The Gray Whale

Der graue Audi sieht brandneu aus. Behäbig wie ein alter Wal schiebt er sich auf die Straße. Dass ich dort fahre, sieht die Fahrerin nicht, denn sie schaute nicht nach links oder rechts, sondern fuhr einfach vom Parkplatz runter. Egal, na ja.

Ich bin also hinter dem Wal, rieche seine feuchten Furze. Eilig hat die Frau es nicht. Vor einer Bremsschwelle (vgl. Wikipedia) bleibt sie stehen, die Schwelle ist unbeeindruckend flach, ich bin mit dem Rad schon mehrmals darüber, weil ich die Existenz dieser Schwelle vergessen hatte. Kein Drama, aber doch für die Fahrerin des grauen Audis, der nun ganz vorsichtig, ganz zaghaft über die Schwelle wuppt. Geschafft, weiter geht’s, ich bin immer noch hinter dem Wal, rieche verdreckte Luft, will hier nicht sein.

Oje, das Ei-Schild

Es folgt eine Kreuzung, der Audi bleibt stehen, die Fahrerin denkt: Oje, das Ei-Schild, was bedeutet das noch mal? Eier sind doch eher rund, nicht viereckig, ist schon ein lustiges Schild, wenn man es mal genauer betrachtet. Von rechts kommt derweil ein blauer Honda angefahren, der keine Vorfahrt hat und deshalb anhält; alle halten, der Audi, der Honda und ich auch, der Idiot auf dem Fahrrad, der sich nun hinreißen lässt, an dem stehenden Audi vorbeizurauschen – die können das doch unter sich ausmachen, denke ich und freue mich, dieser lähmenden Situation entkommen zu sein.

Doch weit gefehlt: Ein Motor heult hinter mir auf, es ist der Audi, der erstaunlich schnell an mir vorbeirast, mich überholt und vor mir einschert, knappes Ding, aber die Fahrerin hat es mir gezeigt: Ein Fahrrad überholt mich nicht, oh nein! Schade, denke ich und verfluche alle anwesenden Götter und Halbgötter. Aber sie antworten nicht.

Wenige Meter später hält der Audi schon wieder an, denn die Ausfahrt ist durch eine Schranke versperrt und vor der Schranke steht ein alter Audi, dessen Fahrer versucht, die kleine Pappkarte in den Schlitz der Schranke zu schieben, um sie zu öffnen. Wie ein 12-Jähriger beim ersten GV, das Ding will nicht so recht hinein … Ups, gekommen. Dann bekommt der alte Audi es doch hin, fährt ab, der graue Audi fährt langsam zur Schranke, ich könnte rechts vorbeifahren, es ist aber eng, denn der Audi ist so breit, und die Fahrerin steht zu schräg. Ich könnte vorbeifahren, denn die Schranke ist so kurz, dass Radfahrer an ihr vorbeifahren können – ob Absicht oder nicht, weiß ich nicht –, aber ich mache das jetzt nicht, sondern warte, bis die Fahrerin die Schranke öffnet, und das klappt schließlich auch – wir sind frei, die Frau fährt davon, langsam, dann endlich biegt sie rechts ab, während ich geradeaus fahren kann. Der graue Wal gleitet auf die dreispurige Straße und schwimmt gemächlich hinein in den Nebel.

Der Behinderte

Am frühen Abend gerieten die Bewohner des Hauses in helle Aufregung. Ein Fremder hatte an der Tür geklingelt, zunächst bei uns, weil wir im Erdgeschoss wohnen. Ich öffnete widerwillig, der Mann betrat das Treppenhaus. Er trug eine runde Brille, einen dunklen Lederhut und einen schwarzen Anorak. Er sah einerseits aus wie ein Triebtäter; andererseits wie ein typischer Mann um die fünfzig, der etwas zu viel Zeit in Gebüschen verbrachte – was weiß ich denn? Ich kannte den Mann nicht und dachte: Bestimmt ein Nachbar von gegenüber, der sich bei mir beschweren will. Leute wollen sich immer beschweren, zum Beispiel über mein schlechtes Parkverhalten: Dass mein Auto völlig beschissen vor seiner Einfahrt stünde. Nur habe ich gar kein Auto, also musste der Mann irgendwas anderes von mir wollen.

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Wenn das Firmware-Update am Kabel scheitert

Firmware-Updates kosten Zeit und nerven. Besonders ärgerlich, wenn sie an einer Banalität scheitern – zum Beispiel an einem falschen Kabel.

Mir fiel ein, dass ich die Firmware von meiner Kamera aktualisieren könnte, von meiner Alpha 6300 der Marke Sony. Denn tatsächlich: Es gab längst eine neuere Version, ein brandneues Firmware-Update. Also stöpselte ich die Kamera via USB an meinen Mac und legte los. Ich musste zwei Dateien herunterladen und die eine in die andere ziehen und so weiter. Der Vorgang war etwas seltsam und erschien mir unnötig komplex, aber das ist typisch für Sony: allein das Kameramenü!

Jedenfalls funktionierte es nicht – die Software behauptete, dass keine Kamera angeschlossen wäre. Seltsam. Ich fragte Google, was zu tun sei und die allmächtige Internet-Göttin verriet mir, dass es sicherlich am USB-Kabel liegen würde. Ich habe die Kamera nämlich mit irgendeinem Kabel angeschlossen. Ist doch völlig egal, dachte ich. Aber nein, nein, schrieb die Hilfeseite von Sony. Nur das Originalkabel vermag ein Update zur Alpha zu transportieren, Sie Dummerchen!

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Auf Schritt und Tritt

Die Geißel des schreibenden Stubenhockers ist das Sitzen. Der Rücken wird krumm und die Gelenke werden morsch. Was dagegen tun? Aufstehen und in Bewegung geraten! Eine Woche lang habe ich mir vorgenommen, täglich 10.000 Schritte zu gehen oder zu laufen. Ich hatte am Montag und Dienstag versehentlich diese Marke überschritten und dachte: Die restlichen fünf Tage schaffe ich doch auch noch. Es war allerdings erstaunlich anstrengend, besonders am Sonntag.

Murrend um die Häuser

Zehntausend Schritte sind ganz schön viel, das ist ganz schön weit, nämlich sieben bis neun Kilometer. Diese Distanzen bin ich nie ab Stück gelaufen, ich musste mich mindestens zweimal am Tag aufraffen und eine Rund gehen oder durchs Gestrüpp joggen. Abends saß ich schon fast auf dem Sofa, als mir einfiel, dass noch 2000 Schritte fehlen. Also ging ich – leise murrend – vor die Tür und umrundete die Häuserblöcke, als wäre ich mit meinem unsichtbaren Hund unterwegs. (Der würde Natascha heißen und manchmal schnappen.)

Gut zu Fuß: Mindestens 10.000 Schritte pro Tag ergeben 75.285 Schritte in der Woche.

Am Sonntag bin ich losgerannt und durch den Stadtwald gejoggt. Ich wollte in kurzer Zeit möglichst viele Schritte sammeln. Nur kommt Google Fit mit dem Laufen nicht so gut klar – am Ende der Tour hatte ich erstaunlich wenig Schritte auf dem Tacho. Oder die App ist so klug und zählt beim Laufen größere Schritte1. Ich nehme an, dass beim normalen Gehen die Schrittlänge kürzer ist als beim Laufen. (Usw.) Jedenfalls flanierte ich dann auch am Sonntagabend meine «sinnlose Runde» durch den Stadtteil, um die fehlenden Schritte abzulatschen. Es war kalt, weil der Wind von vorne wehte. Es war dunkel und vor allem langweilig. Hätte ich doch einen echten Hund, mit dem ich über Luhmanns Systemtheorie quatschen könnte.

  1. Genau genommen liest die App ja nur den Bewegungssensor im Handy aus und interpretiert die erfassten Daten. Wahrscheinlich ist das sogar ziemlich genau (und ich hätte einfach eine Extrarunde joggen müssen).

Alles nur ausgedacht

Die täglichen 10.000 Schritte sind übrigens Quatsch und basieren keineswegs auf wissenschaftlichen Studien. Die willkürliche Zahl stammt aus der Werbung, alles nur ausgedachtes Marketing. Es würden wohl auch 7500 Schritte am Tag ausreichen, sagen einige Studien. Andere gehen davon aus, dass 10.000 sogar zu wenig sind. Nichts genaues weiß man nicht. Ich jedenfalls habe mein Tagesziel erst einmal reduziert, auf 7500, damit ich motiviert bleibe, mich täglich zu bewegen.