Con Pollo

Der Hunger trieb mich neulich zum zweiten Mal ins mexikanische Restaurant i.d. Altstadt. (Ich muss mich an dieser Stelle selbst unterbrechen, denn ich bin gerade sehr enttäuscht darüber, dass es sich dabei um ein Franchise-Unternehmen handelt. Ich hatte mir eingebildet, der Laden sei einzigartig – und hinten, in der Küche, kochen und braten und grillen echte Mexikaner, die dieses Lokal seit drei Jahrzehnten betreiben. Und alle machen mit: Die Kinder tragen Gläser zu den Gästen, die Oma macht die Reservierungen, Opa ist tot, und die attraktive Tochter nimmt die Bestellungen auf. So ist es leider nicht, das Lokal ist auch nur ein besseres McDonald’s, ein viel, viel besseres McDonald’s, aber eben nicht einzigartig.)

Die Bedienung ist noch müde und eher nicht aus Mexiko. Sie friemelt ein feudales Gerät aus ihrer Hüfte und tippt unsere Wünsche aufs Display, mit einem dürren Plastikstift. Sie kann den Eis-Tee nicht finden. So geht es mir oft, wenn ich Speisekarten durchlese. Immer eine kleine Enttäuschung. Eis-Tee und Tortillas sind eine hervorragende Idee, denn Eis-Tee ist immer eine hervorragende Idee. Die müde Bedienung findet ihn dann doch, «und was noch?»

Für mich die Enchiladas con Pollo, Dings mit Hühnchen. Bei Aufsagen stolpere ich über das Doppel-L, das klanglich wohl zum J wird – oder war’s so en francais? Ich sage Pollo und die müde Bedienung korrigiert, sagt: Pojo. Ich wiederhole, «Enchiladas con Pojo», als sei ich ihr Schüler. Ich wojte schon immer Spanisch lernen, sí, sí.

Ein paar Tische weiter sitzt einer mit einem Tattoo. Auf seinem Arm steht tatsächlich: Kevin. Kevins Kind plärrt und die Mutter weiß auch nicht so recht, wie das zu stoppen wäre. Das zweite Kind isst ruhig, als Ausgleich. Am Nebentisch sitzen zwei Männer und eine Frau, sie lesen sich in das kulinarische Angebot ein, bestellen schon mal drei cerveza. Der zweite Mann sagt zu der Frau, dass sie mal was erzählen soll. Will sie aber gerade nicht. Kevins Kind kann dafür den Mund nicht halten, als Ausgleich. Aber niemand sagt was, so von wegen: «Kann er bitte mal die Fresse halten?» Nein, alle tun so, als stürbe ein paar Tische weiter nicht ein Kind, als wäre das Geflenne in Wahrheit die reinste Musik, die sich durch Gehörgänge schmeichelt. Das ist doch nett, dass da keiner durchdreht, nur weil Kevins Kind die Pampe auf dem Teller nicht mag. Ich hingegen mag meine Enchiladas con Pollo (zehn Euro), sie verwöhnen meine Geschmacksknospen und machen satt. Dazu gibt es «mexikanischen Reis» und Salat in einem essbaren Behälter. Den Teller sollte man lieber nicht mitessen. Porzellan, kaputte Zähne.