Männer sprechen Frauen an

Regelmäßig finde ich Aufzeichnungen aus meiner Vergangenheit. Diese hier stammt aus dem Jahr 2009, ich studierte und taumelte durchs Leben.

Ich befinde mich in einer Mall, in einem Einkaufszentrum, das sich selbst als Galerie bezeichnet. Es ist Anfang Dezember, deshalb ist viel los. Auch ich schleppe eine prall gefüllte Einkaufstüte mit mir herum. An einer Eis-Bar sehe ich ein Mädchen stehen. Sie kommt mir bekannt vor – und sie gefällt mir. Sie hat ein süßes Gesicht und ein Piercing in der Oberlippe. Sie bemerkt mich nicht, unterhält sich mit einem anderen Mädchen. Ich überlege, woher ich sie kenne, aber mir will es partout nicht einfallen. Ich würde sie gerne ansprechen, aber ich kann nicht. Dann verschwindet sie.

Später weiß ich, woher ich sie kenne: Sie arbeitet im C., einem Bar-Restaurant. Ich überlege mir, wie wenig originell es wäre, sie dort anzusprechen – ich wäre als Gast da – und ihr zu sagen, wie schön sie sei. Ich würde auf der Metaebene fragen, ob ich heute der erste Typ wäre, der ihr das sagt. Ich gehe davon aus, dass es dutzende Männer sind, die in einer normalen Schicht ihr Herz und ihren Mund öffnen, um dieser schönen Bedienung zu sagen, wie schön sie eigentlich ist … Wie fürchterlich.

Zusatzmaterial

Im Irish Pub kaufen die männlichen Gäste den weiblichen Bedienungen oftmals Rosen. Ein mutmaßlicher Inder, der genau genommen vielleicht einfach Deutscher ist, kommt alle halbe Stunde vorbei, geht von Tisch zu Tisch und verkauft die für einen Euro1 pro Blume. Diese wandern aus den Händen der Bedienungen in ein mit Wasser gefülltes Weizenglas; in diesem befinden sich ein halbes Dutzend Rosen. Ich habe gesehen, wie lieblos sie von den Beschenkten hineingestellt werden.

  1. Beispielzahl. Keine Ahnung, wie teuer so eine Rose ist. Meistens bin ich mit meinen männlichen Freunden im Pub, denen kaufe ich keine Blumen.