Erlösung im Elektronikgeschäft

Der Einkauf im Elektronikgeschäft ist mir immer etwas peinlich. Besonders dann, wenn ich dort ein Videospiel erwerben will. Ich finde nämlich, dass ich als Ü-30er keine Videospiele mehr kaufen und spielen sollte. Stattdessen sollte ich endlich einen Baum pflanzen, ein Haus aus Lehm bauen und ein Kind streng erziehen. Auf dem Sofa zu liegen und Menschen zu erschießen, erscheint mir keine adäquate Tätigkeit für einen Erwachsenen zu sein. Denn mindestens müsste ich den Müll rausbringen, die Blumen gießen, den Nachbarn verprügeln, die Steuern machen, einen Brief an die Vermieterin schreiben1 – und einiges mehr, es gibt viel zu tun.

  1. Sehr geehrte Vermieterin, wieso ist es so, dass der Hinterhof eine solche Beleidigung fürs Auge darstellt? Und darf ich höflich nachfragen, wieso die Wohnungstüren in diesem Mehrparteienhaus aus Pappe und Gips sind? Zudem sei mir die Frage gestattet, wann der versprochene Balkon […]

Nun ist es aber so, dass ich leicht erregt das hiesige Elektronikgeschäft betrete. Saturn in der City. Am Eingang stehen ein dünner Kerl im Anzug. Er ist offenbar eine Art Türsteher; ein schlechter Türsteher, denn er lässt jeden rein, wirklich jeden.

Es ist 13 Uhr, ich habe heute frei. Ich sehe Schüler, Studenten, alte Menschen, junge Menschen – hier ist der bundesdeutsche Durchschnitt versammelt. Würde man zufällig den Musikgeschmack der Anwesenden abfragen, würden sie furchtbare Antworten geben. Fischer. Foster. Radio.

Oben in der zweiten Etage. Nur Loser bei den PC- und Videospielen, Jungs, die 13 Jahre alt sind und hässliche Haare haben; Jungs, die alle lächerlichen Klischees erfüllen, die andere über «Gamer» hegen und pflegen. Wahrscheinlich sah ich auch so aus, als ich damals bei Karstadt zwischen den N64-Spielen herumlungerte und immer mal wieder zu den Playstation-Spielen rüberschielte. Richtig geil: Resident Evil!

Jetzt aber fühle mich erhaben, bin also von Würde und Feierlichkeit bestimmt, denn ich bin frisch geduscht und ordentlich gekleidet. Meine Herren, gestern ging ich sogar ordentlich arbeiten und ich habe mein Leben einigermaßen im Griff. Nur der Biomüll müsste nun mal echt raus. Mein weich erarbeitetes Geld will ich jetzt für Blödsinn ausgeben und ich verfüge zusätzlich über einen 5-Euro-Gutschein, den mir das Unternehmen zum Geburtstag schickte. Ich spare also auch noch etwas Geld, das ich später in Biogurken in Plastikfolie und Chiasamen im Pappkarton investieren kann.

Meine Herren, lasst mich jetzt mal durch! Anders als ihr muss ich nicht erst dreimal hin und her überlegen, ob ich mir «Red Dead Redemption II» sofort kaufe oder doch nicht. Ich habe die scheiß Kohle einfach und kaufe, was ich will. (Und wieder sehe ich mich als 11-jährigen Spacko bei den sündhaft teuren N64-Spielen herumstehen, während Mama nach neuen Geschirrtüchern schaute. Irgendwann kann ich mir die Spiele einfach kaufen, dachte das kleine Ich damals. Der Kaufhausdetektiv seufzte und schüttelte den Kopf. Jetzt klau das Spiel halt endlich, du kleiner Lump, dann kann ich dich festnageln und muss dir nicht mehr hinterher schleichen wie der letzte Päderast. Doch den Gefallen tat ich ihm nicht, lieber ging ich meiner Mutter so lange auf die Nerven, bis sie Shadows of The Empire rechtmäßig erwarb, für 149 D-Mark. Oder ich bekam es zum Geburtstag, kann auch sein.)

In der Gegenwart schleichen Jungs herum, einer begrapscht lustvoll stöhnend die Gaming-Tastaturen, die im Dunkeln leuchten; ein anderer Creep fingert zwischen den PS4-Spielen herum. Zwei Jungs, die beste Freunde sind und gleich doppelt lächerlich aussehen, wenn sie so nebeneinander stehen, starren gebannt auf einen Stehtisch, an dem ein blasser Mitarbeiter des Marktes ein paar Kunden schlecht berät. Auf diesem Stehtisch liegen auch einige Exemplare des Videospiels, dessentwegen ich an diesem höllischen Ort weile.

Hier das Problem: Im regulären PS4-Bereich ist das Spiel nicht mehr zu finden – da liegen nur noch drei Exemplare der überteuerten Premium-Version – 100 Euro für ein fucking Videospiel. Ein junger Mann mit Damenbart ist so verzweifelt, dass er «dann halt» die teure Version mitnimmt. Das sehe ich jedoch nicht ein, ich will so wenig Geld wie möglich für das Spiel ausgeben, es aber sofort haben.

Dann habe ich etwas Glück: Der schreckensbleiche Mitarbeiter verlässt seinen Stehtisch und verschwindet mit den Kunden zwischen den Regalreihen.

«Bitte die Tastaturen nicht ablecken!», höre ich ihn noch sagen. Dann rupft er das Namensschild von der Brust und zeigt seinen Nippel usw. usw. usw. Ich gehe schnell zum Stehtisch, nehme mir ein Spiel vom Stapel und verschwinde. Die Jungens staunen. «Der hat sich das einfach genommen», raunt einer. Und es ist verdammt traurig, dass ihn das beeindruckt hat.