Stimmt so!

Meine Begleitung und ich sind in meinem Lieblingscafé. Sie hat gerade ihr Eis aufgegessen. Ich bin noch an meinem Bagel dran, Mozzarella-Tomate. Ich habe mich gegen das Essen mit den Händen entschieden und benutze als Verlängerung meiner Finger Messer & Gabel, um einer Sauerei zu entgehen. Genau genommen benutze ich natürlich meine Hände, ich meine nur, dass ich den Bagel nicht in die Hand nehme und ihn zum Mund führe, wie ich es mit einem McChicken machen würde. Zu McDonald’s können wir aber nicht, weil meine Begleitung (1) Vegetarierin ist und (2) ihr kulinarischer Anspruch ein Abdriften in Fast-Food-Gefilde nicht zulassen würde. Ich habe da nichts gegen, wie gesagt: Wir sitzen in meinem Lieblingscafé und ich esse Bagel und sie Eis, bzw. ist sie schon fertig und legt den Löffel auf die Schale und guckt mir beim Essen zu. Anstatt mir was zu erzählen, stellt sie mir Fragen, die ich mit vollem Mund beantworte, weil sonst Stille herrschen würde – zumindest an unserem Tisch. Um uns herum sitzen viele andere und sabbeln und trinken und lachen. Hier ist es immer voll, weil es das Lieblingscafé vieler anderer Leute ist.

«Siehst du denn deine Großeltern oft?», fragt meine Begleitung. Ich habe ihr zuvor erzählt, meine Eltern selten zu sehen.

«Nein», sage ich, wobei mir feuchte Mozzarellabröckel aus dem Mund fallen und auf den Teller klatschen. «Die leben aber auch in ihrer eigenen Welt – geografisch und gesellschaftlich.»

«Wieso?»

Die Lust, über meine Verwandtschaft zu reden, rutscht mitsamt Mozzarellapampe meinen Hals hinunter und zergeht in meiner Magensäure. Ich habe ihr das alles auch schon mal erzählt.

«Die haben kein Internet.»

Um uns herum herrscht plötzlich rege Aufbruchsstimmung. Es braucht nur einer aufstehen und gleich folgt ein kollektives Aufstehen und Anziehen. Wie ein Dominostein, der ein großes Klackern in Gang setzt. Arme werden in Jackenärmel geschoben und Geldbörsen zurück in Gesäßtaschen gedrückt, wo das viele Kleingeld die Hose ausbeult. Der Schichtwechsel dauert nicht lang und für Nachschub ist längst gesorgt.

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Plastik gegen Plastik

Der große Buchladen in der Stadt heißt jetzt anders. Außerdem haben sie jetzt Rot als Erkennungsfarbe. Und damit die Leute das alles auch mitkriegen, hat man sich eine tolle Tütentauschaktion überlegt: alte Tüte (in schwarz/gelb) gegen neue Tüte (weiß/schwarz/rot). Tüte, wie in: Plastiktüte, Einkaufstüte, «Brauchen Sie dafür eine Tüte?» – «Danke, das geht so».

Außerdem haben sie Büchergutscheine verlost, was mich dann sofort angelockt hat, denn ich sammle Bücher.

Also renne ich in den Buchladen, habe die alte Plastiktüte dabei und kriege dafür eine neue mit Kugelschreiber drin und Gummibären und einem Gutschein für den Onlineshop des Buchladens. Omas1 sind da und Mädchen, die fragen, wo es Harry Potter en anglais gibt (oben bei den Jugendbüchern). Ein alter Mann mit grellweißen Haaren studiert die Sonderangebote. Er überlegt, ob der Kauf eines allzu dicken Buches sich noch lohnt.


Wenn ich jetzt mal eine Plastiktüte als Müll deklarieren darf (und ich darf das), dann muss ich in Retrospektive (und auch während meiner Handlung) feststellen: Ich habe Müll durch die Gegend geschleppt und neuen Müll erhalten; mehr Müll, als ich vorher hatte, den ich dann wieder nach Hause geschleppt habe. Somit war ich den ganzen Tag mit Müll unterwegs gewesen.

Ernüchternd, da hilft auch die Entlohnung in Form eines Fünf-Euro-Gutscheines nicht, denn dieser Gutschein ist (a) nicht gültig für Bücher2 und (b) erst einzulösen ab einem Bestellwert von dreißig (30) Euro. Um also fünf (5) Euro zu sparen, muss ich eine DVD oder CD oder Bluray finden, die ich einigermaßen haben will und den Rest mit Büchern auffüllen, um dreißig Euro zusammenzukriegen – um dann 5 Euro zu sparen. Wegen 2 ist die Auswahl an Nichtbüchern aber eher mau und die Preise gut fünf Euro über denen von Amazon, wo ich eigentlich meinen Filmnachschub zu bestellen pflege. Für mich ist der Gutschein als nette Geste nicht mehr als ein Stück Papier, auf das ich mir nicht mal Notizen machen kann, weil Horror vacaui3. Also liegt der Gutschein jetzt im Müll und die Tüte in einer anderen Tüte, in der ich Tüten lagere. Und die Gummibärchen sind alle enthauptet.

  1. Eine Oma erkundigt sich besorgt bei einer Verkäuferin, warum der Laden denn nun einen neuen Namen habe und ob nun alle Verkäufer und Verkäuferinnen entlassen und durch Roboter und iPads ersetzt werden würden. Die Verkäuferin, die Lose für das 500-Gutschein-Gewinnspiel verteilte (bei dem ich nicht gewann), konnte die Oma beruhigen: Niemand würde entlassen werden, nur der Name samt CI wären eben anders. Die Oma entschied, den Laden auch weiterhin beim alten Namen zu nennen; eine Umschulung würde sich sowieso nicht mehr lohnen. Ihr Mann hat dann doch kein Buch mehr erworben, aus ähnlichen Gründen.
  2. Was erstaunlich inconvenient ist, handelt es sich doch um einen virtuellen Buchladen, dessen Sortiment hauptsächlich aus, na klar, Büchern besteht. Bücher, Bücher, Bücher. Immerhin reicht es wohl, wenn ein einziges Produkt ein Nichtbuch ist, um den Gutschein mit roten Bäckchen einlösen zu können. Die roten Bäckchen wären in meinem Gesicht zu sehen.
  3. Und mir ist auch klar, dass es in Deutschland offenbar illegal ist und mit dem Tode bestraft wird, wenn irgendwer auf preisgebundene Bücher einen Rabatt gewährt – vulgo diese Einschränkung auf «Nichtbücher».