Frau Uhle

Die Frau hat rote Haare, dunkelrote Haare. Die sind sicherlich gefärbt, denke ich. Gefärbt, um ihr Alter zu verbergen, das Alter der Frau, deren Falten im Gesicht jedem Betrachter das wahre Alter verraten. Die Haare täuschen niemanden, am wenigsten mich, der hinter der Frau steht und vor Hass kaum noch atmen kann. Denn die Frau ist die langsamste Frau der Welt. Langsam wie ein Gletscher, langsam wie die Kontinente, die auf der Erdoberfläche gemächlich entlang schrammen. So langsam ist sie und packt in Zeitlupe – in Ultrazeitlupe – ihre Sachen in den Jutebeutel. Die Packungen. Die Dosen. Das Obst. Das Gemüse. Die Tiefkühlpizza. Vom Förderband in die Stofftasche.

Die Kassiererin heißt Frau Uhle, jedenfalls steht das auf dem Schild an ihrer Brust. Wenn ich sie wäre, würde ich mir ein Pseudonym verpassen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, bei dem Gesocks, das in diesem Laden einkauft. Frau Uhle ist eingefroren. Sie hält aus und wartet ab. Sie hat nichts vor, hat keine Eile, sitzt hier seit Stunden an Kasse #10 und kassiert. Nennt Preise und gibt Wechselgeld zurück. Jeder erwartet das von ihr, mehr macht sie nicht.

Frau Uhle ist attraktiv, wenn auch ein bisschen zu, ähm, braun. Also Sonnenstudiobraun. Das sieht einfach nicht gesund aus. Und Frau Uhle hat einen Diamanten an der Nase. Glitzert schön, vielleicht ist das nur Glas oder Plastik. Oder ein Popel. Frau Uhle, Frau Uhle. Sie wartet und wartet. Gezeiten. Monde. Die Decke ist weiß, das Förderband schwarz. Ich habe irgendwann alles angeguckt, alles gesehen. Frau Uhle vor Monaten schon. Die rothaarige Frau packt noch immer ein. Die Dosen. Das Obst. Die Leberwurst. Sie könnte der Kassiererin ja schon mal ein bisschen Geld geben – wie wäre das? Ein bisschen mitdenken und mitmachen, mal an den jungen Mann denken, der sein Leben noch vor sich hat und mehr von der Welt als diesen Supermarkt sehen will. Das Meer, das andere Ende des Kontinents, der entlang schrammt. Die Fernsehzeitung. Die Butter. Die Bierdosen.

Frau Uhle zählt ihre Fingernägel durch. Alle noch da, alle elf Stück.

«Entschuldigung, aber der elfte ist meiner.»

Also nur zehn. Zehn ist normal. Zehn Finger mit lackierten Fingernägeln. Frau Uhle, Frau Uhle. Sie geht oft ins Sonnenstudio, denke ich mir, will sie aber nicht fragen. Geht mich nichts an. Ich war noch nie im Sonnenstudio. Habe immer die echte Sonne zum Bräunen verwendet. Oder Frau Uhle war im Urlaub. Mit ihrem Freund am Pool liegen. Abends ficken.

Die rothaarige Frau guckt mich plötzlich an.

«Was, was? Ficken? Was denken Sie denn da?»

«Ich muss mich entschuldigen, aber geben Sie der Frau Uhle doch schon mal ein bisschen Geld, damit sie das Wechselgeld aus der Kasse suchen kann.»

«Was fällt Ihnen ein, ich gebe mein Geld, wann ich will, und nicht, wann Sie das wollen! Sie Schwein – ficken sagt man nicht.»

«Ich habe es auch nur gedacht.»

«Trotzdem!»

«Bitte geben Sie der Frau Uhle ein bisschen Geld.»

Wie sehr ich ihr in die Fresse schlagen will, der rothaarigen Frau.

«Das macht 98,76 Euro», sagt Frau Uhle.

Bei Gott, hoffentlich fängt die Alte jetzt nicht an und fummelt die 76 Cent in einzelnen Centstücken aus ihrer Scheißgeldbörse! Jebus! Die rothaarige Frau zieht einen 100-Euro-Schein heraus, reicht ihn rüber zu Frau Uhle. Jubel bricht aus, es geht weiter, wir werden hier nicht sterben. Mein Grabstein an Kasse zehn. Jebus! Frau Uhle hat das Wechselgeld schon parat, hier noch der Bon, auf Wiedersehen, danke für Ihren Einkauf, blablabla. Die rothaarige Frau, die so alt ist wie Gott und das Universum stopft die Moneten in ihre Handtasche. Und dann packt sie weiter ein,

Packungen und Dosen vom Förderband in ihre Tasche, ganz in Ruhe, nur keine Hektik. Ich sterbe.