Firmware-Updates kosten Zeit und Nerven. Besonders ärgerlich, wenn sie an einer Banalität scheitern – zum Beispiel an einem falschen Kabel.
Mir fiel ein, dass ich die Firmware von meiner Kamera aktualisieren könnte, von meiner Alpha 6300 der Marke Sony. Denn tatsächlich: Es gab längst eine neuere Version, ein brandneues Firmware-Update. Also stöpselte ich die Kamera via USB an meinen Mac und legte los. Ich musste zwei Dateien herunterladen und die eine in die andere ziehen und so weiter. Der Vorgang war etwas seltsam und erschien mir unnötig komplex, aber das ist typisch für Sony: allein das Kameramenü!
Jedenfalls funktionierte es nicht – die Software behauptete, dass keine Kamera angeschlossen wäre. Seltsam. Ich fragte Google, was zu tun sei und die allmächtige Internet-Göttin verriet mir, dass es sicherlich am USB-Kabel liegen würde. Ich habe die Kamera nämlich mit irgendeinem Kabel angeschlossen. Ist doch völlig egal, dachte ich. Aber nein, nein, schrieb die Hilfeseite von Sony. Nur das Originalkabel vermag ein Update zur Alpha zu transportieren, Sie Dummerchen!
weiterlesenDie Geißel des schreibenden Stubenhockers ist das Sitzen. Der Rücken wird krumm und die Gelenke werden morsch. Was dagegen tun? Aufstehen und in Bewegung geraten! Eine Woche lang habe ich mir vorgenommen, täglich 10.000 Schritte zu gehen oder zu laufen. Ich hatte am Montag und Dienstag versehentlich diese Marke überschritten und dachte: Die restlichen fünf Tage schaffe ich auch noch. Es war allerdings erstaunlich anstrengend – besonders am Sonntag.
Zehntausend Schritte sind ganz schön viel, das ist ziemlich weit, nämlich sieben bis neun Kilometer. Diese Distanzen bin ich nie ab Stück gelaufen, ich musste mich mindestens zweimal am Tag aufraffen und eine Rund gehen oder durchs Gestrüpp joggen. Abends saß ich schon fast auf dem Sofa, als mir einfiel, dass noch 2000 Schritte fehlen. Also ging ich leise murrend vor die Tür und umrundete die Häuserblöcke, als wäre ich mit meinem unsichtbaren Hund unterwegs.
Am Sonntag bin ich losgerannt und durch den Stadtwald gejoggt. Ich wollte in kurzer Zeit möglichst viele Schritte sammeln. Nur kommt Google Fit mit dem Laufen nicht so gut klar – am Ende der Tour hatte ich erstaunlich wenig Schritte auf dem Tacho. Oder die App ist so klug und zählt beim Laufen größere Schritte. (Genau genommen liest die App ja nur den Bewegungssensor im Handy aus und interpretiert die erfassten Daten. Wahrscheinlich ist das sogar ziemlich genau und ich hätte einfach eine Extrarunde joggen müssen.)
Ich nehme an, dass beim normalen Gehen die Schrittlänge kürzer ist als beim Laufen. (Usw.) Jedenfalls flanierte ich dann auch am Sonntagabend meine «sinnlose Runde» durch den Stadtteil, um die fehlenden Schritte abzulatschen. Es war kalt, weil der Wind von vorn wehte. Es war dunkel und vor allem langweilig. Hätte ich doch einen echten Hund, mit dem ich über Luhmanns Systemtheorie quatschen könnte. Aber ich darf keinen Hund besitzen, unsere Vermieterin hat das verboten. Am Ende der Woche kam ich auf 75.285 Schritte.
Die täglichen 10.000 Schritte sind übrigens Quatsch und basieren keineswegs auf wissenschaftlichen Studien. Die willkürliche Zahl stammt aus der Werbung – alles nur ausgedachtes Marketing. Es würden wohl auch 7500 Schritte am Tag ausreichen, sagen einige Studien. Andere gehen davon aus, dass 10.000 sogar zu wenig sind. Nichts Genaues weiß man nicht. Ich jedenfalls habe mein Tagesziel erst einmal reduziert, auf 7500, damit ich motiviert bleibe, mich täglich zu bewegen.
Eine neue Studie zeigt, dass bereits 4000 Schritte pro Tag gesünder machen. Es gilt aber: je mehr Schritte, desto besser für die Gesundheit. «Bei Menschen unter 60 Jahren sank der Analyse zufolge das Sterberisiko bei 7000 bis 13.000 Schritten pro Tag um 49 Prozent», schreibt der Spiegel.
Eigentlich wollten wir nach Peru reisen, doch dann kam eine miese Pandemie. Also fuhren wir an den Tegernsee.
Oktober. Der Fahrer ist völlig wahnsinnig und lebensmüde. Rasant steuert er den Linienbus durch den Ort, pest dann über die Landstraße. Eigentlich gilt hier 80, aber er fährt 320. Wie im Videospiel, wie bei GTA. Nebenbei telefoniert er mit Mama, hört Musik, lernt Vokabeln, raucht Pfeife. In Bad Wiessee fährt er an einer Haltestelle vorbei, eine Frau regt sich sofort und lautstark auf: «Hallo? Ich will hier raus!» Der Fahrer raunt: «Warte doch!» Bringt das schwerfällige Fahrzeug abrupt zum Stehen. Der Bus steht jetzt schräg hinter der Haltestelle, halb auf der Straße, einigermaßen im Weg. Die Türen gehen zischend auf, die Frau hüpft hinaus. Jemand hupt. Alltag hier draußen.
Die Busse am Tegernsee fahren selten, manchmal nur stündlich, dann aber gleich zwei hintereinander. Wieso die Buslinien vier Ziffern haben, bleibt mir ein Rätsel. Es gibt nur zwei, drei Linien – und eben keine 9000. Egal, der 9559 braust davon und wir stehen im Regen. Unser Ziel an diesem Tag: das Mangfallblau, ein ultraschickes Fabrikrestaurant in Gmund. Dort gibt es hübsch angerichtete Speisen, die hervorragend schmecken. Ansonsten dominiert am Tegernsee die deftige Küche. Würste, Braten, Käse – so etwas.
WeiterlesenSchon erstaunlich, wie schnell die Fahrt nach Hamburg ging: Hab kaum einen Artikel in der Zeit gelesen, schon erreichte der ICE die Hansestadt. Ich schaute zwischendurch aber auch lange aus dem Fenster, verplemperte also Zeit, anstatt sie zu lesen. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Wir schwammen durchs Gewusel und gelangten ans Licht. Bestes Wetter, herrlich warm – Hamburg zeigte sich von seiner schönsten Seite, nur die vielen Baukräne störten das Bild.
Freitag, der letzte Julitag im Jahr 2020. Meiner Verlobten und mir blieben zwei Stunden, um durch St. Georg zu streifen und die Lange Reihe entlang zu flanieren. Späte Kaffeepause im «Blanco Coffee» (Instagram); mit Glück einen Tisch ergattert, direkt an der Straße. Busse brummten vorbei und Autos und schrille Vespas. Die Sonne schien immer schöner, warmes Licht flutete die Stadt. Hamburg im Sommer habe ich noch nie erlebt, sonst immer nur Kälte und Dunkelheit und Regen. Ich aß einen köstlichen Cheesecake (5 Sterne) und schlürfte Flat White (4 Sterne). Die Frau am Nebentisch lauschte unserem Gespräch, obwohl es gar nicht spannend war.
Menschen genossen die Leichtigkeit, das Wetter, ihren Feierabend
Radfahrer rauschten vorbei, Kleider flatterten im Fahrtwind. Menschen genossen die Leichtigkeit, das Wetter, ihren Feierabend. Gelöste Stimmung überall, verliebte Paare, gestresste Eltern. Ein Spitz schnupperte den Beton ab, ein anderer Hund bat Fremde um fressbare Spenden. Jemand rauchte, jemand hustete. In solchen Momenten fällt es mir leicht, mich in ein Leben in Hamburg zu fantasieren. («Hannover ist auch schön», muss ich dann wie ein Mantra wiederholen, «Hannover ist auch schön.»)
Freunde versprachen uns das beste Ramen der Stadt, das sollte es in der Schanze geben. Also gingen wir am Abend zu «Momo» (Website) in der Margaretenstraße. Ein gemütlicher Ort, geschmackvoll eingerichtet und erstaunlich groß. Die Toiletten waren mit japanischem Zeitungspapier tapeziert – viel besser als Raufaser! In der Karte entdeckten wir etwas, das sich «Dry Ramen» nannte: Ramen ohne Brühe, perfekt für den Sommer, fanden wir und bestellten. Ich entschied mich für Abura Soba mit Hühnchen und Onsen-Ei (5 Sterne). Als Vorspeise: Edamame mit Meersalz (5 Sterne) und Kimchi (4 Sterne). Alles äußerst köstlich. Leider waren wir dann zu satt, um noch ein Matcha-Eis nachzuschieben. Beim nächsten Mal.
Samstagabend. Wir sind hungrig von einer Waldwanderung zurückgekehrt. Von Wein weiß ich nichts, obwohl ich vor einer Weile an einem Winzer-Abend teilgenommen hatte. Das erlernte Wissen war jedoch flüchtig, eine Auffrischung ist nötig. Glücklicherweise wussten die Angestellten im «Vineyard» (Website) bestens Bescheid: Auf Empfehlung tranken wir zwei Weißweine, der erste trocken und trüb (4 Sterne), der zweite süß und fruchtig (4 Sterne). Passend dazu vernaschten wir Bruchschokolade (3 Sterne).
Alles ein bisschen teuer, aber schmackhaft, zum Beispiel der Brotteller mit Antipasti und Ziegenfrischkäse (5 Sterne) oder die Flammkuchen mit Chutney und noch mehr Ziegenkäse (4 Sterne). Das Vineyard ist hauptsächlich ein Fachgeschäft, das eine riesige Auswahl bietet. Meine Güte, so viele Weine, so viele Geschmacksrichtungen – so viel zu erkunden. Doch so wenig Zeit: Schon war wieder Sonntag, Tag der Abreise. Mit dem Bus erst zum Dammtor, mit dem ICE dann nach Hannover. Da ist es auch schön, ja, aber eben nicht ganz so schön wie in der Hansestadt.
Recht spontan und mit dem Zug fuhren wir ans Meer – an die Nordsee, genauer: an den Jadebusen, nach Dangast. Ein schönes Fleckchen.
Das kleine Nordseebad hat etwas mehr als 500 Einwohner und gilt als Treffpunkt für Künstler, die zum Beispiel dicke Wale malen, die Walter heißen. Das letzte Stück legten wir im Linienbus zurück, von Varel nach Dangast mit dem 253er. Am Steuer saß eine fröhliche Frau, die sofort wusste, wohin wir wollten. Wir waren die gesamte Fahrt lang die einzigen Fahrgäste. Ob es immer so leer sei, fragte ich. Nein, normalerweise sei der Bus rappelvoll, aber wegen Corona würden die Touristen den ÖPNV meiden. Deshalb meistens entspannte Leerfahrten, die auch mal von der eigentlichen Route abweichen.
Normalerweise würden wir zu dieser Zeit eher in Portugal, Italien oder Spanien weilen. Dieses Jahr ist es natürlich anders, plötzlich ist Deutschland die Welt. Manche Leute behaupten, ein Urlaub hierzulande würde eine Auslands- oder gar eine Fernreise ersetzen. Stimmt aber nicht, es ist eine ganz andere Kategorie. In Deutschland fehlt einfach das Unbekannte und Überraschende. Ich kenne alle Marken und Läden, kenne die Mentalität der Menschen und verstehe deren Sprache. Ich kann mich nicht treiben lassen in einem Singsang von Lauten ohne Sinn. Stattdessen höre ich, wie Andreas, Rainer oder Joachim über Radfahrer motzen und Bettina, Renate oder Heike über «diese jungen Leute» schimpfen. Hoffentlich meinen sie uns!
Plötzlich ist Deutschland die Welt
Es ist tatsächlich ein wenig anstrengend, ständig deutsche Touristen um sich zu haben. Es sind die einzigen Touristen, weil kein Spanier nach Dangast reist, kein Franzose, kein Peruaner, kein Mongole. Es ist eine homogene Menschenmasse, die sich am Strand trifft oder hungrig die Hauptstraße entlang schlurft. Viele kurzärmlige Karohemden und beige Schirmmützen sind zu sehen. «Es gibt schon viele Ü-50er hier», hatte der Café-Betreiber im Ort gelästert. Er war irgendwann an unseren Tisch gekommen, um uns überschwänglich zu loben: Er würde selten junge Menschen sehen, die einfach nur läsen, und zwar Bücher. Als Belohnung gab er uns zwei Iced Latte aus. (Ich las Bonjour Tristesse von Françoise Sagan.)
Lässig und cool sind die Leute in Dangast eher nicht; viele ältere Menschen trugen eine düstere Schwere mit sich herum. Auch wenn ein Deutschlandurlaub nicht aufregend ist wie eine Reise ans Ende der Welt, war die Woche in Dangast dennoch schön – und vor allem: entspannend. Wir fuhren mit dem Elektrofahrrad am Deich entlang, da war kein Mensch weit und breit, nur Schafe und das Wasser und der Himmel über uns. Das flache Land erstreckte sich bis zum Horizont; die Weite tat den Augen gut.
Wir lümmelten stundenlang im Strandkorb, der sich sogar per App entsperren ließ, aßen köstliche Pizza im «Pani e Vini» (inzwischen geschlossen) und tranken cremigen Milchkaffee in der «Zweiten Heimat». Ich verliebte mich in eine Hündin namens Leni und war kurz davor, mit ihr durchzubrennen. Doch meine (menschliche) Verlobte vereitelte diesen Plan, indem sie Tiramisu bestellte. Das war vorzüglich! Allein deshalb lohnt sich die Reise nach Dangast. Nehmen Sie den Bus, der ist schön leer.
Wer nicht mit dem Auto anreist, fährt mit dem Zug nach Oldenburg, steigt dort um und fährt weiter nach Varel. Flaneure, die nun etwas Zeit haben, gehen zu Fuß nach Dangast: Die schönere Strecke führt am Meer entlang und ist etwa zehn Kilometer lang. (Auf direktem Weg sind es sieben Kilometer.) Wer es eilig hat, steigt ins Taxi oder wartet auf den Bus. Unsere Unterkunft haben wir auf Airbnb gefunden.
Die Fußgängerampel ist zwar knallrot, aber die Straße komplett leer, bis an den Horizont. Also rüber da, warum auch nicht? Ich will ein bisschen Anarchie im Alltag wagen, ein bisschen Adrenalin schmecken. Ein guter Grund fürs Warten wäre allerdings das anwesende Kind: 8 Jahre alt, weiblich, klein. Das Kind befindet sich hinter mir, quasi im toten Winkel. Da steht es und wartet brav. So hat es das gelernt: Bei Rot ist zu warten, zur Not für immer und ewig. Und jetzt rennt dieser Pimmel bei Rot über die Ampel.
«Tolles Vorbild», kreischt deshalb die ebenfalls anwesende Mutter, die das Kind zügig an die Hand nimmt, um es an einer impulsiven Straßenüberquerung zu hindern. Impulsiv meine Antwort: Ich müsse kein Vorbild sein, erkläre ich unnötig aufgebracht. Es stimmt ja auch, finde ich.
Ihr Mann, der ebenfalls anwesend ist und nicht zwangsläufig der Vater des Kindes sein muss, mischt sich in den Konflikt nicht ein, sondern schaut einigermaßen verstohlen auf den Belag der Fahrbahn. Ich gerate derweil unnötig in Rage, da ich mich in meiner individuellen Freiheit eingeschränkt sehe usw., usf. Ich rufe doch auch nicht jedem Radfahrer hinterher, dass der Fußweg dem Fußvolk gehört. Ich denke es nur, jedes Mal.
Wahrscheinlich kommt es in keinem anderen Land der Welt zu einer solchen Situation. Beispiel Athen, Griechenland: Hier schauten die Menschen regelrecht irritiert, als ich – wie ein Hurensohn – an der Fußgängerampel stehen blieb. Was macht der da, riefen sich die Menschen zu (auf Griechisch). Aber es ist doch rot, dachte ich erklärend, und alle, wirklich alle Passanten liefen an mir vorbei, rannten über die befahrene Straße, keinen einzigen Fick gebend. Würde Sandra auch dort jedem Menschen hinterherrufen? «Tolles Vorbild, Athen!»
Meine unausgegorene Philosophie: Stadtkinder sollten es draufhaben, im richtigen Moment über die Straße zu huschen – auch wenn das rote Männchen dies nicht gestattet. Autoritäten muss man misstrauen! Tu, was du willst! Kritiker dieser Einstellung würden anmerken, dass so etwas nur jemand schreiben kann, der selbst keine Kinder im lauffähigen Alter hat. Stimmt wahrscheinlich.
Heute reicht die Schlange bis zu den Tiefkühltruhen. Endlich öffnet eine zweite Kasse. Die ältere Dame vor mir schiebt ihren Einkaufswagen rasch rüber. Sie schaut jedoch nicht, was vor und hinter ihr passiert, sieht deshalb nicht, wie sich die Frau vor ihr ebenfalls in Richtung zweite Kasse bewegt. Diese Frau – sie heißt Sabine von Klingenberg-Gummelsbach, genannt SKG – genösse sicherlich ein Vorrecht, vielleicht aber auch nicht. In deutschen Supermärkten gilt das Recht des Schnelleren. Ähnlich verhält es sich bei Linienbussen.
Die ältere Frau – sie heißt Rita Müller – legt ihre Waren auf das Warentransportband, während es sich der Kassierer in seinem Warenzellenkassenstand gemütlich macht und die Kasse hochfährt, einen komplexen Sicherheitscode eingibt und die Maschine zum Laufen bringt. SKG empfindet es derweil als einigermaßen ungerecht, dass Rita Müller, die eben noch hinter ihr stand, plötzlich vor ihr steht.
«Ich habe doch nur Quark», erklärt SKG etwas zu laut und etwas zu genervt. Geschwind baut sie sich vor dem Kassierer auf, der gesetzlich zu einer neutralen Haltung verpflichtet ist.
Das ist völlig egal, denn Rita merkt überhaupt nicht, wie sich Sabine von Klingenberg-Gummelsbach quasi vordrängelt, wenn es denn überhaupt ein Vordrängeln ist – genau genommen ist es das ja nicht, aber es ist kein Gutachter hier, der das zügig klären könnte. Rita legt konzentriert und mit aller Kraft sehr viel Spargel auf das Warentransportband: deutscher Spargel fürs Mittagessen, fürs Abendessen, fürs Frühstück. Helmut mag Spargel so gern. Es handelt sich um seine Leibspeise. Er und seine Frau Rita essen seit zwei Wochen jeden Tag nur Spargel, denn Helmut will es so, und seine Frau will ihren Männe glücklich und satt machen, weil das seit einhundert Jahren ihre Hauptaufgabe ist. Eigentlich hängt ihr der Spargel längst zum Hals raus – das wird sie später dem Kassierer unaufgefordert erläutern. Immerhin sei der gesund, wird sie sagen. Der Kassierer wird das mit einem «Aha» zur Kenntnis nehmen.
Sabine, die keinen Spargel mag, legt die beiden Quarkpackungen von Ja! vor den Spargel. Der Kassierer waltet seines Amtes und kassiert, zieht die Packungen über den Laserscanner. Piep, «Payback?», nein!
«Mein Mann hatte vor zwei Jahren einen mittelschweren Verkehrsunfall», berichtet Rita nun. Er habe Gas- und Bremspedal verwechselt, es war sogar ein Artikel in der Lokalzeitung erschienen, behauptet Rita und entfaltet prompt ein Papier, das sie nebenbei aus ihrem Portemonnaie zupfte. Es handelt sich tatsächlich um eine Farbkopie des besagten Zeitungsartikels. «Sehen Sie: sogar mit Foto!» Seit seinem Unfall könne Helmut keine Einkäufe mehr erledigen, erläutert Rita.
Der Kassierer bleibt bei seinem vagen «Aha» und kassiert wie in Trance. Rita hat keine Payback-Karte und auch keine andere Plastikkarte in ihrem Portemonnaie. Mit lauter Stimme beginnt sie, den Zeitungsartikel vorzulesen.
Es riecht etwas nach Rauch. Der Raum ist kalt, draußen liegt noch Schnee. Schweigend stehen die Männer und Frauen nebeneinander. In schwarze Wintermäntel gehüllte Körper. Manche von ihnen atmen schwer. Ich sehe in fremde Gesichter und schaue auf das Linoleum; es ist grau meliert und mehr nicht. In der Ecke stehen zwei Pflanzen mit länglichen Blättern. Außerdem steht da eine Urne. In dieser Urne ruhen die gemahlenen Aschereste von meinem Großvater, und die Urne steht auf einem Tisch, und dieser Tisch steht in diesem Raum, und wir stehen in diesem Raum unter rechteckigen Neonleuchten.
Die Decke ist gräulich, die Wände sind es auch. Dort stehen Stühle, aber niemand will sitzen. Niemand will reden. Nur der freie Redner redet, hält seine Rede, denn das ist sein Job. «Setzen Sie sich doch», bittet er – und wir setzen uns doch. Der bestellte Redner kannte meinen Opa nicht, redet aber so, als hätte er ihn gut gekannt. An der Wand hängt ein schwarzes Kruzifix an einem Nagel. Am Kreuz hängt der abgemagerte und gemarterte Jesus. Nägel in seinen Handflächen, er leidet ewig. Hat mein Opa überhaupt an Gott geglaubt? Ich weiß es nicht, bezweifle es.
Der Redner lässt sein Leben an uns vorbeiziehen, zählt gewissenhaft die wichtigsten Stationen auf. Beim Lebensjahr vertut er sich jedoch und muss korrigiert werden. In der Hand hält er eine Ledermappe und liest eine Biografie vom Blatt ab, vieles lässt er aber weg. Die düsteren Kapitel bleiben geschlossen – wir erinnern uns an die schönen Zeiten. Zum Abschluss laufen zwei Lieder von Udo Jürgens. Die Friedhofsmitarbeiterin unterdrückt ein Gähnen.
Jemand hat seine Urne vom Tisch genommen, sie steht nicht mehr da. Ich wollte ein Foto von ihr machen; ich weiß nicht, warum. Jetzt ist es zu spät. Egal. Wir verlassen den Raum, machen uns auf den Weg. Hinter dem Gebäude liegen alte Holzkreuze auf einem Haufen. Liegen da kreuz und quer, ineinander verkeilt. Aufgelöste Gräber, aufgelöste Erinnerungen.
Wir stehen vor seinem Grab, auf dem bunte Kränze liegen. In Liebe. Wir denken an dich. Für immer unvergessen. Lügen, denn natürlich wird mein Opa irgendwann in Vergessenheit geraten – wir alle werden nicht in ewiger Erinnerung bleiben.
Den ganzen Morgen lang war der Himmel grau gewesen. Doch jetzt reißt die Wolkendecke plötzlich auf und die Sonnenstrahlen lassen den Grabstein aufleuchten. Ein Zeichen, alle sind sich sicher – Gott habe Humor! Nur ein Zufall, denke ich. Gott ist tot, das weiß ich. Jeder wirft eine Handvoll kalte Erde in das Loch, sie prasselt auf den schwarzen Deckel der Urne. Am Rand stehen die beiden Friedhofsmitarbeiter und rauchen. Als wir gehen, schütten sie das Loch zu und begraben die Urne, in der die Reste von meinem Großvater liegen. Ich weiß, dass ich nie wieder zurückkehren werde.
Dies ist eine Gruselgeschichte für Buchliebhaber und Pedanten, die stets hoffen, ein makelloses Buch im Handel zu erwerben. Leider passiert das nicht immer.
In der großen Buchhandlung in der Innenstadt kaufte ich: ein Buch. Zu Hause entfernte ich die Plastikfolie, was mir immer großen Spaß bereitet, aber nur, wenn die Folie dünn ist und sie sich leicht entfernen lässt. Ich schlug das brandneue Buch auf – und entdeckte prompt einen bräunlichen Fleck auf Seite 11. Meine Finger sind offenbar elf Seiten lang, überlegte ich wirr, und betrachtete den wunderlichen Fleck. Er war hart und krustig. Was war das? Vogelkot? Blut? Ein plattgewalztes Tier? Ausgelaufene Farbe? War das etwa der Heilige Yimpa? Ne.
Zunächst wollte ich mir einreden, dass mich der Fleck nicht stört, dann aber überwog mein innerer Pedant, der schrie: «Ein Fleck in einem 30 Euro teuren Fachbuch ist inakzeptabel. Das bringen Sie aber ganz schnell wieder zurück!» Ich willigte ein, na gut, dann tausche ich das Buch eben um. Der Fleck hätte mir sicherlich schlaflose Nächte bereitet.
(mehr …)Die Anreise verlief erstaunlich problemlos, wir hatten Glück, es gab keinen Stau auf den Autobahnen. Trotz des Feiertags – aber die Streber sind bestimmt alle schon am Mittwoch gefahren, oder nachts.
Im Hotel bekommen wir für Zimmer #127 einen Schlüssel mit dickem Schlüsselanhänger wie ganz früher. Er zerbeult die Hosentasche und drückt gegen mein Bein. Ich hätte den Anhänger einfach abhängen können, aber auf die Idee kam ich viel zu spät, und dann hätte ich sicherlich den Schlüssel prompt verloren. Nach dem Check-in zu den Großeltern meiner Frau, die seit 60 Jahren in derselben Wohnung leben. Dort Kaffee und Kuchen als Mittagessen.
Dieser Text entstand 2018, da waren wir – meine Frau und ich – noch gar nicht verheiratet. Bei der Überarbeitung habe ich nun aber «meine Frau» eingefügt, und ich lasse das jetzt so.
Am Abend nach Leipzig-Reudnitz: Abendessen im GreenSoul. Wir sitzen oben, ich bestelle den mediterranen Burger. Laut Speisekarte hat schon Martin Gore von Depeche Mode den veganen GreenSoul-Burger «vernascht». Er ist sehr gut, sehr lecker, vor allem das selbst gebackene Brioche-Brot mag ich. Der Patty besteht aus Kartoffeln und Aubergine und Paprika. Ich trinke ein Premium-Bier mit minimalem Etikett. Abschließend noch einen Minze-Tee an der Hotel-Bar getrunken.
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