Vier Wände

Die erste Wohnung, die ich besichtige, ist leider gleich perfekt, trotz innen liegendem Badezimmer.

«Kann ich vielleicht kurz pinkeln?», frage ich bei der Ankunft das junge Paar, das die perfekte Wohnung noch ihr Zuhause nennen darf.

Die Frage ist schon ein gewaltiger Fauxpas, nehme ich an. Ich kann nur ahnen, wie die beiden das hassen müssen: Keine Minute steht der Fremde in unserer Wohnung – und will schon die Toilette entweihen. Ein Graus, der steckt doch unsere Bodylotion ein und gurgelt unser Mundwasser leer.

Aber sie lassen mich, es sind höfliche Leute. Ich pisse dann aber die Wände voll, markiere mein Territorium. (Usw., usf.)


Außer mir sind da noch andere Interessenten: Eine Frau komplettiert ein Liebespaar; sie ist grotesk freundlich, er sehr schweigsam. Im Briefing vor der Besichtigung hat sie ihm wohl eingebläut, ja die Fresse zu halten. Lass mich reden. Er nickt deshalb nur und verbiegt den Mund, was wohl ein Lächeln darstellen soll.

«Die Wohnung ist wirklich wunderschön», trällert die Frau und deutet mit dem Zeigefinger diffus ins Wohnzimmer.

Ihr Freund nickt und nickt und nickt. Der Mieter auch. Sie sind sich einig – wir alle sind uns einig: Es handelt sich um eine echt schöne Wohnung, sie ist sogar: wunderschön. Und günstig. Und gut geschnitten. Und zur Stadtbahn ist es auch nicht weit. Toll, toll. Wirklich.

«Vielen, vielen Dank und einen schönen Abend noch», sagt die Frau zur Verabschiedung, nachdem sie sich in die Liste eingetragen hat.

Die Liste derjenigen, die hier einziehen wollen. Sie und ihr Freund sind #13 und #14. Ich werde mich später auf der Rückseite des Papiers eintragen müssen.


In der Küche zeigt der Bewohner der perfekten Wohnung einem Mann mit langen Haaren und langem Bart den Herd und all das, was er gern dalassen will, für 900 Euro Abschlag. Dem Mann gefällt die Küche überhaupt nicht: «Die würde ich wohl herausreißen», sagt er. «Neunhundert Euro sind auch zu viel.»

«Wieso? Wie viel findest du … passt?», fragt der Bewohner, der einen leichten französischen Akzent auf der Zunge hat und manchmal das korrekte Wort erst suchen muss.

Draußen scheint die Sonne und bietet die beste Kulisse für eine Wohnungsbesichtigung. Die Fassaden leuchten satt, ebenso die frisch geteerte Straße und die Augen der Menschen. Am Ende der Straße ist eine Kirche, umrahmt von Gebüschen und alten Bäumen. Überall stehen Autos, dicht an dicht. Mich erinnert die Szenerie an Paris. Vielleicht zu Unrecht.

«Maximal zwooohundert würde ich zahlen», sagt der Mann, der bestimmt Metal hört, Anthrax und Slayer, weil Männer mit langen Bärten und Haaren das nun mal hören, offenbar ohne Ausnahme, und immer sehr laut. Weiß der Vermieter das? Ahnt er es wenigstens? (Der Vermieter hört Jazz, jedenfalls sieht er so aus.)


Im Wohnzimmer steht ein junger Mann mit Zweitagebart und kurzen Haaren. Alles, was er sagt, klingt kein bisschen aufrichtig. Angestrengt bezirzt er den Vermieter, der gar keine Haare hat, nirgends auf seinem Kopf. Sie stehen am großen Ess- und Arbeitstisch. Rustikal, sehr geschmackvoll wie alles hier, wie die Küche, das Bett, das Bad. Der junge Mann fantasiert sich gerade an diesen Tisch, malt sich aus, wie er dort sitzt und was er da macht: «Wenn ich da wissenschaftlich sitze und schreibe», faselt er und stoppt. Ich warte auf das, was nach dem «dann, …» kommt, doch der junge Mann hat sich in eine Sackgasse gequasselt. Das Satzende lässt er unter den Tisch fallen, auf den wunderschönen Dielenboden. Einen Augenblick stehen wir alle nur da. Es sollte gesetzlich vorgeschrieben sein, Sätze zu

«Ich habe auch mal eine Bewerbung mitgebracht», sagt er plötzlich und kramt eine Mappe hervor. «Ich will damit nicht meine Chancen erhöhen, aber—»

Natürlich willst du genau das!

«—aber ich—»

Schweig!

«—lass Ihnen das trotzdem mal hier.»

Halt die Fresse.

Der Vermieter nimmt das Material an sich. Überzeugt ihn das schmierige Gesülze, überzeugt ihn dieser kleine Wichtigtuer, der verbalen Durchfall hat und groben Unfug redet? Meine Güte: was wenn? Dann darf er hier wirklich wissenschaftlich sitzen, solang er will. Ich gehe abermals pinkeln und dann nach Hause. (Die Wohnung habe ich leider nicht bekommen.)