mit klingender Münze.

Ich zahle nie bar, nur wenn ich unbedingt muss. Und leider muss ich oft genug. Ich habe eigentlich kein Bargeld anbei, trage nur einen Notgroschen in Scheinform am Leibe, versteckt in meinem Portemonnaie. Meistens ist das ein 50er, weil Geldautomaten nicht wissen, dass es auch 20er gibt. Ein Kleingeldfach hat mein Portemonnaie nicht, das macht die Sache mit dem Rückgeld schwer; die Münzen klimpernd dann in meiner Hosentasche oder kullern im Rucksack herum.

Eine Million Euro in Centmünzen

Es ist bei mir sogar so, dass ich gezielt Bäckereien aufsuche, die Kartenzahlung ermöglichen, um mein Vollkornbrot zu bezahlen. Ich habe nämlich keine Lust auf Münzen – ich hasse sie abgrundtief. In der Wohnung gibt es eine Kiste, in der knapp eine Million Euro in Centmünzen lagern. Jemand müsste diese Kiste mal zur Bank schleppen, die Kiste wiegt aber 3,5 Tonnen, so viel wie ein SUV. Die Kiste steht im Schrank, dort soll sie für immer bleiben.

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Endgültig

1. Mai 2023

Müde denke ich, dass ich in der kommenden Woche noch einmal Oma im Krankenhaus besuchen sollte. Dann fällt mir ein, dass sie gestorben ist. Dass im Krankenhaus nur noch ihr Körper liegt. Die Hülle, das Gefäß; Zellen und Muskeln und Organe. Schon komisch, dass jemand einfach nicht mehr da ist, aber vor einer Woche noch da war. Dass ich mit ihr gesprochen habe und dass das jetzt nicht mehr geht – und es nie mehr gehen wird. Die Endgültigkeit ist nicht einfach zu akzeptieren: Meine Oma wird zum Beispiel meinen Sohn niemals kennenlernen. Er wird von seiner Uroma nur aus Erzählungen erfahren, sie auf Fotos sehen.

Meine eigenen Urgroßeltern haben in Hamburg gelebt, ich habe frühe Erinnerungen an sie, an ihre Wohnung, an den Hamburger Hafen, die Brücken dort. Ich war zu Besuch mit Oma und Opa, es waren die Eltern von meiner Oma, die nun gestorben ist. Komischerweise hat sich die Erinnerung festgebrannt, wie ich da in Hamburg auf dem Klo sitze. Es muss eine echte Erinnerung sein, denn es gibt davon kein Foto. Wie meine Uroma ins Badezimmer kommt und das Fenster aufreißt …

Ich weiß auch noch, wie meine Mutter mir abends sagte, dass mein Uropa gestorben sei. Konnte ich nicht fassen – aber ich war auch erst Zehn oder so. Ich saß auf dem Teppich, da saß ich gern. Saß da auf einer Decke, umringt von Spielzeug; manchmal lief der Fernseher, manchmal gab es Thunfischpizza, von der ich den Geruch mochte, aber nicht den Geschmack.

Als mein Vater morgens anrief, wusste ich sofort, dass Oma gestorben sein muss.