Die rote Ampel

Veröffentlicht am 3. Mai 2018 in der Kategorie Tagebuch.

Die Ampel hinter der Hochschule: Sie ist nur da, damit der Wäschewagen die schmale Straße sicher überqueren kann. Die Ampel ist eigentlich sinnlos, steht aber trotzdem da. Es kann sich auch um ein Experiment handeln, durchgeführt von Soziologen, Psychologen, der Regierung. Der Fahrer des Wäschewagens ist ein schlecht bezahlter Schauspieler, der nicht sehr gut ist. Der Wäschewagen ist winzig und zieht ein paar Anhänger voller dreckiger Wäsche hinter sich her. (Vielleicht ist das gar keine dreckige Wäsche, sondern saubere. Oder Leichen unter Bettlaken.)

Es ist ein Glücksspiel, bei dem ich oft Pech habe: In einer normalen Arbeitswoche ist die Ampel an vier Tagen rot; und am fünften Tag schaltet sie genau dann um, wenn ich sie erreiche. (Ich beschleunige und bin glücklich.) Das sind Tage, an denen die Ampel verschlafen hat. Dann rafft sie zu spät, dass ich angebraust komme. Warum sie ausgerechnet mich nicht mag, weiß ich nicht. Manchmal mag man Leute halt nicht, da reicht es, die Person zu sehen, um schlechte Laune zu kriegen. Ich kriege ja auch schlechte Laune, wenn ich die rote Ampel sehe. Vielleicht ist sie total nett.

Auskenner ignorieren die rote Ampel, sie wissen, dass der Wäschewagen langsam ist. Und manchmal ist die Ampel rot, ohne dass der Wagen fährt. Manchmal stehen (ortsfremde) Fahrradfahrer an der roten Ampel, warten, obwohl nichts los ist. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Der Wäschewagen ist entweder schon durch oder fuhr nie. Trotzdem stehen die Menschen brav an der Ampel, bis einer kommt, der Bescheid weiß und einfach an den wartenden Radlern vorbeirauscht. Manchmal bin ich das. Heute aber war der gesellschaftliche Druck zu groß: Ich stellte mich hinter die wartenden Radfahrer. Gemeinsam warteten wir. Es war langweilig.