Zweite Kasse, bitte

31. Januar. Ich glaube, der Supermarkt um die Ecke ist eine perfide Kunstinstallation. Irgendein Künstler, der mal Soziologie studiert hat, errichtete diesen Laden, in dem alles viermal länger als nötig dauert. Versteckte Kameras filmen, wie die Kunden allmählich verzweifeln und mit sich ringen und hadern: Warum bin ich hier, warum gehe ich nicht einfach, lasse alles stehen und liegen und bin frei?

Die Kassiererinnen sind engagierte Aktionskünstlerinnen / günstige Schauspielerinnen, die möglichst lange zum Kassieren brauchen sollen. Das ist ihre Aufgabe. Zwischendurch führen sie nette Privatgespräche, während immer mehr Menschen sich an der Kasse anstellen und erst allmählich verstehen, dass sie hier sterben werden, in der längsten Schlange an Kasse 2. Genau so fühlt sich die Unendlichkeit an.

Geführt wird der Laden von einem alten Kind, das absichtlich komisch spricht und möglichst unfreundlich Kundenbeschwerden beantwortet. Und wenn du jemanden fragst, wo das Kaugummi ist, sagen sie dir, dass es keins gibt. Die Frau an der Brötchentheke guckt dir nie in die Augen, und du stehst verloren vor der Theke und murmelst hilflos: «Das Baguette hätte ich gern.» Diesen Wunsch ignoriert die Frau und geht lieber kacken und wäscht sich explizit nicht die Hände und berührt dann jedes verdammte Brötchen und die Geldscheine mit dem Koks dran.


4. März. Die Frau vor mir setzt die Welt in Flammen und zahlt ihren Einkauf tatsächlich – in Cent-Münzen! Sie legt einen Haufen Kleingeld auf das Band, wo ihr Kram liegt. Sie kauft: Sardellen, Müllbeutel, Dosenfleisch, Rasierklingen, Leberwurst und ein Goldenes Blatt. Hinter mir stellen sich immer mehr Menschen an; sie ahnen noch nicht, dass sie hier sterben werden, in der längsten Schlange an Kasse 1.

«Geben Sie mir mal das Klötzchen», sagt die Frau hinter mir und deutet auf den Warentrenner. Dann zupft sie aus den Tageszeitungen eine BILD und legt sie zu den Dosenwürstchen. Ihr Kind zerfertzt derweil das gesamte Zeitschriftensortiment. Print ist tot.

Die Kassiererin zählt die Münzen: ein Cent, zwei Cent, drei, vier, fünf Cent, zehn, elf, neunzehn Cent. Draußen toben Kriege, sterben Tierarten aus. Herrscher kommen und gehen. Wir sind Jahrhunderte hier, der Planet ist gar nicht mehr wiederzuerkennen. Im Jahr zehntausendundeins hat die Kassiererin die Summe zusammen: «16 Euro und 78 Cent» – die Währung gibt es längst nicht mehr. Uns gibt es nicht mehr. Die Frau, ihre BILD, das Kind. Alle sind tot.

«Möchten Sie den Bon?»

«Ja, bitte.»

Auf dem Band liegt noch eine Guthaben-Karte fürs Mobiltelefon. Die will die Cent-Frau auch noch kaufen, will sie aber extra bezahlen, sie braucht einen separaten Bon. Hinter mir sind Menschen gestorben, die Alten zuerst, dann die Kranken und die Schwachen, ein paar Kinder. Deren Skelette liegen da herum – wo hätten wir sie beerdigen sollen?

«Neunfünfundneunzig, bitte.»

Oh Gott (der längst tot ist), wird die Frau auch ihr Guthaben in Cent-Münzen zahlen? Werden wir jemals wieder das Tageslicht auf unserer blassen Haut spüren?

Hate Thy Neighbour

Die traurige Frau, die in ihrem Fenster sitzt und ins Nichts starrt; manchmal kommt jemand vorbei und fragt, wie es ihr geht und die traurige Frau sagt: «Gut geht’s». Dann sitzt sie wieder allein in ihrem großen Fenster, raucht. Manchmal geht sie mit dem Hund raus, raucht.

Die Psychologin im Erdgeschoss hat auch einen Hund – aber keine Lust auf lange Spaziergänge. Wenn sie mit der kläffenden Töle unterwegs ist, reicht ihre Lust bis zur Bordsteinkante, wo der Hund gegen den VW Golf pinkelt. GTI. Die Pisse läuft die Straße runter. Sie gehen noch ein paar Meter, kehren aber schnell um, es ist sehr hell draußen und die Psychologin hat noch Alkohol von letzter Nacht im Blut, als sie gegen drei nach Hause kam und wankend versuchte, das Tor aufzusperren. Das klappte nicht und ihr Partyhut wehte davon, den musste sie einfangen, was schwer ist, wenn die Welt sich dreht und alles wankt und schwankt, als wäre die Straße ein Floß auf einem unruhigen Meer voller Haie.

Gegen das Chaos kämpft ein Mann mit Damenrad, mit dem er die Straße rauf und runter fährt und nach Müll Ausschau hält. Diesmal ist es ein hässlicher Bürostuhl. Kunstleder. Schwarz. Mit einem Zettel dran, man möge den Stuhl mitnehmen, ganz umsonst, bitte. An der Straße stehen oft Dinge, die ihre Besitzer nicht mehr wollen. Tüten mit Kleidern. Koffer. Tische und Sofas. Zerschnittene Menschen in Lidl-Tüten.

Am späten Abend müssen zwei Männer im Hinterhof mit tiefen Stimmen über die Welt sprechen. Lange, bis spät und sehr laut. wir alle können mithören, aber niemand ist zu sehen. Unsichtbare Stimmen, die nerven und am Schlaf hindern. Und dann ist Ruhe, es ist fast halb zwei. Schichtwechsel, jetzt hört der irre Berliner seine Musik und pöbelt in die Nacht, schimpft mit unsichtbaren Gespenstern, tobt, beleidigt und schreit. «Mohammed ist schwul», brüllt er in den Hof. Ein durchgeknallter Typ ist das, ein hageres Männchen, das als Gürtel eine Schnur benutzt. Manchmal steht er auf der Straße, manchmal im Hinterhof. Das Geschrei geht bis zum Morgengrauen, dann hat er alles gesagt und er schweigt. Schichtwechsel. Unter mir wird die Musik angemacht. Laut. Der Boden vibriert, die Musik ist fürchterlich, weil laute Musik das immer ist. Niemand mit Geschmack dreht auf, es sind immer die, die alles hören, das Banale und Seelenlose, die Popmusik ohne Aussage, aber mit viel Bass. Der haut durchs Haus und nervt. Schlechte Nacht.

Scherben bringen um

Vor dem Supermarkt. Jemand, der gern Bier trinkt, hat einige leere Flaschen fallen lassen. Der Verlust wäre zu verschmerzen: Es sind vielleicht fünf von einem Dutzenden Flaschen, die jetzt zerbrochen auf dem Gehweg liegen. Doch für jemanden, der den Pfennig ehrt, sind die vierzig Cent Pfand viel Wert. Deshalb gibt’s ein ziemliches Gezeter, der Flaschenbesitzer keift und beschimpft sich selbst und alle anderen.

Zur Hilfe ist eine Kassiererin geeilt. Die hat einen Besen dabei und sagt: «Das kann ja mal passieren.»

Der Flaschenmörder ist trotzdem außer sich. Zur Unterstützung pöbelt noch ein anderer Mann von rechts. Er sitzt neben dem Eingang des Supermarkts und bettelt normalerweise. Jetzt schimpft er, dann hustet er, dann würgt er und dann spuckt er einen großen Klumpen Schleim auf den Gehweg. Das kam dann doch überraschend. Mir wird etwas übel, das hat bisher noch keiner geschafft – und in der Gegend laufen wirklich ekelhafte Freaks umher, die überall hinpissen und torkeln und stinken.

Würde dieser Mann jetzt qualvoll ersticken, ich würde eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung in Kauf nehmen. Scheiß drauf. Der Kerl ist dürr und tätowiert, ihm fehlen ein paar Zähne. Er kriegt einen Hustenanfall, sein Körper krümmt sich. Ich kann mir das nicht ansehen und gehe lieber der Sonne entgegen, durch biergetränkte Glasscherben ins Glück.

S7 Wannsee

Berlin. In der S7 sitzen zwei Frauen, die eine ist dick, die andere hat bunte Haare. Ihnen gegenüber sitzt ein junger Mann mit Kinnbart und schwarzen Klamotten. Sie überlegen gemeinsam, wohin sie heute Abend noch gehen könnten. Die Frauen feiern gern, während der Mann lieber allein Bier trinkt.

«In Berlin beginnt das Wochenende bereits am Donnerstag», sagt Kinnbart. Heute ist Mittwoch, deswegen sei vielleicht nicht so viel los. «Es könnte auch Probleme bei den Türstehern geben, wegen meiner Weste.»

Tatsächlich sieht er mit der Weste aus wie ein Söldner, der gerade aus dem Dschungel kommt, die schwarze Kapuze macht’s nicht besser. Krieger sind auf den Tanzflächen Berlins nicht gern gesehen.

Eine Weile schweigen sie.

«Gut, ich könnte mich natürlich auch umziehen», fällt dem Söldner ein, «daran soll’s nicht scheitern.»

Die Frauen wissen auch nicht so richtig, was sie wollen. Tanzen? Sitzen? Trinken? Der Mann will sicherlich nur ins Bett, zusammen mit den beiden, wenigstens aber mit der einen. Das wird aber nichts, ahnen die anwesenden S-Bahn-Passagiere.

Sie einigen sich schließlich, dass sie einfach in eine Bar gehen werden.

«Ich bin aber pleite», gesteht der junge Mann.

«Kriegen wir hin», verspricht die Frau mit den bunten Haaren und der Söldner nickt.