Antirauschen.
Ein persönliches Blog

Glosse: Endlich Ruhe

In Berlin gibt es neuerdings einen Friedhof für Lesben, auf dem Frauen, die Frauen lieben, ihre letzte Ruhe finden. Da sind sie dann ganz unter sich: keine verblödeten Macho-Spackos, denen nur dumme Sprüche einfallen, keine intoleranten Idioten, die lieber hassen, als zu leben.

Für sie und alle anderen Randgruppen kann es ja eigene Friedhöfe geben. Für jede Minderheit ein exklusiver Ort für die lange Zeit nach dem Sterben. Neben einem Friedhof der Kuscheltiere gibt es einen muffigen Raucherfriedhof, wo es ständig qualmt. Porschefahrer finden ihre letzte Unruhe auf dem Autofriedhof, auf dem geschnitten und geschimpft wird: über rote Ampeln, Radfahrer und Schlaglöcher. Und auch die Behinderten, Nazis und Dinkelbrot-Ökos haben ihre eigenen Ruhestätte – so kommen sie einander nicht mehr in die Quere und es herrscht himmlische Ruh.

Interessanter, das sind vielleicht doch die anderen

Eine solche Friedhof-Fragmentierung hat allerdings einen Nachteil: Wer sich nicht so recht entscheiden kann, wo er hingehört und liegen soll, müsste seine sterblichen Überreste zerteilen lassen. Immerhin tut das nicht mehr weh. Das Herz kommt dann auf den Lesbenfriedhof, die Lunge zu den Rauchern und die Hände zu den Taschendieben.

Viele fühlen sich zwar am wohlsten unter Leuten, die so ticken wie sie selbst. Wenn aber die Sargnachbarn allzu ähnlich sind, wird’s schnell öde. Zu viel Gleichheit nervt auf Dauer – und der Tod dauert lange, verdammt lange. Interessanter, das sind vielleicht doch die anderen. Die Raucher, die Ökos, die Briefmarkensammler.

Nur die Nazis, die sollen bitte unter sich bleiben.

Diese kleine Glosse entstand bei dem Seminar «Kommentare und Glossen» mit Cord Aschenbrenner, Akademie für Publizistik in Hamburg. Hier und da habe ich ein Komma verändert, ein Wort gestrichen.

Momentaufnahme

15. September 2011, 13:38 Uhr.

Barcelona, Parc Güell. Menschen. Die Sonne brennt und strahlt. Händler verkaufen Hüte und Plunder. Touristen kaufen all das, sie handeln und überreichen Scheine. Kinder brüllen und lachen und wollen Eis. Ein älterer Herr beißt in einen Apfel, ich in eine Banane. Eine Frau macht von ihrer Tochter ein Foto, ein Mann filmt die Palmen. Es geht kein Wind. Keine Wolken am Himmel. Eine Treppe als Nadelöhr. Schweißfüße in Sandalen. Kurze Hosen. Und sie sitzt da in aller Ruhe und ganz alleine und liest.

Irgendwann weg

Mittwoch ist so ein Mittelding. So auch dieser Mittwoch, an dem meine Laune fürchterlich war. Ich beschloss deshalb schnell, mich zu betrinken und den Kummer zu ertränken. Ich war also bei Starbucks und sagte dem Mann am Tresen, was ich wollte: «Tall Latte, to go.»

Der Mann nickte eifrig und wiederholte: «Tall Latte, to go». Er schob sich die Designerbrille zurück an die Nasenwurzel und kritzelte anschließend etwas auf meinen Becher. Das war allerdings nicht meinen Namen, den er da schrieb, denn den kannte er nicht. Ein zweiter Mann wollte nun noch einmal von mir wissen, was ich hatte, «Tall Latte, to go», und dann wollte er Geld sehen. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete satte drei Euro und war brühheiß, ich zahlte passend und ohne Trinkgeld.

«Brühheiß», wiederholte mein Anwalt, der illegal praktizierte und sich zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrannte, um anschließend Starbucks verklagen zu können. Auf Millionen! Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und drehte ihm, dem Anwalt, den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Mall (vulgo Einkaufszentrum), weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das im Magen eines größeren Lebewesens lebt.

In der Mall waren die unendlichen Wände sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten darin nach ihren Frisuren, seltsame Typen sahen nach, ob auch ihre Schlüpfer aus der Hose lugten. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort ein bisschen und verschwand nach draußen. Hätte das Orakel vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es also regnen? Niemals, es würde nicht regnen, vielleicht nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. O ne, muss? Muss, ja. Ich ging und ging und war irgendwann weg.

Dieser Text ging am 8. Juli 2010 in einem anderen Blog von mir online. Er basiert auf dieser Notiz, die sich sehr ähnlich liest.

Wie bei Seinfeld

Auf meiner Festplatte ruhen viele Textdateien. Manchmal öffne ich eine davon und lese in die Vergangenheit. Der nachfolgende Text stammt aus dem Jahr 2010. Es geht darin um einen Besuch bei Starbucks.

Also los: Es war Mittwoch. Manchmal hasse ich diesen Tag – so diesen einen Mittwoch wieder, als meine Laune fürchterlich war, und all das. Ich war bei Starbucks und sagte dem Mann hinterm Tresen, was ich wollte: «Tall Latte, to go.» Der Mann nickte eifrig und wiederholte: «Tall Latte, to go». Er schob die Designerbrille zurück an seine Nasenwurzel und kritzelte anschließend was auf meinen Becher – allerdings nicht meinen Namen, den kannte er nämlich nicht. Ob es stimmt, dass sie einem in die Augen schauen müssen?

Ein zweiter Mann wollte nun noch einmal wissen, was ich hatte, und dann wollte er Geld sehen. Ich fühlte mich ziemlich urban und post-modern. Hätte ich doch einen iPod oder ein anderes Produkt von Apple bei mir, aber da war nur ein zerknülltes Taschentuch in meiner Hosentasche. Der Kaffee kostete satte drei Euro und war brühheiß, ich zahlte passend.

«Brühheiß», wiederholte mein Anwalt, der illegal praktizierte und sich zufällig in der Nähe befand. Verträumt hoffte er wohl, dass ich mir den Rachen am siedenden Latte verbrannte, um anschließend Starbucks zu verklagen. Mir klang das alles zu sehr nach einer Seinfeld-Folge und ich drehte ihm, dem Anwalt, den Rücken zu. Ich schob dem Pappbecher einen Pappring über und verließ Starbucks, war nun also in der hässlichen Einkaufsmall, weil sich der hiesige Starbucks eben dort befand. Wie ein kleines Lebewesen, das in einem großen Lebewesen lebt. Die unendlichen Wände waren sozusagen verspiegelt, alles wurde da reflektiert, wie in einem gigantischen Spiegelkabinett. Junge Mädchen schauten nach ihren Frisuren, junge Typen sahen nach, ob auch ihre Schlüpfer aus der Hose lugten. Ich erschrak, als ich mich selbst entdeckte und ich hasste diesen Ort ein bisschen und verschwand nach draußen. Hätte dieser Mann vorhin nicht von Regen gefaselt, hätte ich ganz vergessen, dass es Tage gibt, an denen Wasser vom Himmel fällt. Es war heiß und sonnig, allerdings tauchten da einige verdächtige Wolken auf. Wird es regnen? Niemals, es würde nicht regnen, vielleicht nie wieder. Wir müssten Brunnen bohren, Dorfbrunnen, 20 bis 40 Meter tief. O ne, muss? Muss, ja. Ich ging und ging und war irgendwann weg.


In der Untergrundbahn gibt es an den Türen Knöpfe; wenn man die drückt, leuchtet der kleine Kasten, der den Knopf umgibt, weiß auf. Wir alle denken, dass diese Plastiktaste dafür da ist, dass sich die Tür beim nächsten Halt auf jeden Fall öffnen wird. Irgendwie beschleicht mich aber das Gefühl, dass der Knopf direkt mit der kleinen Glühbirne verbunden ist und nicht mehr macht, als dieses Licht aktiviert und die Tür so oder so aufgeht. Die Beweislage ist aber dünn.

Diese Notiz entstand am 6. Juli 2010 gegen Mitternacht. Die Datei trägt jedoch den Titel 30. Juni. Dieser Tag war denn auch ein Mittwoch, wie am Anfang des Textes beschrieben. Ich fühle mich gerade wie ein Archäologe, der in alten Skripten stöbert.