Meine Oma ist tot, sie ist an diesem Morgen gestorben. Überraschend war das zwar nicht, sie hatte bereits eine Weile im Krankenhaus gelegen. Doch zwischenzeitlich hatte es wieder gut ausgesehen, weil die Medikamente endlich gewirkt hatten. Da war eine zarte Hoffnung. Doch dann kam der Rückfall, eine plötzliche Verschlechterung. Am Ende hat es nicht gereicht: Meine Oma ist 82 Jahre alt geworden.
An einem traurigen Tag wie heute fühlen sich die alltäglichen Aufgaben völlig banal an, all die Kleinigkeiten, die zu erledigen sind. Wenn jemand stirbt, wird deutlich, wie viel Zeit man selbst verschwendet – als Lebender, der das Glück hat, noch alles machen zu können. Da sitzen wir aber und denken nach über all den Bullshit, der eigentlich keine Bedeutung hat. That’s life.
Plötzlich wirkt es geradezu wahnsinnig, wie etwa der Paketbote durch die Straße hetzt, wie er sich stresst, wie der Zeitdruck ihm im Nacken sitzt. Links und rechts hasten Menschen durch die Gegend, holen hier was ab, müssen dort etwas erledigen. Da sind so viele Termine und ausgedachte Verpflichtungen, die uns ablenken von den Dingen, die eigentlich wichtig sind. Wie egal alles aber ist, wird klar, wenn sich der Tod bemerkbar macht, wenn er aufschreit und brüllt: Hier bin ich doch! Abgelenkt und betäubt lässt sich die Absurdität des Lebens viel einfacher ertragen. Heute aber nicht.
Obwohl auf unserem Briefkasten der Hinweis klebt, bitte keine Werbung einzuwerfen, lag heute das Menü von China Wan Wan (Name geändert) im Briefkasten. Es gibt Hühnchen und Ente und Reis und Bratnudeln – all die Standards der «chinesischen» Imbissküche. Bei Google hat China Wan Wan lediglich 3,2 Sterne. Begeistert ist niemand.
Irgendwie tut mir der Imbiss aber ein wenig leid: die Armen! Sie wollen die Hoffnung schlicht nicht aufgeben, haben abermals tausende Menüs drucken lassen und sie in der ganzen Stadt verteilt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, doch bestellen sollten wir dort trotzdem nicht: Immer wieder regnet es 1-Sterne-Bewertungen – vor fünf Jahren schon. Langweiliges Essen, kalt angekommen, wenn überhaupt. Früher hat Wan Wan auf Kritik noch geantwortet und Besserung gelobt: «Wir versuchen, unseren Service zu verbessern.»
Leider haben die guten Vorsätze nicht geholfen: «Es schmeckt einfach nicht», protestierte E. jüngst. Ein anderer Nutzer kritisierte vor Jahren schon, dass die Wan-Wan-Werbung in seinem Briefkasten gelandet sei. «Was hat das mit einer Bewertung zu tun?», fragte der Wan-Wan-Inhaber patzig zurück.
Er säuselt was von «Fusion», aber es riecht ganz komisch
Ich bin kurz neugierig, will wissen, wer hinter dem China-Imbiss steckt: Das Impressum der Website führt einen Dimitri auf – das klingt ja gar nicht asiatisch! Er betreibt außerdem noch einen Pizzalieferdienst, der auch nur eine Bewertung von 3,2 Sterne bei Google bekommen hat. Tatsächlich ist es so, dass sich der chinesische Imbiss und der Pizzalieferant dieselbe Adresse teilen. Da steht also der liebe Dimitri in seinem seltsamen Imbiss, links dampfen die Hawaii-Pizzen, rechts spritzen die fettigen Bratnudeln. Dimitri säuselt etwas von «Fusion Kitchen», aber es riecht ganz komisch. Doch er ist stolz und bestellt immer wieder Menüs, verteilt sie in der ganzen Stadt – irgendwann werden die Menschen es schon verstehen. Nur was eigentlich?
Es ist Spargel-Zeit in Deutschland – und dazu gibt’s einen Schnaps, ganz unironisch für die Verdauung. Eine kulinarische Erkundung in die Lüneburger Heide.
In diesem Restaurant sitzen Leute, die nach dem Essen unironisch einen Schnaps trinken: «Für die Verdauung.» Auf dem Parkplatz stehen Autos neben Autos neben Autos, denn niemand ist mit dem Bus da – es gibt auch keinen. Es ist auch niemand mit dem Rad da; nur der eine Mann, der kam zu Fuß, der wohnt gegenüber in einem hübschen Fachwerkhaus. Alle Häuser in diesem Dorf sind hübsche Fachwerkhäuser.
Um uns herum befindet sich die Lüneburger Heide, die nächste größere Stadt ist Soltau. Hübsch ist es hier, das schon, aber auch ein wenig befremdlich – die Menschen sind mir irgendwie unheimlich, nicht alle, aber einige. Hier draußen lieben sie Pferde, hier draußen weht ein anderer Wind. Und der riecht manchmal ganz komisch.
Durch dieses Restaurant bewegt sich alle 15 Minuten eine Männerherde. Die Herde will an die frische Luft, um zu rauchen. Fluppe schon anzündbereit in der Flosse. Sie stehen dann vor dem Eingang, die Tür steht offen, der Rauch zieht rein in den Gastraum. Sie könnten eigentlich auch am Tisch sitzen bleiben und dort rauchen, das wäre bequemer und würde keinen Unterschied machen. Aber jetzt stehen sie da vor der Tür, vier, fünf Kerle mit Wampen und Tattoos. Auf dem einen Unterarm steht in Fraktur: Freundschaft. Der Mann, der gegenüber wohnt, geht rüber, um dort in Ruhe zu kacken.
Alle essen Spargel – Spargel und Schnitzel
Drinnen schleppt derweil die Servicekraft einen Teller mit Spargel nach dem anderen herbei. Es ist Spargelzeit, alle essen Spargel – Spargel und Schweineschnitzel. Und Sauce hollandaise aus dem Eimer. Am Restaurant hängt draußen ein großes Schild: «Spargel genießen» steht dort in dicken Lettern. Aber ich mag leider keinen Spargel. Hasse ihn sogar ein wenig.
Ein alter Mann gafft ungeniert der Servicekraft hinterher, mustert sie, beobachtet sie. Der Mann trägt ein kurzärmliges Hemd mit Karomuster. Anbei ist außerdem seine kleine Enkelin, die im Akkord Bilder produziert, nebenan am Kindertisch, wo es Papier und Wachsmaler gibt. Ein neues Bild ist fertig, sie trägt es herbei: «Guck mal, Opa!» Der muss den Blick von der Servicekraft lösen und das Gemälde betrachten, um anschließend das obligatorische Lob auszusprechen. Das Werk trägt den Titel «Tante Brigitte ist wieder betüdelt und Mutti auch». Die Mutter des Mädchens bestellt jetzt aber eine Cola Light, sie muss noch fahren, ihr Mann schaufelt Spargel in die Futterluke. Er mampft und kaut und schluckt. Dann Schnaps für alle, für die Verdauung: «Prost, zum Wohl, wohl bekomms!»
Am nächsten Tag kehren wir nach einer kleinen Wanderung durch die Heide in ein Café im Wald ein. Wir sitzen unter einem großen Baum, von dem sich eine weiße Spinne abseilt; Magnolien und der Wind, der durch die Natur streicht und rauscht: schön hier. Aber es riecht nach kaltem Zigarettenrauch, es stinkt danach, denn am Nebentisch sitzt Gaby und raucht. Sie hat sich die Haare schräg nach oben geschmiert, wie der kleine Vampir in der gleichnamigen TV-Serie, lange her. So sieht sie aus, die Gaby. Die sitzt da und raucht, auf dem Tisch steht auch ein Bierchen. Lecker, haben sie sich verdient, der Weg vom Parkplatz zum Café war lang. Gaby trägt eine Sonnenbrille, weil es sonnig ist. Neben Gaby steht an einem anderen Nebentisch ein Kinderwagen, neben dem Kinderwagen steht ein Hund, schlank und groß ist er, schnittig und filigran. Er war zu schüchtern, um aus dem Napf zu trinken, der neben dem Eingang des Cafés bereitsteht. Frauchen beruhigte das Tier, aber es seien zu viele Männer anwesend, erklärt sie unaufgefordert.
Gaby ist ein freier Mensch
Gaby zündet sich eine neue Zigarette an. Der Qualm zieht dieses Mal in den Kinderwagen hinein, der Wind weht sozusagen ungünstig. Gaby ist ein freier Mensch, da soll mal einer kommen und ihr das Rauchen verbieten! Sie schaut sich um und sie sieht ein wenig so aus, als suche sie geradezu Streit, als hoffe sie, dass jemand endlich irgendetwas sagt, damit sie sich aufregen kann: Das ist doch ein freies Land etc. Na ja, aber niemand sagt was, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, vielleicht ist Gaby einfach eine interessierte Frau, die wissen will, wer sich so alles in ihr Lieblingscafé mitten im Wald verirrt hat. Mitten in der Natur. Es würde nach Erde duften, nach frisch geschlagenem Holz. Wohl auch nach Kaffee. Aber nun ja, es riecht jetzt vor allem nach Zigarettenqualm, weil Gaby eine freie Frau ist, die macht, was sie will. Der schüchterne Hund hat inzwischen einen eigenen Wassernapf bekommen, er kann versteckt unterm Tisch in Ruhe trinken, schlabber, schlabber. Zumindest er ist zufrieden.
Abermals im Krankenhaus, um Oma zu besuchen. Die Frau im Nebenbett ist weg (siehe hier), dort liegt nun aber eine andere Frau, die ungefähr 65 Jahre alt ist. Sie sei Borussia-Dortmund-Fan, erzählt sie unaufgefordert. Sie käme nämlich aus der Nähe von Dortmund und sei dort mit ihren zwei Brüdern aufgewachsen, deshalb sei sie sehr an Fußball interessiert.
«Ich trage auch schwarz-gelb!», ruft sie begeistert. Ich höre höflich zu und gebe generische Antworten. Nur: Es interessiert mich überhaupt nicht. Keine Ahnung, wer die Frau ist, keine Ahnung, warum Leute Fußballfans sind – ich bin es nun einmal nicht.
Und eigentlich besuche ich meine Oma. Während ich mit ihr spreche, mischt sich die Frau aus dem Nebenbett immer wieder ein. Verbalisiert ihre Meinung. Dann telefoniert sie. Dann kommt der Arzt und er sagt: «Sie muss ich leider rausschicken.» Er meint mich, ich muss auf dem Flur warten, während er seiner Arbeit nachgeht. Auf dem Flur ist es ruhig, es riecht nach Kaffee. Nur vereinzelt sind Stimmen zu hören. Eine Krankenpflegerin lässt plötzlich etwas polternd fallen. «Randalierst du wieder?», ruft eine andere.
Der Arzt ist fertig, ich darf wieder rein. Die Frau aus dem Nebenbett erzählt, dass sie mit dem Wohnmobil in die Eifel gefahren sei, mit ihren Kindern. Aha. «Schön da», sage ich automatisch. – «Ja.»
Ein- oder zweimal im Jahr ging’s nach Südtirol
Meine Oma sitzt da in ihrem Bett. Auf dem Fensterbrett stehen Blumen, die meine Frau und ich ihr beim vorherigen Besuch mitgebracht hatten. Ich tausche das Wasser aus und zupfe die Blüten zurecht. Ich erzähle Oma von ihren Postkarten, die sie mir über die vergangenen 25 Jahre geschickt hat. Ein- oder zweimal im Jahr ging’s nach Südtirol. Ich habe die Karten von meiner Oma aufgehoben, wie sämtliche Postkarten, die ich je bekommen habe. Die ältesten Karten sind aus den frühen 90er-Jahren: Cornelia schrieb von Borkum, Jonas von Usedom, Daniel aus Dänemark. Und Oma und Opa schrieben immer aus Südtirol und von der Ostsee (aus Damp). Nur einmal schrieben sie aus Ägypten, das ist auch schon mehr als 20 Jahre her. Die Zeit rieselt uns zwischen den Fingern hindurch. Eben noch wollten wir so viel erleben; und jetzt ist es einfach zu spät.
Draußen drückt eine Böe gegen das Fenster. Windig sei es heute, kommentiert die Frau im Nebenbett. «Stimmt», sage ich, «dann muss ich gleich ordentlich strampeln.» Bin nämlich mit dem Fahrrad hier. Dann gibt es Abendessen, ich verabschiede mich. Oma lächelt. Bis bald.
Draußen sind Jugendliche, alle tragen Nike-Rucksäcke und Nike-Taschen bei sich, alle sind cool und sie flachsen herum. Boxen sich. Ich möchte nur nach Hause, aber der Fußweg ist versperrt von diesen jungen Leuten. Sie haben sich wie eine Gang zusammengerottet, um ein Verbrechen zu planen. Als ein Auto vorbeifährt, beschimpfen sie den Fahrer. Einfach nur so, denn der hat eigentlich nichts falsch gemacht: «Du behinderter Autofahrer!», brüllen sie. Oder der Fahrer war tatsächlich behindert, das konnte ich nicht erkennen.
Jedenfalls haben sie mich als ihr nächstes Opfer auserkoren. Einer ruft: «Der geht auf der Straße!» Ein anderer ergänzt frech fragend: «Ist er ein Taucher?» Ich gehe weiter, überlebe. Wieso aber Taucher?, überlege ich. Ist das ein neues Trend-Schimpfwort, das neue «Opfer»? Als ich an einem Schaufenster vorbeikomme und meine Spiegelung betrachte, fällt es mir auf: Ich sehe mit meinem praktischen Deuter-Rucksack tatsächlich aus wie ein Taucher, weil der Rucksack von seiner Form her an Sauerstoffflaschen erinnert.
Ich muss mir also einen neuen Rucksack kaufen, einen von Nike.
In unserer alten Wohnung waren Hunde lange Zeit erlaubt. Unsere Vormieterin hatte dann auch einen, bis er starb. Wir lebten dort und fantasierten manchmal, dass wir auch einen Hund hätten, einen Malteser namens Malte. Doch dann der Schock: Plötzlich waren Hunde doch nicht mehr erlaubt – die Vermieterin hatte ihre Meinung geändert.
Ein Malteser namens Malte
Auslöser waren die Nachbarn aus dem 1. OG gewesen, sie hatten nachgefragt, ob sie einen Hund aufnehmen dürften. Das hat die Vermieterin erstaunlich vehement abgelehnt und die Diskussion damit beendet. Auch uns machte das einigermaßen traurig, aber wir fanden uns damit ab. Wahrscheinlich wollten wir in Wirklichkeit gar keinen Hund haben – das redeten wir uns fleißig ein. (Dabei war unsere Wohnung bestens für Kleinhunde geeignet, denn es gab einen direkten Gartenzugang. Die Hunde, die uns in der Zeit besucht haben, fanden das jedenfalls immer toll.)
Jetzt haben wir erfahren, dass Hunde doch wieder erlaubt sind. Die neuen Mieter von ganz oben haben neulich nachgefragt – und prompt die Genehmigung der Vermieterin erhalten. Einfach so, als sei nichts gewesen. Nachträglich sind wir schon enttäuscht: Was wäre wohl gewesen, wenn wir damals doch einen kleinen Malteser hätten aufnehmen dürfen? Unser Leben wäre ein völlig anderes.
Inzwischen wohnen wir aber in einem anderen Haus, in dem Hunde nicht erlaubt sind – und niemals waren. Das Leben als Mieter ist hart, immerhin konnte uns niemand das Kind verbieten, dass wir bald haben werden, wenngleich der Vermieter alles andere als begeistert war (sic!). Aber das ist eine andere Geschichte.
Am Nachmittag mit dem Rad zum Krankenhaus, Oma auf Station besuchen. Im Fahrstuhl befindet sich ein Mann im Rollstuhl, ein Rollstuhlfahrer im Fahrstuhl. Gleichzeitig mit mir betritt eine Frau die Kabine. Der Mann fragt die Frau, in welchen Stock sie fahren möchte. Doch die Frau starrt schweigend Löcher in die Luft, sie merkt nicht, dass der Mann mit ihr redet. Oder redet er mit mir? Nein: Der Rollstuhlfahrer schaut nicht mich an, sondern die Frau, die nun endlich merkt, dass mit ihr gesprochen wird: «In die 6», erklärt sie. «Ich habe auch schon gedrückt.» – «Ach so», sagt der Rollstuhlfahrer. Er klingt zufrieden.
Dass ich in die 3. Etage möchte, behalte ich für mich, es geht niemanden etwas an, ich möchte dieses Geheimnis für mich behalten, schulde niemandem Auskunft. Andererseits kann das jeder sehen, denn ich habe rasch auf den Etagenknopf gedrückt. Der Fahrstuhl hebt ab, wir fliegen. Ankunft, dritte Etage, ich steige aus. «Er hätte ruhig sagen können, dass er in die Dritte will!», grummelt der Mann zum Abschied, der Frau zugewandt. Schon seltsam, denke ich, was kümmert es ihn?
Dieses Krankenhaus ist modern, groß und hell. Im Zimmer am Ende des Flurs liegt meine Oma. Sie liegt dort in einem Zweierzimmer, im Nebenbett liegt eine ältere Frau. Vor ihr steht ein Bilderrahmen, darin ein Foto von einer jüngeren Frau – ist das sie selbst, aber damals? Die Frau schnauft und hustet, röchelt und stöhnt. Der Ausblick aus dem Fenster ist ganz schön: Der Fluss ist zu sehen, die Bäume, der Radweg. Es beginnt, zu regnen. Oma liegt da, wartet ab. Sie besitzt kein iPad, keinen Netflix-Account. Sie liegt im Bett, sitzt im Bett, schläft im Bett. Zwischendurch kommt der Krankenpfleger vorbei, tauscht den Infusionsbeutel aus, macht seine Arbeit. In solchen Momenten denke ich, dass ich einen totalen Quatschjob habe. Sitze den ganzen Tag vor dem Computer und tippe Blabla in die Tastatur. So ist das nun mal.
Nach einer halben Stunde verabschiede ich mich. Ich darf gehen, Oma muss noch bleiben. Hoffentlich aber nicht mehr lange, sie freut sich auf ihr Zuhause. Der Regen wird stärker, ich werde klitschnass, als ich mit dem Rad nach Hause fahre.
Die Frau vor mir trägt einen gelben Mantel. Sie schiebt ihr Fahrrad den Fußweg entlang – und zwar so, dass niemand sie überholen kann. Ich bin also hinter der Frau, bewege mich langsamer als ich möchte, aber es ist nicht mehr weit: Da ist der Supermarkt. Die Frau schiebt ihr Rad rechts ran, um es anzuschließen. Gierige Diebe lauern in den umliegenden Gebüschen. Ich darf wieder schneller gehen, laufen, sprinten – hinein in den Laden. Ich brauche nicht viel, Kartoffeln und Milch. Der Laden ist leer, aber auch voll. Neue Ware ist gekommen. Überall packen sie aus und sortieren ein. Dazwischen zupfe ich Waren aus den Regalen. Ich möchte nach Hause.
Lass mich durch, du Lurch
Die Frau im gelben Mantel ist auch hier: Sie steht plötzlich schweigend neben mir. Ihr Blick sagt: Lass mich durch, du Lurch. Umständlich mache ich ihr Platz, bitte schön, werte Dame. Sie schiebt den Einkaufswagen den Gang entlang, vorbei an den TK-Schränken, deren Inhalt ich studiere. Ich vermute hier mein heutiges Mittagessen. Welche Frosta-Pfanne wird es wohl werden?
An der Kasse dann steht sie vor mir, die Dame im gelben Mantel. Sie erwirbt: Schoko-Osterhasen, runtergesetzt, weil Ostern vorbei ist. Sie zahlt bar, zupft einen Fünf-Euro-Schein hervor, streicht ihn glatt. Zuvor war sie bei der Sparkasse, um das Bargeld für den Einkauf zu holen. Kann man eigentlich auch Bargeld an der Supermarktkasse abheben und dann sofort den Einkauf zu bezahlen?, überlege ich wirr. Die Frau im gelben Mantel schiebt ab. Die Kassiererin ruft: «Ihre Kiwi!» – «Die hätte ich vergessen», gibt die Frau im gelben Mantel zu. Sie nimmt die Kiwi in die Hand und steckt sie in die Manteltasche. Ich bin gegen Kiwi allergisch, fällt mir ein.
Es ist schon hart, wenn jemand so sehr müffelt, dass der ganze Supermarkt nach diesem einen Menschen riecht. Der Mann, der an diesem Vormittag so furchtbar stinkt, fuhr an mir am Eingang/Ausgang vorbei. Er fuhr auf so einem Fahrzeug herum, das Behinderte fahren, Alte und Gehbehinderte, so ein hässliches Fahrzeug aus Plastik, das irgendwie 5 km/h fährt – also eher schleicht als fährt. Dieser Mann auf dem Gefährt roch nach feuchten Socken, alten Decken, nach Dachboden, nach Verwesung, nach feuchtem Schimmel. Im Supermarkt roch es überall so, nur ganz langsam verdünnisierte sich der Geruch. Armer Mann, er tat mir ja auch leid. Irgendwie.
WeiterlesenEs ist bestimmt gemein, aber ich finde Leute peinlich, die im Supermarkt einen Fahrradhelm auf der Birne haben. Es sieht lächerlich aus. Albern. Übertrieben. Die konkreten Gründe, warum diese Personen ihre Helme nicht abnehmen, sind mir egal: Sie könnten ja einfach einen Einkaufswagen benutzen und darin den Fahrradhelm ablegen.
Andererseits können die Leute machen, was sie wollen, also auch einen Helm auf der Birne haben, während sie durch den Supermarkt streifen (und viel zu lange vor dem Regal herumstehen, und zwar so, dass niemand sonst schauen kann).
Ich denke mir trotzdem jedes Mal: Sieht doch dumm aus. Lächerlich. Übertrieben. Würde ich einen Fahrradhelm tragen, ich würde ihn im Rewe abnehmen. Aber ich trage gar keinen Fahrradhelm. Deshalb bin ich wahrscheinlich bald tot, umgefahren von einem Benz-Fahrer, beim Abbiegen übersehen, hoppla, unglücklich gefallen. Oder zerquetscht vom 30-Tonner. Ups. Wobei der Helm dann auch nicht viel bringt. Klar.
Die Frau vor mir trägt keinen Helm, aber einen Buff als Mütze/Stirnband. Sieht auch seltsam aus, irgendwie. Mich irritiert aber viel mehr, dass sie ihren klitschnassen Regenschirm aufs Warenband legt. Kann mir natürlich völlig egal sein. Ich ahne aber, dass es sich nicht gehört, dies zu tun. Zumal sie den Schirm nicht kaufen/bezahlen will – also gehört er schlicht nicht aufs Warenband. Sie kauft stattdessen: zehn Müsliriegel und eine 2er-Packung Aufbackbrötchen. Die Packung nimmt sie nun in der Hand und liest (verspätet) die Zutatenliste. Sind da etwa künstliche Aromen drin? Ach du Schreck.
Den Warenkorb hat die Frau recht schlampig im Warenkorbhalter verstaut. Niemand sonst kann einen weiteren Korb hineingeben – ich will meinen aber loswerden. Also muss ich den Korb der Frau wieder aus dem Warenkorbhalter fummeln und ordentlich verstauen, damit ich meinen Korb dort ebenfalls ablegen kann. Der Korb hat sich leicht verklemmt, es ist eine frustrierende Angelegenheit, die mich innerlich fluchen lässt. Das bekommt die Frau aber gar nicht mit, weil sie weiterhin die Zutaten studiert. Dann muss sie plötzlich bezahlen: «10,32 Euro», fordert die Kassiererin. «Mit Karte?» – «Bar.» Das wusste ich. Klar zahlt sie bar. «Wollen Sie es passend haben?», fragt die Frau jetzt noch keck. – «Ist mir völlig egal», gesteht die Kassiererin.
Die Frau zahlt passend, hihi, damit hat ja jetzt keiner gerechnet. Also: Ich schon. Sie klaubt ihren Kram umständlich zusammen und stellt sich an den Rand. Aus einer Socke zuzelt sie ein älteres iPhone. Sie ruft ihren Mann an: Er soll schon mal den Ofen anmachen, 180 Grad Celsius, Ober- und Unterhitze.