Gott zwischen den Seiten

In der großen Buchhandlung in der Innenstadt erstand ich: ein Buch. Zu Hause entfernte ich die Plastikfolie, was mir immer großen Spaß bereitet, aber nur, wenn die Folie dünn ist und sich leicht entfernen lässt. Ich schlug das brandneue Buch auf – und entdeckte sofort einen bräunlichen Fleck auf Seite 11. Meine Finger sind offenbar elf Seiten lang, überlegte ich wirr, und betrachtete den wunderlichen Fleck. Er war hart und krustig.

Was war das? Vogelkot? Blut? Ein plattgewalztes Tier? Ausgelaufene Farbe? War das vielleicht sogar Gott?

Zunächst wollte ich mir einreden, dass mich der Fleck nicht stört, dann aber überwog mein innerer Pedant, der schrie: «Ein Fleck in einem 30 Euro teuren Fachbuch ist inakzeptabel. Das bringen Sie so schnell es geht zurück!» Ich willigte ein, na gut, dann tausche ich das Buch eben um. Der Fleck hätte mir sicherlich schlaflose Nächte bereitet.

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Erlösung im Elektronikgeschäft

Der Einkauf im Elektronikgeschäft ist mir immer etwas peinlich. Besonders dann, wenn ich dort ein Videospiel erwerben will. Ich finde nämlich, dass ich als Ü-30er keine Videospiele mehr kaufen und spielen sollte. Stattdessen sollte ich endlich einen Baum pflanzen, ein Haus aus Lehm bauen und ein Kind streng erziehen. Auf dem Sofa zu liegen und Menschen zu erschießen, erscheint mir keine adäquate Tätigkeit für einen Erwachsenen zu sein. Denn mindestens müsste ich den Müll rausbringen, die Blumen gießen, den Nachbarn verprügeln, die Steuern machen, einen Brief an die Vermieterin schreiben1 – und einiges mehr, es gibt viel zu tun.

  1. Sehr geehrte Vermieterin, wieso ist es so, dass der Hinterhof eine solche Beleidigung fürs Auge darstellt? Und darf ich höflich nachfragen, wieso die Wohnungstüren in diesem Mehrparteienhaus aus Pappe und Gips sind? Zudem sei mir die Frage gestattet, wann der versprochene Balkon […]

Nun ist es aber so, dass ich leicht erregt das hiesige Elektronikgeschäft betrete. Saturn in der City. Am Eingang stehen ein dünner Kerl im Anzug. Er ist offenbar eine Art Türsteher; ein schlechter Türsteher, denn er lässt jeden rein, wirklich jeden.

Es ist 13 Uhr, ich habe heute frei. Ich sehe Schüler, Studenten, alte Menschen, junge Menschen – hier ist der bundesdeutsche Durchschnitt versammelt. Würde man zufällig den Musikgeschmack der Anwesenden abfragen, würden sie furchtbare Antworten geben. Fischer. Foster. Radio.

Oben in der zweiten Etage. Nur Loser bei den PC- und Videospielen, Jungs, die 13 Jahre alt sind und hässliche Haare haben; Jungs, die alle lächerlichen Klischees erfüllen, die andere über «Gamer» hegen und pflegen. Wahrscheinlich sah ich auch so aus, als ich damals bei Karstadt zwischen den N64-Spielen herumlungerte und immer mal wieder zu den Playstation-Spielen rüberschielte. Richtig geil: Resident Evil!

Jetzt aber fühle mich erhaben, bin also von Würde und Feierlichkeit bestimmt, denn ich bin frisch geduscht und ordentlich gekleidet. Meine Herren, gestern ging ich sogar ordentlich arbeiten und ich habe mein Leben einigermaßen im Griff. Nur der Biomüll müsste nun mal echt raus. Mein weich erarbeitetes Geld will ich jetzt für Blödsinn ausgeben und ich verfüge zusätzlich über einen 5-Euro-Gutschein, den mir das Unternehmen zum Geburtstag schickte. Ich spare also auch noch etwas Geld, das ich später in Biogurken in Plastikfolie und Chiasamen im Pappkarton investieren kann.

Meine Herren, lasst mich jetzt mal durch! Anders als ihr muss ich nicht erst dreimal hin und her überlegen, ob ich mir «Red Dead Redemption II» sofort kaufe oder doch nicht. Ich habe die scheiß Kohle einfach und kaufe, was ich will. (Und wieder sehe ich mich als 11-jährigen Spacko bei den sündhaft teuren N64-Spielen herumstehen, während Mama nach neuen Geschirrtüchern schaute. Irgendwann kann ich mir die Spiele einfach kaufen, dachte das kleine Ich damals. Der Kaufhausdetektiv seufzte und schüttelte den Kopf. Jetzt klau das Spiel halt endlich, du kleiner Lump, dann kann ich dich festnageln und muss dir nicht mehr hinterher schleichen wie der letzte Päderast. Doch den Gefallen tat ich ihm nicht, lieber ging ich meiner Mutter so lange auf die Nerven, bis sie Shadows of The Empire rechtmäßig erwarb, für 149 D-Mark. Oder ich bekam es zum Geburtstag, kann auch sein.)

In der Gegenwart schleichen Jungs herum, einer begrapscht lustvoll stöhnend die Gaming-Tastaturen, die im Dunkeln leuchten; ein anderer Creep fingert zwischen den PS4-Spielen herum. Zwei Jungs, die beste Freunde sind und gleich doppelt lächerlich aussehen, wenn sie so nebeneinander stehen, starren gebannt auf einen Stehtisch, an dem ein blasser Mitarbeiter des Marktes ein paar Kunden schlecht berät. Auf diesem Stehtisch liegen auch einige Exemplare des Videospiels, dessentwegen ich an diesem höllischen Ort weile.

Hier das Problem: Im regulären PS4-Bereich ist das Spiel nicht mehr zu finden – da liegen nur noch drei Exemplare der überteuerten Premium-Version – 100 Euro für ein fucking Videospiel. Ein junger Mann mit Damenbart ist so verzweifelt, dass er «dann halt» die teure Version mitnimmt. Das sehe ich jedoch nicht ein, ich will so wenig Geld wie möglich für das Spiel ausgeben, es aber sofort haben.

Dann habe ich etwas Glück: Der schreckensbleiche Mitarbeiter verlässt seinen Stehtisch und verschwindet mit den Kunden zwischen den Regalreihen.

«Bitte die Tastaturen nicht ablecken!», höre ich ihn noch sagen. Dann rupft er das Namensschild von der Brust und zeigt seinen Nippel usw. usw. usw. Ich gehe schnell zum Stehtisch, nehme mir ein Spiel vom Stapel und verschwinde. Die Jungens staunen. «Der hat sich das einfach genommen», raunt einer. Und es ist verdammt traurig, dass ihn das beeindruckt hat.

Starke Schlepper

Ein Umzug, ich soll helfen. Wäre ja lieber im Bett geblieben, aber das tyrannische Gesellschaftsetwas erzwingt meine Anwesenheit. Anfangs stehe ich im Weg und betrachte das Chaos. Mein Blick fällt auf den zerlegten Kleiderschrank. Selbst in Einzelteile zerlegt bleibt der Schrank ein unhandliches Ärgernis: die hohen Seitenwände, mit denen man versehentlich die Tapete aufschlitzt; die vielen Schrauben und Scharniere, die verloren gehen; die spitzen Schienen, die in die Haut ritzen. Und der viele Staub, der in der Nase kitzelt und auf der Haut juckt.

Eine Wohnung ist eine Ansammlung von Staubmäusen, die über den zerkratzten Holzboden rollen wie Sträucher in einem Western. Eine Wohnung ist ein Raum voller Kram, Gedöns und Zeugs. Unterm Sofa tauchen plötzlich Dinge auf, die in ferne Vergessenheit geraten waren. Die Besitzer dieser verlorenen Gegenstände erschrecken beim Anblick und schämen sich ein bisschen, wenn sie das hässliche Ding in die Hand nehmen. Beobachter sehen die Entfremdung und den Ekel, der die Besitzer des verloren geglaubten Gegenstands befällt.

Ein Umzu offenbart gnadenlos die Menge an überflüssigem Zeug, das sich in Jahren angesammelt hat und nur Platz verbrauchte und keine Freude (mehr) spendete. Zum Aussortieren ist es jetzt jedoch zu spät. Also kommt das alles erst mal mit ins neue Zuhause. Und so füllen sich die Umzugskartons, so füllt sich der gemietete Transporter.


Ich trage fremde Kartons und spiele mit ihnen Tetris. Mit dabei sind auch echte Männer, die richtig anpacken. Mir rutscht das Sofateil fast aus der Hand, es ist zu schwer, ich trage lieber eine hohe Schrankwand (und schlitze Tapeten auf). Die anderen Helfer balancieren Waschmaschine auf der Schulter. Lenin ist besonders kräftig. Mit stoischem Gesicht schleppt er ganze Schränke erst drei Stockwerke runter und später wieder ein Stockwerk hoch. Er trägt auch das Sofateil, das mir zu schwer war. Allein. Lenin verzieht keine Miene, schwitzt aber gewaltig. Deo kennt Lenin nicht.

Als ich ein paar Schubladen nach unten trage, sagt der Vater der Wohnungsbesitzerin: «Nur nicht zu viel nehmen.» Ich weiß nicht, ob er das ironisch meint. Lenin hätte gleich die ganze verfickte Kommode mitgenommen. Und noch das Bett samt Matratze. (Die Fans wollen Lenin dann auch an der Bohrmaschine sehen, wie er damit die Wände penetriert.)


Die Kartons und zerlegten Möbel liegen und stehen in der neuen Wohnung. Zur Stärkung gibts Würstchen, Frikadellen und Bier. Männer lieben Bier und trinken schnell und mindestens zwei Flaschen, gern drei und mehr. Einer gibt zu, dass er gern auch Korn trinkt, Korn und Bier. Wer viel verträgt, kann sich der Anerkennung sicher sein. Der Vater der Wohnungsbesitzerin findet, dass die jungen Leute heute weniger Bier trinken als die jungen Leute früher. Er erzählt von seinem Moped. Wie er damals die Mädchen damit beeindruckt und abgeschleppt hat. Mit dem Moped nach Hause, ins Bett mit Ingrid. Später, mit 18, das erste eigene Auto. Unerlässliches Statussymbol.

Ich hab kein Auto und mir reicht ein Alster.

SPEX und MISSY

Im Hauptbahnhof, Spex und Missy kaufen. Im ersten Laden sehe ich nur die Spex, die lasse ich erst mal liegen und ziehe weiter. Dumme Entscheidung.

Im zweiten Laden gibt’s weder S noch M. Ein dürrer Mann mit grüner Cordhose zieht sich ein labriges Busenheft aus dem Regal und blättert konzentriert durch die Seiten. Ich ziehe weiter.

Im dritten Laden gibt’s Missy mit Sookee drauf; coole Frau. Von der Spex gibt’s aber nur noch ein Exemplar, das arg zerlesen aussieht – das lass ich lieber liegen. Der Mann mit der grünen Cordhose ist mir offenbar gefolgt, er knödelt jetzt an den PC-Zeitschriften vorbei, hin zu den Tittenheften. Ich hatte mich schon immer gewundert, wer die eigentlich kauft. Gibt’s doch alles im Netz, gratis, anonym, in endlosen Massen. Weiß die Cordhose vielleicht gar nicht, dass es das gibt.

Ich kaufe dann die Missy mit Sookee und ziehe weiter, zurück zum ersten Laden, die Spex holen. Als altmodischer Papierleser hat man es manchmal nicht so leicht.