Das höllische Wartezimmer

Wartend im Wartezimmer gesessen. Eine Frau mit Kopftuch schläft, ihre Augen sind geschlossen, möglicherweise ist sie verstorben. Ich möchte sie ignorieren und trinke etwas. Ein Pärchen, wohl verheiratet, betritt den Raum. Ein Wortwechsel in fremder Zunge lehnt sich gegen die quälende Stille auf; dann herrscht wieder allgemeine Ruhe. Es ist voll im Zimmer, alle Sitzplätze sind belegt.

Das Mädchen neben mir spielt mit einem Nintendo DS. Später geht sie Eis-Tee kaufen, das nötige Geld erhält sie von der Mutter, die ebenfalls einen Schluck Eis-Tee nimmt. Sie warnt das Kind: «Trink nicht soviel Eis-Tee, wegen dem Koffein.»

«Ich habe seit 2002 keinen Eis-Tee getrunken“, erzählt das Mädchen. «Oder war es 2003?»

«Ich weiß es nicht, keine Ahnung», gesteht die Mutter.

«Mir ist so langweilig, Mama.»

«Ja, da kann ich doch auch nichts dafür, dass das hier solange dauert.»

Ich sehe Politessen im geistigen Auge meines Selbst. Sie durchsuchen die Fahrzeuge nach Drogen und abgelaufenen Parkscheinen. Die Überwachungskamera, sie redet.

Eine Frau, dick und mit weißem Hut auf dem Kopf, betritt das Wartezimmer. Sie redet laut und mit niemandem bestimmtes, vielleicht aber mit sich selbst.

«Ich ziehe meine Jacke aus. Ach nein, das lohnt sich nicht. Hier kommt man ja immer schnell dran. Aber heute ist es voll. So viele Leute.»

Sie steht vor zwei runden Tischen inmitten des Wartezimmers. Auf ihnen liegen diverse Zeitschriften vom Lesezirkel.

«Ich werde durch die Tische gehen», droht die Frau mit weißem Hut.

So muss die Hölle aussehen: sonderbare Frauen, die vor Tischen stehen.

«Ich gehe durch die Tische», wiederholt sie.

Die Hölle.

«Oder ich gehe an den Tischen vorbei!»

Es riecht nach Schwefel und Eis-Tee.

«An den Tischen vorbei!»

Die Frau geht an den Tischen vorbei und setzt sich endlich auf den Stuhl. Sie redet noch ein wenig mit allen und keinem und schweigt dann, bis sie nach einer Weile anmerkt, dass die Luft in dem Raum schlimm sei. Abgestanden. Stickig. Muffig. Ein Team von zwei Müttern macht sich am Fenster zu schaffen. Der Arzt betritt den Raum, den Warteraum, durch eine Tür in der Wand. Die dicke Frau mit weißem Hut wird vom Arzt aufgerufen, sie steht umständlich auf, sie klaubt ihre Einkaufstüten zusammen und quält sich an einer großen Pflanze vorbei.

«Haben Sie sich wohl den Bauch eingeklemmt!», ruft der Arzt aus.

«Ich habe keinen Bauch!»

«Stimmt, geht alles ins eins über.»

Ein anderer dicker Mann mit Brille schmunzelt und widmet sich leidenschaftlich seiner Lektüre, eine Zeitschrift von den beiden Tischen. («Durch die Tische!») Ich möchte einen Stock entleihen und mich selbst mit einem harten Schlag betäuben.

Zehn Minuten später endlich die Heimfahrt angetreten. Es ist schön, frei zu sein, auch wenn alle Ampeln rot sind.


Der Text stammt aus der Zeit, in der ich im Rahmen meines Zivildienstes ältere Herrschaften zum Arzt fahren musste.