Rita kauft Spargel

13. Mai 2019

Heute reicht die Schlange bis zu den Tiefkühltruhen. Endlich öffnet eine zweite Kasse. Die ältere Dame vor mir schiebt ihren Einkaufswagen rasch rüber. Sie schaut jedoch nicht, was vor und hinter ihr passiert, sieht deshalb nicht, wie sich die Frau vor ihr ebenfalls in Richtung zweite Kasse bewegt. Diese Frau – sie heißt Sabine von Klingenberg-Gummelsbach, genannt SKG – genösse sicherlich ein Vorrecht, vielleicht aber auch nicht. In deutschen Supermärkten gilt das Recht des Schnelleren. Ähnlich verhält es sich bei Linienbussen.

Die ältere Frau – sie heißt Rita Müller – legt ihre Waren auf das Warentransportband, während es sich der Kassierer in seinem Warenzellenkassenstand gemütlich macht und die Kasse hochfährt, einen komplexen Sicherheitscode eingibt und die Maschine zum Laufen bringt. SKG empfindet es derweil als einigermaßen ungerecht, dass Rita Müller, die eben noch hinter ihr stand, plötzlich vor ihr steht.

«Ich habe doch nur Quark», erklärt SKG etwas zu laut und etwas zu genervt. Geschwind baut sie sich vor dem Kassierer auf, der gesetzlich zu einer neutralen Haltung verpflichtet ist.

Das ist völlig egal, denn Rita merkt überhaupt nicht, wie sich Sabine von Klingenberg-Gummelsbach quasi vordrängelt, wenn es denn überhaupt ein Vordrängeln ist – genau genommen ist es das ja nicht, aber es ist kein Gutachter hier, der das zügig klären könnte. Rita legt konzentriert und mit aller Kraft sehr viel Spargel auf das Warentransportband: deutscher Spargel fürs Mittagessen, fürs Abendessen, fürs Frühstück. Helmut mag Spargel so gern. Es handelt sich um seine Leibspeise. Er und seine Frau Rita essen seit zwei Wochen jeden Tag nur Spargel, denn Helmut will es so, und seine Frau will ihren Männe glücklich und satt machen, weil das seit einhundert Jahren ihre Hauptaufgabe ist. Eigentlich hängt ihr der Spargel längst zum Hals raus – das wird sie später dem Kassierer unaufgefordert erläutern. Immerhin sei der gesund, wird sie sagen. Der Kassierer wird das mit einem «Aha» zur Kenntnis nehmen.

Sabine, die keinen Spargel mag, legt die beiden Quarkpackungen von Ja! vor den Spargel. Der Kassierer waltet seines Amtes und kassiert, zieht die Packungen über den Laserscanner. Piep, «Payback?», nein!

«Mein Mann hatte vor zwei Jahren einen mittelschweren Verkehrsunfall», berichtet Rita nun. Er habe Gas- und Bremspedal verwechselt, es war sogar ein Artikel in der Lokalzeitung erschienen, behauptet Rita und entfaltet prompt ein Papier, das sie nebenbei aus ihrem Portemonnaie zupfte. Es handelt sich tatsächlich um eine Farbkopie des besagten Zeitungsartikels. «Sehen Sie: sogar mit Foto!» Seit seinem Unfall könne Helmut keine Einkäufe mehr erledigen, erläutert Rita.

Der Kassierer bleibt bei seinem vagen «Aha» und kassiert wie in Trance. Rita hat keine Payback-Karte und auch keine andere Plastikkarte in ihrem Portemonnaie. Mit lauter Stimme beginnt sie, den Zeitungsartikel vorzulesen.

Das letzte Geleit

3. Januar 2019 · Nürnberg

Es riecht etwas nach Rauch. Der Raum ist kalt, draußen liegt noch Schnee. Schweigend stehen die Männer und Frauen nebeneinander. In schwarze Wintermäntel gehüllte Körper. Manche von ihnen atmen schwer. Ich sehe in fremde Gesichter und schaue auf das Linoleum; es ist grau meliert und mehr nicht. In der Ecke stehen zwei Pflanzen mit länglichen Blättern. Außerdem steht da eine Urne. In dieser Urne ruhen die gemahlenen Aschereste von meinem Großvater, und die Urne steht auf einem Tisch, und dieser Tisch steht in diesem Raum, und wir stehen in diesem Raum unter rechteckigen Neonleuchten.

Die Decke ist gräulich, die Wände sind es auch. Dort stehen Stühle, aber niemand will sitzen. Niemand will reden. Nur der freie Redner redet, hält seine Rede, denn das ist sein Job. «Setzen Sie sich doch», bittet er – und wir setzen uns doch. Der bestellte Redner kannte meinen Opa nicht, redet aber so, als hätte er ihn gut gekannt. An der Wand hängt ein schwarzes Kruzifix an einem Nagel. Am Kreuz hängt der abgemagerte und gemarterte Jesus. Nägel in seinen Handflächen, er leidet ewig. Hat mein Opa überhaupt an Gott geglaubt? Ich weiß es nicht, bezweifle es.

Der Redner lässt sein Leben an uns vorbeiziehen, zählt gewissenhaft die wichtigsten Stationen auf. Beim Lebensjahr vertut er sich jedoch und muss korrigiert werden. In der Hand hält er eine Ledermappe und liest eine Biografie vom Blatt ab, vieles lässt er aber weg. Die düsteren Kapitel bleiben geschlossen – wir erinnern uns an die schönen Zeiten. Zum Abschluss laufen zwei Lieder von Udo Jürgens. Die Friedhofsmitarbeiterin unterdrückt ein Gähnen.

Jemand hat seine Urne vom Tisch genommen, sie steht nicht mehr da. Ich wollte ein Foto von ihr machen; ich weiß nicht, warum. Jetzt ist es zu spät. Egal. Wir verlassen den Raum, machen uns auf den Weg. Hinter dem Gebäude liegen alte Holzkreuze auf einem Haufen. Liegen da kreuz und quer, ineinander verkeilt. Aufgelöste Gräber, aufgelöste Erinnerungen.

Wir stehen vor seinem Grab, auf dem bunte Kränze liegen. In Liebe. Wir denken an dich. Für immer unvergessen. Lügen, denn natürlich wird mein Opa irgendwann in Vergessenheit geraten – wir alle werden nicht in ewiger Erinnerung bleiben.

Den ganzen Morgen lang war der Himmel grau gewesen. Doch jetzt reißt die Wolkendecke plötzlich auf und die Sonnenstrahlen lassen den Grabstein aufleuchten. Ein Zeichen, alle sind sich sicher – Gott habe Humor! Nur ein Zufall, denke ich. Gott ist tot, das weiß ich. Jeder wirft eine Handvoll kalte Erde in das Loch, sie prasselt auf den schwarzen Deckel der Urne. Am Rand stehen die beiden Friedhofsmitarbeiter und rauchen. Als wir gehen, schütten sie das Loch zu und begraben die Urne, in der die Reste von meinem Großvater liegen. Ich weiß, dass ich nie wieder zurückkehren werde.

Der Makel

8. November 2018

Dies ist eine Gruselgeschichte für Buchliebhaber und Pedanten, die stets hoffen, ein makelloses Buch im Handel zu erwerben. Leider passiert das nicht immer.

In der großen Buchhandlung in der Innenstadt kaufte ich: ein Buch. Zu Hause entfernte ich die Plastikfolie, was mir immer großen Spaß bereitet, aber nur, wenn die Folie dünn ist und sie sich leicht entfernen lässt. Ich schlug das brandneue Buch auf – und entdeckte prompt einen bräunlichen Fleck auf Seite 11. Meine Finger sind offenbar elf Seiten lang, überlegte ich wirr, und betrachtete den wunderlichen Fleck. Er war hart und krustig. Was war das? Vogelkot? Blut? Ein plattgewalztes Tier? Ausgelaufene Farbe? War das etwa der Heilige Yimpa? Ne.

Zunächst wollte ich mir einreden, dass mich der Fleck nicht stört, dann aber überwog mein innerer Pedant, der schrie: «Ein Fleck in einem 30 Euro teuren Fachbuch ist inakzeptabel. Das bringen Sie aber ganz schnell wieder zurück!» Ich willigte ein, na gut, dann tausche ich das Buch eben um. Der Fleck hätte mir sicherlich schlaflose Nächte bereitet.

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Ein Wochenende in Leipzig

17. Mai 2018 · Leipzig

Die Anreise verlief erstaunlich problemlos, wir hatten Glück, es gab keinen Stau auf den Autobahnen. Trotz des Feiertags – aber die Streber sind bestimmt alle schon am Mittwoch gefahren, oder nachts.

Im Hotel bekommen wir für Zimmer #127 einen Schlüssel mit dickem Schlüsselanhänger wie ganz früher. Er zerbeult die Hosentasche und drückt gegen mein Bein. Ich hätte den Anhänger einfach abhängen können, aber auf die Idee kam ich viel zu spät, und dann hätte ich sicherlich den Schlüssel prompt verloren. Nach dem Check-in zu den Großeltern meiner Frau, die seit 60 Jahren in derselben Wohnung leben. Dort Kaffee und Kuchen als Mittagessen.

Dieser Text entstand 2018, da waren wir – meine Frau und ich – noch gar nicht verheiratet. Bei der Überarbeitung habe ich nun aber «meine Frau» eingefügt, und ich lasse das jetzt so.

    Am Abend nach Leipzig-Reudnitz: Abendessen im GreenSoul. Wir sitzen oben, ich bestelle den mediterranen Burger. Laut Speisekarte hat schon Martin Gore von Depeche Mode den veganen GreenSoul-Burger «vernascht». Er ist sehr gut, sehr lecker, vor allem das selbst gebackene Brioche-Brot mag ich. Der Patty besteht aus Kartoffeln und Aubergine und Paprika. Ich trinke ein Premium-Bier mit minimalem Etikett. Abschließend noch einen Minze-Tee an der Hotel-Bar getrunken.

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    Am Timmendorfer Strand

    22. September 2016 · Timmendorfer Strand

    Die nachfolgenden Aufzeichnungen habe ich 2016 notiert und erst ein paar Jahre später abgetippt. Einiges verstehe ich selbst nicht mehr: Wer ist der eingeklammerte Johann?

    Timmendorfer Strand, heute ist Donnerstag, der 22. September 2016, es ist 17:37 Uhr. Ankunft nach einer Anreise über Bundesstraßen und Autobahnen. Über uns erstreckt sich der graue Himmel; nun unternehmen wir unseren ersten Spaziergang. Am Meer fehlt der salzige Geruch, in der Luft ist nur der Geruch vom Abendessen. ¶ 19:49 Uhr: Abendessen gleich um die Ecke, gut-bürgerlich und recht günstig im Haithabu. Ich bestelle, nun ja, ein «Zigeuner-Schnitzel» (sic!). ¶ An der Promenade paradieren abends nur Schönlinge in roten Hosen und Westen.

    Freitag

    Poststraße 21, 10:45 Uhr. Lange geschlafen. Lkw vor dem Fenster und Laubbläser, die Laub umher blasen. Die katholische Kirche auch gleich gegenüber: Omas und Opas sind dort schon unterwegs, eilen zum Gebet. ¶ Hier lässt es sich schön wohnen, das Meer ist nicht weit entfernt. Die Frau von gestern (aus dem Restaurant) fährt mit dem Fahrrad die Straße entlang. Sie lebt hier. ¶ «Es ist grün», singt das kleine Mädchen, so stolz – sie hat an der Ampel gedrückt, ganz allein. Leere Poststraße, sie hätte auch einfach gehen können.

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    Männer in Steppjacken und -westen bevölkern die Fußgängerzone. «Noch schnell einen Vorleger erworben», plappert jemand. Thilo braucht eine neue Hose. Wir passieren große Häuser, richtige Villen. Ruhe hinter dem Vorhang! Gebeugter Mann, weißes Haar weht im Wind. Den Sweater lässig über den Schultern geworfen, das Leben ist so leicht. Leute mit absurd kleinen Hunden. Frauen mit bunten Turnschuhen.

    16:05 Uhr: Wir sind inzwischen in Niendorf, trinken Kaffee und essen Kuchen in der Stadtvilla. Es gibt hier Kuchen im «doppelten Bäckermaß». Mit Mohn. ¶ Ein weißer Porsche mit HH im Kennzeichen. Ich denke unweigerlich: Heil Hitler. Oje. ¶ Steppjacken im Partnerlook: sie in rot, er in blau. Erwürgt von einem feinen Halstuch. Röchel, röchel. ¶ Ein alter Mann, der Geld von uns möchte. Er hat braune Hände. Er möchte Vanillepudding kaufen. «Ein Euro reicht aber nicht», sagt er. Er möchte eine Million. ¶ Weiße Segel der Segelboote am Horizont, so viele.

    Samstag

    Am Strand, 14:33 Uhr. «Die sind so geizig!» – «Ich finde das ganz schlimm!» Alte Menschen, die zehn Euro für den «Strandkörper» (Johann) sparen. Die kommen kaum runter und lümmeln da auf dem Boden herum. ¶ Rauch, Pommes, nackte Kinder und panierte Körper. Apfel essen, Selfies machen. Männer ohne Interessen, aber mit Tattoos und Zigarette. Die stehen im Sand, mit der Porzellantasse in der Hand. ¶ Ein- oder zweimal im Monat essen gehen. Warum der Thermomix so toll ist – besonders Spargel. ¶ «Eigentlich müsste Bayern ja gewinnen», sagte einer mit sanfter und runder Stimme. Das ist so schön schlicht, sich das Spiel anzusehen – und mehr nicht. ¶ Ich will der Typ mit dunkelblauer Steppweste sein. Der Typ, der Geld hat und eine richtige Frisur, der gern mal was trinkt, Musik hört, ein schnelles Auto fährt – der gern mit diesem Auto über die Autobahn heizt und andere überholt. ¶ Bei dem sitzt der Kopf irgendwie falsch, zu weit vorn auf dem Körper. ¶ Den BMW-SUV einfach abstellen, egal, was da ist oder was da nicht ist – ein Parkplatz zum Beispiel (der ist da nicht). ¶ Die Nonne auf dem Rad, an einem sonnigen Sonntag. Sie fährt heim.

    Starke Schlepper

    6. Juni 2016

    Ein Umzug, ich soll helfen. Wäre ja lieber im Bett geblieben, aber das tyrannische Gesellschaftsetwas erzwingt meine Anwesenheit. Anfangs stehe ich im Weg und betrachte das Chaos: Mein Blick fällt auf den zerlegten Kleiderschrank. Selbst in Einzelteile zerlegt bleibt der Schrank ein unhandliches Ärgernis. Die hohen Seitenwände, mit denen man versehentlich die Tapete aufschlitzt; die vielen Schrauben und Scharniere, die verloren gehen; die spitzen Schienen, die in die Haut ritzen. Und der viele Staub, der in der Nase kitzelt und auf der Haut juckt.

    Eine Wohnung ist eine Ansammlung von Staubmäusen, die über den zerkratzten Holzboden rollen wie Sträucher in einem Western. Eine Wohnung ist ein Raum voller Kram, Gedöns und Zeugs. Unterm Sofa tauchen plötzlich Dinge auf, die in ferne Vergessenheit geraten waren. Die Besitzer dieser verlorenen Gegenstände erschrecken beim Anblick und schämen sich, wenn sie das hässliche Ding in die Hand nehmen. Beobachter sehen die Entfremdung und den Ekel, der die Besitzer des verloren geglaubten Gegenstands befällt.

    Ein Umzug offenbart gnadenlos die Menge an überflüssigem Zeug, das sich in Jahren angesammelt hat und nur Platz verbrauchte und keine Freude (mehr) spendete. Zum Aussortieren ist es jetzt jedoch zu spät. Also kommt das alles erst mal mit ins neue Zuhause. Und so füllen sich die Umzugskartons, so füllt sich der gemietete Transporter.

    Ich trage fremde Kartons und spiele mit ihnen Tetris. Mit dabei sind auch echte Männer, die richtig anpacken. Mir rutscht das Sofateil fast aus der Hand, es ist zu schwer, ich trage lieber eine hohe Schrankwand (und schlitze Tapeten auf). Die anderen Helfer balancieren Waschmaschinen auf der Schulter. Lenin ist besonders kräftig: Mit stoischem Gesicht schleppt er riesige Schränke erst drei Stockwerke runter und später wieder ein Stockwerk hoch. Er trägt auch das Sofateil, das mir zu schwer war. Allein. Lenin verzieht dabei keine Miene, schwitzt aber gewaltig. Deo kennt Lenin nicht.

    Lenin trägt die ganze verfickte Kommode

    Als ich ein paar Schubladen nach unten trage, sagt der Vater der Wohnungsbesitzerin: «Nur nicht zu viel nehmen.» Ich weiß nicht, ob er das ironisch meint. Lenin hätte gleich die ganze verfickte Kommode mitgenommen. Und noch das Bett samt Matratze.

    Die Kartons und zerlegten Möbel liegen und stehen in der neuen Wohnung. Zur Stärkung gibt es Würstchen, Frikadellen und Bier. Männer lieben Bier und trinken schnell und mindestens zwei Flaschen, gern drei und mehr. Einer gibt zu, dass er gern auch Korn trinkt, Korn und Bier. Wer viel verträgt, kann sich der Anerkennung sicher sein. Der Vater der Wohnungsbesitzerin findet, dass die jungen Leute heute weniger Bier trinken als die jungen Leute früher. Dann erzählt er von seinem Moped. Wie er damals die Mädchen damit beeindruckt und abgeschleppt hat. Mit dem Moped nach Hause, ins Bett mit Ingrid. Später das erste eigene Auto. Tolles Statussymbol. Ich habe kein Auto und mir reicht heute ein Alster.

    Soltau schläft

    10. Mai 2016 · Soltau

    Die Innenstadt von Soltau schläft, die Geschäfte sind geschlossen – dabei ist Samstag und die Sonne scheint. Über unseren Köpfen erstreckt sich der blaue Himmel. Vorhin war Markt, jetzt fährt eine Kehrmaschine herum und reinigt die Fußgängerzone und leckt die Zigarettenstummel vom Asphalt. Vor dem Brillenladen steht ein altes Fahrrad mit Korb auf dem Gepäckträger. Im Korb liegt eine nackte Puppe, der ein Auge fehlt. Harte Zeiten.

    Eine Imbissbude hat noch auf, dort sitzen alte Menschen, die rauchen und Fanta aus der Flasche trinken. Ohne Strohhalm. Im Springbrunnen springt ein Mädchen herum. Sie trägt ein rotes Kleid, der Stoff ist klitschnass. Schuhe hat sie keine an, auch keine Socken. Sie hat eine Plastikwanne in der Hand und füllt sie mit Wasser. Dann schleudert das Mädchen das kalte Nass in eine Gruppe Jugendliche, die aufschreien, kreischen, lachen. «Spinnst du?!»

    Leopold, ein Golden Retriever, hat sein eigenes Eis

    Das kleine Mädchen lacht diabolisch. Auch eine ältere Frau hat ein paar Wassertropfen abbekommen – und sie rastet völlig aus, steht kurz auf, setzt sich wieder hin. Mehr vermag sie nicht zu unternehmen. Auf der Bank neben dem Brunnen sitzt ein dünner Mann. Er isst ein Eis: zwei Kugeln Vanille in der Waffel. Er leckt und schleckt. Sein Hund, ein Golden Retriever namens Leopold, hat ein eigenes Eis in der Schnauze. Auch in der Waffel, auch zwei Kugeln Vanille. Die verspeist Leopold schmatzend und zerbeißt die Waffel. Leopold ist glücklich.

    «Wo sind denn deine Eltern?», fragt das pummelige Mädchen, das am meisten Wasser abbekommen hat. Das kleine Mädchen im Brunnen grinst ihr teuflisches Grinsen. Ihre Eltern seien tot, sagt sie. Dann füllt sie die Wanne wieder auf.

    Mangozella und Pommes

    5. August 2015

    Döner, Garnelen und Mangozella: An den Ufern des Maschsees bieten zahllose Buden eine kulinarische Vielfalt, die Münder befeuchtet und Mägen aufheulen lässt. Eindrücke vom Maschseefest.

    Es ist Samstag und die Sonne schleudert ihr warmes Licht durch das raschelnde Blattwerk der Bäume. Am Himmel verdirbt keine einzige Wolke den Anblick. So offenbaren sich dem aufmerksamen Betrachter viele Postkartenmotive – denn auf dem Maschsee schwimmen auch noch Schwäne. Wir starten am «Pier 51» und machen uns auf den Weg zum Nordufer, wo sich das Epizentrum des Maschseefests befindet. Es duftet nach Pommes, Currywurst und dann auch nach Fisch, weil wir «Gosch» erreicht haben. Hier machen wir unseren ersten Halt.

    An einem der Hochtische sitzen Eheleute, die schon seit Ewigkeiten ein Paar sind. Sie sitzen schweigend gegenüber, aber ihre Blicke gehen ins Leere. Manchmal nippt der Ehemann an seinem Bier, das in der Sonne goldig funkelt. Dann nimmt er seine Arbeit wieder auf und schaut weiter in die Luft. Die Ehefrau mustert kurz ihren Ehemann und vergewissert sich, dass er noch existiert.

    Für ein Pappschälchen Scampi verlangt «Gosch» acht Euro. Das ist ganz schön viel, erfahre ich, fast 16 Mark. Dann gehen wir weiter und ich hoffe auf einen Stand, der Gyros verkauft. Hätte ich jetzt total Lust drauf!

    Ein verliebtes Paar kommt uns entgegen, sie schlendern Arm in Arm. Der Mann in der Beziehung trägt ein Lebkuchen-Herz um den Hals. In weißem Zucker geschwungene Buchstaben formen das Wort Macho. Um den Hals seiner Liebsten baumelt Pussy. Sie sind ein echtes Traumpaar. Ich würde gern gemeinsam mit ihnen nach Mallorca reisen und dort am Hotelpool liegen.

    An der Bowle-Bude hat sich das allgemeine Bedürfnis nach Alkohol eingestellt. Nur ich warte lieber ab – eine Bowle ist mir zu süß und zu bunt. Auf den Glasbehältern steht: «mit Farbstoff». Einer der Behälter ist schon ziemlich leer, also kippt jemand Billig-Sprite hinein, gefolgt von Billig-Rum aus dem Discounter. Umrühren, fertig. Ein Plastikbecher Bowle kostet 5,50 Euro. Das ist auch ganz schön viel.

    Mangozella vs. Pommes-Becher

    Schließlich kommen wir am Nordufer an. Ein Stand verspricht eine Speise namens Mangozella und ich würde wirklich gern wissen, was das ist, entscheide mich aber doch für eine Vollkorn-Piadina mit Schafskäse, Oliven und Gurken und Tomaten an der Bude von «Aresto». Einen Gyros-Stand habe ich leider nicht gefunden; nur Döner, Döner, Döner.

    Das Schlemmen auf dem Maschseefest wird ein wenig getrübt von den begrenzt vorhandenen Sitzmöglichkeiten. Im Gehen zu essen, ist nicht gemütlich und geradezu unmöglich, wenn man mit einer Hand eine tropfende Piadina mampfen will. Wir haben etwas Glück und finden Asyl an einem großen Tisch, an dem vier Raucher sitzen, die leicht lallend von Dingen reden, die Außenstehende kaum nachvollziehen können. Außerdem qualmen sie ihre Billigzigaretten und der einen Frau tränen die Augen, weil der andere Mann ihr seinen Rauch voll gegen die Augäpfel geblasen hat. Der vierte Mann gähnt auffällig laut, er hat schon viele Haare verloren. Wir wenden uns ab, damit uns der Rauch nicht den Appetit verdirbt. Die Piadine sind sehr lecker – und leider viel zu schnell alle. Nächstes Mal nehme ich den Burger, beschließe ich; den gibts für sieben Euro.

    Für den Nachtisch gehe ich zu einer anderen Bude und brülle der Frau am Grill entgegen, dass ich einen Becher Pommes haben will. Ne, keine Wurst, Pommes! Den Becher gibts für 3,50 Euro. Die dünnen Pommes sind kross und ziemlich lecker, außerdem lassen sich die Kartoffelstangen problemlos im Gehen essen.

    Wie geil ist das denn?

    Ein Mann mit akkurat gestutztem Schnauzer fährt seine Frau mit akkurat gefärbten Haaren umher, schlängelt ihren Rollstuhl zwischen Jungs, Tussis, Frauen, Opas und Kindern hindurch. Auf ihrem Schoß sitzt ein weißer Westie im Ausstellungsdress. Laut Wikipedia handelt es sich um einen Modehund, den auch die Frau eher als Accessoire bei sich hat. Sie ist auch ansonsten sehr modisch gekleidet und aufgebrezelt. Ihre kurzen Haare sind dunkelrot mit einem Lilastich gefärbt, ihre Lippen sind voll und rot und nach unten gebogen. Sie trägt ein blaues Kostüm, sehr sommerlich und luftig. Ihr Mann sieht aus wie immer. Jetzt geht er los, Pommes holen – und für ihn noch eine Currywurst. Der Hund geht leer aus, er isst auf Diät.

    Neben uns interviewt ein Engländer mit einem aufblasbaren Mikrofon erst sich selbst und dann seine Begleiter. Auf dem Wasser kommt ein Mann in einem Kajak angepaddelt. Der Engländer beugt sich über das Geländer, übers Maschseewasser, und streckt dem Mann im Boot das Mikrofon entgegen. Die Frage lautete, ob er das öfter macht. «First time in my life», sagt er grinsend und paddelt davon. So ein Glück.

    Die ganz Verrückten feiern auf dem Maschseefest ihren Junggesellenabschied. Heute sind vor allem junge Frauen unterwegs, die bald Ehefrauen und Mütter sein werden. Eine von ihnen verkauft Schnaps aus einem plüschigen Bauchladen. Sie trägt ein pinkfarbenes Glitzer-Krönchen auf dem Kopf. Zwei Männer zücken ihr Portemonnaie, zupfen Scheine heraus und erkaufen sich das Recht, mit der schönen Verlobten zu tanzen. Der zweite darf sie sogar auf die Wange küssen. Die beiden Männer tragen Fußballtrikots, ihre roten Gesichter glänzen, sie kommen direkt aus dem Stadion. Während nun der eine seine Lippen spitzt und sie auf die weiche Wange der Prinzessin drückt, drückt der andere auf das Smartphone-Display und hält diesen besonderen Moment für die Ewigkeit und für Facebook fest.

    Als die Frauen kichernd weiterziehen, schauen die beiden Fußballfreunde auf das Display und begutachten den Schnappschuss: «Wie geil ist das?», ruft einer und der andere schaut ihn strahlend an. So ein Glück.

    Zweite Kasse, bitte!

    4. März 2015

    31. Januar 2015. Ich glaube, der Supermarkt um die Ecke ist eine perfide Kunstinstallation. Irgendein Künstler, der mal nebenbei Soziologie studiert hat, errichtete diesen Laden, in dem alles viermal länger als nötig dauert. Versteckte Kameras filmen, wie die Kunden allmählich verzweifeln und mit sich ringen und hadern: Warum bin ich hier, warum gehe ich nicht einfach, lasse alles stehen und liegen und bin frei?

    Die Kassiererinnen sind engagierte Aktionskünstlerinnen oder günstige Schauspielerinnen, die möglichst lange zum Kassieren brauchen sollen. Das ist ihre Aufgabe. Zwischendurch führen sie nette Privatgespräche, während immer mehr Menschen sich an der Kasse anstellen und erst allmählich verstehen, dass sie hier sterben werden – in der längsten Schlange an Kasse 2. Genau so fühlt sich die Unendlichkeit an.

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    S7 Wannsee

    8. Mai 2014 · Berlin

    In der S7 sitzen zwei Frauen, die eine ist [unleserlich], die andere hat bunte Haare. Ihnen gegenüber sitzt ein junger Mann mit Kinnbart und schwarzen Klamotten. Sie überlegen gemeinsam, wohin sie heute Abend noch gehen könnten. Die Frauen feiern gern, während der Mann lieber allein Bier trinkt.

    «In Berlin beginnt das Wochenende bereits am Donnerstag», erklärt Kinnbart. Heute ist Mittwoch, deswegen sei vielleicht nicht so viel los. «Es könnte auch Probleme bei den Türstehern geben, wegen meiner Weste.» Tatsächlich sieht er mit der Weste aus wie ein Söldner, der gerade aus dem Dschungel kommt. Die schwarze Kapuze macht’s nicht besser. Krieger sind auf den Tanzflächen Berlins nicht gern gesehen.

    Eine Weile schweigen sie. «Gut, ich könnte mich natürlich auch umziehen», sagt der Söldner schließlich, «daran soll’s nicht scheitern.» Die Frauen wissen auch nicht so richtig, was sie wollen. Tanzen? Sitzen? Trinken? Der Mann will sicherlich nur ins Bett, zusammen mit den beiden, wenigstens aber mit der einen. Das wird aber nichts, ahnen die anwesenden S-Bahn-Passagiere. Sie einigen sich, dass sie einfach in eine Bar gehen werden. Er sei aber pleite, gesteht der junge Mann. «Kriegen wir hin», verspricht die Frau mit den bunten Haaren. Könnte ein guter Abend werden.