Glosse: Endlich Ruhe

In Berlin gibt es neuerdings einen Friedhof für Lesben, auf dem Frauen, die Frauen lieben, ihre letzte Ruhe finden. Da sind sie dann ganz unter sich: keine verblödeten Macho-Spackos, denen nur dumme Sprüche einfallen, keine intoleranten Idioten, die lieber hassen, als zu leben.

Für sie und alle anderen Randgruppen kann es ja eigene Friedhöfe geben. Für jede Minderheit ein exklusiver Ort für die lange Zeit nach dem Sterben. Neben einem Friedhof der Kuscheltiere gibt es einen muffigen Raucherfriedhof, wo es ständig qualmt. Porschefahrer finden ihre letzte Unruhe auf dem Autofriedhof, auf dem geschnitten und geschimpft wird: über rote Ampeln, Radfahrer und Schlaglöcher. Und auch die Behinderten, Nazis und Dinkelbrot-Ökos haben ihre eigenen Ruhestätte – so kommen sie einander nicht mehr in die Quere und es herrscht himmlische Ruh.

Interessanter, das sind vielleicht doch die anderen

Eine solche Friedhof-Fragmentierung hat allerdings einen Nachteil: Wer sich nicht so recht entscheiden kann, wo er hingehört und liegen soll, müsste seine sterblichen Überreste zerteilen lassen. Immerhin tut das nicht mehr weh. Das Herz kommt dann auf den Lesbenfriedhof, die Lunge zu den Rauchern und die Hände zu den Taschendieben.

Viele fühlen sich zwar am wohlsten unter Leuten, die so ticken wie sie selbst. Wenn aber die Sargnachbarn allzu ähnlich sind, wird’s schnell öde. Zu viel Gleichheit nervt auf Dauer – und der Tod dauert lange, verdammt lange. Interessanter, das sind vielleicht doch die anderen. Die Raucher, die Ökos, die Briefmarkensammler.

Nur die Nazis, die sollen bitte unter sich bleiben.

Diese kleine Glosse entstand bei dem Seminar «Kommentare und Glossen» mit Cord Aschenbrenner, Akademie für Publizistik in Hamburg. Hier und da habe ich ein Komma verändert, ein Wort gestrichen.