Basteln, schlagen und quälen – beim Friseur

Weil der Friseur nicht gut Deutsch und ich gar kein Türkisch konnte, schwiegen wir1, während der Friseur schnippelte. Und weil er sich dann weigerte, die Frisur so zu schneiden, wie ich das wollte, war das mein erster und letzter Besuch bei dem Friseur, der nicht gut Deutsch konnte.

  1. Eigentlich auch mal ganz schön, nicht sabbeln zu müssen, nichts berichten, nichts erklären zu müssen. Stattdessen nur starren und sitzen und warten.

Die Friseurin mutterspricht Deutsch und berichtet von ihren Nachbarn, die seit geraumer Zeit in ihrer Wohnung bohren und hämmern und schleifen. Ein ziemlicher Krach sei das, der nach einem Großprojekt klinge. Die Friseurin spekuliert, dass sich die Nachbarn einen Sex-Dungeon2 bauen. Mit Peitschen, Klemmen, Schaukeln, Haken und Ösen. Ich kenne die Leute nicht, kann also nicht einschätzen, ob diese Einschätzung angemessen ist oder nicht.

  1. Einen Sex-Dungeon muss man wohl selber bauen, wenn man das Hobby weiterhin für sich behalten möchte. Vielen Leuten macht beim BDSM das Tüfteln und Basteln so viel Spaß wie das eigentliche Schlagen und Quälen – zumindest kann ich mir das gut vorstellen. Gleichzeitig muss ich aber zugeben, dass meine handwerklichen Tätigkeiten nicht der Rede wert sind, mir also eine Einschätzung nicht so einfach über die Lippen kommen sollte. Und in meinen Keller passt kein Sex-Dungeon, ja nicht einmal ein Fahrrad.

Beim Gehen bekomme ich ein kleines Heftchen mit meinem ersten Stempel darin. Beim zehnten gibt’s zwei Euro Rabatt. Abgang.

Mit den Scherenhänden

Zehn Euro für eine Schere ist ganz schon viel, finde ich, der sich aus Versehen mal eine Schere für Linksschneider gekauft hat. Mein Friseur sagt, seine Schere habe fast tausend Euro (sic) gekostet, genauer: neunhundertsiebzig Euro. Die zweitbeste Schere, die es zu kaufen gibt, die kommt aus Japan.

Das Samuraischwert der Barbiere.

Ich stelle mir vor, wie mein Friseur nach Japan reiste, mit Rucksack und so Sandalen. Den Berg rauf, durchs Gebüsch, um dann mit blutigen Füßen anzukommen. Ein Mann mit langem Bart erwartet den Friseur. «Nimm Platz, vielleicht Sake?»

«Danke.»

Sie säßen beisammen, schaut auf die Landschaft. Japan ist schön, ja, und das Wetter spielt auch mit.

«So, also», sagt der Mann mit langem Bart irgendwann. «Eine Schere willst du.»

«Jawohl», bestätigt mein Friseur.

«Sollst du haben.»

Tage vergehen, er schmiedet die Schere aus weichem Stahl, das dauert, ist das Warten aber wert.

Mein Friseur sagt, dass er nicht nach Japan gereist ist, die Schere gab’s bei Amazon im Fachgeschäft hier in Deutschland. Ich sage, dass ich mir Japan als schönes Land vorstelle. Wir wechseln das Thema, es geht anschließend um Kochsendungen im Fernsehen. Davon habe ich aber keine Ahnung. Wir schweigen.