Das Wetter (3)

Montag: Es ist warm, eigentlich heiß, 30 Grad Celsius, 16 Sonnenstunden. Der Himmel ist hell und blau, die Bäume rauschen im Wind. Die weißen Blütenblätter zittern. Vögel fiepen, meckern oder gurren. In dieser Woche soll es noch heißer werden: 35 Grad hier, mehr woanders. Eben habe ich ein Gebäck verspeist, dessen Namen ich mir einfach nicht merken kann. (Es ist mit Marzipan gefüllt.) Dazu Espresso mit heißer Milch. Angeblich soll man bei Hitze lieber keinen Kaffee trinken, kein Koffein aufnehmen. Eigentlich. Die Haustür fällt ins Schloss, die Bewohner kommen nach Hause.


Das Wetter (2)

Mittwoch: stark bewölkt / bedeckt, teils treten stürmische Böen auf. Es sind 11 Grad C; wärmer als 12 Grad C soll es heute nicht werden. Die Bäume lassen ihre Blätter fallen, das Laub bedeckt das Gras. Es ist Herbst und die Radfahrer tragen Regenjacken und Kapuzen, die die Frisuren einerseits vor den Böen schützen, andererseits plätten und zerstören. Ein Hermes-Transporter fährt vorbei. Der Wind rauscht.


Fehlinformation

Im Halbschlaf in der Realität weilend, auf die Bahn wartend. Die Gedanken sind träge, die Welt existiert zwar, aber das ist mir egal. Die Dinge passieren losgelöst. Die Menschen streunen umher, stehen herum, atmen. Körper. Jacken. Frisuren. Es wäre völlig in Ordnung, wenn jetzt ein Asteroid auf die Erde kracht und alles Leben mit einem Schlag auslöscht. Es wäre. In Ordnung.

Plötzlich starrt mich ein Mann an! Ich schaue ihn auch an. Er ist sehr nah bei mir, zu nah, ich kann seine spröden Leben sehen. Der Fremde fragt mich, ob die gerade ankommende Bahn zum Steintor fährt. Eine schnelle Antwort ist gefragt. Die Systeme fahren hoch, ich denke in Zeitlupe: Die Linie 5 … nun … die fährt wohl zum Steintor, sicherlich, doch, ich glaube. Kann sein. Ja!

Der Fremde gibt sich mit meiner vagen Auskunft zufrieden, hastet zur Bahn und steigt ein. Dann fällt mir ein, dass er in die falsche Richtung fährt. Er bewegt sich weg vom Steintor. Um mich herum sind Menschen, die hätten eingreifen müssen: «Glauben Sie diesem schläfrigen Mann kein Wort!» Egal. Die Existenz ist sinnlos, die Erde ein kleiner Punkt im schwarzen Nichts. Gute Nacht.


Das Wetter

Dienstag: sonnig, 32 Grad Celcius. Für später sind sogar 34 Grad angesagt. Die Sonne scheint ohne Erbarmen. Alte Menschen schleichen herum, von Schatten zu Schatten. Das Gras ist bräunlich, brennt fast. Heute soll die Sonne 15 Stunden lang scheinen, morgen 13 Stunden, Donnerstag 15 Stunden und Freitag ebenfalls 15 Stunden. Es ist heiß, weiß der Wetterbericht.


Ein Wochenende in Leipzig

Die Anreise verlief erstaunlich problemlos, wir hatten Glück, es gab keinen Stau auf den Autobahnen. Trotz des Feiertags – aber die Streber sind bestimmt alle schon am Mittwoch gefahren, oder nachts.

Im Hotel bekommen wir für Zimmer #127 einen Schlüssel mit dickem Schlüsselanhänger, wie ganz früher. Er zerbeult die Hosentasche und drückt gegen mein Bein. (Ich hätte den Anhänger einfach abhängen können, aber auf die Idee kam ich viel zu spät und dann hätte ich sicherlich den Schlüssel prompt verloren.) Nach dem Check-in zu A.s Großeltern, die seit 60 Jahren in derselben Wohnung leben. Dort Kaffee und Kuchen als Mittagessen.

Am Abend nach Leipzig-Reudnitz: Abendessen im GreenSoul. Wir sitzen oben, ich bestelle den mediterranen Burger. Laut Speisekarte hat schon Martin Gore von Depeche Mode den veganen GreenSoul-Burger «vernascht». Er ist sehr gut, sehr lecker, vor allem das selbstgebackene Brioche-Brot. Der Patty besteht aus Kartoffeln und Aubergine und Paprika. Ich trinke ein Premium-Bier mit minimalen Etikett. (Abschließend noch einen Minze-Tee an der Hotel-Bar getrunken.)

weiterlesen →

Die rote Ampel

Die Ampel hinter der Hochschule: Sie ist nur da, damit der Wäschewagen die schmale Straße sicher überqueren kann. Die Ampel ist eigentlich sinnlos, steht aber trotzdem da. Es kann sich auch um ein Experiment handeln, durchgeführt von Soziologen, Psychologen, der Regierung. Der Fahrer des Wäschewagens ist ein schlecht bezahlter Schauspieler, der nicht sehr gut ist. Der Wäschewagen ist winzig und zieht ein paar Anhänger voller dreckiger Wäsche hinter sich her. (Vielleicht ist das gar keine dreckige Wäsche, sondern saubere. Oder Leichen unter Bettlaken.)

Es ist ein Glücksspiel, bei dem ich oft Pech habe: In einer normalen Arbeitswoche ist die Ampel an vier Tagen rot; und am fünften Tag schaltet sie genau dann um, wenn ich sie erreiche. (Ich beschleunige und bin glücklich.) Das sind Tage, an denen die Ampel verschlafen hat. Dann rafft sie zu spät, dass ich angebraust komme. Warum sie ausgerechnet mich nicht mag, weiß ich nicht. Manchmal mag man Leute halt nicht, da reicht es, die Person zu sehen, um schlechte Laune zu kriegen. Ich kriege ja auch schlechte Laune, wenn ich die rote Ampel sehe. Vielleicht ist sie total nett.

Auskenner ignorieren die rote Ampel, sie wissen, dass der Wäschewagen langsam ist. Und manchmal ist die Ampel rot, ohne dass der Wagen fährt. Manchmal stehen (ortsfremde) Fahrradfahrer an der roten Ampel, warten, obwohl nichts los ist. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Der Wäschewagen ist entweder schon durch oder fuhr nie. Trotzdem stehen die Menschen brav an der Ampel, bis einer kommt, der Bescheid weiß und einfach an den wartenden Radlern vorbeirauscht. Manchmal bin ich das. Heute aber war der gesellschaftliche Druck zu groß: Ich stellte mich hinter die wartenden Radfahrer. Gemeinsam warteten wir. Es war langweilig.


Der verlorene Schlüssel

Montag. Ein Mann mittleren Alters kommt mir entgegen.
«Entschuldigen Sie, darf ich Sie was fragen?», fragt er.
Sie fragen ja schon, denke ich, sage aber: «Ja, klar.»
«Haben Sie auf dem Fußweg einen Schlüssel gefunden?
«Nein», sage ich wahrheitsgemäß.
«Ach, schade», sagt er.
Und ich denke tatsächlich: Hätte ich doch genauer aufgepasst! Hätte ich doch den Weg ordentlich abgesucht! Dann hätte ich den Schlüssel gefunden und könnte nun diesen fremden Mann total glücklich machen. Doch so herrscht nur Enttäuschung, bei mir, bei ihm.

Unsere Wege trennen sich, ich gehe zur Sparkasse, um Geld abzuheben. Eine ältere Dame irrt durch die Filiale, stolpert fast und rempelt mich an, Ups, murmelt sie, dann taumelt sie zum Schalter und ist erleichtert, denn am Schalter steht eine Frau, mit der sie sprechen kann. Ich stecke meine Karte in den Geldautomaten und hebe 40 Euro ab, weil ich kleine Scheine will. Er spuckt vier Zehneuroscheine aus. Die trage ich rüber zum begehbaren Kiosk und lege eine Zeitung auf den Tresen.
Der junge Mann sagt: «Lektüre für die Woche?»
Ich sage: «Ja.»
«5,10 Euro», sagt er.
Ganz schön viel für eine Tageszeitung, denke ich, aber morgen ist ja Feiertag, dann ist die wohl teurer. Ich reiche dem Mann einen 10er, der nimmt ihn und tippt den Betrag in die Kasse. Ich schaue auf die Zeitung, die ich kaufen will, erkenne nun endlich das Logo der Zeit.
«Aaach, die hab ich doch schon!», sage ich, «ich wollte doch die SZ!»
Storno. Er gibt mir den Schein zurück. Ich tausche die Zeitungen aus.
«3,10 Euro.»
Ich reiche ihm denselben Schein. Wir lachen, dann trennen sich unsere Wege. Draußen regnet es, ein Taxi hält, ich stopfe die Zeitung in den Rucksack und warte an der Fußgängerampel.


Der hässliche Hinterhof

Freitag, 25°C, sonnig. Wir stehen auf unserem Balkon und lästern über den Hinterhof, der zu den hässlichsten dieser Stadt gehört. Er ist grau und wirkt völlig lieblos. Betonplatten statt saftiger Wiese, Beton statt Gebüsche, Beton statt Bäume. Der Hof ist zweigeteilt, die andere Seite gehört einer Frau, der das ganze fucking Nachbarhaus gehört. Sie fährt einen weißen VW Golf, ein uraltes Auto, das schon viel erlebt hat und eigentlich in Rente fahren will. Doch die Frau lässt ihn nicht ziehen. Hat keine Gnade. Diese Frau steigt aus dem Auto und hört, wie wir über den Hinterhof lästern. Über ihren Hinterhof. Ich grüße, sage «Hey», doch die Frau ist beleidigt und wendet schnell ihren Blick ab. (Sind da Tränen zu sehen?) Es ist aber nun mal die Wahrheit: Der Hinterhof gehört zu den hässlichsten der Stadt!


Die Zeit haben

Seit einer Weile habe ich Die Zeit im Abo, die Digital-Ausgabe. Ich lese sie in der Zeit-App auf dem iPad und lade das PDF herunter, um mir einen groben Überblick zu verschaffen. Weil aber keine Zeitung auf dem Sofa oder neben dem Bett herumliegt, vergesse ich immer wieder, dass es Die Zeit gibt. Früher, als ich sie am Kiosk (= im Supermarkt) erwarb, las ich sie viel gewissenhafter. Jetzt sind die Artikel einfach da, schlummern im iPad.

Und: Das Lesen am Bildschirm gefällt mir nicht so recht. Kann mich nicht dran gewöhnen. Andererseits finde ich es gut, dass nicht so viel Papier herumliegt – das nervt nämlich an einem Zeitungsabo. (Und die Papiermülltüten kosten neuerdings Geld und der Papiercontainer ist eigentlich immer voll. Wenn Zeitungspapier in der Sonne liegt, riecht es irgendwann komisch.)

Habe mir jetzt überlegt, dass ich die Papierversion der Zeit einfach hinzu buche (sofern das möglich ist). So habe ich die Vorteile aus beiden Welten. (Das Digitalabo gewährt mir Zugriff auf die alten Zeit-Ausgaben und die Zeit-Plus-Artikel. Beim Papierabo ist das, glaube ich, nicht so.) Nun muss ich nur noch mein Zeit-Management verbessern.


Der Anfang

Dieses Blog lag lange brach, ein paar Jahre. Ursprünglich gestartet war es 2008 als Fotoblog. Schnell wurde daraus ein persönliches Blog mit kleinen Notizen, Beobachtungen und Berichten. Dann, irgendwann, hörte ich einfach auf, kündigte die Domain und machte andere Dinge: studierte, arbeitete.

Jemand, den ich nicht kannte, erwarb diese Domain. Doch es passierte damit nichts. Und ich bereute ein wenig, mit dem persönlichen Bloggen aufgehört zu haben.

(Jahre vergehen, Winter kommen und gehen, Menschen sterben, werden geboren, die Erde driftet durch die kalte Unendlichkeit.)

Zufällig sah ich nun, dass die Domain wieder frei war! Also kaufte ich sie, einfach so, ein bisschen spontan, und schrieb diese Zeilen. Manchmal ist das Leben tatsächlich spannend und aufregend. Und manchmal halt nicht.



Warning: Use of undefined constant home - assumed 'home' (this will throw an Error in a future version of PHP) in /www/htdocs/w011383c/antirauschen_de/wp-content/themes/antirauschen/index.php on line 15