Die Eingewöhnung des Sohnes in der Kita läuft nun seit einer Woche. Die Trennung dauert inzwischen anderthalb Stunden. In dieser Zeit erkunde ich die Gegend, bleibe aber zunächst in der Nähe der Kita, vergrößere später meinen Radius.
Das Café, bei dem ich mir einen Flat White holen könnte, öffnet erst um 10 Uhr – das ist zu spät, also trinke ich Regenwasser. Gestern stand ich lange unter einem Dach und wartete den Platzregen ab und den zweiten auch noch. Heute blieb es trocken, obwohl es zunächst nicht danach aussah.
Die Menschen gehen ansonsten ihren Geschäften nach, da sind Businesskasper in ihren Anzügen, da sind die Säufer vor der Kirche, da sind die Kassierer, die verträumt rauchen, auf dem Parkplatz neben dem Supermarkt. Da steht auch noch der Einnetztrichter für die Weihnachtsbäume.
Die Stadt lebt, hier ist nie Ruhe
In dieser Straße ist stets viel los, da sind die Geschäfte, die Büros, die Ärzte, die Kitas und Kioske. Vodafone-Läden, Fahrradläden, Tabakläden. Die Stadt lebt, hier ist nie Ruhe. Ein Krankenwagen donnert vorbei, das Müllfahrzeug hinterher. Ich bin nun hier Mo. bis Fr. und beobachte das Treiben. Sitze auch mal auf einer Bank.
Ein echter Luxus: etwas Zeit zu haben! Ich muss nichts machen, nur warten, während die Erzieherinnen versuchen, Vertrauen aufzubauen. Andere würden sich in ein Café setzen und aufs Handy schauen, aber ich mag es, einfach herumzulaufen und zu sehen, was passiert. Andere würden Einkäufe erledigen, ich bin froh, nicht zu Rewe zu müssen. Und dann muss ich ja doch rein.
Die Zeit rennt ohnehin, schon ist es wieder 10:30 Uhr und ich hole den lieben Sohn ab, der momentan viel leisten muss. Er muss sich anpassen und akzeptieren, dass er nicht mehr nur bei seinen Eltern sein kann. Bei Mama und Papa. So nehmen die Dinge ihren Lauf. Ich bin heute wieder ein Jahr älter geworden, nächstes Jahr muss ich meinen 40. feiern. Oder davor fliehen, wegfliegen, ans Meer. Funkelndes Wasser und der Geruch von Sonnenmilch.
Heute hatte der liebe Sohn seinen ersten Tag in der Krippe, in der Kita. Ich mache die Eingewöhnung und kann mir (noch) nicht vorstellen, dass der Sohn eines Tages dort bleiben kann – allein, also ohne mich, ohne Mama, ohne uns. Die älteren Kleinkinder sind natürlich allein in der Kita, sie spielen und toben; das ist für sie Routine. C. ist der Kneifer, das merke ich am eigenen Leibe. J. ist sehr freundlich, der sitzt da und baut Häuser aus Duplo.
Ich muss jetzt lernen, loszulassen. An diesem ersten Tag soll ich mich etwas im Hintergrund halten, während der Sohn die neue Welt erkundet. Ganz zaghaft erst, dann forsch und mutig. Sogleich will er hoch hinaus – er stürzt und prallt mit der Stirn gegen eine Holzwand. Rumms! Oh, oh. Eine Beule drückt sich aus seiner Stirn, seine erste richtige Beule. Bisher hatte er nur eine kleine Beule, die den Namen nicht verdient hat – zu schnell war sie wieder weg. Jetzt aber ist eine echte Beule zu sehen, ein wenig blau wird sie auch schon. Der Sohn weint, die Erzieherin übergibt ihn mir. Ich tröste und beruhige, ich bin für ihn da. Alles nicht so schlimm.
Das war also der erste Tag in der Kita
«Das passiert», sagen die Leute. «Er wird noch mehr Beulen bekommen!» Das ist doch ganz normal. Mag sein – doch es ist nicht so einfach, das hinzunehmen, die Situation einfach wegzulächeln oder was auch immer. Immerhin hat er sich schnell beruhigt, das schon, aber in meinem Kopf rattert es: Gehirnerschütterung! Hirnblutung! Intensivstation! Ich kann nicht anders und muss ans Schlimmste denken, muss das quasi durchspielen. Was, wenn …?
Die Beule ist jetzt da und ja: Es wird nicht die letzte Beule bleiben. Er spielte dann weiter, näherte sich der Erzieherin an. Das war also der erste Tag in der Krippe, in der Kita. Eben noch lag der Sohn in seinem Nest und schlief. Und weinte. Und nuckelte. Und jetzt steht er da zwischen den anderen Kindern und schaut fasziniert zu. Eine neue Welt, ein neues Kapitel.
Wenn ich mit dem Sohn in der Trage durch die Nachbarschaft laufe, lädt das die Leute zum Gaffen ein. Sie glotzen und starren, sie schauen und gucken: ein Mann mit Baby – Wahnsinn! Manche bleiben sogar stehen, manche kommentieren. Ein älterer Herr mit Rollator rief mir neulich zu: «Da möchte ich jetzt auch rein, und ein Schluck Rotwein dazu – das geht.» Der Mann möchte also rein in meine Trage, will sich an meine Hühnerbrust schmiegen und Wein schlürfen, nuckel, nuckel, pretty gay. (Not that there is anything wrong with it.)
Ein anderes Mal rief eine ältere Dame laut: «Schläft es schon?» – «Nein», grummelte ich und fing noch einmal von vorn an, den lieben Sohn in den Schlaf zu wiegen, zu schaukeln, zu wippen. Keine leichte Aufgabe, da helfen auch solche Kommentare nicht: «Sie müssen singen!», befahl mir eine andere Frau frech.
Die Alten sollen ihre fauligen Fressen halten
Ich werde also begafft und kommentiert, die Leute beschreiben das Aussehen des Sohnes, seine «Glupschaugen», seinen Körperbau. Übergriffig und nervig finde ich das – besonders die Alten sollen ihre fauligen Fressen halten, denke ich manchmal, wenn ich angezündet die Kommentare ertragen muss. Dieses laute Gesülze. Das Kind muss doch schlafen!
«Ein Baby in der Trage», beschrieb eine andere ältere Dame ziemlich unoriginell, denn das ist zu sehen: ein Baby in der Trage. Wenn nun der Sohn ein übler Satansbraten wäre, ein Schreihals, eine Kreatur aus der Hölle, der nur weint und heult und kreischt und nervt, dann würden die Leute nicht erfreut schauen und kommentieren, niemals sagen: Oh, wie süß! Sie wären genervt von ihm, sie würden raunen, dass ich das Kind wohl nicht im Griff hätte. Kann ja noch kommen, dass der Sohn bei Rewe an Kasse #1 einen Meltdown haben wird – dann werden die Alten sicherlich nicht mehr finden, dass das doch ein süßes Ding sei. Nur die eine Frau, sie wird schreien: «Sie müssen ihm etwas vorsingen!»
Es ist Freitag, da ist Markttag. Wir sind dort und kaufen ein: Brötchen und Gemüse und Dips. Eigentlich würden wir noch ein Mittagessen kaufen, doch der Stand, an dem es das sog. Soulfood gibt, er steht zwar da, ist aber geschlossen, da ist nichts los, niemand steht an. Der Mann nebenan weiß Bescheid: Die Betreiber hätten einen Unfall auf der Autobahn gehabt, erklärt er. Ein Albtraum.
Der Markt ist ein Ort voller Menschen, heute ist aber etwas weniger los als sonst. Das liegt an den Sommerferien, die nächste Woche enden werden. Dann wird unser Sohn in die Kita kommen, die Eingewöhnung wird starten, damit wir wieder arbeiten können, denn das ist das Wichtigste: dass alle fleißig arbeiten.
Auch wichtig sind Autos, dass die immer fahren und überall parken können. Überall? Keineswegs! Gestern hat der Nachbar von ggü. einen Pkw abschleppen lassen, er parkte vor seiner Garage, vor seiner Ausfahrt. Er wollte selbst nicht wegfahren, eigentlich hat ihn das falsch parkende Auto nicht weiter behindert, aber es ging wohl ums Prinzip. Also versperrte das Abschleppfahrzeug die Straße, stoppte damit den Verkehr, während die Abschleppung geschah. Ich saß auf dem Balkon und schaute zu, wie das Auto durch die Luft schwebte.
Vor einigen Tagen wurde ich Opfer von Womansplaining: Ich hatte den Sohn in der Trage, es war mittags, er hielt seinen Mittagsschlaf. Die Einschlafphase ist kritisch und für mich derzeit voller Frust. Einst schlief der Sohn prima in der Trage ein, das war eine Sache von fünf Minuten. Nun aber dauert es länger, viel länger, und der Sohn leistet Widerstand – wie dem auch sei, er schlief und ich notierte etwas in meiner Notiz-App im Smartphone, als sich eine Frau vor mir aufstellte und sagte: «Sie müssen etwas vorsingen!» – Aber er schlief doch längst. Innerlich brodelnd, ob dieser Einmischung und Bevormundung, lächelte ich wohl und die Frau zog ab.
Günther hat entschieden: Sie sollen es erfahren. Also betritt er am späten Nachmittag das kleine Lokal, baut seinen Leib vor dem Tresen auf und verkündet: «Ich brauche Fleisch.» Wurst. Steak. Mett. Die junge Frau hinterm Tresen mustert den Mann, wie er da vor ihr steht. Der Mann grinst. Er sieht in seiner beigefarbenen Weste und den braunen Ledersandalen sehr nach einem Deutschen aus, der Günther heißt und einen silbernen Mercedes fährt.
Der Mann fährt fort: «Aber da bin ich wohl im falschen Laden.» Er weiß das ganz genau, denn er hat das vegetarische Lokal mit voller Absicht aufgesucht – es ist im Grunde genommen ein schönes Hobby: Er geht in «solche Läden» und baut sich dort auf. Steht da, mit seinem Hängebauch über dem abgewetzten Ledergürtel, und stöhnt: «Ich habe richtig Lust auf Fleisch, wissen Sie?» Die junge Frau bleibt erstaunlich nett und schlägt vor, er möge doch den Bohnen-Burger probieren.
Er habe sogar schon einmal ein veganes Gericht probiert, erklärt er, aber das sei überhaupt nicht nach seinem Geschmack gewesen. Günther kann einfach nicht ohne Fleisch leben, er braucht es täglich bis zu dreimal am Tag. Als er das vegetarische Lokal verlässt, muss Günther kichern. Er liebt diese Auftritte, sie machen ihm so viel Spaß. Er steigt in seinen silberfarbenen Mercedes und braust davon.
Ich möchte nach Hause. Doch ich stehe an, stehe in der Schlange, stehe an Kasse #1. In meinem Warenkorb liegen drei Dinge: Milch, Backpulver und Sour Cream. In meinem Warenkorb liegt nicht: Kaffee – den gab es nicht. Ich bin in diesem Supermarkt, weil es nur hier diesen Kaffee gibt. Eigentlich. Meine Anwesenheit in diesem Supermarkt ist überflüssig. Ich möchte nach Hause.
Die ältere Dame kauft einen Träger Schnaps
Die ältere Dame ganz vorn kauft einen Träger Schnaps, kleine Flaschen Kräuterschnaps, knapp 8 Euro, sie zahlt bar (mit einem Zehner). Kasse #2 und #3 sind vakant, die Schlange wird immer länger. Ältere Menschen quatschen gern mit Kassierern, sie sind einsam, ich muss Verständnis aufbringen, möchte aber dennoch nicht hier sein, nicht an Kasse #1 stehen. Ich muss Verständnis dafür haben, dass Menschen auf den Cent genau mit Münzen bezahlen möchten, weil sie sonst keinen Überblick über ihre Finanzen haben. Sie heben am Anfang des Monats 4000 Euro ab und packen sie in eine Schublade; wenn die leer ist, ist sie eben leer. Dieses verrückte Land mit seinem Bargeld. Ich möchte nach Hause.
Die Zeit vergeht, ich könnte andere Dinge machen, die mehr Spaß machen. Als ich endlich bezahlen und gehen darf, bin ich müde und frustriert, es will heraus, ich sage laut, was ich denke: «Dieser beschissene Laden!» Menschen ignorieren dieses Outburst, aber ich weiß, dass es ihnen auch so geht. Dieser Supermarkt ist notorisch schlecht geführt. Ich hasse diesen Laden wirklich und betrete ihn nur, weil es hier diesen dummen Kaffee gibt, den es heute nicht gibt.
Klar, ich würde gern im Sonnenlicht sitzen und Zeit vergeuden. Nichts tun. Faulenzen. Aber das geht nicht. Der liebe Sohn ist inzwischen elf Monate alt und braucht mich; er braucht uns. Ich habe Elternzeit, weitere sechs Monate, und ich kümmere mich um ihn. Wir gehen zum Baby-Turnen oder durchstreifen den Wald – also ich gehe, während er friedlich in der Trage an meiner Brust schlummert. Wenn ich draußen meine Runden drehe, sehe ich nur Mütter, die Kinderwagen durch die Gegend schieben, nebenbei Sprachnachrichten ins Telefon diktieren oder am Kaffee nippen. Da ist kein Mann zu sehen. Nicht einer. Da bin nur ich. Auf dem Spielplatz ist gelegentlich einer zu sehen, aber eher nachmittags, nach Feierabend. Nicht am Morgen.
Die Frauen bilden Banden und gehen zu sechst spazieren. Sechs Frauen mit sechs Kinderwagen und sechs Babys. Wie eine Karawane ziehen sie durch den Stadtteil. Dass alle Babys gleichzeitig schlafen – ein Wunder. Auch, dass sie im Kinderwagen schlafen. Das macht unser Sohn nie, der schläft tagsüber nur in der Trage oder zu Hause im Bett. Wir alle haben unsere Strategien entwickelt, irgendwie klappt das. Wir können natürlich nicht machen, was wir wollen. Andere können das: Die liegen am Strand am anderen Ende der Welt und leben dieses (sinnlose) Leben ohne Last. Immerhin bin ich draußen, da ist es schön.
Früher – vor zehn, zwölf Jahren – bin ich nach Feierabend gern gelaufen. Zehn Kilometer, danach duschen, essen und einen Film schauen. Das war herrlich, im Hochsommer, aber auch im düsteren Winter. Das herrliche Gefühl danach! Joggen war während des Studiums am einfachsten: Ich konnte viel laufen, alle zwei Tage, mindestens zehn Kilometer, gern mehr. Durch den Wald, quer durch die Stadt, am Wasser entlang, die Landstraße hoch und wieder runter, durch die Dunkelheit oder in der hochsommerlichen Hitze. Im Gegenwind. Mit Rückenwind. Schwitzend, bibbernd.
Momentan jogge ich nicht, laufe nicht, sondern gehe höchstens zügig spazieren. Müsste mal wieder anfangen, weil es mir Spaß macht, das Laufen. Aber es gibt viel zu tun, seitdem ich arbeite, seitdem der Sohn da ist. Nach Feierabend zu laufen, war nie leicht; manchmal war es dringend nötig und der perfekte Ausgleich zum Brainfuck und der starren Erwerbsarbeit, die leider viel vor dem Computer stattfindet. Dinge ändern sich, manchmal zum Schlechten. Oder es ist ganz normal, dass ein Sport nach zehn Jahren weniger Spaß macht, ich mir also etwas Neues suchen muss. Bin fast 40 und habe kein Gravelbike – zum Beispiel. (Fortsetzung folgt …)
Das erste Mal auf dem Spielplatz: Der Sohn ist eigentlich zu jung dafür, er kann nicht einmal laufen. Oder stehen. Wir sind trotzdem hier.
Eben noch beim Bäcker einen mittelmäßigen Cappuccino gekauft, der mir die ganze Zunge verbrannt hat – viel zu heiß, schmeckt leider nicht. Ein seltsamer Mann dreht seine Runden, umrundet rauchend den Spielplatz. Langsam. Schlurfend. Er hat kein Kind dabei, nur seine Zigarette und einen abgewetzten Anorak. Im Rindenmulch liegen Kippenreste – immerhin keine Spritzen. Nur ein paar rote Gummibären. Der liebe Sohn will das alles essen. Aber er darf nicht, er soll nicht.
Männer spielen Fußball im Käfig, sie bolzen gegen Kinder. Die nehmen das ernst. Andere Männer schubsen an, bei den Schaukeln. Höher, immer höher! Mädchen kreischen, Jungs fallen hin. Das wird bald unsere Welt sein, aber heute sind wir zu früh dran: Der liebe Sohn weiß nicht so recht, was er tun kann. Was er hier soll. Er krabbelt dann immerhin über die Wiese. Da liegen auch Kippenstummel herum.
Anbei sitzen zwei Männer auf der Mauer, sie sitzen auf Pappen, damit ihre Ärsche nicht frieren. Sie sind zum Saufen hier, plopp, die nächste Bierflasche geht auf. Na dann: Prost, ihr Säcke!
Es fällt Regen auf die Stadt und wir gehen wieder, verlassen diese Welt, lassen sie hinter uns, vorbei noch an der Pommes- und Burgerbude, die gleich neben dem Spielplatz steht. Eltern müssen dem kleinen Leander erklären, dass er keine Pommes darf, sondern die mitgebrachten Brokkoliröschen essen muss.