Mann ohne Schuhe

Im letzten Moment springt er noch in die Straßenbahn, in die #4. Die Türen schließen, wir fahren los. Der junge Mann stellt sich mir gegenüber in den Faltenbalg, da stehe ich am liebsten, weil hier niemand stehen will und ich meine Ruhe habe. Der junge Mann will oder muss hier stehen, die Bahn ist voll. Ich halte meinen Kindle in der Hand, lese den New-Yorker-Artikel über Frauke Petry. Mein Blick wandert auf den Boden, dann sehe ich die Füße des jungen Mannes, die nackten Füße, er trägt weder Socken noch Schuhe. Die Füße sind dreckig und irgendwie sandig. Mein Blick wandert nach oben: Die Jeanshose ist verschlissen, hängt tief, hat Löcher. Der Blick wandert weiter, über das knittrige Hemd, hoch zum Kopf. Keine Frisur, nur zerzauste Haare, die in alle Richtungen abstehen. Nun trifft mich der Blick des Mannes – und der Geruch. Dieser beißende Gestank, den ich noch eine Stunde später in der Nase haben werde. Es ist morgens, da bin ich sehr geruchsempfindlich.

Morgens fährt manchmal der eine Penner (abwertend, Wohnungsloser) mit der #4. Wenn er einsteigt, muss ich eigentlich aussteigen. Weil er so sehr nach Pisse und Kacke und Abfall stinkt, aber nie nach Alkohol. Man riecht ihn in der ganzen Straßenbahn. Wenn er wieder aussteigt, atmen alle aus. Der Geruch bleibt dann noch ein paar Stationen, ehe er verfliegt.

Ich stehe hier in der #4, frisch geduscht, mit Schuhen an den Füßen und einem Kindle in der Hand. Der junge Mann mit nackten Füßen ist kein Obdachloser, dazu ist er zu gut gekleidet. Das ist einer, der aus Überzeugung nicht duscht, der aus Überzeugung barfuß durch die Stadt läuft. Ohne Eile, weil er keine Termine hat. Und ich stehe hier, muss zur Arbeit, habe Termine, habe keine Zeit fürs Flanieren, Genießen, Schauen. Er schaut mich an, mustert mich, sieht die Schuhe, die Hose, den Kindle. Er muss grinsen. Und ich muss mich wegdrehen, weil ich ihm sonst auf die nackten Füße kotze. Es ist morgens, da bin ich sehr geruchsempfindlich.