In der Stadt ist kein Platz, überall stehen Autos herum. Da kommt es unweigerlich zu Konflikten.
Der Weg ist versperrt: So ein Typ steht mit seinem schwarzen Audi auf einer gezackten Linie und vor einem abgesenkten Bordstein. Wir benötigen ihn jedoch, um mit dem Kinderwagen die Straßenseite zu wechseln. Also klopfe ich gegen die Seitenscheibe des Fahrzeugs, doch der Mann starrt gebannt aufs Handy und tut so, als sei nichts zu hören. Ich klopfe stärker und länger, bis er endlich seinen Blick vom Display löst, seinen Kopf dreht und mich anschaut: Was denn? – «Wir müssen hier durch», erkläre ich knapp. – «Aber die Warnleuchte vom Motor leuchtet», behauptet er Mann. – «Aha … kannst du ein Stück weiterfahren, damit wir über die Straße kommen?» Der Mann gibt schließlich nach und fährt den Wagen problemlos einige Meter weiter. Er steht zwar weiterhin auf der gezackten Linie, versperrt nun aber nicht mehr den abgesenkten Bordstein.
Als wir beim Bäcker sind, höre ich draußen aufgeregtes Hupen. Der Audi hat umständlich gewendet und dann auch die komplette Straße blockiert, was natürlich eines der größten Verbrechen in Deutschland darstellt: Der fließende Autoverkehr darf niemals behindert werden, jeder deutsche Autofahrer hat das Recht, sich motorisiert zu bewegen, er muss niemals warten, der deutsche Autofahrer braust durchs Land voller Stolz und Liebe für sein Automobil. Der Audifahrer hält abermals auf einer gezackten Linie, damit seine Frau einsteigen kann – auf die hatte er die ganze Zeit gewartet, sie musste sich noch aufwendig schminken und sich des alltäglichen Ballastes entledigen, jetzt erscheint sie wie ein Engel des Todes in der Gluthitze und steigt in den schwarzen Audi ein, dessen Motor ganz normal klingt, und die beiden brausen davon, der Audi röhrt erregt. Ich bin beeindruckt: so ein schönes Kraftfahrzeug!
Das seltsame Selbstverständnis von einigen Autofahrern wird an folgender Szene deutlich: Die Postbotin fährt mit dem Fahrrad die Straße entlang, hält an und stellt das Rad auf der Straße ab. Tempo 30, hier ist nicht viel los, altes Kopfsteinpflaster verlangsamt die Fahrt. Die Postbotin nimmt jetzt quasi Rache für jeden Pkw, der auf dem Radweg steht, um «nur mal schnell» Brötchen zu holen. Jedenfalls kommt prompt ein Golffahrer angefahren, bleibt stehen, das Fahrrad ist ein ärgerliches Hindernis. Er wartet nicht, er hupt sofort. Und hupt. Und hupt. Regt sich auf. So eine bodenlose Frechheit.
Die Postbotin kommt angelaufen, schüttelt den Kopf, fährt das Rad weiter und dann zur Seite, denn da ist etwas Platz. Der Golffahrer gibt Gas, fährt vorbei, muss dann aber scharf abbremsen – rechts vor links. Schnell kommt er nicht voran in dieser Straße, in diesem Stadtteil.
Das postgelbe Fahrrad hätte dem Fahrer signalisieren können: Dauert nicht lange, die Postbotin wird wahrscheinlich nur ein paar Briefe einwerfen, was keine Minute dauert. Dass der Fahrer aber prompt hupte, und noch mal und noch mal – das zeigt, wie der Kerl drauf ist. Das ist einer, der Zebrastreifen als nette Verzierung des Verkehrsraums wahrnimmt. Zumal auf der Straße eigentlich genug Platz war, um am Postfahrrad einfach vorbeizufahren. Aber das kann man natürlich nicht verlangen.