Der verlorene Schlüssel

Veröffentlicht am 30. April 2018 in der Kategorie Tagebuch.

Montag. Ein Mann mittleren Alters kommt mir entgegen.
«Entschuldigen Sie, darf ich Sie was fragen?», fragt er.
Sie fragen ja schon, denke ich, sage aber: «Ja, klar.»
«Haben Sie auf dem Fußweg einen Schlüssel gefunden?
«Nein», sage ich wahrheitsgemäß.
«Ach, schade», sagt er.
Und ich denke tatsächlich: Hätte ich doch genauer aufgepasst! Hätte ich doch den Weg ordentlich abgesucht! Dann hätte ich den Schlüssel gefunden und könnte nun diesen fremden Mann total glücklich machen. Doch so herrscht nur Enttäuschung, bei mir, bei ihm.

Unsere Wege trennen sich, ich gehe zur Sparkasse, um Geld abzuheben. Eine ältere Dame irrt durch die Filiale, stolpert fast und rempelt mich an, Ups, murmelt sie, dann taumelt sie zum Schalter und ist erleichtert, denn am Schalter steht eine Frau, mit der sie sprechen kann. Ich stecke meine Karte in den Geldautomaten und hebe 40 Euro ab, weil ich kleine Scheine will. Er spuckt vier Zehneuroscheine aus. Die trage ich rüber zum begehbaren Kiosk und lege eine Zeitung auf den Tresen.
Der junge Mann sagt: «Lektüre für die Woche?»
Ich sage: «Ja.»
«5,10 Euro», sagt er.
Ganz schön viel für eine Tageszeitung, denke ich, aber morgen ist ja Feiertag, dann ist die wohl teurer. Ich reiche dem Mann einen 10er, der nimmt ihn und tippt den Betrag in die Kasse. Ich schaue auf die Zeitung, die ich kaufen will, erkenne nun endlich das Logo der Zeit.
«Aaach, die hab ich doch schon!», sage ich, «ich wollte doch die SZ!»
Storno. Er gibt mir den Schein zurück. Ich tausche die Zeitungen aus.
«3,10 Euro.»
Ich reiche ihm denselben Schein. Wir lachen, dann trennen sich unsere Wege. Draußen regnet es, ein Taxi hält, ich stopfe die Zeitung in den Rucksack und warte an der Fußgängerampel.