Graufahrer

In der Stadtbahn fiel mir ein, dass ich schwarzfuhr. Meine Monatskarte lag zuhause, nahm ich an, genau wusste ich es nicht. Sie hätte auch in einer fremden Tasche stecken können, in der Tasche eines Langfingers, der sie wiederum mir aus der Tasche gelangfingert hatte, ohne, dass es mir aufgefallen war. Mir wurde in meinem Leben bisher nur ein Fahrrad gestohlen. Und Zeit, en masse.

Kalter Schweiß lief an mir herab, was an den Blicken lag, die mich straften: Schwarzfahrer! Schwarzfahrer! Sie zahlten ja alle – und nicht gerade wenig. Neben mir saß eine Frau, die in der Lokalzeitung las, dass die Betreiber der Bahn zum Ende des Jahres noch mehr Geld (= 10 Cent) für ihre Tickets haben wollen. Ich war umzingelt von Weißfahrern, von ehrlichen Häuten, geschröpften und ausgebeuteten Häuten. Wie unfair also, dass ich so ganz zum Nulltarif in der Bahn saß. Dabei besaß ich doch die Monatskarte – aber das würde mir niemand glauben: Als notorischer Realitätsverbieger geht mir die Wahrheit nur verkrampft über die Lippen, was Gesprächspartner gleich eine Lüge vermuten lässt. Ich wartete ab und hoffte, dass sich kein Mob bilden würde; glücklicherweise war es noch früh am Morgen und die Leute viel zu müde für einen Lynchmord an einem Graufahrer.

Ich musste wieder zurück und wog die Wahrscheinlichkeiten ab: Würden an einem Freitagabend Kontrolleure die Bahnen durchstreifen? Sicherlich, bestimmt, vielleicht, nicht. Vierzig Euro Strafe versus zwei Euro vierzig für ein Ticket. Ein Einzelticket. Denn das musste ich erwerben, weil ich (noch) keine persönliche Monatskarte habe, eine die im Abonnement kommt, sondern eine aus dem Automaten, übertragbar und frei verkäuflich. Wie ich erfuhr, konnte ich diese Karte nicht nachträglich vorlegen, um eine eventuelle Strafe auf sieben Euro zu reduzieren. Die Betreiber unterstellen einem nämlich, dass man die Karte ausgeliehen haben könnte, um 33 Euro zu sparen. Wenn also die Kontrolleure kommen und den Waggon zusammenbrüllen und das Vorzeigen der Karten verlangen, würde ich wie ein elendiger Schwarzfahrer behandelt werden und nicht wie ein Graufahrer, der ich nun eigentlich war. Mein Gewissen zwang mich also, eine Karte zu kaufen. Wie ich es verfluchte; wie gerne würde ich morden und stehlen und betrügen, wie gerne würde ich mir einfach nehmen, was ich will, ohne Rücksicht auf Verluste. Nein, so nicht, ich bleibe auch bei Rot stehen. Nicht an Gott zu glauben bleibt meine einzige Sünde – «Sünde», wie in: Freiheit.

Verspätet näherte ich mich also dem Automaten. Dort machte sich zu schaffen: The slowest thing on earth. Kramend das Portemonnaie auf den Kopf stellend, dem Bedürfnis nachgebend, den fälligen Betrag centgenau zu begleichen, wie ein Senior mit zu viel Zeit an der Supermarktkasse. Hinter dem Alten all der Hass der Eiligen und Rastlosen. Hier am Automat war nur ich.

Die Anzeige versprach die Ankunft der nächsten Bahn in zwei und die der übernächsten in elf Minuten.

Und der Kerl hatte ja nicht einmal den ersten Euro in das Gerät geschoben. Nun mach schon, mach, mach, mach, los, los, los. Kalter Schweiß, schon wieder, aber aus anderen Gründen. Eine Minute. Die erste Münze verschwand im Automaten. Menschen stellten sich auf, traten näher ans Gleis heran. Und so weiter – mir gelang der rechtzeitige Erwerb eines Einzeltickets, um es mal kurz zu machen. Abfahrt.

Zuvor: Der Tod kostet 19 Cent.