Ein Wochenende in Leipzig

Ein Städtetrip nach Leipzig: Sonne, Hitze – und ein richtiger Nazi im Drogeriemarkt.

«Der Zug endet hier, bitte steigen Sie aus.» Also raus aus dem IC und rein in die große Bahnhofshalle mit ihrer hohen Decke – hinein in den Trubel. Wir schwimmen im Strom, der uns schließlich ins Sonnenlicht führt. Draußen herrscht Hitze, es ist ja auch Hochsommer, zumindest für ein paar Tage. Zuerst geht es zum Hotel, mit dem Trolley im Schlepptau, der über die Fugen im Boden klackert, klackert.

Ich fühle mich wie ein nerviger Tourist, der durch Barcelona bollert. Dessen Köfferchen wie ein widerspenstiger Hund zerrt und zaudert. Das Gefühl verfliegt aber schnell, weil es auch egal ist. Unser Ziel also: das Motel One an der Nikolaikirche. Einchecken, auspacken und wieder los. Es ist abends, wir haben Hunger. Zu Fuß gehen wir in Richtung Süden, um in der Südvorstadt zu essen. Das tun wir dann im Pholosophy (Website), sitzen draußen, während allmählich die Sonne untergeht. Schön hier!

Viel los, die Nacht ist warm. Gelächter und Spaß

Wir flanieren die Karl-Liebknecht-Straße entlang. Viel los, die Nacht ist warm. Gelächter und Spaß. Hunde, die bellen oder trotten. In einem Biergarten machen wir Halt und trinken. Über uns mampft die Löffelfamilie, löffelt so vor sich hin. Ein schlanker Hund, der mal Straßenhund war, liegt entspannt herum, schaut manchmal, was geht, ehe er seinen Kopf wieder auf den kühlenden Boden ablegt. Herrchen und Frauchen trinken derweil, der Hund kommt ohne ihre Aufmerksamkeit klar.

Ein Mann – er wird Rainer heißen – steht schwankend auf und rennt volle Kanne gegen den Hund, der da auf dem Boden döste. Das Tier springt auf, weiß nicht, was passiert ist. Der Mann stolpert weiter, dreht sich noch mal um, einigermaßen erbost, dass da ein Hund im Weg lag. Keine Entschuldigung, nichts. Die Hundebesitzer müssen das liebste Tier der Welt trösten, es ausgiebig kraulen und streicheln. Es dauert dann auch einige Augenblicke, bis er sich wieder neben den Tisch legt und weiter döst. Derweil verkriecht sich die Ehefrau (sie wird Sandra heißen) tief in ihr Smartphone. Ist ihr alles schon ziemlich peinlich. Später wird sie ihren Mann fragen, was da eigentlich los war. Der Hund, na ja, der lag da im Weg.

Samstag

Spätes Frühstück, letzter Slot: 10 Uhr bis 10:45 Uhr. (Der Mann an der Rezeption hätte alternativ nur noch den 7-Uhr-Slot im Angebot gehabt. Am Wochenende vor 7 aus den Federn?1 Nein, niemals.) Im Frühstücksraum herrscht emsiges Treiben. Eine Frau, die eine Lage Taschentuch als Maske vor dem Gesicht trägt, sagt zu ihren alten Eltern: «Esst viel, das Frühstück ist teuer.» Also essen sie viel und holen immer wieder Nachschub. Mehr Brötchen, noch mehr Eier, Salami – immer mehr. Ich versuche derweil, Honig aus dem Honig-Spender zu bekommen, aber der hat Verstopfung. Es ist einigermaßen hektisch, es herrscht schon ein gewisser Konkurrenzdruck: Wer kriegt das letzte Teilchen, das letzte Ei? Die emsigen Mitarbeiterinnen bringen halt immer wieder Nachschub, aber das verstehen viele nicht. Sie denken: Wenn leer, dann leer. Hieße, hungrig die Kirchen zu begaffen! Das Frühstück ist gut, der Kaffee auch. Wir sind schließlich die letzten Gäste. Das Büfett ist nicht leer, keineswegs, eine Großfamilie wäre noch sehr satt geworden.

  1. Voller Bewunderung beneide ich oftmals Menschen, die auch am Wochenende um 7 Uhr aus den Federn springen, quicklebendig und voller Lust, den frühen Tag zu beginnen, leckere Würmer aus der Erde zu picken. Wie leicht muss ihnen dann auch die Schule gefallen sein! Montags, 8 Uhr, Doppelstunde Mathe – kein Ding, das Hirn arbeitet ja schon auf Hochtouren und ballert Ableitungen im Rausch.

Los geht’s dann, die Stadt erkunden. Ein Ziel wäre eigentlich das MZIN (Website) gewesen. Ein Laden für besondere Zeitschriften, also Indie-Mags (siehe Berlin). Leider habe ich dieses Mal Pech, denn das Geschäft öffnet erst um 14 Uhr. Zu knapp alles, also muss ich dieses Mal auf einen Besuch verzichten. Schade. Auch das Eisenhauer (Website) liegt an diesem Wochenende einfach nicht auf unserer Route – dort gibt es schöne Dinge fürs Büro, für den Schreibtisch. Stifte und Notizzettel und so viel mehr. Sehr schick eingerichtet, modern und stylish. Wir sind stattdessen dann im Westwerk und essen zu Mittag. Marokkanisch, Köfte und Brot. Pikant gewürzt, sehr köstlich. Bei Röstgut (Website) auf kaufen wir Kaffeebohnen aus Äthiopien. Ein herrlicher Duft ist das.

Mittagessen von oben: Couscous und Köfte und Brot. Köstlich war das!

Dann haben wir eine Verabredung und fahren mit der Tram nach Böhlitz-Ehrenberg. Der Stadtteil liegt am Stadtrand. Stunden später wieder zurück: Das Partyvolk steigt zu, entert die Tram. Lustige Leute, oder welche, die finden, dass sie lustig sind. Ein paar Hugos mit Glatzen; da pochen die Blutadern arg. Masken trägt kaum jemand, und wenn, dann so komisch am Kinn. Leipzig liegt halt in Sachsen.

Sonntag: Abfahrt

Der Sonntag ist sonnig. Und warm, fast heiß. Wir drehen noch mal eine große Runde durch die Stadt, ehe es am späten Nachmittag zurück zum Hbf. geht. Vor der Rückfahrt bei dm noch schnell neue Masken kaufen. Vor uns an der Kasse steht ein Kerl, etwas dürr und ohne Haare. Auf seiner Wade: ein Tattoo, ein dickes Hakenkreuz. Eigentlich kaum zu fassen. Mit einer Art Schweißband hat er das Tattoo leidlich abgedeckt, damit ihm niemand das Tragen von verfassungsfeindlichen Symbolen vorwerfen kann. Jetzt steht er bei dm an der Kasse und friemelt womöglich auch noch seine Payback-Karte hervor. Wie ein ganz normaler Mann, ganz banal. Und ich spüre ein Feuer im Bauch, möchte mich anlegen und den Kerl wüst beschimpfen (ihn boxen). Lasse es aber, weil das jetzt nicht sein muss. Ist das normal hier?, frage ich mich noch, als wir in den ICE steigen und zurück in den Westen fahren.

Buchtipp: Hallo Leipzig – 27 Tipps für Cafés, Kultur und mehr. Hat 176 Seiten und kostet 28 Euro. Schön gestaltetes Buch, das Cafés, Läden und mehr empfiehlt. Erschienen bei Ankerwechsel.