Mäh oder stirb

Die Nachbarin mäht den Rasen, sie mäht ihn mit einer Höllenmaschine aus der Sowjetunion. Einem lärmenden Ungetüm, das ohne Gnade die Grashalme kürzt und Getier zerkleinert. Die Nachbarin mäht einmal die Woche den Rasen, auf dem niemand steht, niemand liegt, niemand spielt. Der Rasen existiert wahrscheinlich nur, um dem Auge zu schmeicheln. Wenn denn jemand schauen würde.

Die schmalen Beete am Rand sind exakt abgestochen und mit einer winzigen Betonmauer umgeben, als müsse man die lächerlichen Pflänzchen einsperren, da sie sonst fliehen würden, in den Wald.

Deutsche Gärten sind Orte des Grauens1, weil dort zu viel Ordnung herrscht.

  1. Beste Beispiele: Steingärten und Gabionen. Auch seltsam: Zäune mit aufgedruckten Gabionen, wegen Horror vacui. (Innen liegen dann noch Fliesen in Holzoptik, die haben mit dem Garten nichts zu tun, sind aber ebenso grässlich wie Gabionen.)

Die Nachbarin mäht den Rasen, es ist alles, was sie im Leben hat. Glaube ich. Der Rasen ist ihr ganzer Stolz, er sieht saftig grün aus. Stimmt aber nicht, er ist stellenweise bräunlich. Er ist also nicht schön, aber doch schön kurz, weil sie den Rasen gewissenhaft jeden Mittwoch mäht, mit dieser Höllenmaschine aus der Sowjetunion.

Die anderen Nachbarn mähen auch ihre Rasenflächen – und das ist lächerlich, denn kaum jemand nutzt diese Flächen, man könnte den Rasen auch ihre Hippie-Frisuren gönnen, es wäre doch egal2 (aber illegal). Und die Tiere hätten einen netteren Ort zum Leben, die Insekten und die blöden Spinnen und die Ameisen und all die anderen Viecher, die durch den Garten streunen.

  1. Ich höre die Anmerkung schon, dass Rasen schnell zu lang wird – und dann muss der Sensenmann kommen und das macht viel Arbeit. Zudem bilden die Gräser doch tolle Seitentriebe!

Es gibt in den UK eine Bewegung, die fordert, wenigstens im Mai den Rasen in Ruhe zu lassen: No Mow May! Das Mähen zerstört nämlich Nistmöglichkeiten der Insekten und schadet den Pflanzen. Zudem haben die Tiere nicht genügend Futter, wenn die Menschen wie Zwangsgestörte schon im Mai ihre Rasen mähen.

Die Nachbarn hier haben davon aber noch nie etwas gehört – und sie würden es auch nicht hören wollen, denn der verdammte Rasen muss kurz geschoren sein, es gehört sich doch so, keine Widerrede. Also brüllen, röhren und jaulen die verdammten Rasenmäher von allen Seiten. Nur sonntags ist Ruhe, da stöhnen nur die Staubsauger.

The Gray Whale

Der graue Audi sieht brandneu aus. Behäbig wie ein alter Wal schiebt er sich auf die Straße. Dass ich dort fahre, sieht die Fahrerin nicht, denn sie schaute nicht nach links oder rechts, sondern fuhr einfach vom Parkplatz runter. Egal, na ja.

Ich bin also hinter dem Wal, rieche seine feuchten Furze. Eilig hat die Frau es nicht. Vor einer Bremsschwelle (vgl. Wikipedia) bleibt sie stehen, die Schwelle ist unbeeindruckend flach, ich bin mit dem Rad schon mehrmals darüber, weil ich die Existenz dieser Schwelle vergessen hatte. Kein Drama, aber doch für die Fahrerin des grauen Audis, der nun ganz vorsichtig, ganz zaghaft über die Schwelle wuppt. Geschafft, weiter geht’s, ich bin immer noch hinter dem Wal, rieche verdreckte Luft, will hier nicht sein.

Oje, das Ei-Schild

Es folgt eine Kreuzung, der Audi bleibt stehen, die Fahrerin denkt: Oje, das Ei-Schild, was bedeutet das noch mal? Eier sind doch eher rund, nicht viereckig, ist schon ein lustiges Schild, wenn man es mal genauer betrachtet. Von rechts kommt derweil ein blauer Honda angefahren, der keine Vorfahrt hat und deshalb anhält; alle halten, der Audi, der Honda und ich auch, der Idiot auf dem Fahrrad, der sich nun hinreißen lässt, an dem stehenden Audi vorbeizurauschen – die können das doch unter sich ausmachen, denke ich und freue mich, dieser lähmenden Situation entkommen zu sein.

Doch weit gefehlt: Ein Motor heult hinter mir auf, es ist der Audi, der erstaunlich schnell an mir vorbeirast, mich überholt und vor mir einschert, knappes Ding, aber die Fahrerin hat es mir gezeigt: Ein Fahrrad überholt mich nicht, oh nein! Schade, denke ich und verfluche alle anwesenden Götter und Halbgötter. Aber sie antworten nicht.

Wenige Meter später hält der Audi schon wieder an, denn die Ausfahrt ist durch eine Schranke versperrt und vor der Schranke steht ein alter Audi, dessen Fahrer versucht, die kleine Pappkarte in den Schlitz der Schranke zu schieben, um sie zu öffnen. Wie ein 12-Jähriger beim ersten GV, das Ding will nicht so recht hinein … Ups, gekommen. Dann bekommt der alte Audi es doch hin, fährt ab, der graue Audi fährt langsam zur Schranke, ich könnte rechts vorbeifahren, es ist aber eng, denn der Audi ist so breit, und die Fahrerin steht zu schräg. Ich könnte vorbeifahren, denn die Schranke ist so kurz, dass Radfahrer an ihr vorbeifahren können – ob Absicht oder nicht, weiß ich nicht –, aber ich mache das jetzt nicht, sondern warte, bis die Fahrerin die Schranke öffnet, und das klappt schließlich auch – wir sind frei, die Frau fährt davon, langsam, dann endlich biegt sie rechts ab, während ich geradeaus fahren kann. Der graue Wal gleitet auf die dreispurige Straße und schwimmt gemächlich hinein in den Nebel.

Der Tag: Freitag

Grauer Himmel, Wind weht, es ist kalt. Beim Friseur zeigte sich ein Kunde genervt und forderte mindestens zehn Grad Celsius ein. Momentan sind es nur drei Grad C. «Irgendwas ist ja immer», habe ich im Gespräch mit der Friseurin behauptet – und dieser Satz ist natürlich sinnlos und dümmlich, er sollte höchstens gedacht werden, aber niemals ausgesprochen sein. Doch ich sagte ihn laut: «Irgendwas ist ja immer.» Zum Beispiel ist Krieg. Vor dem Hotel parkte heute ein Pkw mit Ukraine-Kennzeichnen. Eine Familie mit vielen Koffern, ein ganzes Leben. Die Zukunft: ungewiss. Erst mal sind sie hier in Sicherheit, unter einem grauen Himmel.

Der Behinderte

Am frühen Abend gerieten die Bewohner des Hauses in helle Aufregung. Ein Fremder hatte an der Tür geklingelt, zunächst bei uns, weil wir im Erdgeschoss wohnen. Ich öffnete widerwillig, der Mann betrat das Treppenhaus. Er trug eine runde Brille, einen dunklen Lederhut und einen schwarzen Anorak. Er sah einerseits aus wie ein Triebtäter; andererseits wie ein typischer Mann um die fünfzig, der etwas zu viel Zeit in Gebüschen verbrachte – was weiß ich denn? Ich kannte den Mann nicht und dachte: Bestimmt ein Nachbar von gegenüber, der sich bei mir beschweren will. Leute wollen sich immer beschweren, zum Beispiel über mein schlechtes Parkverhalten: Dass mein Auto völlig beschissen vor seiner Einfahrt stünde. Nur habe ich gar kein Auto, also musste der Mann irgendwas anderes von mir wollen.

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