Ein Wochenende wie ein kleiner Urlaub, eine Auszeit, ein wenig mehr Leben. Samstag erwache ich jedoch mit Kopfschmerzen; ungünstig gelegen, verspannter Körper. Halbe Ibu rein, dann geht es weiter. Ich recherchierte zuvor: «Aspirin oder Ibu bei Hitze?» Herz- oder Nierenprobleme riskieren? ¶ Bestes Wetter: Hitze, Sonne, flirrende Luft. Wir essen Eis, wir essen draußen im Restaurant; die Busse zischen und die Lüfter brummen und geben alles. Menschen stehen in Flammen. Spaghetti-Eis gegen die Hitze! ¶ Radfahren, den kühlenden Fahrtwind spüren. Fehlt nur das Meer, das funkelnde Wasser, der Salzgeruch, den es womöglich gar nicht gibt. Immerhin duftet es nach Sonnencreme. ¶ Bisschen lesen, eine Nosferatu-Spinne klebt an der Fassade; zum Glück nur ein Jungtier. Manchmal weht der Wind und die Sonnenschirme wackeln und klackern. Im Garten sein, auf dem Balkon liegen. Sitzen. Trinken, viel trinken. ¶ Montag frei: so wunderbar fühlt sich also ein Drei-Tage-Wochenende an! Es wäre so schön, das jede Woche zu haben. Was machen wir nur, dass wir so viel arbeiten und diese Arbeit auch noch sinnlos ist? Das Leben wäre entspannter. ¶ Dienstag: Fahrt zur Arbeit, Präsenztag bei 30 Grad C. Ich fahre durch den Stadtwald, dort ist es wunderbar kühl. Bin neidisch auf die Frau, die alles dabeihat: Strohmatte, große Tasche (mit Köstlichkeiten), ein luftiges Outfit. Sie wird den Tag auf der Liegewiese im Wald verbringen. ¶ Ich bin dann im Büro. Es ist meine Pflicht.
Mit dem Fahrrad los. Die hintere Bremse jault beim Anfahren, sie stößt ein hohes Fiepen aus; sie singt. Grauer Himmel über mir – könnte noch regnen; es soll später regnen. Jetzt ist Regenpause, also fahre ich los. Der Wald ist nass und satt, es ist herrlich hier. Es riecht gut, glaube ich. Ich gleite durch den Stadtwald, durch die Eilenriede. Ein Privileg ist dieser Arbeitsweg. Im Büro bin ich dann erst mal allein. Stille. Ich kann Musik hören und schreibe meinen Artikel. Es wird später Nudeln geben (in der Kantine).
Freitag. In der Fußgängerzone ist nicht viel los, nur ein paar ältere Damen laufen dort entlang, schieben ihre Rollatoren vor sich her. Sie tragen alle diese hellen Steppjacken, die im Sale etwa 129 Euro kosten. Beige und hellbraun, manche sind immerhin blau oder rot. Ich frage mich, wie ich herumlaufen werde, wenn ich alt bin. Einfach so wie jetzt? Mit New-Balance-Schuhen, über die sich die jungen Leute (dann) lustig machen?
weiterlesenDer Bäcker um die Ecke verkauft auch Kaffee – also Cappuccino und Late Macchiato. Die sind ein wenig teurer, wenn man sie vor Ort verbraucht, was irgendwas mit der Umsatzsteuer zu tun hat und wieder so typisch deutsch ist. (Alles muss unnötig kompliziert sein.) Wir sitzen beim Bäcker, weil der Spielplatz in der Nähe ist und wir noch Lust auf Koffein und Waffeln haben. Die gibt es hier auch, aber nicht immer: Wenn der Teig leer ist oder das Waffeleisen kaputt, gibt es eben keine Waffeln.
Die Frauen, die beim Bäcker arbeiten, sind latent unfreundlich, aber nicht ganz, wahrscheinlich so typisch norddeutsch. (Das ist aber eine Ausrede, um frech zu Leuten zu sein: Das sei eben typisch norddeutsch, wenn sie dich beleidigen.) Jedenfalls nervt mich an diesem Bäcker-Café, dass sie die Hocker draußen immer an die Tische ketten und diese Verkettung (morgens) nicht auflösen. Man kann deshalb nur schlecht auf den Hockern sitzen, denn sie sind zu eng verkettet. Es muss pure Faulheit sein, dass sie morgens die Ketten nicht lösen, damit sich die Kunden vernünftig hinsetzen könnten.
Hinzu kommt, dass der Kaffee – der Cappuccino – nie gut ist. Regelmäßig ist er leider auch schlecht und einmal sogar ungenießbar (weil die Milch verbrannt war). Das Personal ist also latent unfreundlich, die Hocker draußen unbenutzbar und der Kaffee ist mittelmäßig (oder schlecht). Warum sitzen wir hier dennoch? Weil es keine Alternative gibt, weil wir auf dem Weg zum Spielplatz Lust auf Kaffee und Waffeln hatten. So ist das.
Sie sehen: einen blauen Himmel. Es ziehen ein paar Wolken vorbei, die sind harmlos und tragen keinen Regen in sich. Ungefährlich. Friedlich. Sie bilden Formen und fordern zum Rorschachtest heraus. Sie sehen: Fledermäuse, eine Axt, verwesende Kälber. Ich befinde mich auf dem Balkon, der stets die Hitze speichert, sodass hier immer Sommer herrscht; selbst im Winter. Die Sonne bringt Wärme, und der Balkon sammelt sie fleißig ein und hält sie fest. Das hier ist die «Wetterseite». Wenn es mal regnet, dann wird alles richtig nass, auch die Sitzpolster, die immer draußen liegen. Ein kleiner Fleck ist zu inspizieren, es wird sich um Vogelkot handeln. Musik ertönt, Vol. 1 von dieser gehypten Band: Angine irgendwas. Auf dem Nebenbalkon befindet sich die Nachbarin, die gut zu hören ist, die nie leise spricht, das gar nicht kann. In der Ferne ertönen die Automobile, die Kraftfahrzeuge, da ist auch immer ein Rascheln der Bäume zu hören; ein leichter Wind geht. Eine Bohrmaschine bohrt. Der Krach der Stadt. Lärm der Stadt. Die Kokofonie, die Laubbläser, die Autos, die Motorräder. Alles jault und brummt. Die Nachbarin ist so laut, dass ich ungern hier sitze, wenn sie auf dem Balkon verweilt und redet. Immerhin raucht derzeit niemand. Das wäre doch noch schlimmer: der Gestank des Lasters. Und alle machen mit. Die Bohrmaschine bohrt und der Bass ertönt. Die Blätter des Ahorns zittern. Eine Biene fliegt herum. Die Wolken ziehen nur langsam vorbei, ganz langsam, heute haben sie es nicht eilig. Ende der Übertragung.
Als Arbeitnehmer bin ich weder vertraglich noch gesetzlich dazu verpflichtet, das Mittagessen in der Betriebskantine aufzuessen. Auch eine moralische Pflicht besteht nicht. Dass ich regelmäßig irgendeinen Bestandteil der Mahlzeit übrig lasse, veranlasst so manchen Kollegen zur Kommentierung dieses gewöhnlichen Umstands: «Wieder nicht aufgegessen, dann regnet es morgen! Iss mal dein Gemüse», schallt es. Und ich denke: [redacted].
Ich selbst kommentiere niemals das Essverhalten meiner Kollegen. Es ist mir schlicht egal, ob A. sich noch einen dritten Burger in die Gusche schiebt, oder ob F. sein unberührtes Essen gegen die Wand schleudert oder in den Mülleimer wuchtet. Macht, was ihr wollt, baut den Devil’s Tower aus Kartoffelbrei nach, oder esst alles auf – mir vollkommen egal.
Baut den Devil’s Tower aus Kartoffelbrei nach – mir egal
Aber andere Leute sind anders: Sie spüren das dringende Bedürfnis, einen Kommentar zu äußern, als seien sie vom Sportfernsehen und müssten ein ödes Spiel mit seichten Worten etwas spannender gestalten. Ich möchte einfach nur in Ruhe essen und die Ananas übrig lassen, weil ich dieses sogenannte Bromeliengewächs einfach eklig finde. Wieder nicht aufgegesssen. So fucking what?
Ich habe gar nichts gemacht! Trotzdem habe ich Ärger bekommen von einer Mutter in der Krippe, denn wir sind eine Eltern-Ini, das heißt, die Eltern müssen sich selbst organisieren und sich einmischen. In unserer Signal-Gruppe wird weiterhin viel besprochen, aber deutlich weniger, seit es einen neuen Vorstand gibt. Wer im Chat etwas Falsches schreibt, bekommt sogleich Ärger: «Bitte dieses Thema auf keinen Fall in der Gruppe ansprechen! Halt einfach den Rand, du Lümmel.» Ich paraphrasiere.
Ich bin eher der Typ «stiller Mitleser»
Doch dieses Mal habe ich gar nichts geschrieben, ohnehin bin ich eher der Typ «stiller Mitleser». Ich nehme Informationen zur Kenntnis und zumeist vertritt bereits jemand anders meinen Standpunkt, sodass ich schweigen kann. Das bewahrt mich eigentlich vor verschriftlichen Angriffen. Normalerweise, nicht aber heute, als auch ich die schriftliche Rüge erhielt: Es sei einfach unmöglich.
Es ist einigermaßen seltsam, als Erwachsener Ärger zu bekommen. Einen Anschiss zu kriegen, einen Einlauf verpasst zu bekommen. Das passiert etwa, wenn man zu viel Homeoffice macht, dann moniert der Chef dieses Fehlverhalten und bittet, künftig in die Firma zu gleiten. Ebenso droht Ärger, weil man etwa eine Meinung zum Thema Zuckerkonsum kundtut. Selbst ich weiß, dass Kleinkinder keinen einzigen Gramm dieses weißen Giftes vertilgen sollten. «Führe sie nicht in Versuchung», würde Gott murmeln, wenn er sich für unsere Kita interessieren würde. Aber er hat unsere Signal-Gruppe stummgeschaltet, das weiß ich genau – weil ich Gott bin. Quatsch, das stimmt gar nicht: In Wahrheit bin ich lediglich ein regulärer Mitleser, der gar nichts gemacht hat.
Nebenan sind gerade Besichtigungen, Leute schauen sich eine Wohnung an: Erstbezug nach Sanierung, 4 Zimmer, 115 Quadratmeter für 1900 Euro (kalt). Viele junge Paare tauchen auf, einige sehen wohlhabend aus. Ordentlich. Adrett. Wie CDU-Leute, die bei der Jungen Union ihre politische Karriere begonnen haben. Die Tillmann heißen, also die Herren; die Frauen heißen Theresa. Und sie lachen unangenehm aufgesetzt. Sie schauen sich also die Wohnung an und irgendwer von diesen Leuten wird da einziehen. Um eine Küche müssen sie sich immerhin nicht kümmern, die ist in der Miete enthalten, die steht bereits in der Wohnung.
Ich öffne mein Portemonnaie und finde eine Million
Spaßeshalber mal im Internet schauen, was eine Eigentumswohnung im Kiez kostet: 700.000 Euro für 115 Quadratmeter. Ich öffne mein Portemonnaie und finde eine Million, zahle bar, bin Wohnungsbesitzer – ist doch ein Schnäppchen! Früher haben Wohnungen dieser Größe irgendwas um Hundert Mark gekostet und man bekam als Dank noch einen Opel Kapitän dazu. Heute liegen wir ratlos auf dem Sofa und fragen uns, wer das ohne Erbe bezahlen soll.
Mag sein, dass es Leute gibt, die das können; es muss solche Leute geben, die aus besserem Hause stammen. Die ihre Eltern stets siezen: Werte Mutter, werter Herr Vater! Die ihre Kindheit in Stadtvillen verlebt haben, drüben im Westflügel. Die Welt ist eben unfair, was soll‘? Ich steige in eine Rakete, fliege weit raus in den Weltraum und betrachte unseren blöden Planeten. Dann fällt mir wieder ein, dass ohnehin alles vollkommen egal ist, denn die Sonne wird uns, wenn sie ein wütender roter Riese ist, brutal verschlingen. Und dann ist das nichts mehr.
Der Raschplatz in Hannover war teuer. Damals, als sie ihn umgebaut haben. Inzwischen ist der Platz ein trostloser Ort, an dem sich seltsame Menschen versammeln, um zu saufen, Drogen zu konsumieren, sich anzuschreien. Manchmal kämpfen sie. Manche liegen nur herum, manche sind friedlich, manche nicht. Der Platz ist grau, und wenn es auch der Himmel ist und leichter Regen fällt, dann wirkt dieser Platz wie der traurigste Ort in Hannover.
WeiterlesenWenn der liebe Sohn im Supermarkt im Weg herumsteht, sage ich nicht: «Mach mal Platz!» Ich lasse ihn in Ruhe. Ignoriere, dass er «im Weg» steht. Niemals würde ich mich dafür entschuldigen. Im Gegenteil: Ich mag es, die Leute etwas zu nerven. Zu quälen. Zu ärgern. Alle sind sie in Eile, klar. Aber die Leute stehen ja selbst oft genug im Weg herum und behindern mich. Nun ist es wohl an der Zeit, Rache zu nehmen.
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