Räudiger Raschplatz

22. Februar 2026

Der Raschplatz in Hannover war teuer. Damals, als sie ihn umgebaut haben. Inzwischen ist der Platz ein trostloser Ort, an dem sich seltsame Menschen versammeln, um zu saufen, Drogen zu konsumieren, sich anzuschreien. Manchmal kämpfen sie. Manche liegen nur herum, manche sind friedlich, manche nicht. Der Platz ist grau, und wenn es auch der Himmel ist und leichter Regen fällt, dann wirkt dieser Platz wie der traurigste Ort in Hannover.

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Spaß im Supermarkt

15. Januar 2026

Wenn der liebe Sohn im Supermarkt im Weg herumsteht, sage ich nicht: «Mach mal Platz!» Ich lasse ihn in Ruhe. Ignoriere, dass er «im Weg» steht. Niemals würde ich mich dafür entschuldigen. Im Gegenteil: Ich mag es, die Leute etwas zu nerven. Zu quälen. Zu ärgern. Alle sind sie in Eile, klar. Aber die Leute stehen ja selbst oft genug im Weg herum und behindern mich. Nun ist es wohl an der Zeit, Rache zu nehmen.

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Böllern ist doch blöd

29. Dezember 2025

Jedes Jahr die gleiche Diskussion: Sollte das private Böllern verboten werden? Die Mehrheit ist dafür, doch nichts passiert. Also säumen abgefetzte Finger die Straßen.

Wahrscheinlich ist es so, dass einem Drittel der Bevölkerung das Böllern zuwider ist. Weil sie Hunde haben, weil sie den Krach nicht mögen. Das andere Drittel ist irgendwie normal, also gemäßigt: Das sind Leute, die durchaus Geld ausgeben, um kleine Raketen in den Himmel zu jagen. (Die Nachbarn schauen beeindruckt zu, das ist wichtig.) Das letzte Drittel sind die Spinner, die auch «Polenböller» kaufen oder gleich TNT im Darknet. Sie wollen Krieg an Silvester, sie schießen die Raketen auch auf Menschen. Sie wollen die Welt in Flammen sehen.

Beispiel: Es war einmal ein junger Mann, der sich komplett schwarz anzog und zwei Holster für Raketen bastelte. Auf dem Rücken hatte er sich einen schwarzen Rucksack geschnallt – einen Rucksack voller Sprengstoff. Der Mann trug Handschuhe und lief die Geibelstraße entlang, hin zum Maschsee, wo die Hannoveraner das neue Jahr begrüßten. Der Mann feuerte wie eine Maschine seine Raketen und Böller ab, er böllerte sich in den Wahn, aber er liebte es. Er war allein unterwegs, allein in seiner Uniform, allein mit seinen Raketen. Komischer Kerl, dachte ich, und hielt mich fern von dem. Es war das Jahr, als wir mit Freunden den Fehler machten, ans Maschseeufer zu pilgern, um ein schönes Silvester zu verbringen. Dort waren jedoch nur Idioten, die es ordentlich krachen ließen, ohne Rücksicht auf Verluste.


In den alljährlichen Gesprächen zum Thema Böllern und Böllerverbot schlägt immer jemand vor, dass es doch eine zentrale Veranstaltung geben müsste. Ein großes Feuerwerk, wunderschön, das sich alle anschauen können. Niemand muss dann mehr lächerliche LIDL-Raketen in den Himmel jagen. Die Umsetzung dieser Idee ist in Deutschland aber einigermaßen undenkbar, denn dieses seltsame Land setzt sinnvolle Vorschläge nur ungern um; am liebsten aber: gar nicht. Beispiele: Tempolimit und Verbrennerverbot.

«Frohes Neues!», trällern die besoffenen Nachbarn, die ich nicht kenne

Ich selbst hasse Böller. Habe sie immer schon gehasst. Als Kind, selbst als Jugendlicher. Flashback: Bei K. sitze ich mit F. und F., wir zocken und trinken Smirnoff Ice. Anbei ist ein anderer Kerl, dessen Namen ich vergessen habe. Er ist schweigsam und seltsam. Er trägt einen schwarzen Hoodie – ich weiß es aber nicht mehr genau. Um Mitternacht endlich raus, der Namenlose kann loslegen. Wirft einen Böller nach dem anderen auf die vereiste Straße, unter die Autos, in die Gullys. Wumms! Peng! Rumms! Er ist so glücklich. Es ist kalt, es riecht nach Rauch. «Frohes Neues!», trällern die besoffenen Nachbarn, die ich nicht kenne.

Ich hasse alles daran, keine Ahnung. Im Inneren bin ich wohl ein Hund, der friedlich auf dem Sofa liegen und dösen möchte. So ein professionelles Feuerwerk aber, das ist schon schön, da starre ich auch gern in den Himmel und schau mir das Spektakel an. Es müsste wirklich eine zentrale Veranstaltung geben, von der Stadt organisiert. Und dann eine Million Euro in den Himmel schießen, um die blöden Geister zu vertreiben. Oder wir lassen es bleiben und legen uns vor den knisternden Kamin und betrinken uns ganz friedlich.

Egal. Eine Sammlung

20. November 2025

Vor mir läuft eine Frau, die an einer Laugenstange knabbert. Deren Verpackung hält sie noch in der Hand, dann lässt sie die Tüte plötzlich fallen. Sie liegt auf dem kalten Boden. Die Tüte ist aus Papier und Plastik. Der Frau ist das egal, wie es Rauchern egal ist, wenn sie ihre Zigarettenstummel auf den Boden schmeißen. Die Frau wirft noch ihre angefressene Laugenstange weg, also nicht in den Mülleimer, sondern auf den Boden. Wohl ein Geschenk für die Tauben und Ratten.

In der U-Bahn-Haltestelle darf man nicht rauchen, die Frau im Pelzmantel tut es trotzdem. Sie ist stark geschminkt. Sie ist eine feine Dame mit auffälliger Brille. Sie genießt das Leben und das ein oder andere Glas Likör. Es ist ein schönes Leben, das sie lebt. Eine Ebene tiefer raucht eine andere Frau, aber ganz verstohlen einen braunen Stinker.

An der Kreuzung parkt ein Mercedes. Der parkt dort fast jeden Abend. Er darf es aber nicht, das Parken im Kreuzungsbereich ist verboten, wie einem die Fahrschule lehrt. Dem Mercedes-Fahrer ist das aber egal: Er hat einen tollen Premium-Parkplatz gefunden, deshalb steht er da allabendlich, trotz der Strafzettel, die regelmäßig unter seinem Scheibenwischer klemmen. Die paar Euro sind dem Fahrer egal, wahrscheinlich sind die Strafen günstiger als die Miete für eine Garage hier im Stadtteil. Dass im Ernstfall ein Löschfahrzeug nicht um die Kurve kommt: egal.

Seit einigen Tagen funktionieren die Klingeln nicht mehr. In dem Gebäude befinden sich eine Kita, ein Beratungsangebot für Flüchtlinge, Büros und einige Wohnungen. Dass die Klingel nicht klingelt, stört offenbar niemanden. Nicht einmal ein Zettel weist auf den Umstand hin, weshalb immer wieder Menschen vor der Tür stehen und sich wundern, dass niemand öffnet. Gelangt man irgendwie doch ins Treppenhaus, stinkt es immer noch nach Scheiße. Vor einigen Wochen hat ein Obdachloser vor die Haustür geschissen und die Menschen sind durch seine Scheiße gelaufen und haben sie im ganzen Treppenhaus verteilt. Egal. (Wird fortgesetzt.)

Kacke vor der Kita

12. November 2025

Banker, Säufer – und Kacke vor der Kita: In der Großstadt liegen Spaß und Elend dicht beieinander.

Unsere kleine Kita befindet sich an einer Hauptstraße in der Großstadt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lungern morgens zwei Männer auf der Parkbank herum und saufen. Einmal hat der eine Kerl dem anderen, nun ja, einen runtergeholt. Auf offener Straße. Ganz ungeniert. Unter Gottes tränenden Augen – denn hinter den Männern steht eine alte Kirche. Dort befindet sich auch ein schöner Park, in dem sich andere Männer verkrustete Spritzen in die Arme stechen. Und einen Spielplatz gibt es auch.

In dem Park sitzen Alkoholiker. Sie genießen das Leben und schreien herum. Sie trinken und lachen und husten. Mittags essen in dem Park die Banker ihre healthy Bowls. Nebenbei hören sie Podcasts über ETFs und Selbstoptimierung, deshalb stört sie das Kreischen der Kerle nicht. ANC filtert das Elend aus der Geräuschkulisse.

Neulich schiss ein Obdachloser vor unsere Kita

Neulich hat ein saufender Obdachloser vor unsere Kita geschissen. Alles vollgekackt hat er. Die Bewohner des Hauses stapften noch schön durch den Kot und verteilten ihn im Treppenhaus. Es ist völlig grotesk. An einem anderen Tag kotzte der Säufer alles voll; überall Kotze und Scheiße und ein ekelhafter Gestank. Nachts schläft er vor der Kita und ist morgens auch noch da, während wir die Kinder zur Kita bringen. Das Elend liegt in der Durchfahrt und schläft seinen Rausch aus. Vegetiert. Atmet aber noch; der Mensch stirbt langsam.

Die Polizei war da, das Ordnungsamt auch. Manchmal haben sie ihn mitgenommen, am nächsten Tag war er wieder da. Er bekam einen Platzverweis, dann war er wieder da. Er scheißt alles voll. Kotzt alles voll. Wie gefährlich ist so ein Mann? Dringt er eines Tages in die Kita ein, um sich Milchreis zu holen? Sitzt er zusammen mit den Kindern im Morgenkreis und lallt fröhliche Lieder? Das Autooo macht tuuutuuuuut! Und dann scheißt er wieder alles voll.

Tag mit Regen

28. Oktober 2025

Regen, viel Regen. Wir sind unterwegs zur Kita: der liebe Sohn und ich. Eine Viertelstunde dauert der Weg, und es regnet immer stärker. Ist ja gut für die Pflanzen, denke ich, wünsche mir zugleich aber Sonnenschein. Als wir endlich ankommen, hört der Regen prompt auf.

So ein Dienstag, irgendein Dienstag

Mittags muss ich den lieben Sohn früher als geplant abholen. Es regnet schon wieder. Und es hört prompt auf, als wir zu Hause ankommen. So ein Tag ist das also, so ein Dienstag, irgendein Dienstag.

Zwischendurch arbeite ich, zum Glück im Homeoffice, da hacke ich eine Menge Buchstaben in die Tastatur. Wichtig ist, stets flexibel zu bleiben. Planen kann man nichts, zeitweise keinen einzigen Tag im Voraus; die Betreuung bleibt beizeiten ein Glücksspiel. Ob also alle mitmachen. Ob alle gesund bleiben. Oder ob am Ende alles zusammenkracht. Es wird aber besser werden, das wird es doch immer. Dann ist nämlich Frühling. Wird trotzdem regnen.

Heide: Feuer im Finger

25. September 2025 · Eschede

Es brennt, mein kleiner Finger steht in Flammen. Aber nur sinnbildlich: Es ist keine spontane Selbstentzündung, die mir widerfuhr, nur ein gewisses Pech, denn ich erwischte mit der Hand eine Wespe – und die stach prompt zu. So ist das nun. Mein Körper reagiert verstimmt und mit einer allergischen Reaktion.

Die Frau am Ende der Leitung ist recht genervt und schlecht gelaunt. Tja, ich solle in der Bereitschaftspraxis vorbeischauen, in Celle, im Krankenhaus. Die 116117 hilft, wenn Hausärzte schon Feierabend haben, der «Notfall» das Leben aber nicht akut bedroht – sonst: 112. Ich stelle mir vor, dass da viele seltsame Leute anrufen. Ich wäre auch mies gelaunt, zumal heute Freitag ist.

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Sonnige Tage in Lüneburg

17. August 2025 · Lüneburg

Langes Wochenende in Lüneburg; ich bin 40 geworden. Wir wohnen in einer Wohnung in der Johannisstraße, in der putzige Häuser stehen, die urgemütlich wirken – vor allem das Haus gegenüber, in dem offenbar ein junges Paar mit Kind wohnt. Sie haben Freunde da, sie sitzen gemeinsam am großen Tisch und reden. Ich bin der Stalker von gegenüber, der sie sozusagen beobachtet. Es geht fast nicht anders: Die Häuser stehen allesamt eng beieinander – wenn ich also aus dem Fenster schaue, schaue ich unweigerlich in deren Haus, das schön beleuchtet ist.

Als wir am Donnerstag ankommen, müssen wir einkaufen. Es ist heiß, die Sonne brennt. Wir überqueren einen grauen Parkplatz, auf dem Fußgänger nicht sein sollen. Nur Autos, überall Autos. Städte sind einfach nicht für Hitze ausgestattet – es gibt kaum Schatten, manchmal nur zufällig. Alles ist betoniert und versiegelt. Auf diesem Parkplatz gibt es einen Denn’s neben Aldi, es wird quasi ein Bogen gespannt, von billig bis Bio. Wir kaufen ein Abendessen und essen es später an unserem runden Tisch.


In Lüneburg gibt es ein tolles Café: das Bell and Beans. Der Flat White dort ist köstlich. Sowieso hat Lüneburg erstaunlich viele Cafés, in denen ich den ganzen Tag herumsitzen möchte, um zu lesen. Aber das geht nicht, denn der liebe Sohn möchte noch auf den Spielplatz und durch die Gegend laufen und irgendwo hochklettern. Mittagessen im Zwei Lieben: Dort servieren sie neapolitanische Pizza. Ein Gast hatte sich erkundigt, ob es auch Pizza Hawaii gibt. Die Bedienung war erzürnt: Natürlich gibt es die hier nicht!

Super Parkwunder – dümmer geht es kaum

Der Nachbar ist besessen vom Parkverhalten anderer. In der Straße ist es eng, Parkplätze sind deshalb Mangelware. Wer schlecht parkt, der vergeudet wertvollen Platz – meint der Nachbar. Wir sind auch mit dem Auto angereist, weil uns die Bahn im Stich gelassen hat: «Fahrt entfällt». Der Nachbar findet, dass unser Auto doch etwas anders stehen sollte; schräger. Er erklärt, wie er das machen würde. Wir machen es so und der Nachbar ist geradezu begeistert. Es können an diesem Abend also fünf Autos vor den Häusern parken. So wünscht es sich der Nachbar täglich. Ich möchte echt kein Auto besitzen.

Als an einem anderen Tag ein Fiat 500 nicht optimal vor den Häusern parkte, gestaltete der Nachbar ein Schild und klemmte es hinter den Scheibenwischer. Darauf stand: «Super Parkwunder – dümmer geht es kaum!» Die Pappe fiel jedoch zu Boden. Die Fiat-Fahrerin hat es nie gelesen.

Das erste Jahr

19. Juli 2025

Ein Jahr, das sich nach wenigen Monaten anfühlte, ist vorbei. Das erste Krippenjahr ist geschafft – dabei war eben noch der erste Tag. Einige Kinder wurden nun verabschiedet, auch Eltern gehen und Ämter wechseln. In unserer Elterninitiative gab es viele Höhen und Tiefen, seltsame Dramen und bedauerliche Kündigungen. Eine interessante Erfahrung war das, doch einiges hätte nicht sein müssen. Immerhin verlief die Eingewöhnung vor einem Jahr nahezu perfekt, und dem lieben Sohn gefällt es weiterhin hervorragend in der Kita. Am Ende geht es nur darum. Jetzt folgt – nach einer Sommerpause – das zweite Jahr. Für uns auch schon: das letzte Krippenjahr. Danach geht es für den lieben Sohn weiter in den «richtigen» Kindergarten. Hoffentlich ohne Dramen.

Durch das Land juckeln

14. Juli 2025

Würden wir ein Auto besitzen, wären wir in den Pkw gestiegen und hätten anderthalb Stunden später unser Ziel erreicht. Aber wir haben gar kein Auto. Also ließen wir uns zuerst nach A. chauffieren, denn es fuhr kein ICE von B. und von D. ohnehin nicht. Also verbrachten wir 30 Minuten in einem Auto und dann weitere 100 Minuten in der S-Bahn. Wir stiegen an der zweiten Haltestelle ein, die der Zug ansteuerte und er war bereits erstaunlich voll. Wir quetschen uns mit dem Sohn auf zwei Sitze im 4er; uns gegenüber sitzt ein Paar, das still leidet. Gemeinsam schauen sie auf dem Smartphone des Mannes einen Film. Dann schläft er ein und sie starrt aus dem Fenster. Der Sohn kann sich immerhin an seinem Sticker-Heft erfreuen. Die S-Bahn juckelt durch das Land. Schön ist es, das schon. Die Wiesen, die Wälder, die Hügel. Würden wir ein Auto besitzen, würden wir vielleicht im Stau stehen.