Heißer Kaffee

9. Dezember 2024

Manche Cafés servieren Heißgetränke in Gläsern, also etwa einen Flat White. An diesem Sonntag bekam ich einen Latte M. im Glas, und das Glas war heiß, viel zu heiß, denn die Milch kochte fast. Das sollte einem Barista nicht passieren; dass die Milch kocht, meine ich. Dass die heiße Plörre auch noch im Glas blubberte, ist eine freche Unart, die ich künftig rigoros ablehnen werde. Ich möchte Kaffee in der Tasse und manchmal sage ich das bei der Bestellung auch: «Einen Flat White, bitte, aber in der Tasse.» Einmal sagte man mir jedoch, das sei nicht möglich. – Aha, wieso nicht? – Die Menge würde nicht in eine Tasse passen, lautete die Erklärung.

Viel zu spät fiel mir ein, dass sie dann eben zwei Tassen hätten füllen können. Da ein Flat White aus zwei Espresso-Shots besteht, hätte man sie leicht auf zwei Tassen aufteilen können: ein Shot pro Tasse, um es einmal auszuformulieren. Also hätte ich einfach zwei Cappuccinos bestellen müssen. Die werden meines Wissens niemals im Glas serviert. Zudem ist es so, dass viele Baristas ohnehin nicht wissen, was ein Flat White ist. Sie knallen einfach zwei Espressos in den Cappuccino und gut. Das prangere ich nebenbei an.

Hamburg im Regen

23. November 2024 · Hamburg

Ein paar Tage Urlaub in HH, um Freunde und deren Kinder zu besuchen. Es regnete. Es regnete viel.

Für fünf Nächte nach Hamburg – wir nehmen den ICE um 11:20 Uhr; er ist pünktlich. Der Sohn schaut während der Fahrt aus dem Fenster und ist begeistert: Was da alles zu sehen ist, vor allem Bäume. 12:40 Uhr. In Hamburg regnet es, das muss wohl so. Typisch. Wir nehmen die S-Bahn in Richtung Altona, Ausstieg: Holstentor. Zu Fuß weiter; nach kurzer Streckte sind wir in unserer Airbnb-Bude für viel Geld pro Nacht. Es ist inzwischen 13:11 Uhr. Der Sohn macht Mittagsschlaf und ich gehe zu Edeka und Budni. Alles kaufen, was fürs Frühstück nötig ist und mehr. An der Kasse sagen sie: «Moin!» Am Nachmittag mit dem Bus zu Freunden. Kaffee trinken. Um 17:41 Uhr warten wir auf den Bus. Auf den 20er oder den 25er. Der erste Bus ist so voll, dass wir nicht mehr reinpassen und weiter warten müssen. Der zweite Bus hat etwas Platz für uns. Ich hasse Busse und Menschen und den Regen. Abendessen essen, der Sohn geht schlafen. Ich gehe noch mal raus, drehe eine kleine Runde und werde nass. Regen, Regen, um 20:18 Uhr stehe ich wieder im Treppenhaus vom Haus.

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Besoffene Flaschen

27. Oktober 2024

In Linden-Mitte sind die Menschen, denn es ist Samstag und es ist Markttag. Und es scheint die Sonne – sie wirft herrliches Herbstlicht in die Gesichter. Kaffee trinken, ganz viel Kaffee trinken. Gähnen, gaffen, herumsitzen, abwarten und warten, bezahlen und trinken. Noch einen Kaffee, bitte! Und eine Flasche Bier. Wer’s mag. Hier stehen wir und der Sohn rüttelt am Bauzaun; sie haben den Spielplatz abgesperrt, komplett eingezäunt und auch die Mülleimer sind hinter Gittern, deshalb liegt der Müll auf dem Boden. Da stehen auch die ausgetrunkenen Sektflaschen und Weinflaschen; es sind die Flaschen von letzter Nacht. Angetrunkene Köter torkeln durch den Tag und knurren und kläffen. Im Schatten ist der Boden noch feucht. Zertretene Kippen. Da kommt die Stadtbahn, wir steigen ein. Kehren zurück in unseren Stadtteil.

Entspannte Erinnerung

22. Oktober 2024

Eine Erinnerung taucht in meinem Kopf auf. Wir saßen in Westerland, saßen in einer gemütlichen Ferienwohnung. Wir schauten das Dschungelcamp im TV und ruhten uns aus. Es war herrlich. Draußen war es kalt und dunkel. Da war es still, nur die raschelnden Bäume waren zu hören, manchmal ein bellender Hund. Tagsüber fuhren wir mit dem Bus über die Insel, nach Rantum, nach Kampen, nach Hörnum. Ein wenig herumlaufen, etwas essen und dann wieder nach Hause. Aufs Sofa. Einmal waren wir im Kino, wir konnten zu Fuß gehen. Ein kleiner Kinosaal und Popcorn und kaum Leute. Zwei Wochen im Winter auf Sylt, zwei Wochen pure Entspannung. Das war wunderbar.

Rückkehr im Oktober

12. Oktober 2024

Meine Elternzeit endet, ich muss wieder ins Büro. Dort wartet Tristesse.

Nach dem Drop-off in der Kita kann ich jetzt nicht mehr ins Café gehen: Ich muss stattdessen wieder zur Arbeit fahren, ich muss zurück ins Büro. Muss mit der Bahn fahren, zusammen mit den anderen Menschen, die ebenfalls irgendwohin müssen. Einer schaut sich ein Video auf dem Handy an, Kopfhörer hat er aber keine, der Ton ist blechern. Medizinstudentinnen reden über ihre Haus- und Doktorarbeiten. Ich bin hundemüde und starre aus dem Fenster. Gern hätte ich ein Buch dabei, aber ich habe es vergessen, es liegt zu Hause. Gern wäre ich woanders, nämlich zu Hause. Im Homeoffice. Aber ich rumple durch den Raum. Hätte ich doch das Fahrrad genommen!

Montag

Am Montag sitze ich allein im Büro. Da ist ein heller Fleck auf dem Stuhl. Fast zweitausend ungelesene E-Mails liegen in meinem Postfach. Ich bin wieder da, aber das ist egal. So ist das Arbeitsleben: Arbeitswoche reiht sich an Arbeitswoche, dazwischen liegen die Wochenenden wie Inseln in einem endlosen Ozean. Ich bin enttäuscht über mein verkorkstes Onboarding. Immerhin war ich ein halbes Jahr weg! Da sitze ich also auf dem Fleck und alles ist wie immer (und schlechter). Doch es ist vollkommen sinnlos, das habe ich eigentlich längst begriffen – bestimmte Dinge werden sich niemals ändern. Ich werde wohl nie das Gefühl haben, wirklich angekommen zu sein. Ich muss etwas ändern; später.

Dienstag

Dienstag muss ich den lieben Sohn mittags aus der Kita abholen – sie zersägen Bäume im Hinterhof, ein Kettensägenmassaker, ein Höllenlärm, die Kinder können nicht schlafen. Also mache ich eine lange Mittagspause und der Sohn schläft in der Trage; ich laufe durch den Stadtteil wie vor ein paar Wochen schon, als ich meine Elternzeit damit verbrachte, den schlafenden Sohn durch die Stadt und durch den Wald zu tragen.


Mittwoch: Arbeit. Donnerstag: Arbeit. Freitag: Arbeit. Dann Feierabend, und die erste Arbeitswoche ist geschafft. Die erste Woche mit Kita und Arbeit und Einkaufen und Terminen und E-Mails und Aufgaben. Als wäre es nie anders gewesen.

Ich sitze in der Bahn, da sitzen die anderen Gestalten, Figuren, Menschen, Hunde. Manche lesen sogar ein Buch; ich habe meins schon wieder zu Hause vergessen. Die Sonne scheint. Der Sohn schläft noch, als ich ihn in der Kita abholen möchte.

Brückentag

4. Oktober 2024

Brückentag, alle sind auf dem Markt. Wie ein Magnet zieht er Menschen an, die sich schick anziehen, die mit dem Benz vorfahren und auf dem Fußweg parken. Und da sind auch die jungen Familien, da sind auch wir mit dem Sohn, der aufgeregt alles benennt, das ihn interessiert: «Baum! Wauwau! Auto! Ei!»

Eine ältere Dame reiht sich in der Schlange einfach vor uns ein und steht dann dämlich vor dem Terminal herum, an das ich meine Karte halten muss, um die Brötchen zu bezahlen, die andere lieber in tausend kleinen Münzen erwerben, die stundenlang im Portemonnaie herumwühlen, als würden sie nach dem Bernsteinzimmer suchen: «Es muss doch hier irgendwo sein, na schau an, da ist es ja und Atlantis und Bigfoot und Adolf Hitlers Matschhirn.»

Und welcher Hurensohn knibbelt eigentlich einen Anti-Nazi-Aufkleber ab? Na klar: ein Nazi. Der liebe Sohn kann jetzt übrigens auch «Arsch» sagen. Falls mal ein AfD-Wichser auftaucht.

Streuner

12. September 2024

Heute ist es kühl draußen, also sitze ich im Bistro, ich sitze oben und esse Chili con Carne und lese nebenbei einen Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Derweil macht der Sohn in der Kita seinen Mittagsschlaf; ich bin auf Abruf, falls was schiefläuft. Während der Kita-Eingewöhnung, die nun bereits einen Monat läuft, kann ich im Café sitzen, im Bistro speisen oder herumlaufen oder auf einer Parkbank beobachten, was die anderen Menschen um diese Zeit so treiben. Da sind die Säufer, die saufen, lachen und labern; da sind die Businesskasper in ihren Anzügen, die Termine habe und deren Schnürsenkel offen sind. (Zwei Kerle tragen rote Sneaker zu ihren Anzügen – haben sie sich abgesprochen?) Da sind außerdem die Handwerker und Bauarbeiter, das sind die Obdachlosen und Rentner, da sind andere Väter, die wohl auch die Zeit totschlagen müssen.

An vielen Tagen war das Wetter so schön, dass es fast nervte. Fast dreißig Grad, immer Sonnenschein. Jetzt beginnt der Herbst: Es riecht danach und die Luft ist deutlich kühler und das Licht ist warm. Die Bäume rascheln und werfen Blätter und Kastanien ab. Anfangs war ich noch angespannt, weil ich nicht wissen konnte, ob das mit dem Mittagsschlaf klappen würde. Die Erzieherinnen schickten mir immer mal wieder Fotos vom Sohn, wie er am Tisch sitzt und isst, wie er spielt – wie er tatsächlich schläft.

Nach dem Essen streune ich umher, gehe in die Innenstadt. Dort ist viel los. Und der Himmel ist wieder blau, ehe der Regen kommt. Ich stehe vor einem Schaufenster und glotze: Da sollen hässliche Champagnerbecher satte 300 Euro kosten. Eine wohlhabende Oma kommt und drängelt mich weg, sie will auch mal schauen. Ist ja ein Schaufenster, also schaut sie. Ich gehe weiter, vorbei an den Geschäften, an den Marken, an gelangweilten Verkäufern, die hier ausharren. In einigen Wochen arbeite ich auch wieder. Verbringe meine Zeit auch im Büro, mit Kollegen, die ich nicht alle mag. Erledige dies und das, sitze da und schaue auf den Bildschirm. Ich gehe weiter, dahinten ist der Buchladen. Dann muss ich umkehren und den Sohn abholen. Er hat Feierabend.

Sitzen und schreiben

9. September 2024

Während der Kita-Eingewöhnung kann ich an Orten verweilen, an denen ich sonst nicht bin. Da sitze ich und lese, schaue oder schreibe. Ich habe eine Zeitschrift dabei, den New Yorker, und lese, ich habe mein MacBook dabei und schreibe. Weil es kein WLAN gibt, bleibt es offline. Das ist herrlich: Ich kann nicht sinnlos im Internet surfen, sondern nur schreiben. Oder schauen, wer da noch so ist.

Eine Parkbank weiter versammeln sich die Säufer. Sie saufen und lachen. Einer erzählt was, er redet Russisch. Einer repariert sein Fahrrad. Die einzige Frau in der Gruppe geht pinkeln. Es gibt ein dreckiges Dixi-Klo anbei, da geht sie hin. Heute ist es wolkig. Manchmal jedoch sticht das Sonnenlicht an den Wolken vorbei. Keine Affenhitze mehr. Die Säufer lachen und klackend machen sie neue Flaschen auf.

Ruhe im Wind

23. August 2024

Heute ist Freitag und ich sitze wieder auf dem Friedhof. Es ist ein alter Friedhof, der eigentlich keiner mehr ist, aber noch so heißt: Gartenfriedhof. Die Grabsteine sind alt, manche zweihundert Jahre; sie stehen hier, während die Leichen unter ihnen längst vermodert sind. Dort sitze ich also auf einer Parkbank und warte ab. Vorn trinken die Trinker an der Kirche, sie trinken und stinken; da sitzt auch ein Obdachloser, der auch abwartet. Auf den Tod wartet. Auf ein paar Münzen, die ein betuchter Bürger in die Luft schnipst. Da sind auch Tauben und da sind zwei Hunde, die über den ehemaligen Friedhof pesen, obwohl das nicht erlaubt ist. Verboten ist es auch, auf die Gräber zu pinkeln, steht vorn auf der Tafel. Es gibt eine Art öffentliches Klo: Es handelt sich um ein Dixi-Klo in einem Metallverschlag. Es ist kein Wohlfühlort, wahrlich nicht.


Ich habe Zeit. Anfang der Woche zwei Stunden, inzwischen eine halbe Stunde mehr: zweieinhalb Stunden. Der Sohn verweilt in dieser Zeit allein in der Kita, also ohne mich, da sind schon noch Leute – die Erzieherinnen, der Koch und die anderen Kinder. Aber ich bin nicht mehr dort. Die Eingewöhnung nimmt Fahrt auf. Ein anderer Vater verweilt ebenfalls hier, aber er ist ins Smartphone abgetaucht, er sieht mich deshalb nicht. Dann mähen die Mitarbeiter der Stadt den Rasen, mähen über die ehemaligen Gräber. Ich gehe woanders hin, trinke einen Flat White.

Der Wind streicht durch die Bäume

Die Blätter fallen. Es riecht nach Herbst und es sieht auch so aus, als das Sonnenlicht die Bäume bescheint. Ich sitze mit meiner Frau vor dem Bistro K. und trinke den besagten Flat W., dazu esse ich Focaccia. Wir sind das erste Mal ohne Kind im Café. Der Trubel der Stadt umhüllt uns. Da laufen Schülerinnen entlang, sie haben Pause und sie gehen zu Rewe, wo sie Brötchen kaufen und Tabak oder diese Einmal-E-Zigaretten. Sie reden wirres Zeug, sie gackern und lachen. Ich weiß auch nicht. Ich zähle die Lastenräder, die an mir und diesem Tisch vorbeifahren: Es sind erstaunlich viele. Und doch dominieren weiterhin die Autos, sie machen Lärm und sie töten und sie sehen hässlich aus. Seit ich den Sohn morgens mit dem Kinderwagen in die Kita bringe, ist meine Auto-Abscheu noch gestiegen. Diese Inkompetenz und Rücksichtslosigkeit hinterm Steuer. Da wird zugeparkt, was nur geht, es ist egal, dass ein abgesenkter Bordstein dazu da ist, Kinderwagen und Rollstühle einfacher vom schmalen Bordstein zu bekommen. Interessiert den Porsche-Fahrer nicht: Der Hurensohn parkt wie einer und ich habe Lust, sein dummes Fahrzeug zu sprengen, aber das ist illegal, habe ich in der Brigitte gelesen. Ein BMW-Fahrer fährt mich dann noch fast über den Haufen, er möge verflucht sein bis ins zehnte Glied. Der Wind streicht durch die Bäume, durch mein Haar, er singt: Beruhige dich! Und ich weiß ja, er hat recht.

Er soll mich lassen

17. August 2024

Das Wetter ist in Ordnung. Lediglich ein paar graue Wolken ziehen vorbei, die durchaus Regen abwerfen könnten. Aber sie lassen es. Sie verkneifen es sich. Ich sitze auf einer Parkbank und habe vor, einen Joghurt zu essen. Ich habe Besteck dabei, das in einem schmalen Kasten ruht, wie die Knochen in einem Sarg. Klappernde Knochen aus Blech.

Doch dann taucht ein Fremder auf und setzt sich auf die nebenstehende Bank. Ein Unding: Es sind zahlreiche andere Bänke frei, es besteht keine Platznot. Wir befinden uns auf dem Gartenfriedhof, der aber längst nicht mehr als ein solcher fungiert, sondern als Park etwas Ruhe bietet. Es ist nur so, dass wir von Straßen umzingelt sind – eine Totenstille herrscht hier deshalb nicht.

Wir sind sozusagen zu zweit, der Fremde und ich. Das macht mich wütend: Ich verstaue meinen Joghurt in meinem Rucksack, schaue aufs Handy und stehe auf. Gehe. Setze mich auf eine andere Bank. Der Mann soll mich in Ruhe lassen. Da sitze ich also, es ist sogar etwas schöner hier. Ich esse meinen Joghurt.