Augenblitz

Im Hinterhaus wohnt ein Fotograf, der mäßige Bilder macht. Und wenn der fotografiert, blitzt es rüber zu mir, in die Küche, in den Flur, in mein Gesicht.
Als mir noch nicht klar war, dass da einer fotografiert, bekam ich erst mal einen Schrecken. Weiße Blitze in der Peripherie meines Gesichtsfeldes – das kann nichts Gutes bedeuten! Ich dachte ans Schlimmste, mindestens ist es jetzt vorbei, weiße Blitze sind niemals gut. Ich kann eigentlich schon mal 112 wählen und Bescheid sagen, dass sich ein Notarzt bereit halten soll.

Dem Tode geweiht irrte ich durch meine vier Wände. Vermissen würde ich erst mal nichts, aber ärgerlich ist das frühe Ableben schon. Ehe mir das aber die Laune schlecht werden ließ, begriff ich rechtzeitig und schließlich, dass die Blitze nicht in meinem Kopf passierten, sondern durchs Fenster kamen, von drüben, aus der anderen Wohnung. Der Blick dorthin war durch dürre Vorhänge blockiert. Nur Photonen schossen hindurch, nur Schatten tanzten auf dem dünnen Stoff.

Gewöhnlich stören die Nachbarn durch Lärm – Schnarchen, Sex-Stöhnen, Singen – und eher selten/nie durch Lichtblitze. Wenn denn wenigstens die Fotos gut wären, die der Fotograf da drüben fotografiert. Sind sie aber nicht, fand ich heraus, als den Namen des Fotografen Google zum Fraß vorwarf. Und auch die Frau, die später über den Hof läuft, war nicht unbedingt schön – subjektiv betrachtet. Objektiv war sie schön genug, um sich vom Fotografen im Hinterhaus hinter den dürren Vorhängen fotografieren zu lassen. Und ich bin nur neidisch, weil sie nicht zu mir kam und hinter meinen Vorhängen posierte. Bestimmt.