Autor: Daniel

  • Einhundert Prozent

    Beim Aura-Reading hatte Regina Kloß (40) mit Bestwerten abgeschnitten. Die Ergebnisse seien «wirklich sensationell», hatte die Aura-Expertin gleich mehrfach und überschwänglich bestätigt. Doch es gäbe noch Potenzial, meinte Madame Monique: Regina könne – und das sei selten – tatsächlich perfekt werden. Einhundert Prozent.
    Ob sie das wolle, sei jedoch allein ihre Entscheidung.
    Regina wollte das. Sie wollte perfekt sein, äußerlich wie innerlich.

    Sonntag

    Am Sonntagabend stand Regina Kloß im Schlafzimmer vor dem großen IKEA-Spiegel und betrachtete ihren Körper. Sie wollte nicht nur blendend aussehen, auch ihr Charakter sollte makellos sein (wie ihre Figur). Es war Zeit, ihr Leben radikal zu ändern, und das nicht nur im Gym. Alles sollte neu sein, besser sein.
    Es gab jedoch eine Altlast. Die saß nebenan im Wohnzimmer. Lümmelte auf dem Sofa. Zockte GoldenEye auf einem alten Nintendo 64. Den hatte ihr Freund in einer Kiste im Keller gefunden und sogleich an den großen Fernseher angeschlossen. Sein Geld verdiente Jan Blohm (42) als Telefonbetrüger, während Regina als Verkäuferin in einem Supermarkt schuftete. Lange Zeit hatte ihr Freund in einer Dynamit-Fabrik gearbeitet – aber sie hatten ihn fristlos entlassen, weil er geklaut hatte. Sprengstoff für Silvester.
    Jan hatte eine zu enge Aura, aber das wollte der nicht hören. Von selbst würde sich das nicht ändern, warnte Regina ihren Freund, doch ihn interessierte das Thema nicht. Fand sie schade.
    Sie hörte ihn nebenan fluchen. Jan spielte mit großer Wut und nie sehr gut; sie musste sich dringend von diesem Nichtsnutz trennen, ahnte sie. Doch sie liebte ihn, trotz seiner Mängel. In letzter Zeit kam er allerdings gar nicht mehr raus der Jogginghose. Jan fraß nur noch Salami-Pizza, außerdem rauchte er zu viel, trank zu viel und hörte nie zu. Vor einem Jahr war er bei ihr eingezogen – und das war ein Problem, denn unordentlich war er auch. Doch sie liebte ihn. Sie wusste nicht, warum. Wahrscheinlich war seine Aura seit seiner Geburt zu eng. Im Idealzustand umhüllt die Aura den menschlichen Körper einen halben Meter weit. Regina hatte unter einer einseitig verschobenen Aura gelitten, wahrscheinlich seit einem Verkehrsunfall in der 12. Klasse, als ein silberner Mercedes SL 500 die Jugendliche vom Zebrastreifen rasiert hatte. (Der Fahrer war ein älterer Herr, der sich wenige Tage nach seiner Fahrerflucht bei der Polizei stellte. Er verlor seinen Führerschein und wenige Monate später sein Leben bei einem Erdrutsch in den Alpen.)


    Regina buchte am Handy einen Termin für eine weitere Aura-Kalibrierung. Sie hatte beschlossen, Perfektion anzustreben und Geld zu investieren – es war eine Investition in die Zukunft, das Schicksal würde es endlich gut mit ihr meinen.
    Jan muss endlich aus dem Quark kommen, dachte sie und verließ das Schlafzimmer. Sie schauten gemeinsam Tatort. Jan schlief wie immer ein, er wusste nie, wer der Mörder war.

    Montag

    Am Montag wurde Regina Kloß Opfer einer spontanen Geiselnahme. Ein junger Mann war in den Supermarkt gestürmt, hatte die Wassermelonen-Pyramide umgestoßen und dann die Belegschaft als Geiseln genommen: Regina, den Filialleiter Frederik und den Praktikanten, dessen Namen sie nicht kannte. Die Geiselnahme dauerte bis 19:30 Uhr, dann waren die Verhandlungen erfolgreich beendet. Die Polizei nahm den verwirrten Geiselnehmer fest, und Regina ging zur Bushaltestelle.
    «War das Arbeitszeit?», fragte sie Frederik zum Abschied.
    Wahrscheinlich nicht, erwiderte der Filialleiter und zuckte die Schultern. «Bis morgen!»
    Frederik stieg in seinen schwarzen VW Golf und fuhr davon.
    Dummes Arschloch, dachte Regina.

    Der Bus kam nicht, sie musste den nächsten nehmen. Am Donnerstag würde sie nach dem Face Care zur Aura-Kalibrierung gehen; 150 Euro pro Sitzung würden fällig werden. Fünf Sitzungen wären vorerst nötig, hatte Madame Monique geschätzt.
    Das war schon viel Geld. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um ihr Vorhaben erfolgreich zu finanzieren. Vielleicht konnte sie Frederik um eine Gehaltserhöhung bitten oder wenigstens um einen Vorschuss. Jan konnte ihr nichts leihen, er brauchte selbst viel Geld und hatte kaum welches. Neulich hatte er sich von seinen Eltern die Summe für eine überfällige Haartransplantation leihen müssen, was vor allem seiner Mutter gar nicht gefiel: Sie war krankhaft geizig und lag viele Nächte lang wach, ob der Ungewissheit, das verliehene Geld jemals von ihrem Sohn zurückzubekommen. Ulrike Böhm (66) beschloss, sich stärker einzuschränken, um den mutmaßlichen finanziellen Verlust möglichst zügig auszugleichen. Keine Schokolade mehr! Nur noch kalt duschen! Und das Licht im Flur würde ausbleiben!

    Zu Hause erzählte Jan aufgeregt, dass er «Surface» im Secret-Agent-Modus geschafft hatte. Regina war zu müde, von der Geiselnahme zu berichten. Als sie im Bett lagen, las Regina noch eine Nachricht von Frederik: «Du warst heute echt tapfer gewesen!»


    Madame Monique – die in Wahrheit Sandra Ihrke hieß – war eine ziemliche Gaunerin. Auch sie hatte sich am Telefonbetrug versucht, war bei den Schockanrufen aber stets in schallendes Gelächter ausgebrochen. Sie konnte sich in dieser Rolle schlicht nicht ernst nehmen. Als Aura-Kalibratorin hielt sie es aber ganz gut aus. Sie hatte sich ein Gerät zusammenlöten lassen, das dem Ding ähnelte, das die Idioten von der Scientology nutzten, um Leute reinzulegen. Ihr Sohn Jonathan (14) hatte ihr zudem eine ordentliche Website «programmiert» und seitdem lief das Geschäft zufriedenstellend. Unter dem Namen Madame Monique bot Frau Ihrke u.a. an, die Farbe der Aura zu bestimmen und deren Energie mit ihrem Gerät zu lesen, um anschließend eine gezielte Kalibrierung vorzunehmen. Zur Vorbereitung hatte sie kurz im Internet nachgeguckt, nun wusste sie, was Chakra war und Ektoplasma und Photonenemissionen.
    «Kannst du nicht Bankerin sein?», hatte ihr Sohn gefragt, aber Sandra Ihrke wollte sich nicht verkleiden.

    Donnerstag

    Regina hatte Jan schließlich überreden können, also saß er neben seiner Freundin, als Madame Monique ihr die beiden Metallrollen in die Hände drückte.
    «Wir beginnen», sagte sie und schaltete das seltsame Gerät an. Es leuchteten einige LEDs in den Farben Gelb, Grün und Rot. Es surrte zudem und piepte nach dreißig Sekunden.
    «Es geht los», kommentierte Madame Monique das Geschehen.
    Jan unterdrückte ein Gähnen.
    Eigentlich war es Kundinnen nicht erlaubt, Gäste mitzubringen, vor allem keine Liebhaber, die nur Ärger machten. Bei Regina musste Madame Monique aber eine Ausnahme machen – zu viel Geld hatte sie dieser lächerlichen Person bereits abgeknöpft.
    «Deine Aura ist weiterhin blau», sagte Monique.
    Regina lächelte. Sie war so stolz, und ihr Freund sollte das sehen. Doch er guckte nur in die Luft, die nach Lavendel roch.
    «Es geht vorwärts, ich lese einen Wert von 90», sagte Monique. «Sensationell, Regina. Wirklich.»


    «Verstehst du nun, warum du mir 300 Euro leihen sollst?», fragte Regina, als sie mit Jan an der Bushaltestelle rauchte.
    «Ne.»
    «Du bist dumm!», schimpfte Regina.
    Ein älterer Herr, der ebenfalls auf den Bus wartete, beäugte sie.
    «Die hat doch nur ne Show abgezogen», rief Jan. «Die is ne Trickbetrügerin. Siehst du das nicht? Wie blöd bist du?!»
    «Madame Monique ist eine Koryphäe auf ihrem Gebiet, und du bist ein lausiger Lump, der nur Pizza frisst und den–»
    Jan hatte ohne Vorwarnung zugeschlagen. Es war kurz still. Der ältere Herr starrte schockiert.
    «Ich geh Kippen kaufen», kommentierte Jan seinen Abgang und entfernte sich schnellen Schrittes vom Tatort.
    Regina verblieb am Boden und fing mit den Händen das Blut auf, das ihr aus der Nase strömte. Der ältere Herr half mit einem Stofftaschentuch aus (das leider bereits benutzt gewesen war). Immerhin sagte er später vor Gericht als Zeuge aus und beschrieb den Ablauf der Tat detailreich. Der Richter wirkte zunehmend genervt.

    Die Polizei verhaftete Jan Bohm, als er keine hundert Meter entfernt vom Tatort am Kiosk «Durst Express» eine Packung Zigaretten und eine Dose Cola Light erwarb. Er leistete milden Widerstand gegen die Staatsgewalt und erklärte wiederholt, eine Art epileptischen Anfall erlitten zu haben. Er könne sich an nichts erinnern, womöglich habe er sogar einen Schlaganfall erlitten und sei keineswegs zurechnungsfähig. «Faschisten!», rief er, als die Handschellen klickten.


    Die einhundert Prozent erreichte Regina nach weiteren vier Sitzungen; das Geld hatte sie sich von Frederik (dem Filialleiter) geliehen. Sie rechnete mit einer hohen Summe, die Jan und der Supermarktgeiselnehmer als Schadenersatz zahlen würden; doch beide Verfahren zogen sich in die Länge.
    Regina hätte schon fast aufgegeben, aber Madame Monique hatte sie zu einer allerletzten Sitzung überredet – und prompt hatte das seltsame Gerät erst 99,15 Prozent und dann tatsächlich 100 Prozent Aura angezeigt. Ausdrucken konnte Monique das Ergebnis leider nicht, doch sie versprach ihr, eine Urkunde anzufertigen, eine Art Zertifikat. Regina nahm den Bus nach Hause und rief von unterwegs Frederik an. Der war verhalten stolz auf seine neue Freundin und erkundigte sich beiläufig, wann mit einer Rückzahlung des geliehenen Geldes zu rechnen sei.

    Sonntag

    Der Herbst kündigte sich an, leichter Regen fiel auf die Stadt. Am Abend stand Regina vor dem IKEA-Spiegel: Sie war überwältigt. Einhundert Prozent Aura! Doch rasch breitete sich eine Leere in ihr aus. Sie hatte es geschafft.
    Und nun?
    Im Wohnzimmer war es ruhig. Jan hatte den Fernseher abgebaut und mitgenommen, ebenso seine Spielekonsole. Man konnte die Nachbarn von oben hören. Wie sie stritten und stampften. Es wurde geweint.
    Später kam Frederik vorbei und sie schauten gemeinsam Tatort. Frederik kommentierte jede Szene ausführlich und identifizierte den Täter bereits nach zehn Minuten.

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