Wie gewonnen

Im Casino träumt hinterm Panzerglas eine schöne Frau, die mein Bargeld in Jetons umtauscht. Die Schönheit der Frau beseitigt jeden Zweifel darüber, ob ich mehr oder weniger Geld aufs Spiel setzen sollte. Ein Blick die Augen dieser Frau genügt und ich räume träumend mein Konto leer. Alles auf Rot, alles auf Liebe.

Nüchtern läuft’s dann am Roulette-Tisch richtig gut; schnell habe ich mein Geld verdoppelt und dann sogar etwas mehr. Eine kleine Frau mit kurzen Haaren schmeißt Hunderter auf den Tisch, verzockt und gewinnt. Sie redet Code, gibt knappe Anweisungen. Der Croupier setzt. Nichts geht mehr.

Pause an der Bar. White Russian, weil – ich weiß auch nicht. Scheiß Big Lebowski. Exakt (sic) zehn % Trinkgeld gegeben.

Angetrunken läuft’s beim Roulette nicht mehr so gut. Die Gier in den Augen, auf der Zunge, ein Zittern in den Händen, Wagemut und Dummheit – bis schließlich alles weg ist und ich mit leeren Taschen zwischen denen stehe, die noch längst nicht pleite sind und vorhaben, noch zu bleiben. Ein blondes Mädchen setzt mit einem Schlag mehr Geld, als ich je besaß. Und gewinnt. An der Decke beobachten schwarze Augen unser Treiben; sie halten Ausschau nach Rain Man. Ich bin es nicht.

Ein Mann mit altmodischen Haaren, die sich in Wellen auf seinem Kopf bewegen, wenn er sich aufregt. Und das tut er: sich aufregen.

«Ausgerechnet die 3!», singt er, «ausgerechnet!»

Er hat alles verloren, steht auf, zieht im Stehen die Jacke an, will gehen. Er trinkt seinen Kaffee aus, der auf einem kleinen Wagen mit anderen Tassen steht. Der Mann schlüpft in seine Jacke und sucht schimpfend nach Mitleid oder Verständnis oder sogar nach der großen Liebe in den Augen der Fremden, die sich um den Poker-Tisch versammelt haben. Ich bin einer dieser Fremden und versuche das Spiel zu verstehen und lese in den P-P-P-Poker Faces der Männer am Tisch. Da sitzt nur eine Frau, dick und blond, ich sehe nur ihren Rücken, ein Rücken kann entzückend – muss er aber nicht. Am Kopf der Tafel sitzt einer mit riesiger Sonnenbrille im Gesicht; vor ihm liegen die meisten Chips, richtig viele. Er muss stinkreich sein. Er bewahrt Ruhe und erklärt, was die anderen falsch machen. Er ist Profi und sicherlich jeden Abend hier. Der andere Mann ist in seiner Jacke angekommen, nun geht er. Ausgerechnet die 3! Verlierer des Abends.

Taschenspielerin

Der eiskalte Wind wehte mich ins Geschäft, das Taschen und Portemonnaies einer Marke verkaufte. Auf jeden Kunden kamen drei Verkäufer. Sofort begrüßten sie mich, als freuten sie sich, mich zu sehen. Was sie nicht wussten: Ich wollte eine ganz bestimmte Umhängetasche. Ich hatte mich vorbereitet und war überinformiert. Auf eigene Faust wollte ich die Regale durchstöbern und die Tasche entdecken. Die Köstlichkeit der Entdeckung würde mir den grauen Tag versüßen, dachte ich, und ließ die Damenhandtaschen links & rechts liegen und näherte mich dem Regal mit den Umhängetaschen.

Da stand auch ein Mädchen mit großer Brille, das mich siezend fragte, ob ich denn Hilfe bräuchte, was ich verneinte. Ich wusste ja, was ich wollte. Das Mädchen stellte sich wieder zurück an die Steckdose und ließ mich machen. Und ich machte und suchte und schaute – fand aber nicht die Tasche, die ich wollte.

Hilfesuchend wandte ich mich nun doch an die Verkäuferin mit der zu großen Brille und beschrieb ihr die Tasche, die ich suchte. Sie schaute mich an, als wollte ich Uran von ihr, oder Urin.

«Einen Moment», sagte sie und ging zu einem anderen Mädchen, das hier im Laden das Alphatier war. Sie war ein Profi und kam zu mir und tat ganz interessiert. Geduldig hörte sie mich die gewünschte Tasche beschreiben. Sie sagte, dass ich Montag zurückkommen solle, da würde die neue Kollektion aufgebaut werden, vielleicht ist die Tasche dann dabei. Ob das gewünschte Produkt denn auch wirklich von [Markenname] sei, fragte sie mich. Wahrscheinlich zur Sicherheit.

«Natürlich», sagte ich, «sonst wäre ich nicht hier, sondern Zuhause, im warmen Wohnzimmer, lesend, schlafend, was auch immer, aber bestimmt nicht hier!»

Ich nölte noch ein bisschen, was die überfreundliche Verkäuferin endlich ins Warenlager verschwinden ließ. Also, in den Keller, der als Lagerraum fungierte.

«Ich glaube, ich weiß jetzt, welche Tasche Sie meinen», säuselte sie noch.

«Siezen Sie mich doch nicht ständig», sagte ich.

Während sie im Keller nach der Tasche suchte, erfroren draußen Ohren. Neben mir redete eine Frau viel zu laut über ihre Traumtasche. Schwarz sollte sie sein und glatt und schlicht. Die Verkäuferin mit der großen Brille tat ihr Bestes. Dann kehrte die Alpha-Verkäuferin zurück, aktivierte ihr Verkaufslächeln und erzählte mir umschweifend, wie toll diese Umhängetasche sei.

Duh!

Wusste ich alles längst, deswegen wollte ich sie ja erwerben, deswegen war ich hier. Der Verkauf war längst getätigt, selbst wenn die Verkäuferin über den Holocaust referiert hätte.

«Die nehme ich», sagte ich schließlich. Die Alpha-Verkäuferin kann sich nun einbilden, eine sehr, sehr gute Verkäuferin zu sein. War sie vielleicht auch; mir redete sie allerdings ein bisschen zu viel Bullshit. Und wenn schöne Menschen plötzlich allzu freundlich zu mir sind, weiß ich, dass sie mir entweder was andrehen oder mich töten wollen.

«Ganz schön kalt draußen», smalltalkte die Verkäuferin, während sie die Bürokratie erledigte.

Ich bejahte: «Ganz schön kalt heute.»

Sie sagte, sie sei sehr froh, jetzt zu arbeiten, weil es im Laden angenehm warm sei.

Das stimmte schon, deshalb nickte ich. Dann erzählte ich ihr, dass ich schon laufen war.

Das beeindruckte sie aber nicht, sie musste aber zugeben, dass ihr die Ohren abfrören, wenn sie heute liefe. Als visuelle Unterstützung deutete sie sogar auf ihr rechtes Ohr. Es war makellos und mit einer Perle geschmückt.

«Ja», sagte ich – oder so was in der Art.

Als die Verkäuferin mir schließlich die erworbene Tasche überreichte, stand sie so vor mir, als erwarte sie eine Umarmung. Ich ließ es aber bleiben und ging. Die zehn anderen Verkäufer verabschiedeten sich lächelnd von mir. Sie sahen mir nach, wie ich von der eisigen Windböe weitergetragen wurde. Mit meiner neuen, tollen Tasche.

Graufahrer

In der Stadtbahn fiel mir ein, dass ich schwarzfuhr. Meine Monatskarte lag zuhause, nahm ich an, genau wusste ich es nicht. Sie hätte auch in einer fremden Tasche stecken können, in der Tasche eines Langfingers, der sie wiederum mir aus der Tasche gelangfingert hatte, ohne, dass es mir aufgefallen war. Mir wurde in meinem Leben bisher nur ein Fahrrad gestohlen. Und Zeit, en masse.

Kalter Schweiß lief an mir herab, was an den Blicken lag, die mich straften: Schwarzfahrer! Schwarzfahrer! Sie zahlten ja alle – und nicht gerade wenig. Neben mir saß eine Frau, die in der Lokalzeitung las, dass die Betreiber der Bahn zum Ende des Jahres noch mehr Geld (= 10 Cent) für ihre Tickets haben wollen. Ich war umzingelt von Weißfahrern, von ehrlichen Häuten, geschröpften und ausgebeuteten Häuten. Wie unfair also, dass ich so ganz zum Nulltarif in der Bahn saß. Dabei besaß ich doch die Monatskarte – aber das würde mir niemand glauben: Als notorischer Realitätsverbieger geht mir die Wahrheit nur verkrampft über die Lippen, was Gesprächspartner gleich eine Lüge vermuten lässt. Ich wartete ab und hoffte, dass sich kein Mob bilden würde; glücklicherweise war es noch früh am Morgen und die Leute viel zu müde für einen Lynchmord an einem Graufahrer.

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Was Jesus täte

Neulich war ich mit meiner Begleitung im Kino. Wir verzichteten auf modernen 3D-Schnickschnack und sahen ein altbewährtes Lichtspiel, welches immerhin von einem digitalen Projektor an die Leinwand geworfen wurde. Meine Begleitung bemerkte den Bildunterschied gar nicht, während ich voller Begeisterung ob der herrlichen Farben und Kontraste glatt die Leinwand ablecken wollte. Ich tat dies aber nicht, weil ich ganz nach vorne hätte gehen müssen und der Boden so dermaßen klebte, dass nur ein zähes Schleichen möglich war. Der Abspann wäre längst gelaufen, ehe ich unten angekommen wäre. Also blieb ich sitzen und machte meine Sitznachbarin auf das hervorragende Bild aufmerksam.

«Keine Fussel, keine Flusen und keine Flecken – siehst du das denn nicht?»

«Ne.»

Zuvor hatten wir in der langen Schlange gestanden, um reservierte Karten abzuholen. Während ich meine Begleitung mit meinen Überlegungen langweilte, stand plötzlich die Kinokartenverkäuferin (Kkv) auf, lugte über die Scheibe – sicherlich Panzerglas – und richtete das Wort an uns, die wartenden Kinogänger (Kg).

Ob denn jemand die Güte besäße, einem kleinen Mädchen hier vorne fünfzig Cent zu geben, sie würde sich sonst die Kinokarte nicht leisten können, erläuterte die Kkv in indirekter Rede. Mir kamen die Tränen.

Ihr selbst sei es in der Rolle als Kkv nicht gestattet, während der Arbeit Bargeld mitzuführen, weswegen sie sich nun voller Hoffnung an uns, die guten Kg in der Schlange, wendete.

«Hat sie denn keine Münzen in der Kasse», fragte eine adipöse Frau hinter mir und schüttelte den Kopf so stark, dass ich ihr Gesichtsfett schlabbern hören konnte.

Ich weinte noch mehr, meine Tränen waren jetzt so dick, dass mir der Tränenkanal schmerzte. Vorne stand das liebenswürdige Mädchen und wartete geduldig auf die Spende. Sie war ein bisschen pummelig und Brillenträgerin. Sie war ganz allein hier, was ich bewunderte. Meine heimliche Fantasie, allein ins Kino zu gehen, gewann fast schon an erotischer Spannung, als mein Dozent in seiner Vorlesungen über das Buch Bowling Alone (2000) spottete: Nur ein Kinobesuch ohne Begleitung ist ähnlich traurig wie alleine bowlen zu gehen. Welch verbotenes Vergnügen das wäre, gesellschaftlich geächtet wie früher die Homosexualität vielleicht.

Meine Begleitung schaute mich irritiert an, sie las schon wieder in meinen Gedanken. Schnell kramte ich lieber mein Portemonnaie hervor und wir alle taten so, als suchten wir nach 50 Cent. Ich fand die passende Münze auch, wartete aber darauf, dass der Mann vor mir Kleingeld aus seinem Bestand zur Verfügung stellte. Und endlich verlor er die Nerven, wahrscheinlich fing sein Film gleich an. Er hielt eine brandneue Münze in die Luft – sie glänzte und funkelte – und schritt nach vorne.

«Ich bin Chris(t) und tue dies gerne, denn Jesus würde es auch tun», erklärte der Mann uns Gaunern, die auf den Boden schauten (auf der Suche nach noch mehr Geld).

«Jesus war gar kein Kinogänger», wusste ich und wischte mir die Tränen aus den Augen. Der edle Spender war der Held des Abends und wir alle ihm äußerst dankbar. Viele von uns dachten darüber nach, ihm ein Denkmal aus Popcorn zu errichten.

Das war uns dann aber doch zu teuer.