Letzte Nach in Freiheit

Heute ist Samstag, für mich ein Tag wie jeder andere. Ich bin im Pub und sitze auf einer Bank, auf einem dünnen Sitzpolster. Der Tisch kippelt ausnahmsweise mal nicht, dafür aber die Stimmung: Wie bei einem kleinen Teich droht jederzeit das Umkippen; ein kleines Sterben, winzige Wortbrocken an der Oberfläche treibend1. Eine große Erleichterung flutet die leeren Gläser, als die erste Runde Bier an den Tisch getragen wird.

  1. Meine Zahnschmerzen entpuppen sich als Weltschmerz: auch das noch!

Aus einem knisternden Höllenstrudel in der Nähe der Toiletten tauchen plötzlich vier Frauen auf – vier Frauen mit roten Nasen und Mützen. Als wäre Winter. Eine von ihnen hat Schaumstoffwürmer im Haar, bunte, sie sieht ziemlich lächerlich aus – aber das soll so sein. Außerdem hat sie einen prall gefüllten Bauchladen um ihren Laib geschnallt. Sie tingeln von Tisch zu Tisch, verkaufen den Leuten Schnaps, Gummibären, Kondome und faule Aktien.

In bestimmten sozialen Milieus ist es offenbar üblich, dass Menschen, die heiraten, mit ihren Freunden losziehen und sich im Zentrum der nächstgelegenen Stadt zum Horst machen, viel trinken (saufen) und fremden Menschen damit tierisch auf die Nerven gehen2. Nur besoffene Fußballfans im Siegestaumel sind schlimmer.

  1. Gibt man bei Google «Junggesellenabschied» ein (oder auch die feminine Form) tauchen sofort einhundertsechsundachtzigtausend Treffer auf. Die ersten verweisen auf T-Shirts mit so Sprüchen wie: «Letzter Tag in Freiheit», «R.I.P. Freedom» oder «Dein Text», «Dein Motiv» (für Kreative). Aufgaben, Planung – und für den Notfall Stripper.

Das gesellschaftliche Subsystem steht schon am Nebentisch. Dort sitzen drei Frauen, die sich lachend ein Kilkenny nach dem anderen hinter die Binden kippen, sich nun aber belästigt fühlen. Der Blick der Anführerin lässt sich leicht entschlüsseln, übersetzt heißt der: «Verpiss dich, ja?»
Also stehen die vier lustigen Frauen mit roten Nasen an unserem Tisch und grölen mit einem krachenden Alkoholtimbre, dass wir jetzt unbedingt was kaufen sollen. Im Angebot haben sie auch einen Dildo aus Weingummi.

Welche Geschmacksrichtung hat der denn?, will ich dann doch wissen. – Hier steht: Strrraaaaabärriiii, lallt sie. Doch die Damen wollen den lieber behalten, und ich will ihn gar nicht haben, also erwerben wir am Tisch eine Handvoll Aktien zu fünfzig Cent. Die Karawane zieht weiter, der Weltschmerz bleibt etc.